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Pro & Kontra: Corona-Impfpflicht für alle?

Hier diskutieren Sachsens Ärztepräsident und ein Geschäftsführer aus der Pflegebranche über eine Impfpflicht.

Viele Deutsche lassen sich impfen, viele aber auch nicht. Wäre eine Impfpflicht ein guter Weg?
Viele Deutsche lassen sich impfen, viele aber auch nicht. Wäre eine Impfpflicht ein guter Weg? © dpa/Sebastian Gollnow

Angesichts nachlassender Impfzahlen trotz der zunehmenden Bedrohung durch Mutationen des Coronavirus wird in Deutschland über eine Impfpflicht diskutiert. Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, hält eine solche Plicht für angemessen, wenn sie das einzige Mittel ist, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Steffen Köcher, Geschäftsführer der Seniorenheime Freiberg gGmbH, spricht sich dagegen aus. Eine Impfpflicht würde aus seiner Sicht das Gesundheits- und Pflegesystem erheblich destabilisieren.

Lesen Sie die Argumentationen der beiden Diskutanten in unserem Pro & Kontra:

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PRO: Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer

"Es ist wichtig, dass so viele Menschen geimpft werden wie möglich. Am besten freiwillig, um ihren Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Eine Impfpflicht halte ich als Ultima Ratio für das einzige Mittel, sollte auf andere Weise keine Herdenimmunität erreicht werden können. Lockangebote wie Gutscheine, Geldgeschenke, Tombolas etc. halte ich für fragwürdig – insbesondere, weil hier eher die Befriedigung des persönlichen Vorteils wieder in den Vordergrund gestellt wird. Diejenigen, die sich bereits haben impfen lassen, werden benachteiligt. Letzteres führt ganz klar zu einer Konditionierung, in Zukunft immer erst zu warten „bis es etwas gibt“.

Der Vorschlag, Nicht-Geimpfte von Veranstaltungen, Innengastronomie, Kino etc. auszuschließen oder von ihnen vorher einen Test zum Selbstkostenpreis zu fordern, kommt einer Impfpflicht gleich. Das sollte man dann aber auch gleich so nennen. Letztlich muss der Gesellschaft und jedem Einzelnen klar sein, dass die Folgen der sich fortsetzenden Pandemie mit dann regelhaft „schwereren“ Wellen von allen getragen werden müssen, auch von denen, welche bereits ihren Beitrag geleistet haben. Die immensen Kosten der Pandemie und die wirtschaftlichen Folgen werden zu massiven Auswirkungen führen. Kredite werden vor allem von der arbeitenden Bevölkerung in unterschiedlich hohem Maße zurückgezahlt werden müssen.

Für mich kommen die französischen und griechischen Überlegungen zu einer Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen nicht in Frage. Es kann nicht sein, dass Impfpflicht für zum Beispiel medizinisches Personal besteht, für die übrige Bevölkerung aber nicht.

Erik Bodendieck, Präsident Sächsische Landesärztekammer
Erik Bodendieck, Präsident Sächsische Landesärztekammer © Robert Michael

Das medizinische Personal hat in der Corona-Pandemie schon jetzt die höchste Last getragen. Allein die Erkrankungszahlen im Zusammenhang mit Berufstätigkeit sprechen dabei für sich. In der Berufsgenossenschaft für Gesundheits- und Wohlfahrtspflege (BGW) sind mit Stand 01.07.2021 für ganz Deutschland 125.371 Fälle gemeldet worden. Noch konnten nicht alle wegen des hohen Aufkommens bearbeitet werden, dennoch stellen die Bereiche „Pflege“ mit 44.202 und der Bereich „Kliniken“ mit 50.251 gefolgt von dem Bereich „Humanmedizin“ mit 4.157 mit weitem Abstand die Spitzenreiter dar. Darin verbergen sich 56 Todesfälle, 535 Fälle, bei denen die Behandlungskosten zwischen 1.000 und 10.000 Euro lagen, und 88 Fälle mit Behandlungskosten über 10.000 Euro. Dies spiegelt die Schwere der Fälle wider.

Gleichzeitig hat eine neue Untersuchung der BGW eine hohe Impfbereitschaft unter pflegerischen Personal ermittelt. 84 Prozent waren zum Zeitpunkt der Befragung (März/April 2021) bereits geimpft oder hatten kurzfristig vor, sich impfen zu lassen. Eine Impfpflicht nur für pflegerisches Personal würde somit ins Leere laufen.

Das im europäischen und weltweiten Vergleich relativ gute Bestehen Deutschlands in der Pandemie ist vor allem dem Einsatz des medizinischen Personals und der gut aufgestellten medizinischen und pflegerischen Versorgung zu danken. Aber ein wesentlicher und limitierender Faktor für die Belastbarkeit des Gesundheitswesens ist die hohe psychische und physische Belastung des Personals durch die Behandlung der vielen erkrankten Menschen. Ohne eine Herdenimmunität werden die zu erwartenden weiteren Wellen der Pandemie auch das deutsche Gesundheitswesen und deren Beschäftigten an den Rand der Dekompensation führen.

Deshalb ist es notwendig, dass so viele Menschen wie möglich geimpft werden. Das Glück unserer heutigen Generationen ist der medizinisch wissenschaftliche Fortschritt, der neben der Wirtschaftskraft unseres Landes die schnelle Entwicklung von wirksamen und zugelassenen Impfstoffen möglich gemacht hat. Freiheit auf dem Rücken einer Berufsgruppe auszuleben ist für mich eine der unsolidarischsten Handlungen einer Gesellschaft, der in individueller Not jegliche Hilfe zu Teil oder von ihr auch eingefordert wird.

Kontra: Steffen Köcher, Geschäftsführer Seniorenheime Freiberg gGmbH

Wie die meisten Pflegeeinrichtungen haben auch wir schmerzliche Erfahrungen mit Sars-Covid-2 gesammelt. Rund 25 Prozent der Menschen, die wir versorgen und die in der Regel hochbetagt sowie schwer krank sind, wurden mit dem Coronavirus infiziert. Die Mitarbeitenden in den Ambulanten Pflegediensten und Heimen haben über Monate jenseits der Belastungsgrenze gearbeitet. Keiner nimmt das Thema auf die leichte Schulter.

Forderungen nach einer Impfpflicht für alle Bürgerinnen und Bürger über 18 Jahre halte ich jedoch für unverantwortlich. Wer Bürgerinnen und Bürger und damit auch medizinisch-pflegerisches Personal gegen deren eigenen freien Willen zur Impfung verpflichten und drängen will, nimmt billigend in Kauf, dass unser Gesundheits- und Pflegesystem weiter erheblich destabilisiert und die Absicherung der künftigen Versorgung der Bevölkerung erst recht in Frage gestellt wird.

Fachleute gehen inzwischen davon aus, dass es eine Herdenimmunität aufgrund der rasch aufeinanderfolgenden Mutationen wohl nicht geben wird. Dann wird es wohl so werden wie bei der jährlichen Influenza-Impfung. Mit der als Nächstes drohenden Delta-Variante wird öffentlich auch begründet, weshalb sich zum Beispiel Senioren bereits bald ein drittes Mal impfen lassen sollen. Oder sollte es andere Gründe dafür geben?

Steffen Köcher, Geschäftsführer Seniorenheime Freiberg gGmbH
Steffen Köcher, Geschäftsführer Seniorenheime Freiberg gGmbH © PR

Die Zahlen der BGW sind beeindruckend, wie auch die vielen andere Zahlen, die seit Monaten präsentiert werden. Zahlen müssen interpretiert und bewertet werden. Eine hohe Anzahl an gemeldeten Verdachtsfällen bedeuten noch lange nicht bestätigte Berufserkrankungen. Rechnerisch spielt es nahezu eine untergeordnete Rolle, ob die angeführten Kosten für die Behandlung von Sars-Covid-2-Erkrankten fünf oder zehn Millionen Euro betragen, wenn man sie ins Verhältnis zu den Gesamtausgaben der Gesundheitskosten in der Bundesrepublik im Jahr 2020 in Höhe von rund 425 Milliarden Euro setzt.

So zweifelhaft das Erreichen einer Herdenimmunität inzwischen ist, so wenig gibt es bislang einen Konsens darüber, welcher Beitrag dem Einzelnen für die Gesellschaft abverlangt werden kann und darf. Solidarität ist immer freiwilliges Verhalten des Einzelnen.

Prävention, Schutzmaßnahmen sowie Behandlung und Langzeitfolgen verbrauchen gesellschaftliche Ressourcen. Deshalb muss ein gesellschaftlicher Konsens für den Umgang und das Leben mit diesem Virus in unserem Land gefunden werden. Die Würde und die Freiheit des Einzelnen haben laut unserem Grundgesetz oberste Priorität. Inwieweit die in der Vergangenheit ergriffenen Maßnahmen infolge von Sars-Covid-2 dem Artikel 2 Abs. 2 des Grundgesetzes entsprechen, sollte schnellstmöglich durch die Judikative bewertet werden.

Folgekosten für die Gesellschaft entstehen nicht allein durch medizinische Behandlung, Schutzmaßnahmen und Arbeitsausfall, sondern auch durch die Einschränkungen im öffentlichen Bereich, mit Schließung von Schulen, Geschäften, Kirchen, kulturellen Einrichtungen und Begegnungsstätten, Sportstätten und der gesamten Gastronomie. Nahezu unbeachtet bleiben bislang die physischen und psychischen Langzeitfolgen und deren Kosten, welche die Maßnahmen und Einschränkungen, deren Sinnhaftigkeit bislang nicht belegt werden können, hervorgerufen haben. Freiheit hat immer ihren Preis. Ihr Wert wird durch diesen bestimmt.

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Solange unsere Solidargemeinschaft jährlich für die Kosten von 127.000 verstorbenen Rauchern, von 146.000 verstorbenen Alkohol- und Drogenabhängigen, von 160.000 Toten infolge von zu viel Fett, Salz und Zucker oder für die Folgekosten von Liebhabern verschiedener Extremsportarten sowie Fahrradhelmverweigerern aufkommt, halten wir Aussagen zum Risiko einer Corona-Infektion für absurd und haltlos. Erst recht mit Blick auf die inzwischen recht verlässliche Risikobewertung einer Corona-Infektion, einer möglichen Covid-19--Erkrankung und die Gefahren, daran zu versterben – vor allem jenseits des 70. Lebensjahres und bei schwerwiegenden Vorerkrankungen.

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