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Dreiste Lügen: Wundermittel gegen Corona, perfekte Zähne

Verbraucherschützer machen den Faktencheck und decken unzählige falsche Heilsversprechen auf. Von Corona über heilende Steine bis zu Zahn-Werbung.

Eine Kieferorthopädin aus Hessen warb für „perfekte Zähne“. Das Oberlandesgericht Frankfurt untersagte das, weil die Werbung nicht den Eindruck erwecken dürfe, dass der Behandlungserfolg sicher sei.
Eine Kieferorthopädin aus Hessen warb für „perfekte Zähne“. Das Oberlandesgericht Frankfurt untersagte das, weil die Werbung nicht den Eindruck erwecken dürfe, dass der Behandlungserfolg sicher sei. © 123rf

Silberwasser gegen Coronainfektion? Ein Stein, der die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert? Gesundheitsversprechen kursieren im Internet zuhauf. Doch wie erkenne ich, welche Informationen seriös sind und welche schlichtweg falsch?

Laut Statistischem Bundesamt recherchieren rund 66 Prozent aller Internetnutzer online zu Themen rund um die Gesundheit. Im schlimmsten Fall tragen Menschen, die auf Besserung oder Heilung hoffen, gesundheitliche Schäden davon. Die Verbraucherzentralen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz haben daher das Projekt Faktencheck-Gesundheitswerbung ins Leben gerufen und decken auf, wobei am häufigsten gelogen wird.

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Wundermittel gegen Corona

In Zeiten der Verunsicherung blüht das Geschäft mit der Angst: Im Internet werden vermeintliche Wundermittel gegen das Sars-CoV-2-Virus angepriesen – von Echinacea bis Kameldung. Fake-Shops bieten gefälschte FFP2-Masken an. Und es gibt Falschmeldungen über den Tod von Kindern durch Atemschutzmasken. „Manche Erkrankte verlassen sich auf unwirksame Mittel oder verzichten sogar auf verordnete Arzneimittel oder Therapien“, sagt Tanja Wolf von der Verbraucherzentrale NRW. Sie rät: „Vergleichen Sie zuerst, wie andere Quellen, seriöse Medien oder offizielle Stellen eine Nachricht einordnen.“

Welche Folgen Corona-Gerüchte im Internet haben können, zeigt eine internationale Studie. Die Autoren sammelten zwischen Dezember 2019 und April 2020 Gerüchte, Stigmatisierungen und Verschwörungstheorien rund um Covid-19 auf Plattformen wie Facebook und Twitter sowie auf Online-Seiten von Zeitungen. Weltweit hatte das Hunderte Todesfälle zur Folge. So starben etwa 800 Menschen, weil sie hoch konzentrierten Alkohol tranken, um sich von innen zu desinfizieren. Mehr als 5.800 Menschen kamen ins Krankenhaus, 60 erblindeten, weil sie Methanol als Heilmittel einnahmen.

Auch die Europäische Arzneimittelaufsicht EMA warnt davor, angebliche Arzneimittel gegen das Coronavirus im Netz zu kaufen. „Gerade beim Onlinehandel sind fragwürdige Anbieter später oft nicht auffindbar“, sagt Tanja Wolf, die das Projekt Faktencheck-Gesundheitswerbung leitet. Immerhin reagierten die großen Internetkonzerne schon zu Beginn der Pandemie. Facebook etwa verbot Werbung für Desinfektionsmittel, Atemmasken und angebliche Coronatests. Dafür erhielten Gesundheitsbehörden und die Weltgesundheitsorganisation kostenlose Werbeanzeigen.

Heilende Steine und Metallstäbe

Heilsteine, die die Qualität des Trinkwassers verbessern, und Edelsteinstäbe, die Leitungswasser beleben und „energetisieren“, um Blockaden zu lösen: Wissenschaftliche Belege für solche Versprechen gibt es nicht. „Daher durchforsten wir das Netz und vor allem Social Media und greifen besonders abseitige Gesundheitsprodukte heraus“, sagt Wolf.

Ein Beispiel ist der sogenannte Leberkäse-Test, der die Methode der Bioresonanz ad absurdum führt. In der Medizin können Mangelerscheinungen oder Entzündungen anhand von Blut- oder Urinproben erkannt werden. Dass aber ein Metallstab nur über den Hautkontakt Blutwerte oder einen Vitamin- oder Mineralstoffmangel analysieren kann, ist wissenschaftlich nicht plausibel. „Eine fachliche Überprüfung hat gezeigt, dass die Geräte nicht zwischen gesunden, schwer erkrankten und verstorbenen Personen unterscheiden können“, erklärt Wolf.

Nicht einmal der Unterschied zwischen einem Menschen, einem Leberkäse und einem feuchten Putzlappen sei erkannt worden. Obwohl bisher keine Studien zur Bioresonanz zu finden sind, wird sie als Selbstzahlerleistung angeboten.

Ebenso wenig funktionieren kann eine einfache Plastikkarte, die für eine bessere Gesundheitsaura unter die Matratze gelegt wird – auch wenn sie den klangvollen Namen „Aura-Balance“ trägt. Schon im Jahr 2001 urteilte das Bundesgericht in Österreich, dass das dortige Bundesamt für Gesundheit zu Recht untersagte, den „Aura-Balance-Akku“ mit Heilanpreisungen in den Verkehr zu bringen. Trotzdem gibt es ihn weiterhin.

Ebenso kritisch zu sehen, weil wissenschaftlich unplausibel, ist ein sogenannter Biotensor, der Energiedefizite aufspüren soll. Und als „revolutionär“ wird ein Gitterchip aus einer Goldlegierung beworben. Der soll die Wassermoleküle des Körpers dazu bringen, in den kohärenten Zustand – den Superzustand – überzugehen.

Ungeprüfte Nahrungsergänzung

Weniger Gelenkschmerzen, bessere Haut, mehr Muskeln oder schlankere Figur: Die Versprechen im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel sind vielfältig. Laut Bundesverband der Verbraucherzentralen nimmt ungefähr ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland Nahrungsergänzungsmittel ein, obwohl keine nennenswerte Unterversorgung vorliegt. „Hier spielen die Werbung eine große Rolle und der Umstand, dass sie teils aussehen wie gut geprüfte Arzneimittel“, sagt Wolf. Tatsächlich liegen die Präparate in Apotheken und Drogerien oft nebeneinander im Regal. Für Verbraucher ist der Unterschied auf den ersten Blick kaum zu erkennen.

„Nahrungsergänzungsmittel sind Lebensmittel. Sie werden nur angemeldet, nicht vorab geprüft oder zugelassen“, erklärt Wolf. Wie es der Name schon sagt, dienten sie nur als mögliche Ergänzung der normalen Ernährung. Gesundheitsbezogene Aussagen dürfen sich nur auf normale Körperfunktionen beziehen. Es darf nicht damit geworben werden, Krankheiten zu lindern oder zu heilen. Daher sei Werbung für Vitamine und Nährstoffe kritisch zu sehen, wenn sie fälschlicherweise eine Unterversorgung durch die normale Nahrung suggeriert, so Wolf. Zudem müsse der Hersteller zwar über Risiken wie etwa Allergene informieren, nicht aber über Gegenanzeigen oder Wechselwirkungen mit Medikamenten.

Welche Angaben auf Nahrungsergänzungsmitteln zulässig sind, ist in der Health-Claims-Verordnung der EU festgelegt. Doch schon seit Jahren fordern die Verbraucherschützer schärfere Regeln. „Es müssen dringend Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe festgelegt werden“, sagt Wolf. Bisher gebe es nur Empfehlungen.

Schöne Zähne, perfektes Aussehen

Werbung für Schönheitsoperationen mit Vorher-Nachher-Bildern oder das Versprechen eines Preis-Deals für eine bestimmte Behandlung: Solche Methoden sind für Ärzte tabu. Seit 2002 gelten klare Regeln, die unter anderem in den Berufsordnungen der Landesärztekammern, im Heilmittelwerbegesetz und im Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb festgeschrieben sind. Denn: Die Integrität und das Vertrauen in den Berufsstand der Ärzte dürfen durch reißerische Reklame nicht gefährdet werden.

„Werbung darf nicht den Eindruck erwecken, dass Erfolge mit Sicherheit zu erwarten sind und dass es keine Nebenwirkungen geben wird“, erklärt Wolf. Doch nicht alle halten sich daran. So warb eine Kieferorthopädin aus Hessen im vergangenen Jahr für „perfekte Zähne“. Das Oberlandesgericht Frankfurt untersagte das im Herbst, weil die Werbung nicht den Eindruck erwecken dürfe, dass der Behandlungserfolg sicher sei.

Ärzte und Zahnärzte sind zudem verpflichtet, Patienten vorab schriftlich über Kosten und mündlich über Alternativen und Risiken aufzuklären. „Deshalb sehen wir Werbung für ärztliche oder zahnärztliche Leistungen kritisch, die rein positiv dargestellt werden“, sagt Tanja Wolf.

Viele Ärzte nutzen auch die Möglichkeit, Anzeigen bei Suchmaschinen oder in Bewertungsportalen wie Jameda zu schalten. „Diese Werbung und die Bewertungen sind immer wieder umstritten und Anlässe für Rechtsstreitigkeiten“, so Wolf. Kritisch zu sehen sei vor allem, wenn Portale jene Ärzte ganz oben und teils ohne Konkurrenz positionieren, die für Anzeigen bezahlen. So wurde erst 2020 die Herangehensweise von Jameda vom Oberlandesgericht Köln für unzulässig erklärt. Die Plattform hatte zahlende Premiumkunden und nicht zahlende Basiskunden in der Darstellung auf ihrer Webseite unterschiedlich behandelt. Suchen Patienten nach einem passenden Arzt, sollten sie also unabhängige und werbefreie Onlineportale nutzen.

Was ist falsch, was richtig?

  • Als schlecht gelten Informationen nach Ansicht der Verbraucherzentrale, wenn sie einseitig, verkürzt, fehlerhaft oder unsachlich sind. Sie dürfen nicht verharmlosen oder Ängste schüren. Vorsicht ist auch geboten, wenn Angaben zum Verfasser fehlen oder wenn Beiträge im Netz gesponsert sind. Zu beachten ist, dass in Foren vor allem Meinungen ausgetauscht werden, die jedoch nicht überprüfbar sind.

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