merken
PLUS Leben und Stil

Felix und der Kampf gegen Corona-Langzeitfolgen

Ärzte beobachten bei Kindern gehäuft schwere Entzündungen. Nicht alle haben Glück wie ein Junge aus dem Erzgebirge.

Endlich ist Felix aus Bad Schlema im Erzgebirge wieder ansprechbar – eine große Erleichterung für seine Eltern. Den Neunjährigen hätte eine schwere Corona-Folgeerkrankung fast das Leben gekostet. In der Chemnitzer Kinder-Intensivstation des Klinikum
Endlich ist Felix aus Bad Schlema im Erzgebirge wieder ansprechbar – eine große Erleichterung für seine Eltern. Den Neunjährigen hätte eine schwere Corona-Folgeerkrankung fast das Leben gekostet. In der Chemnitzer Kinder-Intensivstation des Klinikum © Klinikum Chemnitz

Felix hatte, wie seine Eltern dachten, nie eine Corona-Infektion. Nicht einmal die mildesten Symptome konnten sie bei ihm beobachten. Und trotzdem lag der Junge aus Bad Schlema im Westerzgebirge mit einer schweren Covid-19-Folgeerkrankung zehn Tage auf der Kinder-Intensivstation. Insgesamt drei Wochen verbrachte der Neunjährige im Krankenhaus. Sein Leben hing zuweilen an einem seidenen Faden. Dabei galten Kinder vor Corona-Infektionen doch allgemein als sicher – wie ist das möglich?

„Kinder sind nicht wirklich geschützt davor, bei ihnen verläuft die Erkrankung nur milder als bei Erwachsenen, oft sogar unbemerkt“, sagt Dr. Axel Hübler, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Chemnitz. Bei manchen Patienten könne nur ein Antikörpernachweis die Verbindung zu Corona herstellen.

Wandern
Schritt für Schritt
Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

Wie bei Felix, als er am ersten Weihnachtsfeiertag in die Kinderklinik des Helios-Klinikums Aue gebracht wurde. Er hatte hohes Fieber, das auf die üblichen Medikamente und Hausmittel nicht reagierte, Schmerzen am Körper und besonders im Nacken. „Er war auch zeitweise weggetreten, weshalb die Ärzte eine Hirnhautentzündung vermuteten“, berichtet die Mutter. Der Neunjährige sei regelrecht aufgeschwemmt gewesen – Wasser habe sich im Körper gestaut und konnte nicht ausgeschieden werden.

Häufig Entzündungsreaktionen

„Wegen des schleichenden Herzversagens mussten wir mit dem Schlimmsten rechnen“, sagt Dr. Jochen Meister, Chefarzt der Auer Kinderklinik. Mit Chemnitz bestehe schon lange eine gute Zusammenarbeit – „bei sehr kritisch kranken Kindern oder neuen Diagnosen wie dieser Corona-Folgeerkrankung überlegen wir gemeinsam, wo das Kind am erfolgreichsten behandelt werden kann. Denn auch ein Transport in eine andere Klinik ist ein Risiko, das man kalkulieren muss“, so Meister. Die neue pädiatrische Intensivstation bot aber die besten Bedingungen, um Felix retten zu können. „Wir hatten panische Angst um ihn“, erzählt die Mutter des Neunjährigen. Sie muss selbst Wochen danach mit den Tränen kämpfen.

Solche schweren, unspezifischen Entzündungsreaktionen seien etwa zwei bis vier Wochen nach einer Corona-Infektion mehr als zufällig häufig aufgetreten, sagt Hübler. Bezeichnet wird die Krankheit als Hyperinflammationssyndrom beziehungsweise Entzündungssturm. Ein Ärzteteam aus den USA hatte im Sommer 2020 erstmals im New England Journal of Medicine darüber berichtet. Daraufhin erweiterte die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie in Deutschland ihr freiwilliges Meldesystem für stationär behandlungsbedürftige Kinder- und Jugendliche mit Corona-Infektionen, an dem mehr als 150 Kinderkliniken der Republik teilnehmen.

Die Uni-Kinderklinik in Dresden werte die Daten für Deutschland aus, erklärt der Kinder-Infektiologe Dr. Jakob Armann: „Seit März letzten Jahres sind 147 Kinder und Jugendliche im Register erfasst, die wegen dieses Entzündungssyndroms stationär behandelt wurden.“ Etwa 50 Prozent der Erkrankten waren über sechs Jahre alt, darunter auch junge Erwachsene.

Große Verwechslungsgefahr

In der ersten Corona-Welle gab es in Sachsen keine stationären Behandlungen wegen eines Hyperinflammationssyndroms. „In dieser Zeit traten die Erkrankungen am häufigsten in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen auf. Das waren damals die Länder mit den höchsten Inzidenzen“, sagt Armann. In der zweiten Welle war dann auch Sachsen betroffen, ebenso Bayern und Nordrhein-Westfalen. Eine weite Verbreitung des Virus verstärkt auch für Kinder das Risiko.

Entzündungsstürme nach Infektionen sind Ärzten eigentlich nicht neu. „Die Auseinandersetzung des Körpers mit der Infektion regt das Immunsystem zu einer unkontrollierten Antwort an“, sagt Armann. Bekannt sei zum Beispiel das Kawasaki-Syndrom – benannt nach dem Ort der ersten Entdeckung. Dessen Symptome unterscheiden sich aber von der Corona-Folgeerkrankung, sodass man von einem eigenständigen Krankheitsbild ausgeht. Es könne unterschiedlich schwer ausfallen. Das Problem: „Diese Erkrankung kann mit einem fieberhaften Infekt verwechselt werden“, sagt Meister. „Gerade in der Coronazeit sollten wir Kinderärzte hier besonders aufmerksam sein.“ Eine Blutuntersuchung könne schon den entscheidenden Anhaltspunkt liefern. Während bei Infekten die Entzündungsparameter im Blut meist wenig auffällig sind, seien sie beim Hyperinflammationssyndrom massiv erhöht.

„Welche Risikofaktoren jedoch zum Ausbruch dieser Erkrankung führen, ist noch nicht klar“, sagt Hübler. Weder zu früh geborene Kinder noch solche mit Vorerkrankungen konnten als Risikogruppe identifiziert werden. Offenbar gebe es auch keine Ansteckung. Denn während es Felix besonders schlimm erwischte, wurde sein Zwillingsbruder Hannes, der mit ihm in die gleiche Klasse geht, nicht krank.

Viele Medikamente für Felix

„Große Sorgen bereiten uns bei den bisher behandelten Kindern neben den schweren Entzündungen auch der Kreislaufschock und die Herzschwäche“, sagt Hübler. Der Kreislaufschock sei lebensbedrohlich. Bei unzureichender Behandlung, zum Beispiel einer Verwechslung mit einer anderen Infektion, könnten Schäden am Herzmuskel und an den Herzkranzgefäßen entstehen. Auch Infarkte und Gefäßaussackungen, Aneurysmen genannt, seien schwere Komplikationen, die das weitere Leben der Kinder belasten.

Felix bekam entzündungshemmende Medikamente, unter anderem Immunglobuline und das Kortikoid Dexamethason, das auch Erwachsene zur Corona-Behandlung erhalten. Außerdem starke Kreislaufmedikamente, die eine dauernde Überwachung erfordern. „Als ich mein Kind so hilflos und apathisch im Bett liegen sah, umgeben von piependen Monitoren, war ich völlig verzweifelt“, erzählt seine Mutter. „Ich hatte panische Angst, dass er es nicht überlebt oder für den Rest seines Lebens eingeschränkt ist.“

Doch nach einigen Tagen ging es langsam wieder aufwärts. Das Wasser im Körper ging zurück. Felix konnte wieder sprechen, wenn auch anfangs ziemlich undeutlich. Doch seine Eltern haben sich über jeden Schritt zurück ins Leben riesig gefreut.

Die meisten sind geheilt

Jetzt ist Felix wieder zu Hause. Er versucht auch schon, ein paar Aufgaben für die Schule zu erledigen. „Leider hat er extreme Konzentrationsprobleme. Er ist noch nicht in der Lage, seine Stifte lange zu halten, um Schreibaufgaben zu erledigen“, sagt sein Vater. Auch sein Herz habe sich noch nicht erholt.

Die Dresdner Uni-Kinderklinik hat die Daten ihrer behandelten Patienten mit Hyperinflammationssyndrom ausgewertet. „Von den 147 gemeldeten Patienten konnten 141 ohne bleibende Schäden aus dem Krankenhaus entlassen werden, sodass bei ihnen nicht mit Langzeitfolgen zu rechnen ist und sie alles wieder machen wie vorher, selbst Leistungssport, wenn die Zeit der körperlichen Schonung vorbei ist“, sagt Armann. Bei sechs Kindern sei eine Gefäßerweiterung zurückgeblieben. Diese könne sich zwar im Lauf der Zeit zurückbilden – doch wenn nicht, dann hätten die Kinder ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte im Erwachsenenalter. Deshalb müssten sie weiter unter Kontrolle bleiben.

Weiterführende Artikel

Corona: Sachsen hilft Tschechien mit Impfstoff aus

Corona: Sachsen hilft Tschechien mit Impfstoff aus

Massentestung in der Region Radeberg, Kretschmer schließt Impfpflicht nicht völlig aus, knapp 400 Neuinfektionen in Sachsen - unser Newsblog.

Wenn Ärzte nichts finden

Wenn Ärzte nichts finden

Dr. Alexander Kugelstadt kümmert sich um Patienten "ohne Befund". Im Interview erklärt der Spezialist für Psychosomatik, was er anders als andere Ärzte macht.

Coronatest beim Zahnarzt ist in Sachsen jetzt möglich

Coronatest beim Zahnarzt ist in Sachsen jetzt möglich

Patienten lassen aus Angst die Zahnvorsorge sausen, zeigen Kassendaten. Die Ausweitung der Testmöglichkeiten soll das aber ab jetzt verhindern.

Nach Corona: Der schwere Kampf zurück ins Leben

Nach Corona: Der schwere Kampf zurück ins Leben

Jenny Fischer ist vor zehn Monaten an Covid-19 erkrankt. An den Folgen leidet sie bis heute. Was man über die Krankheit weiß – und was nicht.

Als Felix aus dem Krankenhaus kam, hat die Familie Weihnachten und Silvester nachgefeiert. „Es gab Gänsebraten, ein kleines Tischfeuerwerk, und auch ein paar Geschenke hatten sich noch angefunden“, erzählt die Mutter. Es sei eine fröhliche Runde gewesen. Nicht auszudenken, wenn am Tisch künftig einer gefehlt hätte.

Mehr zum Thema Leben und Stil