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„Wenn Leute Corona verneinen, trifft uns das“

Mareen Schmidt und Frank Benisch arbeiten in Bautzen auf der Corona-Intensivstation. Wie sie die Lage dort erleben - und was sie von Leugnern halten.

Mareen Schmidt und Frank Benisch arbeiten auf der Corona-Intensivstation im Bautzener Krankenhaus. Mit Sächsische.de haben sie über ihren Alltag gesprochen.
Mareen Schmidt und Frank Benisch arbeiten auf der Corona-Intensivstation im Bautzener Krankenhaus. Mit Sächsische.de haben sie über ihren Alltag gesprochen. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Abgesehen von einem Piepen ist es still. Kein Husten ist zu hören, als Mareen Schmidt und Frank Benisch im Bautzener Krankenhaus über den Gang laufen. Und das, obwohl sich die beiden gerade auf der Corona-Intensivstation befinden. Doch die meisten Patientinnen und Patienten, die hier liegen, sind sediert und werden künstlich beatmet.

Mareen Schmidt ist die pflegerische Leiterin der Intensivstationen im Bautzener Krankenhaus und Frank Benisch ihr Stellvertreter. Die beiden haben Sächsische.de erzählt, wie es ihnen geht – und wie die Lage auf der Corona-Intensivstation in Bautzen gerade ist.

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Frau Schmidt, Herr Benisch, die Corona-Inzidenz im Kreis Bautzen geht zurück. Macht sich das auch auf der Intensivstation bemerkbar?

Mareen Schmidt: Wir merken davon noch nichts. Wir sind permanent ausgelastet. Zurzeit können wir auf dieser Station neun Betten belegen – und die sind auch immer belegt.

Frank Benisch: Das Problem dabei ist immer noch, dass wir auch freie Betten vorhalten müssen – damit wir Akutfälle, die hereinkommen, behandeln können. Damit das klappt, müssen wir immer wieder Patienten nach Dresden verlegen.

Wen verlegen Sie denn dann?

Schmidt: In der Regel verlegen wir die Patienten, bei denen sich andeutet, dass sie vielleicht eine Ecmo-Therapie benötigen, also eine künstliche Lunge. Das entscheidet dann der Arzt.

Benisch: Die Lage wird sich bei uns erst mit einer zeitlichen Verzögerung entspannen. Man muss bedenken, dass die Leute nach Corona nicht schlagartig wieder gesund sind. Wir haben viele Patienten, die nicht mehr infektiös sind – aber trotzdem noch beatmet werden müssen.

Wenn die Intensivpflegerinnen und -pfleger am Patienten arbeiten, müssen sie volle Schutzmontur tragen.
Wenn die Intensivpflegerinnen und -pfleger am Patienten arbeiten, müssen sie volle Schutzmontur tragen. © Archiv/Uwe Soeder

Wie hat sich durch Corona Ihr Alltag auf der Intensivstation verändert?

Schmidt: Es ist auf jeden Fall stressiger geworden. Wir mussten Personal von anderen Stationen und Abteilungen neu einlernen und aufstocken, um alles zu schaffen. Gerade im Dezember war viel los.

Benisch: Man musste vorher schon immer viel mitdenken – aber jetzt müssen wir uns jeden Handgriff genau überlegen, bevor wir uns zu den Patienten einschleusen und am Patienten arbeiten. Ansonsten muss man sich im Zweifel wieder neu einschleusen. Damit ist gemeint: Wir müssen die komplette Schutzmontur aus- und wieder anziehen. Und die Zeit, die wir dafür brauchen, fehlt uns dann an anderer Stelle.

Es unterstützen uns auch Soldaten der Bundeswehr als Springer, und sie reichen Materialien. Aber auch für das Umlagern der Patienten müssen wir viel organisieren. Dafür brauchen wir mindestens fünf Leute – und die müssen dann ja gerade alle Zeit haben.

Wieso müssen die Patienten umgedreht werden?

Schmidt: Die Lungen werden in Bauchlage am besten belüftet. Die Patienten liegen etwa 16 bis 18 Stunden so und werden dann zurück auf den Rücken gedreht.

Was zählt denn alles zu Ihren Aufgaben als Intensivpflegende?

Benisch: Wir haben da ganz unterschiedliche Aufgaben. Neben der Dokumentation und der Vorbereitung der Medizintechnik ist da die klassische Pflege. Der Patient kann ja nichts alleine. Wir waschen ihn, ernähren ihn, lösen Sekret, kontrollieren die Ausscheidungen, überwachen die Beatmungsgeräte, die Blutwerte, den Herzkreislauf sowie die Atemfrequenz, die Sauerstoffsättigung. Wir geben Medikamente.

Schmidt: Neben der Patientenversorgung am Bett stehen wir auch den Angehörigen zur Seite und begleiten sie mit durch diese schwere Zeit. Einige realisieren erst, wenn sie ihren erkrankten Angehörigen sehen, was Corona wirklich bedeutet. Wenn sie die vielen Schläuche sehen, brechen sie zusammen – dann sind wir natürlich da.

Klebebänder auf dem Boden markieren die verschiedenen Zonen: Im unreinen Bereich müssen Pflegekräfte Schutzmontur tragen.
Klebebänder auf dem Boden markieren die verschiedenen Zonen: Im unreinen Bereich müssen Pflegekräfte Schutzmontur tragen. © SZ/Uwe Soeder

Sicher ist das für Erkrankte und Angehörige belastend. Aber auch Sie sehen viel Leid und erleben, wie viele Leute sterben. Wie geht es Ihnen dabei?

Schmidt: Zunächst einmal muss man sagen: Auf der Intensivstation sterben immer wieder Menschen, wir kannten das also auch schon vor Corona. Aber in den Hochzeiten, um Weihnachten, habe ich mich manchmal gefühlt wie im Film. Da war so ein hoher Patientendurchlauf, ich habe einfach nur noch funktioniert.

Einige Leute kommen ja noch ansprechbar zu uns, erzählen von ihrem Privatleben. Natürlich fühlen wir da mit. Wenn die Patienten dann nach Dresden verlegt werden, frage ich mich schon oft, wie es ausgegangen ist. Und wenn ich den Namen dann zufällig in den Todesanzeigen sehe, berührt mich das schon. Und ich bin traurig, dass wir denjenigen nicht retten konnten.

Benisch: Schlimm ist es, wenn man denkt, jemand sei über den Berg – und dann geht es doch nicht weiter. Ich habe es ein paar Mal erlebt, da saß ein Patient schon wieder an der Bettkante. Am nächsten Tag, bei Schichtbeginn, lag er dann wieder beatmet in Bauchlage.

Schilder weisen auf der Intensivstation auf die Infektionsgefahr hin.
Schilder weisen auf der Intensivstation auf die Infektionsgefahr hin. © SZ/Uwe Soeder

Das Thema Pflege ist durch Corona immer mehr in den Fokus gerückt. Es gab Aktionen wie Klatschen für Pflegekräfte – und wiederum auch viel Kritik daran. Mittlerweile trendet in den sozialen Medien der „Pflexit“ – viele Pflegende kündigen, weil sie die Belastung nicht mehr ertragen. Können Sie das verstehen?

Schmidt: Der Pflegeberuf ist wunderschön. Wir haben Kontakt zu Menschen und sind sehr vielfältig gefordert. Ich wusste schon immer, dass ich Pflegerin werden will. Auf unserer Station sind wir wie eine Familie, ich könnte die Kollegen nicht im Stich lassen.

Aber ich kann auch nachvollziehen, wenn jemand der körperlichen und auch psychischen Belastung dauerhaft nicht gewachsen ist. Das Schichtsystem ist hart, wir müssen an Feiertagen und am Wochenende arbeiten – das sind viele Entbehrungen, auch was das Privatleben betrifft.

Und der Fachkräftemangel ist ja nicht erst durch Corona entstanden, er war ja schon vorher da. Es wäre schön, wenn die Politik da nicht mehr nur noch mit Versprechungen lockt, sondern wirklich mal etwas angeht. Eine bundesweit einheitliche Bezahlung für alle Pflegenden wäre ein erster Schritt. Pflege braucht auch einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft.

Sie sehen das Leid jeden Tag. Auf der anderen Seite protestieren immer noch regelmäßig Leute gegen die Corona-Maßnahmen. Was macht das mit Ihnen?

Schmidt: Klar sind die Maßnahmen über diesen langen Zeitraum schwer zu ertragen. Aber wenn Leute Corona verneinen, trifft uns das.

Benisch: Mich verärgert das. Vor allem, wenn Leute behaupten, Corona sei nur erfunden. Ich würde diese Leute unglaublich gerne mal hier auf die Station einladen, aber das geht ja nicht. Mich ärgert vor allem, wenn es dann heißt, die Patienten auf der Intensivstation seien ja alle über 80. Ich weiß: Das stimmt nicht. Bei uns liegen auch immer jüngere Leute, Anfang 60.

Wie blicken Sie jetzt in die Zukunft? Ist da viel Hoffnung?

Benisch: Ich hoffe auf ein bisschen Normalität im Sommer, definitiv.

Schmidt: Ja, hoffentlich flacht es dann etwas ab. Gleichzeitig sind wir aber auf den Herbst eingestellt. Wir sind in einer Pandemie. Wir müssen uns da nichts vormachen: Corona wird nicht einfach verschwinden.

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