merken
PLUS Feuilleton

Kultur machen in der Krise

2.900 Künstler in Sachsen beantragten bei der Kulturstiftung ein Denkzeitstipendium. Ergebnisse sieht man im Netz.

Weiß noch jemand, wie es sich anfühlt, im Club zu tanzen? Dominic Kießling nennt sein „Denkzeit“-Projekt ironisch „Nahcluberfahrung“. Der Dresdner Künstler hat zum Soundtrack von Fjaak’s „Stay the f***k home inside“ eineeine kurze Lichts
Weiß noch jemand, wie es sich anfühlt, im Club zu tanzen? Dominic Kießling nennt sein „Denkzeit“-Projekt ironisch „Nahcluberfahrung“. Der Dresdner Künstler hat zum Soundtrack von Fjaak’s „Stay the f***k home inside“ eineeine kurze Lichts © Dominic Kießling

Im Frühjahr erarbeitete die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen ein Hilfsprogramm für Künstlerinnen und Künstler sowie freiberufliche arbeitende Kulturschaffende in der Pandemie. Unter dem Titel „Denkzeit“ können sächsische Künstlerinnen und Künstler ein Stipendium in Höhe von 2.000 Euro beantragen. Das Programm soll den Kulturschaffenden ermöglichen, in Zeiten von Veranstaltungsverboten und geschlossenen Theatern, Museen und Musikschulen an ihrer künstlerischen Arbeit festzuhalten. Über die Ergebnisse sprachen wir mit Stiftungsdirektor Manuel Frey.

Wie viele Künstler haben „Denkzeit“ für sich beantragt?

Bis jetzt sind rund 2.900 Anträge bei uns eingegangen. 2.500 Künstler haben das Geld erhalten, 1.400 Denkzeitstipendien sind abgeschlossen, die Sachberichte liegen uns vor. Insgesamt 6,5 Millionen Euro konnte die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen in Form von Denkzeit-Stipendien ausreichen. Das ist ein Erfolgsmodell, das auch von anderen Bundesländern adaptiert wurde. Man hat erkannt, wie wichtig es ist, Künstler in ihrem Arbeiten zu unterstützen. Denkzeit ist keine soziale, sondern eine künstlerische Förderung. Das hat sich vollständig eingelöst.

Anzeige
Die WOGENO sucht neue Mitarbeiter
Die WOGENO sucht neue Mitarbeiter

Die Wohnungsgenossenschaft Zittau eG bietet für engagierte Bewerber ein attraktives und verlässliches Arbeitsumfeld.

Vor Corona vergab die Kulturstiftung 40 Stipendien im Jahr. Wie haben Sie es geschafft, trotz Shutdown und Homeoffice all die Anträge zu prüfen, die Gelder zu überweisen?

Es war eine immense Arbeitsbelastung, wir mussten ein eigenes Team bilden und in der schwierigen Zeit Mitarbeiter finden, die bereit waren, an dem Programm mitzuarbeiten. So viele Anträge können wir nicht über die klassische Arbeit im Beirat bewältigen. Wir haben deshalb eine kleine Förderrichtlinie entwickelt und auf unserer Website veröffentlicht, in der wir klar definiert haben, was gefördert wird und wer eine Förderung beantragen kann. Die Auswahl treffen wir im Team der Kulturstiftung.

Aus welchen künstlerischen Sparten kamen die Bewerbungen?

Wir wollten so viele Künstler fördern wie irgend möglich, also alle Sparten und auch Kuratoren, Kulturmanager, Musikproduzenten, Veranstaltungstechniker, Musik-, Kunst- und Theaterpädagogen und andere im Kulturbereich freiberuflich Tätige. Der überwiegende Teil der Stipendiaten sind bis dato bildende Künstler, Musiker, Schauspieler und Tänzer.

Wie und wobei kann einen freiberuflichen Musiklehrer das Denkzeitstipendium unterstützen, wenn kein Unterricht möglich ist?

Freiberufliche Musiklehrer konnten sich bei uns bewerben, um über Perspektiven nachzudenken und neue Arbeitstechniken oder Veranstaltungsformate zu entwickeln.

Das heißt, es musste kein künstlerisches Produkt geschaffen werden?

Nein, aber es sind dennoch viele Hundert Kunstwerke entstanden. Auf Instagram unter #denkzeitstipendium findet man einen Überblick der realisierten Projekte. Ich bin sehr beeindruckt von der Fülle und der Vielfalt. Fasziniert hat mich auch die Ernsthaftigkeit, mit der die Künstler rangegangen sind und wie sie ihre Arbeit mit dem Stipendium weiter fortgetrieben haben.

Zum Beispiel?

Ich möchte kein Einzelbeispiel herausgreifen, sondern zwei Aspekte hervorherben. Häufig sind neue digitale Formate das Thema. Die Stipendiaten fragen sich: Wie können wir unsere Kunst in die virtuelle Welt bringen? Wie können wir Lesungen, musikalische Darbietungen aller Art, Performances, Ausstellungen etc. präsentieren und den Menschen zeigen, dass wir in der Krise weitermachen? Der zweite Aspekt ist die Nachhaltigkeit.

Manuel Frey ist Direktor der Kulturstiftung Sachsen.
Manuel Frey ist Direktor der Kulturstiftung Sachsen. © Oliver Killig

Viele Freiberufler waren so herausgerissen aus ihrem Alltag, dass sie sich überlegt haben, wie sie ihre Arbeit auf ein besseres Fundament stellen können. Wie kann es nachhaltig gelingen, sich unter ökonomischen und ökologischen Gesichtspunkten neu aufzustellen, um künftige Krisen besser zu überstehen? Ich finde es sehr ermutigend und sehr besonders, dass die Künstlerinnen und Künstler Konzepte entwickeln, wie sie künftig leben wollen und sich in die Gesellschaft einbringen können.

Künstler und Publikum haben bald gemerkt, dass ihnen die leibhaftigen Begegnungen fehlen. Welche Ideen entwickelten Denkzeitstipendiaten dazu?

Meine Beobachtung ist, dass man sich anfangs stärker auf digitale Formate gestürzt hat und dass es jetzt wieder darum geht, wie wir in der Pandemie Veranstaltungen durchführen. Viele beschäftigen sich mit Corona- und Hygienekonzepten. Konzerte im Freien funktionieren nur im Sommer. Jetzt fragen sich viele: Wie können wir fantasievoll Kirchen, Theater und andere öffentliche Räume nutzen, sodass wir dort unsere Kunst zeigen?

Nimmt die Politik solche Vorschläge zur Kenntnis, reagiert sie darauf?

Das ist schwierig. Ich sehe die Notwendigkeit, die Schließungen zu respektieren und umzusetzen angesichts der gestiegenen Infektionszahlen. Jetzt müssen wir die Voraussetzungen schaffen, dass sowohl die Kulturinstitutionen als auch die Künstler und Kulturschaffenden den zweiten Shutdown überstehen. Uns als Kulturstiftung kommt hier eine besondere Rolle zu. Wir können nicht diejenigen sein, die wirtschaftliche Soforthilfemaßnahmen an Soloselbständige ausreichen. Das muss an anderer Stelle geschehen. Aber wir können mit unseren Förderprogrammen dazu beitragen, dass die künstlerische Produktion und damit auch die Reflektion darüber, was in dieser Gesellschaft gerade passiert, nicht abreißt. Und das halte ich für einen ganz wesentlichen Punkt.

Wird das Publikum die Kunstwerke, die in der Denkzeit entstanden sind, zu sehen bekommen?

Sehr viele der Ergebnisse sind bereits in den sozialen Medien sichtbar geworden. Wir unterstützen diese Form der Öffentlichkeit, wo wir nur können. So veranstalten wir zum Beispiel mit dem Societaetstheater Dresden eine monatliche digitale Veranstaltungsreihe, in der Denkzeit-Stipendiaten ihre Arbeiten vorstellen und über die aktuellen Herausforderungen für die freie Szene diskutieren. Und wir sehen, dass einige der Ideen, die im Rahmen der Stipendien entwickelt wurden, nun als eigenständige Projekte für 2021 beantragt wurden. Das heißt, hier können wir gespannt sein, welchen Weg diese Ideen im kommenden Jahr in die Öffentlichkeit gehen werden.

Interview: Birgit Grimm

Mehr zum Thema Feuilleton