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"Der Großteil der erkrankten Patienten ist ungeimpft"

Die Dresdner Kliniken füllen sich wieder mit Covid-19-Patienten. Das medizinische Personal kommt an seine Belastungsgrenze.

Von Julia Vollmer & Sandro Rahrisch
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Für Ärzte und Pflegende ist die Situation sehr belastend.
Für Ärzte und Pflegende ist die Situation sehr belastend. © dpa

Dresden. Die Coronazahlen in Dresden explodieren – 705 Neuinfektion meldet das Gesundheitsamt allein an diesem Mittwoch. Und auch die Zahl der Menschen, die in den Kliniken behandelt werden müssen, nimmt zu.

Mit Stand Mittwoch wird am Freitag die Vorwarnstufe erreicht. Der sächsische Belastungswert für Normalstationen liegt landesweit bei 650 Covid-19-Patienten. Er wurde an fünf aufeinanderfolgenden Tagen überschritten, sodass zum 5. November weitere Einschränkungen greifen. Am Mittwoch waren sachsenweit 920 Betten auf Normalstation belegt, bei den Intensivbetten waren es 224. Doch wie ist die Situation in Dresden?

Wie viele Patienten befinden sich in den Dresdner Kliniken?

In der Uniklinik sind es mit Stand Dienstag 23 Patienten auf Normalstation und 22 auf der Intensivstation (ITS). Wie viele davon Dresdner sind, kann das Klinikum nicht sagen. "Der überwiegende Anteil der ITS-Patienten stammt aus Regionen außerhalb Dresdens", so die Klinik.

Mit Stand Dienstag wurden am Städtischen Klinikum Dresden 88 Corona-Patienten versorgt, davon 70 auf Normalstation und 18 Patienten in der Intensivmedizin, so Sprecherin Viviane Piffczyk. In die Statistik fließen demnach sowohl Patienten, deren Hauptdiagnose Covid-19 ist, ein, als auch Patienten, die beispielsweise nach einem Verkehrsunfall bei Aufnahme positiv getestet werden, aber keine Symptome zeigen.

Zudem werden in diesen Zahlen die Verdachtsfälle geführt. Die Zahlen stellen immer eine Momentaufnahme dar und unterliegen einer hohen Dynamik. Und: Sie steigen und sind höher als vor einem Jahr. "Zum Vergleich: Am 2. November 2020 versorgte unser Klinikum 44 Covid-19-Patienten auf Normalstation und 15 Patienten auf den Intensivstationen", so die Sprecherin.

Das Joseph-Stift versorgt aktuell 19 Corona-Patienten auf Normalstation. "Die Patienten kommen überwiegend aus Dresden", sagt Sprecherin Christine Herzog.

Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums Dresden,
Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums Dresden, © dpa/Sebastian Kahnert (Archiv)

Wie viel Prozent der Patienten sind ungeimpft?

"Der Großteil der an Covid-19 erkranken Patientinnen und Patienten ist ungeimpft, insbesondere auch auf den Intensivstationen des Uniklinikums", sagt Professor Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Uniklinikums. Von den derzeit 22 intensivmedizinisch behandelten Patientinnen und Patienten seien nur vier geimpft. "Nur einer der Geimpften wird invasiv beatmet. Bei den weniger schweren Krankheitsverläufen, die auf der Covid-Normalstation versorgt werden – wir sprechen von insgesamt 23 Patientinnen und Patienten – sind 10 geimpft", sagt Albrecht. Alle Erkrankten, die trotz einer Impfung stationär behandelt werden müssen, leiden unter schweren Vorerkrankungen, sind immunsupprimiert oder sehr alt. In einigen Fällen treffen gleich mehrere diese Faktoren zu.

Das Städtische Klinikum äußert sich nicht zum Anteil der ungeimpften Patienten.

Insgesamt nimmt das Impftempo in Dresden immer mehr ab. Mediziner warnen. "Wir appellieren nochmals an die Bevölkerung: Jeder draußen kann die Kliniken des Freistaats unterstützen, indem er sich für eine Impfung entscheidet oder zeitnah eine Booster-Impfung wahrnimmt", sagt Albrecht.

Wie ist die Belastung für die Ärzte und Pflegekräfte?

"Aus der Perspektive der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Intensivstationen ist die Situation im Prinzip jeden Tag sehr eng: Sie haben bereits zwei Wellen mit hohen Patientenzahlen im Herbst 2020 und Frühjahr 2021 hinter sich", so Albrecht. Nun würden seine Mitarbeiter sehen, wie die Zahlen der an Covid-Erkrankten Tag für Tag erneut zunehmen und mittlerweile das Niveau vom Oktober vergangenen Jahres erreichen.

"Dabei sind die Teams der ITS nicht mehr so leistungsfähig wie damals. Zudem haben einzelne Kolleginnen und Kollegen aus dem Pflegedienst gekündigt und es gibt eine hohe Erkrankungsrate." Auch sei durch die hohe Belastung eine echte Demotivation in den ITS-Teams spürbar.

Ihm sei bewusst, dass die Pandemie insbesondere das Intensiv-Personal sehr gefordert und belastet hat. "Die daraus resultierende Unzufriedenheit kann ich gut verstehen. Ich habe selbst über Jahre auf einer Intensivstation gearbeitet und kenne damit die anspruchsvolle Arbeit aus eigenem Erleben." Man sei kontinuierlich in direkten Gesprächen mit den Pflegenden der besonders von der Pandemie betroffenen Stationen und habe erste Maßnahmen auf den Weg gebracht, um in dieser Situation die Teams physisch und mental zu entlasten.

Auch am Städtischen Klinikum wird unter höchster Belastung gearbeitet. "Heute verfügen wir über ausreichend Beatmungsgeräte, ausreichend Betten, jedoch stellt der Einsatz, insbesondere beim Pflegepersonal, die limitierende Größe dar", sagt Michael Mendt, Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie am Standort Neustadt/Trachau.

Die Mitarbeiter der Pflege seien motiviert, da Corona-Patienten eine besondere fachliche Herausforderung bieten. "Ihr Erfahrungsschatz und das Wissen sind gewachsen. Dennoch ist die psychische Belastung – die in der Intensivmedizin normal ist – nicht zu unterschätzen. Ich habe die Sorge, dass das System und unsere Mitarbeiter ausbrennen", so Mendt. Aus diesem Grund gibt es am Klinikum Unterstützungsangebote, zum Beispiel kollegiale Besprechungen zu dem Erlebten. Außerdem wolle man den Dienstplan für die Mitarbeiter so gestalten, das es Zeit zum Erholen und Abschalten gibt.

Auch Josephstift-Sprecherin Christine Herzog kennt die Belastung für die Kollegen und sagt: "Die Situation ist nicht vergleichbar mit Dezember 2020. Großen Anlass zur Sorge gibt jedoch der sprunghafte Anstieg an Patienten in den vergangenen zwei Wochen." Damit die Belastung für Ärzte und Pflegekräfte nicht so hoch wird, muss die reguläre Versorgung im Krankenhaus eingeschränkt werden.