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Gibt es nie wieder einen Jacobimarkt?

Jetzt steht fest: Das Volksfest in Neugersdorf fällt erneut aus. Daran ist aber nicht allein die Pandemie Schuld. Der Veranstalter erklärt die Hintergründe.

Ein Bild aus früheren Jahren: René Linke mit einem Schausteller am Break Dance bei der Vorbereitung des Jacobimarktes.
Ein Bild aus früheren Jahren: René Linke mit einem Schausteller am Break Dance bei der Vorbereitung des Jacobimarktes. © Archivfoto: Rafael Sampedro

Noch vor einigen Wochen war René Linke zuversichtlich. Nachdem etliche Volksfeste, wie zum Beispiel der Eibauer Bierzug oder das Löbauer Stadtjubiläum, zum zweiten Mal in Folge abgesagt wurden, sah er für den Neugersdorfer Jacobimarkt noch Chancen. Das größte Volksfest in Ostsachsen mit bis zu 250.000 Besuchern findet traditionell um den Jacobstag Ende Juli herum statt. Er warte die Entwicklung der Pandemie erst einmal ab und sei innerhalb von zwei Wochen in der Lage, den Jacobimarkt auf die Beine zu stellen, sagte Linke noch im März gegenüber SZ.

Jetzt muss er bekanntgeben: Der Jacobimarkt - auch Gierschdurfer Schiss'n genannt - wird auch 2021 nicht stattfinden. Schuld ist zum einen die Corona-Pandemie. Ob und wann es Lockerungen bezüglich Veranstaltungen und Kontakten geben wird, ist völlig unsicher. "Niemand positioniert sich in der aktuellen Lage", sagt René Linke. Vom Landratsamt, das für die Genehmigung zuständig ist, gebe es keine konkrete Zu- oder Absage für seine Veranstaltung. "Man beruft sich auf die unsichere Lage und die Bundesnotbremse", so Linke.

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Baustelle ist ein Sicherheitsrisiko

Die Corona-Lage ist aber nicht der einzige Grund. Auch die aktuelle Baustelle des neuen Feuerwehrdepots in Neugersdorf an der Hohen Straße - unmittelbar am Festgelände - spielt eine Rolle. Die Stadt hat einen Teil der Fläche für den Jacobimarkt gestrichen - wegen der Bauarbeiten. Die Baustelle sei ein Sicherheitsrisiko für Schiss'n-Besucher. Aus diesem Grund hat die Stadt den bestehenden Pachtvertrag mit Linke abgeändert. Denn für die gesamte Jacobimarkt-Fläche hat der Schiss'n-Veranstalter einen Vertrag mit der Stadt geschlossen, er mietet die Flächen und kümmert sich um die Organisation. Vor wenigen Tagen erhielt Linke nun einen neuen Vertrag mit deutlich eingeschränkter Fläche.

"Das heißt im Klartext, die gesamte Fläche unterhalb es alten Feuerwehrdepots könnte ich nicht für den Jacobimarkt nutzen", erklärt René Linke. Ohne diesen Bereich funktioniert aber sein Sicherheitskonzept nicht. Das Gelände wird unter anderem als Fluchtweg benötigt. "Außerdem sollen dann dort Lkw fahren, wenn gebaut wird. Das geht natürlich nicht." Und auch wirtschaftlich wäre das Volksfest ohne dieses Areal ein Desaster, sagt Linke. Wer das Fest kennt, weiß: Dort standen immer eine Menge Händler und boten ihre Waren an: von Wurst über Taschen und Kleidung bis hin zu Haushaltsartikeln. Für die wäre dann kein Platz mehr auf dem Jacobimarkt.

Schausteller müssen vom Ersparten leben

Auf Anforderung der Stadt hat Linke zudem sein Sicherheitskonzept für den Jacobimarkt jetzt überarbeiten müssen. "Das hätte ohnehin angestanden", sagt der Veranstalter. Also engagierte er einen Experten, der sich mit Konzepten für derartige Großveranstaltungen auskennt und ließ einen Plan erstellen. Der beinhaltet aber die gesamte Fläche, die auch bisher schon für den Jacobimarkt genutzt wurde. Zieht man die Flächenkürzung mit den Sicherheitsrisiken und die aktuelle unsichere Corona-Lage zusammen, bleibe ihm keine andere Wahl, als abzusagen, so Linke. Auch, wenn er gehofft hatte, dass sich die Lage nach der schwierigen Zeit endlich entspannt. "Die Hoffnung wurde leider nicht erfüllt."

Immerhin steht damit eine fast 300 Jahre alte Tradition auf dem Spiel. Seit 1728 fand der Jacobimarkt in Neugersdorf statt - nur einmal ist er ausgefallen - wegen des Weltkriegs. 2020 hat die Corona-Pandemie diese Tradition unterbrochen.

Besonders bitter sei das vor allem für die Schausteller, die in den allermeisten Fällen als Familienunternehmen agieren, sagt Veranstalter Linke. "Sie haben ja überhaupt keine Möglichkeit, irgendwelche Einnahmen zu erzielen." Sie leben jetzt vom Ersparten der Familien, weiß Linke, der mit vielen Schaustellern in Kontakt ist. Aber lange werde das nicht mehr reichen.

2019 hat der Jacobimarkt das letzte Mal stattgefunden. Wird es diese Kulisse wieder geben?
2019 hat der Jacobimarkt das letzte Mal stattgefunden. Wird es diese Kulisse wieder geben? © Matthias Weber

Hat das Volksfest in gewohnter Form eine Zukunft?

Wie sieht unter diesen Umständen die Zukunft des Jacobimarktes aus? Wird es überhaupt irgendwann wieder einen geben? Ginge es nach René Linke, in jedem Fall. "Ich bin gewillt, das fortzuführen. Sonst hätte ich mir jetzt auch nicht die Arbeit und den Aufwand mit dem neuen Sicherheitskonzept gemacht." Aber die Rahmenbedingungen müssten stimmen, sagt er. Und das sei - abgesehen von der Pandemie - mit der verkleinerten Fläche nicht der Fall.

Schon im Vorjahr hatte es um das Traditionsfest einiges Hin und Her gegeben. Linke wollte eine kleine Form in einem abgeschlossenen Bereich organisieren - um das Volksfest doch noch irgendwie zu retten. Ein temporärer Freizeitpark war die Idee, denn das wäre unter Corona-Bedingungen erlaubt gewesen. Doch für das Mini-Schiss'n auf öffentlicher Fläche gab es damals von Landratsamt und Stadtverwaltung keine Zustimmung. Linke wich auf ein Grundstück aus, das in seinem Privatbesitz und kein städtisches Gelände ist und bot dort ein kleines "Sommerfest am Jacobimarkt" - natürlich unter den geltenden Hygienevorschriften. Auch das wird es aber in diesem Jahr nicht geben.

Unter dem Motto "Sommerfest am Jacobimarkt" hatte René Linke im vorigen Jahr einen kleinen Markt auf seinem Privatgelände organisiert.
Unter dem Motto "Sommerfest am Jacobimarkt" hatte René Linke im vorigen Jahr einen kleinen Markt auf seinem Privatgelände organisiert. © Matthias Weber/photoweber.de
Das Sommerfest fand unter besonderen Hygienebedingungen und mit begrenzter Besucherzahl statt.
Das Sommerfest fand unter besonderen Hygienebedingungen und mit begrenzter Besucherzahl statt. © Matthias Weber/photoweber.de

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