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Corona: Öffnungsplan steht vorm Scheitern

Die Inzidenz im Landkreis Görlitz steigt. Handel und Schulen wissen nicht, wie lange sie noch offen sind. Nichts ist gewiss.

Wie lange können die Geschäfte im Kreis Görlitz noch Click & Meet anbieten? Das fragen sich derzeit viele.
Wie lange können die Geschäfte im Kreis Görlitz noch Click & Meet anbieten? Das fragen sich derzeit viele. © dpa-Zentralbild

Sie alle freuen sich auf den Neustart: Der Görlitzer Zoo öffnet am Montag wieder, auch das Raschke- und Wachsmannhaus in Niesky wollen dann Besucher nach Termin empfangen und das Schlesische Museum in Görlitz folgt einen Tag später. Doch es könnte eine kurze Freude werden.

Seit die Neuinfektionen wieder steigen und die Inzidenz der Marke von 100 sowohl im Freistaat als auch im Kreis Görlitz bedenklich nahe kommt, wächst auch wieder die Angst vor einem erneuten Lockdown. "Die Angst, wieder schließen zu müssen", erklärt die Görlitzer City-Managerin Ilona Markert am Freitag, "schwingt die ganze Zeit mit."

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Es reicht schon aus, wenn die Inzidenz im Kreis drei Tage über 100 Fälle pro 100.000 Einwohner in einer Woche liegt, und schon müssten am übernächsten Arbeitstag wieder alle Zoos, Museen und Kosmetiker schließen. Die vorsichtige Öffnung im Handel mit Einkaufen auf Termin würde genauso wieder verboten wie Individualsport für bis zu zwei Personen oder in Kindergruppen. Ausgangsbeschränkungen würden wieder eingeführt und der Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit untersagt. Ein Lockdown, wie wir ihn bis zum 7. März kannten.

Schulen sind Orte, wo sich Corona ausbreitet

Schneller als gedacht, sind mit der Öffnung von Grundschulen und Kitas die Infektionszahlen wieder in die Höhe geschossen. Das Kreis-Gesundheitsamt führt darauf die steigenden Corona-Fälle zurück. Zwölf Schulen und zwölf Kindertageseinrichtungen verzeichneten bis Ende der Woche Infektionen mit dem Coronavirus. Sie sind über den gesamten Kreis verteilt und befinden sich in Bad Muskau, Bertsdorf-Hörnitz, Ebersbach-Neugersdorf, Görlitz, Gablenz, Herrnhut, Kodersdorf, Löbau, Neusalza-Spremberg, Weißwasser und Zittau.

In den betroffenen Schulen sind 28 positive Fälle festgestellt worden, davon zehnmal die besonders ansteckende britische Variante - ein besonders hoher Anteil für den Landkreis Görlitz. Auch in den Kitas und Horten verbreitet sich das Coronavirus. Hier wurden 50 Infektionen nachgewiesen, darunter neunmal der Briten-Typ. Ohnehin scheint nun die britische Variante die Pandemie auch im Kreis Görlitz voranzutreiben. Allein am Freitag berichtete das Kreis-Gesundheitsamt über 24 solcher Fälle in den vergangenen Tagen. Immerhin 88 mal wurde der besonders ansteckende und - nach neuen britischen Studien - auch gefährlichere Typ nachgewiesen.

Für Landrat Bernd Lange ist ganz klar, dass die Schulen zur Verbreitung der Corona-Pandemie im Augenblick beitragen. Deswegen appellierte er in einem Schreiben ans Kultusministerium, die höheren Klassen nicht am Montag in die Schulen zu lassen. Zumal auch nicht genügend Selbsttests für alle Schüler zur Verfügung stehen. Das hatte der Freistaat aber als Voraussetzung für einen sicheren Schulstart in seine Corona-Verordnung geschrieben. Keine Woche hielt das Versprechen.

Unterstützung für Lange durch Lehrer-Gewerkschaft

Ab Montag sollen weitere Schüler in die Schulen zurückkehren. Wie lange aber die Schulen öffnen dürfen, ist ebenso ungewiss.
Ab Montag sollen weitere Schüler in die Schulen zurückkehren. Wie lange aber die Schulen öffnen dürfen, ist ebenso ungewiss. © Archivfoto: pawel sosnowski/80studio.net

Für seinen Vorstoß erfährt Lange von den Lehrern Unterstützung. So erklärt Andreas Giersch, Pressesprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Sachsen: "Das sehen wir auch mit großer Sorge. Wir können es nicht nachvollziehen aufgrund der Entwicklung der Inzidenzzahlen in nun immer mehr Landkreisen." In einem Brief der Görlitzer Gymnasien an die Eltern hieß es am Freitag: "Trotz aller zu erwartender Kritik stehen die Schulleiter hinter dem Vorschlag des Landrates." Wohin ein hinausgezögertes Schließen der Schule führen kann, habe das Infektionsgeschehen am Augustum-Annen-Gymnasium Ende letzten Jahres gezeigt, heißt es weiter, als viele Lehrer und Schüler an einer Covid-19-Erkrankung laborierten. Auch momentan sind mehrere Schüler des Joliot-Curie-Gymnasiums am Coronavirus erkrankt. Beide Schulen haben zusammen mit dem ASB für Montag eine Testung aller Schüler der siebten bis zwölften Klassen organisiert.

Dabei stehen die Lehrer in einer schweren Abwägung, weil sie natürlich auch sehen, dass die Wiedereröffnung der Schulen wichtig ist, damit Schüler nicht den Anschluss verlieren. Schwierig findet daher auch Bernd Kaiser, Vorsitzender der GEW im Kreis Görlitz, die Lage: "Die Lehrer stehen zwischen Baum und Borke." Er plädiert dafür, zumindest die vorgegeben Regelungen ab der Inzidenz 100 einzuhalten. "Alles andere ist unglaubwürdig und ein Hinbiegen und Lavieren der Politiker." So schließen die Schulen wieder, wenn die Inzidenz an fünf aufeinanderfolgenden Werktagen überschritten wurde.

Völlige Ungewissheit nagt an den Nerven

Doch wann das der Fall ist, weiß niemand. Diese völlige Ungewissheit nagt ebenso an den Nerven. Das bestätigen auch die Händler, die möglicherweise noch schneller wieder schließen müssen. "Viele Einzelhändler schauen nicht täglich auf die Inzidenz, sie versuchen einfach, zu handeln. Was wollen wir auch anderes tun, als möglicherweise ein Auf-Zu-Auf-Zu mitzumachen", fragt auch der Görlitzer Aktionsring-Vorsitzende Frank Reimann. "Es gibt kein Allheilmittel. Aber insgesamt sind solche Wellen nicht gut."

Der 7-Tage-Inzidenzwert beim Kreis-Gesundheitsamt lag bereits am Donnerstag mit 104 zum ersten Mal über der 100er-Marke, am Freitag waren es 105. Doch entscheidend ist der Inzidenzwert beim Robert-Koch-Institut. Der lag am Freitagmorgen bei 93 und könnte frühestens am Sonnabend erstmals über 100 steigen. Falls das eintritt und die Inzidenz drei Tage lang über 100 liegen würde, müssten die Geschäfte am Mittwoch im Kreis Görlitz wieder schließen, die Schulen könnten spätestens am Freitag wieder an der Reihe sein.

Inzidenz allein reicht nicht als Gradmesser der dritten Welle

Dieses Hin und Her ist auch Folge der Lockerungsschritte, die einzig und allein an die 7-Tage-Inzidenzen gebunden sind. Dabei hatten die Ministerpräsidenten und die Bundeskanzlerin ausgeschlossen, dass es irgendwelche Lockerungen über einer Inzidenz von 100 gibt. Wenn diese Marke überschritten ist, so schilderte Sachsens Regierungschef bei einer Videokonferenz mit Einwohnern aus Görlitz unlängst aus den Erfahrungen der zweiten Welle, gebe es kein Halten mehr und die Inzidenz marschiere exponentiell in Richtung 200 oder 300.

Ob das wirklich solch ein Naturgesetz ist, muss man sich aber mit Blick auf Österreich fragen. Dort liegt die Inzidenz bei rund 200, bei ähnlichen Lockerungen, wie sie derzeit im Kreis Görlitz herrschen. Dafür testet Österreich viel stärker als Deutschland. Die Folge: Die Dunkelziffer von asymptomatischen Infektionen wird kleiner, die Zahl der Infektionen vor allem Jüngerer steigt. Die schweren Krankheitsfälle scheinen im Moment aber noch beherrschbar zu sein.

Die Jüngeren sind jetzt infiziert

Eine ähnliche Entwicklung allerdings ist auch schon im Kreis Görlitz und in Deutschland festzustellen. So gibt es derzeit keine Corona-Fälle mehr in Altenheimen, der 7-Tage-Inzidenzwert liegt bundesweit bei den über 80-Jährigen bei 48, bei den 60- bis 79-Jährigen bei 44. Über alle Generationen gab ihn das Robert-Koch-Institut am Donnerstag mit 69 an, bei den 20- bis 24-Jährigen sogar mit 95.

Dazu passt auch die Nachricht vom Landkreis, dass momentan kein Alten- oder Behindertenheim mehr unter Quarantäne steht. Die letzte Einrichtung, bestätigt eine Sprecherin von Landrat Lange, wurde am Mittwoch dieser Woche aus der Quarantäne entlassen.

Kreis macht Vorschlag für Krankenhaus-Kriterium

Der Landkreis Görlitz hatte sich bereits in den letzten Tagen mit der Frage beschäftigt, bei welchen Inzidenzwerten trotzdem Lockerungen noch möglich sind und welches Kriterium noch wichtig sein könnte. Auch die Görlitzer Gesundheitsverwaltung rüttelte nicht an der Inzidenz von 100 als höchsten Wert für irgendwelche Lockerungen.

Doch nahm sie auch die Belegung der Krankenhausbetten in den Blick, gilt doch als eines der wichtigsten Ziele aller Pandemie-Maßnahmen, das stationäre Gesundheitswesen vorm Zusammenbruch zu bewahren. Sozialbeigeordnete Martina Weber hatte dazu die Erfahrungen aus der zweiten Welle analysiert. Die Erkenntnis: Die Pandemie ist noch zu beherrschen, bis 60 Prozent aller Krankenhausbetten belegt sind, die für Covid-19-Patienten reserviert sind. Im Landkreis stehen 240 Betten für diese Patienten auf Normalstationen und 30 auf Intensivstationen zur Verfügung. Das 60-Prozent-Kriterium wäre dann erst bei 144 belegten Normal- und 18 Intensivbetten erfüllt. Derzeit werden 47 Patienten auf Normalstationen und acht auf Intensivstationen behandelt.

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Doch eine solche regionale Regelung, so bestätigt der Landkreis Görlitz gegenüber SZ und sächsische.de, sieht die derzeit gültige Corona-Verordnung nicht vor. "Daher bestimmt derzeitig der Schwellenwert einer Inzidenz von 100 alleinig die Handlungsoptionen." Der Kreis würde eine Veränderung der Verordnung in dem Punkt begrüßen, das federführende Sozialministerium ließ aber eine entsprechende Anfrage bis Freitagnachmittag unbeantwortet.

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