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Deutschland & Welt

Corona-Lage "absolut besorgniserregend"

Intensivmediziner warnen vor Überlastung der Krankenhäuser. Es wäre jetzt schon schlimmer als im Frühjahr. Es fehle vor allem an Personal.

Menschen mit Corona-Infektion werden auf der Intensivstation IT2 im Operativen Zentrum II des Universitätsklinikum Essen behandelt.
Menschen mit Corona-Infektion werden auf der Intensivstation IT2 im Operativen Zentrum II des Universitätsklinikum Essen behandelt. © Fabian Strauch/dpa

Von Ulrike von Leszczynski

Berlin. Auf Deutschlands Intensivstationen ballt sich angesichts der rasant steigenden Corona-Infektionszahlen Wut, Frust und Traurigkeit. "Es ist jetzt schon nachweislich schlimmer als im Frühjahr", sagt Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). "In 14 Tagen haben wir die schweren Krankheitsfälle und unsere großen Zentren kommen unter Maximalbelastung." Kliniken müssten sich deshalb bereits jetzt fragen, bei welchen Patienten sie vereinbarte Operationen guten Gewissens verschieben könnten. Die Devise könne nur lauten: "Fahrt runter!".

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Die Zahl der registrierten Corona-Neuinfektionen in Deutschland hat mit 16.774 Fällen binnen eines Tages am Donnerstag erneut einen Höchstwert erreicht. Der bisherige Rekordwert vom Vortag lag nach Angaben des Robert Koch-Instituts bei 14.964 Fällen.

In Berlin, Bayern und Nordrhein-Westfalen seien einige Kliniken schon gut mit Covid-19-Patienten belegt, andere Erkrankte würden bereits verdrängt, sagte Stefan Kluge, Leiter der Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Die Lage sei "absolut besorgniserregend". Von den Infizierten müssten etwa fünf Prozent im Krankenhaus behandelt werden, zwei Prozent auf der Intensivstation, so Kluge. Über 70-Jährige hätten ein Todesrisiko von über 50 Prozent.

Qualifiziertes Fachpflegepersonal fehlt

Das Problem ist dabei nicht so sehr die Anzahl der Intensivbetten. "Wir haben mehr Betten und mehr Beatmungsgeräte als zu Beginn der Pandemie. Aber wir haben nicht eine müde Maus mehr beim Personal", sagte Janssens. "Bis jetzt sind wir zurechtgekommen. Aber wir müssen die Pflegepersonal-Untergrenzen wieder aussetzen, wenn das so weitergeht." Seine Vereinigung führt ein Register, das die bundesweit freien Intensivbetten anzeigt. Damit soll auch eine Verlegung aus stark ausgelasteten Kliniken in Häuser mit Kapazitäten ermöglicht werden. Die Zahlen werden täglich aktualisiert. Die Intensivbetten sollen dabei mit dem nötigen Pflegepersonal berechnet werden.

Doch der einhellige Tenor aus vielen deutschen Uni-Kliniken lautet Janssens zufolge jetzt schon: Es gibt auch eindeutig mehr Infektionen unter Klinik-Mitarbeitern. "Wir haben im März und April kaum Infektionen gehabt, die jemand von draußen hereingetragen hat", erläutert er. "Jetzt haben wir in kürzester Zeit Mitarbeiter, die positiv sind. Sie sind sofort raus." Andere hätten engen Kontakt zu positiv Getesteten gehabt. "Die sind dann auch noch weg." Das Schichtsystem auf Intensivstationen könne damit schnell aus den Fugen geraten. Ein beatmeter Covid-19-Patient braucht allein bis zu fünf Schwestern oder Pfleger.

Kritik an egoistischer Grundhaltung

Vor einem Personal-Notstand hatte in dieser Woche bereits die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege gewarnt. "Wenn es zu einem massiven Anstieg von Corona-Patienten in den Intensivstationen kommt, werden nicht alle fachgerecht betreut werden können", hieß es. Nicht, weil es an Intensivbetten mangele, sondern an qualifiziertem Fachpflegepersonal.

"Wir richten unseren Aufruf auch an alle Mitarbeiter im Krankenhaus: "Leute, ihr seid systemrelevant. Auch, wenn ihr das Krankenhaus verlasst"", berichtet Janssens, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital im nordrhein-westfälischen Eschweiler. Da sei eine Party einfach nicht der richtige Zeitpunkt. Er selbst sei großer Opern- und Theaterfan. "Ich vermisse das wahnsinnig", ergänzte Janssens. "Aber ich sehe es als gesellschaftliche Aufgabe und Verpflichtung an, mich da zurückzuhalten. Damit schütze ich viele, viele andere."

Er sei nicht sauer, er sei vielmehr traurig über die Entwicklung der Infektionszahlen. "Der persönliche Spaß ist vielen wichtiger als die Gemeinschaft", urteilt Janssens. Die momentane Lage habe seiner Ansicht nach viel mit einer egoistischen Grundhaltung zu tun. "Wenn die Leute mehr "du" denken würden, liefe es sicher besser. Ich sage gern: "Kommt doch mal eine Stunde auf die Intensivstation und guckt euch einen Covid-19-Patienten an. Wie er da auf dem Bauch liegt und was die Schwestern da leisten müssen.""

Blick auf derzeitige Todesfallzahl nicht aussagekräftig

Es sei offensichtlich nicht gelungen der Bevölkerung klarzumachen, was AHA-Regeln sind. Alle gut gemeinten Hinweise haben da aus Janssens Sicht nichts gebracht. "Deshalb wird man um eine Strategieänderung nicht herumkommen." Ein Lockdown? Unter Infektionsschutz-Gesichtspunkten sei es natürlich toll, wenn alle drei Wochen zuhause bleiben, sagte der Mediziner. "Aber dann haben wir eben in sechs Wochen die nächste Welle. Wir müssen endlich in eine Nachhaltigkeits-Debatte einsteigen."

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Ein Blick auf die derzeit nur langsam steigende Zahl der Todesopfer tauge nicht zur Einschätzung der aktuellen Lage, sagte auch Janssens Kollege Stefan Kluge in Hamburg. "Wir müssen auf die Zahl der Intensivpatienten gucken. Dann wissen wir, wohin die Reise geht." Derzeit gehe die Kurve steil nach oben. Es dauere im Schnitt zehn Tage, bis Patienten mit Symptomen auf die Intensivstation verlegt werden müssten. Die Aufenthaltsdauer auf der Intensivstation bei beatmeten Patienten betrage zwei bis drei Wochen. Das bedeute, dass sich die Zahl der Neuinfektionen erst mit einer Verzögerung von drei bis vier Wochen auf die Zahl der Todesfälle auswirke. (dpa)

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