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Die beschwerliche Corona-Reha

Vor allem alte Menschen brauchen lange, um sich von der Infektion zu erholen. Sachsens Reha-Kliniken reagieren darauf.

Physiotherapeutin Silvana Mohr von der Fachklinik für Geriatrie in Radeburg motiviert Gisela Druschke, ihren Brustkorb noch etwas mehr zu dehnen. Die 82-jährige Patientin hat eine Corona-Infektion
Physiotherapeutin Silvana Mohr von der Fachklinik für Geriatrie in Radeburg motiviert Gisela Druschke, ihren Brustkorb noch etwas mehr zu dehnen. Die 82-jährige Patientin hat eine Corona-Infektion © Thomas Kretschel

Gisela Druschke verzieht das Gesicht. Sie hat Schmerzen, wenn sie versucht, ihre Arme so weit wie möglich nach hinten zu strecken, um den Brustkorb zu dehnen. Doch die Übung sei wichtig, um ihre Lungenfunktion zu verbessern, sagt Physiotherapeutin Silvana Mohr. Denn die 82-jährige Patientin aus Elstra bei Kamenz hat eine Corona-Infektion überstanden, die sie sich Mitte Oktober zugezogen hat.

Sie war in dieser Zeit wegen einer Hüftgelenkoperation im Krankenhaus. Plötzlich bekam sie Fieber und Husten, sie konnte auch nichts mehr essen. Alles habe wie Pappe geschmeckt. „Geruchs- und Geschmacksstörungen haben wir als typisches Zeichen bei Corona-Infektionen beobachtet“, sagt Professor Lorenz Hofbauer, der als ärztlicher Direktor des Zentrums für Altersmedizin die Fachkliniken für Geriatrie im ostsächsischen Radeburg leitet. Frau Druschke habe es glücklicherweise nicht so schwer erwischt wie viele ihrer Altersgenossen.

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Eine künstliche Beatmung, bei der unter Narkose über einen Tubus die Sauerstoffversorgung des Körpers aufrechterhalten wird, blieb ihr erspart. Doch auch sie brauchte eine Atemunterstützung, bekam Sauerstoff über dünne Schläuche zugeführt. Infusionen sorgten dafür, dass sich die Lunge nicht entzündet. Denn längeres Liegen schwäche die Lunge, sagt Professor Hofbauer. Das mache es Bakterien leichter, sich dort festzusetzen.

Die Corona-Infektion hat Gisela Druschke auch beim Einheilen ihres künstlichen Hüftgelenks zurückgeworfen. „Normalerweise können die Patienten nach sieben bis zehn Tagen die Reha beginnen. Bei Frau Druschke hat das drei Wochen gedauert“, so Hofbauer. Jeder Tag Zeitverzug bei der Reha verschlechtere aber die Mobilität. Doch die 82-Jährige kämpft verbissen – weil sie ein großes Ziel hat: Sie möchte zu Weihnachten ihren Urenkel kennenlernen. Der Kleine sei im April geboren, und sie habe ihn noch nicht gesehen. Denn auch im Frühjahr war sie im Krankenhaus – wegen eines Oberschenkelhalsbruches. Aufgrund der Coronagefahr gab es keine Möglichkeit für einen Besuch, zumal die Familie in Köln lebt. Sie unterdrückt die Tränen, während sie das erzählt. Ihre ganze Hoffnung liegt jetzt auf den Festtagen, wo sie ihre Angehörigen treffen kann. Doch zuvor muss sie fit werden, um den Alltag zu meistern, das motiviert sie.

Bedarf an Reha wird steigen

So wie die Fachklinik für Geriatrie haben viele Reha-Kliniken in Sachsen ihr Angebot auch für Corona-Patienten erweitert. „Mit den freien Betten in der Orthopädie, die jetzt nicht gebraucht werden, weil Operationen verschoben worden sind, könnten wir die Krankenhäuser bei der Versorgung von Corona-Patienten entlasten“, sagt Dr. Christoph Altmann, Chefarzt der Kardiologie an der Median Klinik im ostsächsischen Bad Gottleuba. Bereits im Frühjahr habe man deshalb der Deutschen Rentenversicherung als Hauptrehaträger ein spezielles Konzept für die Nachbetreuung leichterer Corona-Fälle vorgestellt. Ziel sei die Wiederherstellung der verlorenen Fähigkeiten oder zumindest eine Weichenstellung für die Nachbetreuung zu Hause.

Auch Krankenkassen übernehmen Reha-Leistungen, zum Beispiel bei Rentnern, wenn dadurch eine Pflegebedürftigkeit verhindert oder gemindert werden könne, informiert Hannelore Strobel, Sprecherin der AOK Plus. Inwieweit in Sachsen bereits Anträge genehmigt wurden, könne sie aber nicht sagen, da die statistische Erfassung nicht diagnosebezogen erfolge. Aufgrund von Atemwegserkrankungen, zu denen Corona-Infektionen gezählt werden, habe es aber bereits zahlreiche Reha-Maßnahmen gegeben.

„In der ersten Welle hatten wir nur vereinzelt Corona-Patienten zur Reha. Da waren die Erkrankungszahlen noch gering, und die Krankenhäuser kamen gut damit zurecht. Jetzt ändert sich gerade die Situation“, sagt Christoph Altmann. In den nächsten Wochen rechnet er mit einem Anstieg des Reha-Bedarfs, weil immer mehr atem-beeinträchtigte Patienten eine Behandlung bräuchten, die Krankenhäuser aber an ihre Kapazitätsgrenzen kämen. Deshalb hoffe man auf schnelle, praktikable Lösungen und eine adäquate Vergütung.

Etwa 850.000 Menschen in Deutschland haben bis jetzt eine Corona-Infektion überstanden, schätzen Intensivmediziner. Die Patienten, die auf den Intensivstationen waren, hätten zwischen 25 und 60 Tagen künstlich beatmet werden müssen. „Diese Patienten werden in speziellen Lungen-Rehazentren langsam von der Beatmung entwöhnt, die Lunge muss diese Funktion erst Schritt für Schritt wieder übernehmen“, sagt Lorenz Hofbauer. Die teils lang andauernde Narkose und die Medikamente beeinträchtigten zudem das Nervensystem. Sprechen, Schlucken, kognitive und viele sonst so selbstverständliche Fähigkeiten müssten wieder neu erlernt werden. Die Patienten leiden unter einem extremen Verlust an Kraft, weil die Muskulatur um 20 bis 30 Prozent abgebaut wurde. „Bis sie wieder in ihren Alltag zurückkehren können, kann das Monate dauern“, so Hofbauer. Manche alten Menschen schafften das nicht, sie müssten in ein Pflegeheim.

Therapie für Lunge und Psyche

Das will Gisela Druschke verhindern. Denn ihr zweites großes Ziel, neben dem Weihnachtsfest in Familie, ist es, wieder in ihr Haus zurückzukehren. Sie lebt dort allein in einer ländlichen Region. Deshalb muss sie ihren Alltag dann weitestgehend wieder selbstständig meistern. „Ich freue mich deshalb auf jede Übungsstunde, auch wenn ich danach fix und fertig bin. Aber ich merke, es geht vorwärts und wird von Tag zu Tag besser“, sagt die Seniorin.

Zur Verbesserung der Lungenfunktion muss zunächst der Brustkorb wieder gedehnt werden. Ein gezielter Muskelaufbau in diesem Bereich erleichtere ein tieferes Ein- und Ausatmen, erklärt Lorenz Hofbauer. In Bad Gottleuba bekommen die Patienten zusätzlich ein Atemübungsgerät, das Tests und tägliches Training aufzeichnet. Zu Beginn der Reha und beim Abschluss absolvierten die Patienten einen sechsminütigen Geh-Test, bei dem die Sauerstoffsättigung des Blutes ermittelt werde. „Das zeigt uns den Erfolg der Behandlung“, sagt Altmann. Einen großen Raum nehme auch die psychotherapeutische Begleitung ein. Die lange Behandlungsdauer, ohne Besuch zu bekommen, aber auch die Isolation zu Hause, soziale Probleme mit Jobverlust und Geldnot setzten vielen Betroffenen stark zu. Ihnen wieder Lebensmut und Kraft zu geben, sei der Anspruch der Therapeuten.

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Auch Gisela Druschke leidet darunter, ihre Angehörigen nicht sehen zu können. Doch die Therapeuten fänden immer tröstende Worte und versuchten, die Patienten mit Musiktherapie, Malen und Spielen von solchen Grübeleien abzulenken, wie sie sagt. „Atmen und Lächeln“ steht an der Wand im Übungsraum der Rehaklinik. Daran will sich Gisela Druschke in der Reha auch weiterhin halten. Bis zum Fest dauert es nicht mehr lange. Ob alles gut gehen wird und sie bis dahin wieder fit genug ist? „Omi, du bist schließlich ein Kriegskind. Du schaffst das“, sagt ihr Enkel ihr immer wieder am Telefon. Hoffentlich hat er recht.

Die Corona-Reha

Die wissenschaftlichen Fachgesellschaften haben Leitlinien erarbeitet, wie eine Reha nach einer Covid-19-Erkrankung aussehen soll.

Reha-Behandlungen sollten bereits auf der Intensivstation beginnen.

Bei relevanten Schädigungen des peripheren oder zentralen Nervensystems ist eine neurologisch-neurochirurgische Frühreha erforderlich.

Nach überstandener schwerer Akutphase bleiben oft Atem- und Leistungsschwäche oder psychische Symptome erhalten. Reha-Angebote sollten dazu stationär, aber auch ganztägig ambulant erfolgen.

Die psychologische Begleitung der Betroffenen sollte die Themen krankheitsbezogene, posttraumatische Ängste und Depressivität sowie Zukunftssorgen enthalten.

Der Rehabilitationsfortschritt sollte im ersten Jahr mindestens vierteljährlich geprüft werden.

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