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Corona: 90 Minuten für einen kleinen Piks

Anscheinend sind die Impfzentren in Sachsen gut organisiert. Doch in der Praxis ist es mitunter anders. Ein Erlebnisbericht.

Die Impfdosis mit dem Vakzin gegen eine Covid-19-Erkrankung wird vorbereitet.
Die Impfdosis mit dem Vakzin gegen eine Covid-19-Erkrankung wird vorbereitet. © Sven Ellger

Riesa. Am Ende des Anrufes stellte der alte Herr schüchtern diese Frage, die doch gar keine war. "Wir haben doch kein Internet", sagt mir mein 81-jähriger Schwiegervater am Telefon. Ob ich helfen würde? Selbstverständlich würde ich meine Schwiegereltern sofort für eine Corona-Impfung anmelden sowie das möglich ist. Wofür hat man denn Familie? Das war Anfang 2021.

So startete ein Abenteuer, das keinen Reiz hatte, das sich niemand wünschte und trotzdem jede Menge Herausforderungen bot, bis heute. An einem Sonnabend Ende Februar war es nun so weit. Allerdings nur für ihn. Schwiegermutter wird erst in ein paar Wochen 80. Für sie gibt es noch kein Impfangebot.

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Auf der gemeinsamen Autofahrt nach Riesa erzähle ich noch mal über Aufwand, Frust und dem einen Glücksgefühl, das ich bei der Terminbuchung erlebte. Am Anfang war klar, dass ein Erfolg reiner Zufall ist. Das Sozialministerium hatte die Zahl der Menschen der höchsten Impfpriorität mit rund 457.000 in Sachsen angegeben. Impfstoff war viel weniger vorhanden.

Am 10. Januar 2021 wurde das Online-Portal freigeschaltet. Der erste Anmeldeversuch, mal kurz in der Mittagspause, war nicht erfolgreich. Voll Berufstätige haben nur kleine Zeitfenster. Nach Feierabend war es nicht besser. Am nächsten Tag schaffte ich es zumindest, eine Registriernummer zu bekommen. Für den eigentlichen Termin vertröstete mich das Computer-Programm auf einen anderen Tag.

Die Stimme der alten Herrschaften noch im Ohr, probierte ich es am folgenden Tag erneut und immer so weiter. Frühs, mittags und abends. Dann hieß es, dass eine Registrierung eine Laufzeit von zwei Wochen habe.

Am Impfzentrum in Riesa bildete sich zeitweise eine riesige Warteschlange.
Am Impfzentrum in Riesa bildete sich zeitweise eine riesige Warteschlange. ©  privat

Erster Erfolg an Tag 34

Im Austausch mit Bekannten wurde schnell klar, dass ich nun zu einer größeren Gruppe von Leidensgenossen gehörte, den Terminjägern. Berichte über Jagderfolge sorgten bei mir für Frust. An Tag 34, einem Sonntagnachmittag, war es nach rund einhundert vergeblichen Anmeldeversuchen soweit.

Jubelnd hätte ich fast den erstbesten Termin angeklickt. Er wäre gleich am nächsten Tag gewesen. So sehr die alten Leutchen auch ihre Impfung wollen, überfallen wollte ich sie mit dem Termin dann doch nicht. Ihre Nerven sind schon arg strapaziert. Natürlich wurde sofort die frohe Botschaft verkündet. Voller Überschwang hatte ich gebucht, ohne mich zu versichern, dass die Rentner da auch können. Alles passte.

Die Reaktion hatte ich mir etwas euphorischer vorgestellt. Ich hatte ja nur für einen den Termin. Tatsächlich hatte ich versucht, ob ich auch die 79-jährige Schwiegermutter hätte anmelden können. Die paar Tage bis zum 80. Geburtstag sollten doch nicht das Problem sein, hatte ich mir gedanklich schon als Ausrede fürs Impfzentrum parat gelegt. Möglicherweise würden ja auch schon Termine bis nach ihrem Geburtstag vergeben. Es war aussichtslos.

"Ich würde meine Impfdosis gern an meine liebe Ehefrau abgegeben", sagt mein Schwiegervater. Nie würde er ein Rettungsboot allein besteigen. Gentlemen sind in der Impfreihenfolge aber nicht aufgeführt.

Angehörige schimpfen vorm Einlass

Die Fahrt zum Impfzentrum beginnt zeitig, um rechtzeitig da zu sein. Genau 23 Minuten vor dem eigentlichen Termin kommen wir auf dem Parkplatz an. Alle hatten sich amüsiert, dass für den Impftermin 16.33 Uhr angegeben war. Alles war wohl die Minute genau durchgetaktet.

Vor dem Eingang erkennen wir beim Näherkommen eine rund hundert Meter lange Warteschlange. Die Menschen halten Abstand voneinander. Das zieht die Reihe über Gebühr in die Länge. Wird schon nicht so lange dauern. Doch es kommt anders.

Ursprünglich wollte ich meinen Schwiegervater nur bis zum Eingang begleiten, mich dann ins Auto setzen und warten, bis er wieder rauskommt. Ich werde mich in den nächsten Minuten umentscheiden und komplett an seiner Seite bleiben.

Vor uns stehen auffällig viele Jüngere, die noch nicht die 80 Lebensjahre erreicht haben können. Sie haben sich nur für die Alten angestellt, die nach und nach vom Parkplatz angeschlurft kommen, teilweise gestützt oder untergehakt. Sie haben bisher im Auto gewartet.

Personal rotiert mächtig

Der Security-Mann am ersten Absperrgitter muss sich einiges anhören. Lauthals schimpfen Angehörige, wie man so etwas organisieren kann, dass die Alten so lange warten müssen, obwohl es Termine auf die Minute genau gibt. "Da kann ich auch nichts machen", sagt er entschuldigend. Theorie und Praxis hatten sich hier im zunehmenden Tagesverlauf weit voneinander entfernt.

Einem Mann auf wackligen Beinen wird ein Stuhl auf den Vorplatz herausgestellt. Zum Glück ist nicht mehr so ein Frost wie noch vor wenigen Tagen und die Sonne scheint. Die Psyche versucht, einen zu überlisten. Wartende rücken Zentimeter um Zentimeter näher an den Vordermann. So wirkt die restliche Wegstrecke bis zum Eingang kürzer. "Bitte den Abstand einhalten", mahnt der Wachschutz in den schwarzen Uniformen.

Nach 40 Minuten Anstehen sind wir zwar endlich drinnen, aber noch nicht dran. Eine jüngere Wartende vor mir fragt freundlich das Personal des DRK, das in Sachsen für die Logistik in den Impfzentren zuständig ist, ob sie als Begleitperson mit hinein darf. "Auf jeden Fall. Bitte!", wird sie regelrecht dazu ermuntert, weil es für die Alten nicht nur Unterstützung beim Gehen, sondern auch beim Mitdenken ist. Das beschleunigt die Durchlauffrequenz.

Die junge Helferin am Check-In hat über ihren Tresen die Warteschlange ständig vor Augen. Ihre Anspannung ist ihr im leicht erröteten Gesicht anzusehen. So sehr sie und ihr Kollege auch rotieren, sie schaffen es nicht, mehr Wartende abzuarbeiten, als sich anstellen. Die Anmeldungen müssen geprüft und in den langen Listen abgehakt werden. Dann bekommt man den Laufzettel ausgedruckt und einen Buchstaben drangeheftet. Bei uns ist es das "B" für Biontech.

Drei Minuten hat der Arzt

Von nun an geht es schneller. Drinnen stehen genügend Stühle, falls sich jemand setzen muss. Die Toiletten sind inzwischen begehrter. Ein Ordner hält uns noch mal kurz auf. Dann dürfen wir an den nächsten Tisch, der eigentlichen Anmeldung. Schwiegervater kramt den Stapel an Zetteln mit Anamnesebogen, Einwilligungserklärung, Terminbestätigung sowie Personal- und Impfausweis hervor. Sogar eine Liste seiner Medikamente hatten die Schwiegereltern vorsorglich erstellt. Gefordert ist das nicht. Der Arzt wird dennoch einen Blick darauf werfen.

Große Pfeile auf dem Fußboden weisen uns den Weg ins Innere der Halle. Durch die Stahlrohr-Tribüne können wir weiße mobile Wände erkennen. Nach 30 Metern ist Stopp am nächsten Check-Point. Ein Mann fragt bestimmt nach dem "Blatt mit dem QR-Code". Mein Schwiegervater guckt mich ungläubig an. Er will nicht mehr wissen, was ein QR-Code ist. Der Helfer lenkt uns in einen Gang zwischen dünnen weißen Trennwänden. Durch einen der nächsten beiden Vorhänge dürfen wir gehen, sowie dort jemand herauskommt.

In dem kleinen Verschlag erfolgt die Impf-Aufklärung. Die Einsatzplanung von Ärzten und impfenden Fachpersonal ist Aufgabe der kassenärztlichen Vereinigung in Sachsen. Die Litanei der Wirkungen und Nebenwirkungen der Impfungen liegt vor dem Arzt auf dem Tisch. "Hat mir meine Ehefrau alles schon vorgelesen", versichert mein Schwiegervater. Weitere Nachfragen sind schnell beantwortet.

Theoretisch sind drei Minuten je Impfwilligen für dieses Gespräch vorgesehen. Bei uns geht es schneller. Nach uns schlurft sehr langsam der Nächste heran. Ihm überlassen wir gern unsere eingesparte Zeit.

Manche wären froh, wenn sie die erste Impfung bekommen könnten.
Manche wären froh, wenn sie die erste Impfung bekommen könnten. © Sven Ellger

Von einem Tag auf den anderen mehr Arbeit

Zwei Kabinen weiter zieht eine Krankenschwester den weißen Vorhang beiseite und bittet uns freundlich herein. Mein 81-jähriger Begleiter ist langsam gezeichnet von der vielen Warterei und der Aufregung, nun Teil einer groß aufgezogenen Aktion zur Rettung der Alten zu sein.

Doch das breite Grinsen der Schwester steckt auch ihn an. Der alte Herr frotzelt mit ihr. Die Anspannung weicht. "Schön locker lassen den Muskel", sagt sie dann doch etwas bestimmt. Routiniert drückt sie die Nadel der Spritze in den frei gemachten Oberarm. Das war es also. Jedenfalls beinahe.

Die nächste Warterei ist Vorschrift. 15 Minuten muss jeder Geimpfte vorm Ausgang Platz nehmen. Eine Aufsicht geht durch die Reihen und spricht jeden mal an und erkundigt sich fürsorglich nach dem Befinden.

Wenn schon gefragt wird, muss ich auch mal loswerden, dass es eine Zumutung ist, die alten Leute so lange vor dem Impfzentrum stehen zu lassen. Der freundliche Mann hört sich alles geduldig an und versichert, dass die Helfer leisten, was sie können. Das würde ich sogar bestätigen. Eine Zumutung bleibt es dennoch.

Die Ursache? Ganz plötzlich gab es mehr Impfstoff als erwartet und sofort wurden entsprechend mehr Termine ausgegeben. Von einem Tag auf den anderen. Helfer stehen so schnell bereit. Bei Fachpersonal fürs Impfen war das schon schwieriger.

Der entscheidende Geburtstag naht

Früher gehen darf niemand. Am Ausgang hat sich ein Ordner postiert. Jeder bekommt beim Check-Out die Impfung bestätigt. Erneut bildet sich eine Schlange. Fast 90 Minuten nach unserer Ankunft sind wir fertig und wieder am Parkplatz. Leicht erschöpft geht es daheim.

Ist das den ganzen Aufwand wirklich wert? Die alten Herrschaften verfolgen seit Monaten die zahllosen Berichte in der Zeitung und im Fernsehen über die Menschen, die früher gestorben sind als zu erwarten gewesen wäre. Sie gehen nur noch zu Arztterminen, einem Spaziergang oder einmal die Woche zum Einkaufen raus.

Als ich Schwiegervater wieder zu Hause abliefere, kullern bei Schwiegermutter die Tränen. Sie dankt mir schluchzend, als hätte ich ihrem Ehemann gerade das Leben gerettet. Dabei war das nichts Besonderes. Impfstoff kann ich auch keinen herstellen.

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