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Jolly Jumper: Was macht eine Partyband ohne Partys?

Aufgeben kommt für die Bautzener Musiker nicht in Frage. Doch nach sieben Monaten Corona-Flaute stehen sie vor einer bitteren Konsequenz.

Ein Bild aus besseren Zeiten. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist den Musikern der Bautzener Band Jolly Jumper selten zum Scherzen zumute.
Ein Bild aus besseren Zeiten. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist den Musikern der Bautzener Band Jolly Jumper selten zum Scherzen zumute. © PR

Bautzen. Unterhalten, die Massen antreiben, Party machen - dafür ist die Partyband Jolly Jumper seit ihrer Gründung vor 19 Jahren bekannt. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie schlagen die Musiker leisere Töne an. Der Grund: Zahlreiche fest gebuchte Auftritte wurden mit Verweis auf höhere Gewalt abgesagt - darunter Stadtfeste unter anderem in Radeberg und Dresden oder Oktoberfeste in Thüringen.

Und das in einem Jahr, dass für die vier Musiker rund um Frontmann Björn Neitsch verheißungsvoll begann. Jörgen Märcz, Keyborder der Band, erzählt: "März und April - das ist für uns immer so ein bisschen eine Saure-Gurken-Zeit. Da leben wir vom Ersparten. Aber dieser Sommer - da waren wir uns sicher - würde sich für uns so richtig gut entwickeln, uns endlich auch die Chance geben, private Rücklagen zu bilden."

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Reihenweise Absagen

Die Nachricht, dass sämtliche Großveranstaltungen bis zum 1. August abgesagt werden müssten, traf die Musiker Anfang April daher hart. "Um überhaupt den Überblick über die Flut an Absagen zu behalten, haben wir uns online eine Liste angelegt. Die wurde immer länger", erinnert sich Märcz zurück.

Viele ihrer Auftraggeber, erzählt er weiter, hätten die Musiker unmittelbar nach ihrer Absage für einen Auftritt im kommenden Jahr gebucht. Doch diese Zusagen ernähren eben keine Familien. "Das Jahr hat nun mal nur 52 Samstage. Mehr als hundert Konzerte sind da einfach nicht drin. Wir können die verlorene Sommersaison nicht nachholen", sagt Jörgen Märcz. Die Stadt Bautzen, erzählt er weiter, sei die einzige Kommune gewesen, die die Künstler unterstützt habe. Statt den Bautzener Frühling abzusagen, hatte die Stadt Livestreams veranstaltet - und den Künstlern die volle Gage gezahlt. 

So nachdenklich sieht man Keyboarder Jörgen Märcz nur selten. Die Folgen der Corona-Krise haben seinen Lebensentwurf nachhaltig infrage gestellt.
So nachdenklich sieht man Keyboarder Jörgen Märcz nur selten. Die Folgen der Corona-Krise haben seinen Lebensentwurf nachhaltig infrage gestellt. © SZ/Uwe Soeder

Während Märcz erzählt, wie es anschließend für ihn weiterging, klingt er zunehmend frustriert: "Ich habe die 9.000 Euro Soforthilfe beantragt und auch schnell bekommen. Erst danach habe ich erfahren, dass ich das Geld ausschließlich für laufende Geschäftskosten verwenden darf. Aber ich habe kaum Kosten, zahle nur ein bisschen Miete für meinen Proberaum." Seine Instrumente, sein Auto, all das sei voll abbezahlt. Sein Privatkredit aber, den müsse er jeden Monat bedienen. Sein Erspartes reiche dafür nicht aus. Auch Hartz IV konnte er nicht beantragen. Das Geld, dass die Familie zum Leben habe, müsse auch ohne seine Einnahmen reichen, sei ihm gesagt worden. "Ich falle durch alle Raster. Wenn es hart auf hart kommt, stehe ich nackig da", ist seine schmerzhafte Erkenntnis aus der Summe dieser Erfahrungen.

Ab November klafft ein Loch in der Bandkasse

Um die Mehrheit seiner Bandmitglieder stehe es kaum besser, erzählt er weiter. "Wir haben die gesamten Ersparnisse der Band aufgebraucht. Bis November kommen wir über die Runden. Dann geht uns die Luft aus." Mit Ausnahme von Bassist Richie seien sie alle als Solokünstler selbstständig. 

Märcz' Vorwurf gilt in erster Linie der Kulturpolitik des Freistaates: "Künstler werden bei uns nur unterstützt, wenn sie staatlich sind. In anderen Bundesländern, zum Beispiel in Baden-Württemberg, bekommen Berufskünstler eine Art monatliche Zuwendung. Die braucht es auch. Es ist nicht so, dass wir mit der Kohle klimpern können. Wir wollen nur davon leben können."

Ob sich dieser Wunsch in absehbarer Zeit überhaupt wieder realisieren lässt, stellt Jörgen Märcz nachhaltig infrage. Die Faschingssaison sieht er in Gefahr. "Da kann doch niemand die Hygienebestimmungen einhalten", sagt er. Firmenweihnachtsfeiern - sonst immer ein einträgliches Geschäft für die Party-Coverband - werden reihenweise abgesagt. "Das können sich die wenigsten Unternehmen nach einem Jahr wie diesem noch leisten", weiß er. 

Vom Keyboarder zum Mathe-Lehrer

In Summe habe ihm diese Krise gezeigt, dass sein Großvater Recht gehabt habe, sagt Märcz. "Er hat immer gesagt, Musik sei eine brotlose Kunst." Wie sein Kollege Richie, der in Dresden als Lehrer arbeitet, versucht inzwischen auch Jörgen Märcz, als Lehrer Fuß zu fassen. Die Fächerkombination aus Mathe und Physik - das wäre seins. Aber der Schmerz über diese Entscheidung ist ihm deutlich anzumerken: "Bis jetzt war das Musikmachen unser aller Leben. Ich habe immer gedacht, das geht so weiter, bis wir 70 sind."

Ans Aufhören denken die vier Partymacher aber deshalb noch längst nicht. "Dass wir uns auflösen, steht nicht zur Debatte", stellt Märcz klar. Aber, fährt er fort, es könne sein, dass Jolly Jumper zu einer Hobby-Band werde. Weniger Auftritte wären die Folge. Und noch mehr: "Ob wir dann noch so ein krasses Show-Programm fahren und auf jeden Musiktrend aufspringen können, steht in den Sternen."

Vorher können Fans die Musiker noch beim Oktoberfest in Görlitz und beim Lulatschland in Dresden erleben. Und noch ein Versprechen gibt Jörgen Märcz den Anhängern der Jolly Jumpers: "Wir werden uns auf jeden Fall demnächst mit einem Lebenszeichen bei unseren Fans zurückmelden."

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