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Verzweiflung über Aus fürs Impfzentrum

Der Löbauer Hauptamtsleiter Guido Storch kann die Entscheidung nicht nachvollziehen. Das Impfzentrum in der Messehalle sichert auch Existenzen.

Hauptamtsleiter Guido Storch führt derzeit die Geschäfte der Löbauer Stadtverwaltung.
Hauptamtsleiter Guido Storch führt derzeit die Geschäfte der Löbauer Stadtverwaltung. © Matthias Weber (Archiv)

Es war immer klar, dass die Corona-Impfzentren eine befristete Einrichtung sein würden. Doch seit dem Beschluss der Staatsregierung, alle Impfzentren bis auf die in Dresden, Leipzig und Chemnitz zum 30. Juni zu schließen, schlagen die Wellen der Empörung hoch. Auch in Löbau. Die Messehalle ist Standort für das Impfzentrum des Landkreises Görlitz. Das Impfzentrum ist in der Krise auch ein wirtschaftlicher Segen für den Betrieb der Messehalle und sichert auch zahlreiche Existenzen. Löbaus Hauptamtsleiter Guido Storch führt derzeit die Geschäfte der Stadtverwaltung für den aus dem Amt geschiedenen Oberbürgermeister Dietmar Buchholz (parteilos). Storch kann die Entscheidung der Staatsregierung nicht nachvollziehen.

"Das Entsetzen ist groß, darüber dass jetzt eingestampft wird, was gerade begonnen hat, gut zu laufen", sagt Guido Storch. Seit der Bekanntgabe der Schließung stehe sein Telefon nicht mehr still. Er zweifelt daran, dass die Hausärzte allein das riesige Impfvolumen werden stemmen können. "Ich habe mit Ärzten gesprochen, die sind verzweifelt und überfordert. Die Leute sind am Ende ihrer Kräfte", sagt Storch. Der Umstand, dass die Impfzentren in Dresden, Leipzig und Chemnitz aufrechterhalten würden, sei ja der Beweis dafür, dass die Impfzentren hervorragend funktionieren. Deshalb sei gerade die Schließung der Zentren im ländlichen Raum wie in Löbau unplausibel. "In den Großstädten ist die Ärztedichte ja viel höher als in unserer Region", sagt Storch.

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Zum Impfen kommen Leute sogar aus Leipzig nach Löbau

Auch die Impflogistik über sachsenweit 30 mobile Impfteams, die neben den Hausärzten weiter impfen sollen, könnte nach Storchs Auffassung Probleme bereiten. "Da muss dann ja auch erst wieder ein funktionierendes System aufgebaut werden", sagt er und fürchtet, dass dadurch wertvolle Zeit bei der Bekämpfung der Pandemie verloren geht.

Storch betont auch die besondere Beliebtheit des Löbauer Impfzentrums. "Viele der Impfungen dort wurden an Menschen verabreicht, die außerhalb des Landkreises wohnen", sagt er. So seien zum Beispiel viele Menschen aus dem Kreis Bautzen nach Löbau gefahren, weil der Standort für sie zentraler sei als das Impfzentrum in Kamenz. Selbst aus Leipzig seien Menschen mit dem Zug angereist. Löbaus DRK-Chefin Silke Seeliger bestätigt das als Hausherrin des Impfzentrums. "Tatsächlich haben Menschen aus Leipzig oder der Sächsischen Schweiz hier schneller einen Impftermin bekommen als in ihrer Region", sagt sie. Auch aus Dresden seien zahlreiche Menschen nach Löbau gekommen. Die Zahl der Impflinge aus anderen Landkreisen kann Seeliger aber nicht beziffern.

Händler verzweifelt über Entscheidung

Auch aus der Löbauer Händlerschaft hat Guido Storch in den letzten Tagen viele enttäuschte Stimmen gehört. Denn mit einer schnellen Durchimpfung der Bevölkerung verknüpfen Händler oder Gastronomen auch die Hoffnung, ihre Läden bald wieder öffnen zu können. "Der Handel hatte so gehofft. Die Leute haben sich alle an diesen Strohhalm geklammert", sagt er. Und jetzt: "Das Ganze einstampfen, bevor es richtig losgeht, das ist nicht nachvollziehbar", so Storch.

Auch Silke Seeliger sieht die Entscheidung mit Argwohn. "Die riesige Gruppe der 16- bis 60-Jährigen darf ja noch gar nicht geimpft werden", sagt sie. Wenn es soweit sei, käme eine riesige Welle Impfwilliger auf die Hausärzte zu - aber die impfen längst nicht alle. Seeliger weiß etwa von einem Arzt in der Umgebung, der sich nicht an den Impfungen beteiligt, aber allein 1.000 Patienten hat. "Wo sollen die eine Impfung herbekommen?", fragt sie. Dazu hemmt die Entscheidung die Kapazität des Impfzentrums schon Wochen vorher. "Weil zwischen Erst- und Zweitimpfung drei Wochen vergehen müssen, können wir dann nur noch bis zum 9. Juni Erstimpfungen verabreichen", sagt Seeliger. Als schlechten Witz empfindet sie eine auch in der Sächsischen Zeitung erschienene Anzeige des Bundesgesundheitsministerium. Unter dem Titel "Mehr Tempo beim Impfen" werbe die Regierung da für die Arbeit der bundesweit über 400 Impfzentren - und zwar bis September. "Überall bleiben die Impfzentren geöffnet. Bloß Sachsen scheint sich die 50-prozentige Beteiligung an den Kosten sparen zu wollen", sagt Seeliger.

Geht's bloß ums Geld?

Auch Guido Storch sieht in der Finanzierung der Impfzentren den wahren Schließungsgrund. "Es geht wohl schon ums Geld. Es ist ja auch eine Riesensumme", sagt er - aber eine gut investierte. "Der Betrieb der Impfzentren ist vielleicht billiger, als nachher milliardenschwere Förderprogramme auflegen zu müssen", so Storch.

Nach Angaben des Sozialministeriums hat der Freistaat bisher 170 Millionen Euro bis Ende Juni für das Impfen freigegeben. Für die Arbeit der ab 1. Juli verbleibenden Impfzentren würden die Kosten auf rund 63 Millionen Euro veranschlagt. Das Geld fließt zu einem Teil an das Rote Kreuz als Betreiber und Mieter der Impfzentren. Außerdem besorgt das DRK die Impfstofflogistik, die Hotline, das Online-Buchungssystem und stellt das nicht-medizinische Personal. "Im Schnitt kostet jedes Impfzentrum das DRK 500.000 Euro im Monat", sagt Dr. Kai Kranich, Pressesprecher des DRK-Landesverbandes Sachsen. "Die Kosten pro Impfung betragen 14 Euro", so Kranich. Im Fall des Löbauer Impfzentrums wären das bei über 70.000 verabreichten Impfungen seit Jahresbeginn rund eine Million Euro.

Die in den Impfzentren beschäftigten Ärzte, Apotheker und das impfende Personal werden dagegen von der Kassenärztlichen Vereinigung angestellt und bezahlt. "Der erwartete Bundeszuschuss wurde von den genannten Summen noch nicht abgezogen", so das Ministerium. Vorgesehen sei eine Erstattung der Kosten durch den Bund und die gesetzliche Krankenversicherung zu 46,5 Prozent, sowie der privaten Krankenversicherer zu 3,5 Prozent - in Summe also 50 Prozent.

Die wirtschaftliche Bedeutung des Impfzentrums

Und dieses Geld sichert natürlich Existenzen - etwa die der Messehalle. Wegen der Corona-Krise sind auf dem Gelände nämlich keine Veranstaltungen mehr möglich, um das Areal zu finanzieren. "Vor dem Hintergrund der Wichtigkeit des Impfens ist die wirtschaftliche Situation nebensächlich", betont Guido Storch. Aber ja: "Wir sind schon froh über gewisse Mieteinnahmen. Dadurch konnten wir größere Probleme im Betrieb umschiffen." An die sonst üblichen Einnahmen durch Veranstaltungen aber komme man dadurch bei weitem nicht heran. "Die für die Messe zuständigen Mitarbeiter sind auch weiter in Kurzarbeit", sagt Storch. Wann wieder ein Normalzustand einkehrt, Storch weiß es nicht: "Niemand kann seriös Termine für Veranstaltungen planen. Mit Abstandsregeln in der Halle wäre etwa kein Konzert möglich, das sich durch Eintrittsgelder decken könnte." Geplant sei zumindest, die Auszählung der Briefwahlstimmen bei den bevorstehenden Wahlen (Bundestag, Oberbürgermeister) in die Blumenhalle zu verlegen.

Auch die vom Roten Kreuz im Impfzentrum angestellten Personen überbrücken mit ihrer Tätigkeit finanziell teilweise die Krise. Rund 40 Helfer hat Silke Seeliger mit befristeten Verträgen eingestellt. "Unter den Helfern ist etwa auch ein Barbetreiber oder die Betreiberin einer Tanzschule, die ihre Läden jetzt nicht öffnen können", sagt Seeliger. Für ihre Tätigkeit im Impfzentrum erhalten sie einen Tariflohn und sind versicherungspflichtig beschäftigt. "Einige haben schon gefragt, ob sie beim Roten Kreuz bleiben können", sagt Seeliger - doch außer den Stellen im Impfzentrum hat sie keine freien Posten.

Löbaus DRK-Chefin Silke Seeliger.
Löbaus DRK-Chefin Silke Seeliger. © Matthias Weber/photoweber.de Mat

Politische Stimmung wendet sich gegen Schließung

Indes gibt es für den Fortbestand des Löbauer Impfzentrums - und die anderen - wieder einen Silberstreif am Horizont. Mehrere Landtagsfraktionen haben mittlerweile ein Umdenken in der Sache gefordert. Demnach habe die CDU-Fraktion einen Vorschlag ausgearbeitet, der eine Schließung der Impfzentren erst Mitte August vorsieht. SPD und Grüne sollen sich weniger deutlich, aber dennoch einer längeren Öffnung zustimmend geäußert haben.

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