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Corona-Impfung für Schüler: Das rät eine Kinderärztin

Die Impfkommission zögert noch mit einer Empfehlung. Was eine Großröhrsdorfer Ärztin zur Immunisierung von Kindern sagt - und was ihr derzeit große Sorgen macht.

Von Reiner Hanke
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Die Großröhrsdorfer Kinderärztin Dr. Annett Lösel sagt: Eltern sollten frei entscheiden können, ob sie ihr Kind gegen Corona impfen lassen oder nicht.
Die Großröhrsdorfer Kinderärztin Dr. Annett Lösel sagt: Eltern sollten frei entscheiden können, ob sie ihr Kind gegen Corona impfen lassen oder nicht. © Archivfoto: Matthias Schumann

Großröhrsdorf. Bei Kinderärztin Dr. Annett Lösel in Großröhrsdorf steht in der Praxis gleich am Empfang der Hinweis: „Corona-Impfungen für Jugendliche ab 16 Jahren sind bei uns möglich.“ Inzwischen hat die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) das Vakzin von Biontech auch für Kinder ab zwölf Jahren freigegeben. Das Bundesgesundheitsministerium hat die Impfung ebenfalls empfohlen. Bei Annett Lösel gibt es den Piks ab Zwölf aber noch nicht Sächsische.de hat mit der langjährigen Kinderärztin gesprochen.

Seit wann impfen Sie Jugendliche ab 16 Jahren?

Das Angebot ist noch sehr neu. Die ersten sechs jungen Leute mit Vorerkrankungen haben jetzt ihren Impfschutz erhalten. In der kommenden Woche kommen die nächsten zwölf Dosen von Biontech.

Aber Kinder ab zwölf Jahren immunisieren Sie noch nicht. Warum?

Richtig ist, wir haben seit vorigem Freitag die Zulassung durch die Europäische Arzneimittelagentur EMA für Kinder ab zwölf Jahren. Die befasst sich mit der Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs. Aber es fehlt noch die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko). Die ist ungemein wichtig und bezieht auch gesellschaftliche Aspekte mit ein. Bis dahin sehe ich keine Möglichkeit für eine Impfung von Kindern unter 16 Jahren. Zumal das Thema sehr kontrovers diskutiert wird.

Schwere Covid-19-Verläufe sind bei Kindern selten

Wie sehen Sie als Fachärztin die Impfung bei Kindern ab zwölf Jahren? Würden Sie sie generell befürworten oder eher nicht? Ist die Zulassung eine gute Nachricht?

Grundsätzlich ja. Ich erwarte aber, dass die Stiko keine generelle Empfehlung gibt. Sie wird eher zur Impfung für Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen raten, die also besonders gefährdet sind. Kinder mit Herzfehlern, mit neuromuskulären Erkrankungen oder mit Stoffwechselerkrankungen. Und ich finde es sehr sinnvoll, das so zu staffeln.

Warum?

Weil abzuwägen ist zwischen dem Risiko einer Covid-19-Erkrankung bei Kindern und dem Nutzen beziehungsweise den Risiken einer Impfung. So erkranken ja Kinder nach den bisherigen Erfahrungen meist nicht so schwer. Das war bisher auch bei den Fällen in unserer Praxis so. Aber es gibt auch schwere Verläufe bei Kindern und jungen Menschen, aber es ist selten.

Werden Sie die Impfung anbieten?

Ja. Die Eltern sollten die Möglichkeit haben, ihre Kinder impfen zu lassen, wenn sie es möchten. Es muss aber eine freie Entscheidung sein. Mir ist wichtig, dass alle Kinder, ob geimpft oder nicht, gleichermaßen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Sie sollen weder in Freizeit noch Schule Nachteile haben. Es darf keine Einschränkungen geben. Im Zentrum muss der eigene Schutz der Kinder vor dem Virus stehen.

Sie haben viel Kontakt mit Eltern. Wie sehen diese die Corona-Impfung bei Kindern, gibt es bereits eine Nachfrage?

Die gibt es, sie ist noch moderat. Sie wird sicher steigen, wenn die Stiko sich äußert. Bei den Jugendlichen ab 16 gibt es auch eine Warteliste. Die Eltern sind aber sehr gespalten bei dem Thema, wie die Bevölkerung insgesamt. Da sind die Ängste vor Corona, auf der anderen Seite auch vor der Impfung.

Langzeitfolgen müssen weiter erforscht werden

Sind die Ängste berechtigt?

Nach den bisher vorliegenden Daten der klinischen Studien zur Corona-Impfung bei Kindern gibt es keine anderen Nebenwirkungen und Risiken wie die bereits bei Erwachsenen bekannten. Zu möglichen Langzeitfolgen ist aber noch zu wenig bekannt. Die gilt es weiter zu erforschen, bevor man eine generelle Impfempfehlung aussprechen könnte. Viele Beteiligte sind deshalb für ein schrittweises Vorgehen, was die Impfempfehlung für Kinder angeht.

Und wie ist es mit der Sorge vor der Erkrankung?

Ähnlich. Es gibt schwere Infektionen bei Kindern, wenn auch selten. Dazu gehören schwere Entzündungsreaktionen vieler Organe des kindlichen Körpers. Darüber hinaus auch Long-Covid-Erkrankungen, also Spätfolgen, bei Jugendlichen. Aber die Risiken sind bisher nicht genau zu beziffern.

Was raten Sie, wie sollten sich Eltern verhalten?

Ob eine Impfung infrage kommt, hängt immer von den persönlichen Umständen und vom Alter ab. Die Grunderkrankungen sind ein wichtiger Aspekt. Außerdem hat ein zwölfjähriges Kind ganz andere Kontakte als ein 16-Jähriger. Das Infektionsgeschehen ist auch einzubeziehen.

Manche Fachleute sagen, besser wäre es, vor allem die Erwachsenen um die Kinder herum zu impfen.

Auch das ist ein gutes Modell. Es ist im Gespräch mit dem Kinderarzt eine individuelle Abwägung notwendig. Dazu rate ich.

Kinder in der Krise teilweise aus dem Blick verloren

Hat sich die Pandemie auch auf andere Krankheiten ausgewirkt?

Ja, deutlich. Erkältungskrankheiten sind zurückgegangen, um mehr als die Hälfte in unserer Praxis zum Beispiel. Abstand, Masken, Kontaktbeschränkungen, die Kinderbetreuung zu Hause zeigen ihre Wirkung. Aber es wird deswegen nicht ruhiger im Wartezimmer. Es gibt andere Krankheitsbilder, die deutlich zunehmen, das ist die Schattenseite.

Worum handelt es sich?

Es sind Ängste unterschiedlicher Art in einer Größenordnung, wie wir sie vor dieser Pandemie nicht in der Praxis hatten: die Angst, nach dem Homeschooling wieder in die Schule zu gehen. Die Angst vor dem Zusammentreffen mit anderen Menschen. Angst, zu versagen, wenn Kinder wieder zum Unterricht in die Schule müssen, ein vermindertes Selbstwertgefühl. Das äußert sich zum Beispiel in Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Bauchschmerzen. Die Kinder-Psychologen sind inzwischen völlig überlastet. Wartezeiten von mehreren Monaten sind nicht selten.

Was können Sie Eltern dann raten?

Wichtig ist es, viel Verständnis aufzubringen und keinen Druck auszuüben. Die Kinder hatten in der Krise eine wesentlich höhere Belastung, und man hat sie nach meiner Meinung teilweise aus dem Blick verloren. Nun sollten sie möglichst schnell wieder mehr Freiheiten erhalten.

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