merken
PLUS Bautzen

„Ich rate allen, sich gegen Corona impfen zu lassen“

Die Bautzener Ärztin Anna Reiche sagt, warum sie die Impfung nicht nur Risikopatienten empfiehlt – und dass sie manche Sorge auch versteht.

Dr. Anna Reiche hat ihre Arztpraxis in Kleinwelka bei Bautzen. Derzeit beantwortet sie immer wieder Fragen ihrer Patienten zum Corona-Impfstoff.
Dr. Anna Reiche hat ihre Arztpraxis in Kleinwelka bei Bautzen. Derzeit beantwortet sie immer wieder Fragen ihrer Patienten zum Corona-Impfstoff. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. In ganz Sachsen werden gerade Corona-Impfzentren eingerichtet, auch im Kreis Bautzen steht jetzt der Ort für das Zentrum fest. Indes erreichen auch die Ärzte in der Region schon viele Fragen von Patienten – berichtet Allgemeinmedizinerin Dr. Anna Reiche, die ihre Praxis in Kleinwelka hat. Sie bezeichnet sich als Impfärztin, beschäftigt sich viel mit dem Thema. Warum sie allen dazu rät, sich gegen Corona impfen zu lassen – und welche Sorgen auch sie dabei hat, das erzählt sie im Gespräch mit Sächsische.de.

Frau Reiche, werden Sie sich gegen Corona impfen lassen?

Anzeige
Betreutes Wohnen in idyllischer Lage
Betreutes Wohnen in idyllischer Lage

Im Februar eröffnet das Familienunternehmen Kunze ein neues Haus am Quitzdorfer Stausee - mit einem besonderen Konzept.

Ja, sobald das möglich ist auf jeden Fall. Zu den Ersten werde ich aber nicht gehören – da zuerst Menschen in Pflegeheimen und Leute, die in Kliniken an Corona-Patienten arbeiten, geschützt werden müssen. Wir haben nicht sofort für alle einen Impfstoff. Ich kann mich in der Praxis ja weiter mit einer Maske schützen. Ich rate aber allen zur Impfung, die sich impfen lassen können.

Warum ist Ihnen das wichtig?

Die Corona-Impfung schützt vor Symptomen und einem schweren Verlauf einer Corona-Erkrankung. Es besteht auch die Hoffnung, eine Herdenimmunität zu erreichen – das ist aber leider noch unsicher. Ich empfehle auf jeden Fall Menschen mit Vorerkrankungen, sich impfen zu lassen – um eine schwere Corona-Erkrankung zu vermeiden. Ich empfehle die Impfung aber auch jungen, gesunden Menschen. Denn auch bei denen beobachte ich in meiner Praxis Verläufe, die bedenklich sind.

Was beobachten Sie denn da?

Ich meine Leute unter 40 Jahren. Da geht es vielleicht nicht um Krankenhausaufenthalte, die Patienten landen vielleicht nicht auf den Intensivstationen – aber es gibt viele junge Menschen, die noch vier, fünf Wochen nach der Infektion Probleme haben beim Treppensteigen. Die nach Wochen noch nicht arbeitsfähig sind. Und was danach zurückbleibt, darüber wissen wir auch noch nicht viel. Erst recht nicht darüber, wie wir diese Langzeitfolgen dann behandeln können. Ich persönlich habe großen Respekt vor der Erkrankung. Und dieser Respekt fehlt einigen Leuten.

Wie funktioniert der Impfstoff?

Es gibt mehrere Corona-Impfstoffe, die kurz vor der Zulassung in Europa stehen oder bereits in Russland und England zugelassen sind. Der Pharmakonzern AstraZeneca und die Universität Oxford haben einen entwickelt, und es gibt den Sputnik-Impfstoff, der in Russland bereits verimpft wird. Für Deutschland ist ein dritter relevant. Der ist von der deutschen Firma Biontech in Kooperation mit dem Konzern Pfizer entwickelt worden.

Das ist ein mRNA-Impfstoff, also ein Messenger-RNA-Impfstoff. Das ist eine recht neue Impfstoffart. Der Impfstoff ist quasi in eine Fett-Proteinhülle gepackt und wird in die Muskelzelle gespritzt. Messenger-RNA steht für Boten-RNA. Die gibt dem Körper Teile der Virus-Erbinformationen weiter. Mit deren Hilfe erstellt der Körper corona-ähnliche Proteine. Darauf reagiert dann das Immunsystem. Die Impfung muss wiederholt werden; jeder braucht zwei Impfdosen.

Wie groß ist die Schutzwirkung?

Auf jeden Fall größer als beim Grippeimpfstoff. Der bietet einen etwa 40- bis 60-prozentigen Schutz. Der Biontech- und der Sputnik-Impfstoff bieten jeweils einen über 90-prozentigen Schutz, beim AstraZeneca-Impfstoff sind es etwa 70 Prozent.

Welche Nebenwirkungen gibt es bei dem Biontech-Impfstoff?

Das ist wie bei anderen Impfstoffen auch. Es kommt sicherlich bei einem von 100 Menschen zu Rötungen und Schwellungen am Arm, es wird selten – also im Verhältnis eins zu 1.000 – zu grippalen Beschwerden mit Gliederschmerzen und vielleicht Fieber kommen. Und einer von 10.000 kann eine allergische Reaktion, im schlimmsten Fall einen allergischen Schock, erleiden. Das könnte zum Tod führen. Spezifische Nebenwirkungen für den Impfstoff sind aber keine bekannt.

Gerade Coronaleugner verbreiten auch immer wieder Botschaften gegen den Impfstoff. Da geht es um Tote bei den Impfstudien, um eine Veränderung der DNA der Geimpften.

Es stimmt schon, es gab einen Toten bei einer Studie. Ein 28-jähriger Arzt in Brasilien ist verstorben. Ob er aber nur in der Scheingruppe war oder den Impfstoff tatsächlich erhalten hat, konnte ich nicht herausfinden. Das betrifft aber den AstraZeneca-Impfstoff; in Deutschland soll jetzt erst einmal der Biontech-Impfstoff kommen. Und klar, das ist ein neuartiger Impfstoff – und wenn wir etwas nicht kennen, macht uns das Angst. Tatsächlich können wir alle erst am Ende schlauer sein. Das ist bei Arzneimitteln, die neu sind, aber immer so.

Ich verstehe also sogar, dass die Leute vor der Impfung Angst haben. Dennoch: So ein Impfstoff durchläuft viele Studien. Er wird in drei Stufen getestet, an bis zu 40.000 Menschen. Die Studien werden vom Paul-Ehrlich-Institut und der europäischen Arzneimittelbehörde beurteilt, das ist ein recht sicheres Verfahren. Ich selber habe ein großes Vertrauen in diese Institutionen. Und versichern kann ich eines: Die Leute, die behaupten, dass durch den Impfstoff etwas in die DNA des Menschen eingebaut wird, haben Unrecht. Das geht mit einem RNA-Impfstoff technisch definitiv nicht.

Wenn der Impfstoff kommt, bekommen wir dann auch eine Herdenimmunität? Kann dann alles werden wie früher?

Es wird immer ein Vor- und ein Nach-Corona geben. Ob eine Herdenimmunität durch den Impfstoff entstehen kann, ist leider noch völlig unklar. Es gibt Studien in Bezug auf den AstraZeneca-Impfstoff, die zeigen, dass bei Schimpansen durch eine Corona-Impfung zu 100 Prozent eine Lungenentzündung verhindert werden konnte. Aber es gab geimpfte Schimpansen, die trotzdem ansteckend waren. Und auch eine aktuelle Studie von Astra Zeneca beim Menschen zeigt ähnliche Ergebnisse. Trotz Corona-Impfung kann eine geringe Anzahl Geimpfter infektiös, also ansteckend sein. Die Impfung schützt in diesem Fall im Hinblick auf den noch nicht zugelassenen AstraZeneca-Impfstoff primär den Geimpften.

Weil aber nicht gleich alle geimpft sein werden, müssen wir uns vielleicht daran gewöhnen, noch eine Weile Masken zu tragen und uns an die Abstands- und Hygieneregeln zu halten. Beim Biontech-Impfstoff ist das aber anders. Auch dort gab es Prüfungen – die haben aber bislang keine Hinweise darauf gegeben, dass Leute, die mit diesem Impfstoff geimpft wurden, trotzdem ansteckend sein könnten.

Weiterführende Artikel

Kretschmer will Lockdown verlängern

Kretschmer will Lockdown verlängern

Sachsens Ministerpräsident spricht sich für einen über den 10. Januar hinaus verlängerten Corona-Lockdown aus. Manche Länder wollen aber Ausnahmen.

USA: Notzulassung für Moderna-Impfstoff

USA: Notzulassung für Moderna-Impfstoff

Nach dem Impfstoff von Biontech/Pfizer hat nun das nächste Vakzin eine Zulassung. 2021 sollen eine Milliarde Impfdosen produziert werden.

Kritik an Verzögerungen beim Corona-Impfen

Kritik an Verzögerungen beim Corona-Impfen

Eine Dresdner Ärztin möchte Impfhelferin werden. Das gestaltet sich schwieriger als gedacht.

Erste Corona-Impfungen nach Weihnachten

Erste Corona-Impfungen nach Weihnachten

Vor Kurzem noch war nicht davon auszugehen, dass in Deutschland in diesem Jahr noch gegen das Coronavirus geimpft wird. Jetzt könnte es schnell gehen.

Mit dem kostenlosen Newsletter „Bautzen kompakt“ starten Sie immer gut informiert in den Tag. Hier können Sie sich anmelden.

Zum kostenlosen Newsletter „Kamenz kompakt“ geht es hier.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Bautzen