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Corona-Krise belastet Sachsens Handwerk

Was soll und was darf der Staat? Das Dresdner Handwerk fordert mehr Augenmaß. Nicht nur Kosmetikstudios sind ratlos.

Mehr als Creme und Schminke: Kosmetikmeisterin Elke Städtler in ihrem Kosmetikstudio in Dresden. Ersatzweise unter ihren Händen: Anghel Rizzuti (26) aus Venezuela, die in diesem Jahr ihre Lehre begann.
Mehr als Creme und Schminke: Kosmetikmeisterin Elke Städtler in ihrem Kosmetikstudio in Dresden. Ersatzweise unter ihren Händen: Anghel Rizzuti (26) aus Venezuela, die in diesem Jahr ihre Lehre begann. © Thomas Kretschel

Noch am Montagnachmittag weiß Elke Städtler nicht, woran sie ist. Darf sie ihr Kosmetikstudio in Dresden-Niedersedlitz öffnen oder nicht? Fällt ihr Betrieb mit zweieinhalb Festangestellten und vier Lehrlingen unter jene „körpernahen Dienstleistungen“, deren Ausübung untersagt ist, oder unter die Ausnahme „medizinisch notwendiger Behandlungen“, wie es in Sachsens neuer Corona-Schutz-Verordnung steht? Und verfällt, sollte sie die Fußpflege für Kranke, Alte und Behinderte fortführen, ihr Anspruch auf den 75-prozentigen Schadenersatz durch den Bund?

Schulterzucken auch bei der angefragten Führung der Dresdner Handwerkskammer. „Betriebswirtschaftlich müssten wir raten: Macht lieber erst mal zu“, sagt Hauptgeschäftsführer Andreas Brzezinski zur SZ. Kammerpräsident Jörg Dittrich sieht nicht nur bei dieser Frage Defizite in der Corona-Politik von Land und Bund und spricht gar von „Plan- und Hilflosigkeit“.

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Wie dem kleinen Studio im Dresdner Osten geht es 972 weiteren Kosmetikbetrieben in Ostsachsen, die ihrem Handwerk einen Monat lang nicht nachgehen dürfen. Auch ist es 419 Bäckern, 67 Konditoren und 241 Fleischern untersagt, ihre Cafés und Imbisse zu betreiben und nur Außer-Haus-Verkauf erlaubt. Bundesregierung und Freistaat begründen das mit dem starken Anstieg der Corona-Fallzahlen.

Einzelkämpfer haben es schwer

„Mir war heiß und kalt, als ich davon hörte“, sagt Kosmetikmeisterin Elke Städtler. „Und ich dachte: Geht das jetzt wieder los.“ Schon beim Lockdown im März hätte sie sechs Wochen schließen müssen. Dabei kann die verheiratete Mutter von vier mittlerweile erwachsenen Kindern die Sorge durchaus nachvollziehen, nicht aber die aus ihre Sicht unangemessene Anordnung zur Schließung.

„Gerade bei uns spielt Hygiene eine große Rolle, wir haben strengste Vorschriften und zusätzlich in Desinfektionsmittel, Schutzscheiben an der Kasse, Schutzschilder, -brillen und -handschuhe investiert“, so die Chefin. Alles für die Katz? „Nein“, hofft sie, und dass es im Advent weitergeht. Schließlich seien November und Dezember die umsatzstärksten Monate. Und bis dahin? „Das Schlimmste für mich ist, dass wir Fußpflegekunden nicht mehr bedienen sollen“, sagt die Meisterin. Hühneraugen und eingewachsene Nägel seien äußerst schmerzhaft – zumal für jene, die sich nicht selbst helfen können.

Städtler hegt keinen Neid auf Friseure, die aufmachen dürfen. Eher hadert sie damit, dass der Kosmetiker im vereinten Deutschland, anders als in der DDR, nur noch als „handwerksähnliches Gewerbe“ ohne Qualifikationsnachweis geführt werde. Zulassungspflichtiges Handwerk dürfe jetzt weiterarbeiten. „Dabei bieten wir mehr als Schminke und Nagellack“, sagt die 56-jährige. „Es geht um Gesundheit für Haut und Seele, um Stressbewältigung, Gesundheitsvorsorge, soziale Kontakte, um Zuhören, Wohlgefühl und Glücksmomente – schlicht um Lebensqualität“, so Städtler. „Und es geht um Jobs und Existenzen.“

Angesichts ihres gut gehenden Ladens hat die Meisterin keine Existenzangst, „und meine Mitarbeiter müssen sie auch nicht haben“. Sie weiß aber aus ihrer 85-köpfigen Whatsapp-Gruppe, dass es andere schwer haben, „vor allem Einzelkämpfer“. Sie habe vorsorglich einen Kredit genommen, ihn aber noch nicht genutzt – anders als das Kurzarbeitergeld für ihre Festangestellten. „Ein gutes Angebot der Politik, wie der jetzt geplante Schadenersatz von 75 Prozent des Novemberumsatzes 2019.“

Umdenken gefordert

Auch Jörg Dittrich, Präsident der Dresdner Handwerkskammer, honoriert die Hilfe, hält die befohlene Schließung aber für falsch. „Ich kenne keinen einzigen Fall, indem ein Kosmetikstudio Infektionsherd war“, sagt der Dachdeckermeister. Er spricht von „sehr schwerwiegenden Eingriffen in die freie Wirtschaft“.

„Mit Sorge sehen wir, dass der Staat auch außerhalb dieser außergewöhnlichen Krise immer mehr bereit ist, dass freie Wirtschaften unnötig einzuschränken“, verweist er auch auf die eingeführte Mindestausbildungsvergütung, das geplante Lieferkettengesetz, Überlegungen zum Rechtsanspruch auf Home-Office und zunehmende Klimaschutzvorgaben. Die Folgen: Die Sozialpartner würden ausgeschaltet, Krankenkassen enteignet, Handwerksbetriebe für Dinge in Haftung genommen, deren Kontrolle sie gar nicht leisten könnten. „Sind wir auf dem Weg zur Gemeinwohlökonomie?“, fragt Dittrich rhetorisch.

„Wir brauchen dringend ein Umdenken. Aus Sicht des Handwerks bedarf es einer klaren Rollenverteilung: Der Staat setzt die Rahmenbedingungen, innerhalb derer der Unternehmer frei entscheiden kann“, sagt der Präsident. Das ausgesetzte Insolvenzrecht sei in der 1. Welle richtig gewesen, aber eine Verlängerung erhöhe die Gefahr, dass „Zombieunternehmen“ gesunde Betriebe infizieren.

Unklarheiten bei medizinischen Fußpflegern

Und was passiert nun mit den Kosmetikstudios? „Laut Paragraf 4 der Coronaschutz-Verordnung sind Betriebe im Bereich der körpernahen Dienstleistung, mit Ausnahme medizinisch notwendiger Behandlungen und von Friseuren, zu schließen“, heißt es auf SZ-Anfrage vom Sozialministerium Sachsen. Darunter falle alles, was der Aufrechterhaltung der Gesundheit dient – nicht zwingend nach Einschätzung eines Arztes oder mit Rezept. „Eine medizinische Fußpflege sollte durch einen Podologen oder medizinischen Fußpfleger ausgeführt werden“, so Stellungnahme. Und: „Zum Bundesprogramm mit der entsprechenden Entschädigungsleistung liegen uns derzeit keine Informationen vor.“

Damit ist Elke Städtler „so schlau wie zuvor“. Medizinische Fußpfleger seien nicht definiert. Sie in der DDR, als es noch keine Podologen gab, auch auf dem Gebiet ausgebildet worden. „Ich habe extra mein Zeugnis rausgesucht“, sagt sie und beklagt: „Es ist traurig, dass bei so weitreichenden Beschlüssen niemand Bescheid weiß.“

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  • Das Geschäftsklima in Ostsachsens Handwerk hat sich im Vergleich zu Frühjahr und Vorjahresherbst deutlich verschlechtert.
  • Laut Herbst-Umfrage bezeichnen nur noch gut die Hälfte der 22.500 Betriebe im Kammerbezirk Dresden ihre Geschäftslage als gut, zwölf Prozent als schlecht.
  • Nach dem Lockdown im Frühjahr hat sich die Lage so stabilisiert, dass über die Hälfte der Betriebe gleichbleibende Umsätze melden. Im gewerblichen Bereich beklagt jeder Dritte rückläufige Geschäfte.
  • Noch gut zwei Drittel schätzen den Auftragsbestand als normal ein, jeder fünfte Betrieb erwartet einen weiteren Rückgang.
  • Dennoch haben die meisten gut zu tun, berichten über die Hälfte von fast voller Auslastung. Im Mittel liegt sie bei 84 Prozent.
  • 87 Prozent der Betriebe melden eine konstante oder leicht gestiegene Beschäftigtenzahl, auch wegen vereinfachten Zugangs zu Kurzarbeitergeld.
  • Mit 2.161 Neuverträgen (minus 0,7 Prozent) blieb die Zahl der Azubis im Jahresvergleich konstant. Während der Bau boomt, fehlt Friseuren Nachwuchs.
  • Ungeachtet der Bundeshilfen „ist eine Rückkehr zum Vorkrisenniveau für das Wirtschaftsjahr 2020 nicht zu erwarten“, sagt Dresdens Kammerchef Andreas Brzezinski. (SZ/mr)

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