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Die neue Liebe zum Hund

Im Lockdown steigt die Nachfrage nach Welpen. Sachsens Züchter haben lange Wartelisten. Doch manches Tier wird am Ende sogar als Belastung angesehen.

Der Hund ist seines Menschen bester Freund: verlässlich, treu, kalkulierbar.
Der Hund ist seines Menschen bester Freund: verlässlich, treu, kalkulierbar. © Thomas Kretschel

Betty prescht durch vergilbte Halme, die Augen fest auf ihren Menschen gerichtet. Jedes Haar an dem Hund ist pure Lebensfreude, schwerst ansteckend. „Na, komm her, meine Gute“, ruft Nadin Neumann ihr zu. Die Frauenaugen strahlen, das Menschenherz ist so weit wie das winterkahle Feld im Südosten von Chemnitz, auf dem ihr der Hund entgegenfliegt. Der schnauft, niest, verzieht sein Maul, als würde er lächeln. Wild wedelt der Schwanz. Das ist Liebe.

Die des Hundes hat den Ruf, bedingungslos zu sein. Er ist immer da, immer abhängig, immer dankbar für jedes Fitzelchen Aufmerksamkeit. Er ist seines Menschen bester Freund: verlässlich, treu, kalkulierbar. Das waren schon vor Corona genug Gründe für viele Leute, sich einen Hund anzuschaffen. Mit Beginn der Pandemie müssen weitere dazugekommen sein. Denn es herrscht Welpenknappheit.

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5,6 Millionen Hunde leben in Deutschland. 433.600 davon sind im vergangenen Jahr neu hinzugekommen. Allein im Juni 2020 sei die Zahl der Neuregistrierungen um 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen, informiert die Tierschutzorganisation Tasso. Sie betreibt das größte Haustierregister in Europa. „Das ist ein totaler Wahnsinn“, sagt Jörg Bartscherer. „Die Züchter kommen angesichts der Nachfrage überhaupt nicht mehr nach.“ Bartscherer ist Geschäftsführer des Verbandes für das Deutsche Hundewesen (VDH). Seit mehr als 100 Jahren vertritt der die Interessen der Hundehalter im Land. 180 Mitgliedsvereine, 600.000 Mitglieder und 271 Hunderassen führt er in seiner Liste. Wer sich nie damit beschäftigt, kann nur staunen über solche Zahlen. Bei den meisten hört die Kenntnis der Hunderassen nach Pudel, Dackel, Schäferhund und Dogge auf. Bartscherer lebt mit seiner Frau, zwei Hunden und einer Katze in Bochum. Dort sind die Einnahmen aus der Hundesteuer im vergangenen Jahr um 40 Prozent gestiegen.

„Was dieses Jahr los ist, ist nicht mehr normal“

Ganz so verrückt ist es in Sachsen nicht. Dresden meldete 14.500 Hunde, 500 mehr als 2019. In Chemnitz sind mit 9.063 Hunde 351 mehr angemeldet worden. In Görlitz stieg die Zahl um 149 Hunde auf 2.370 und in Zwickau um 124 auf 3.597. Das macht sich auch in den Stadtsäckeln bemerkbar. Die Westsachsen zum Beispiel nahmen 2020 Hundesteuern von rund 460.000 Euro ein.

Auf dem Feld in Chemnitz-Adelsberg lässt Betty sich kraulen. Ihre Bernsteinaugen scannen aufmerksam den Horizont. Sie ist ein English Springer Spaniel. Die Vorfahren der Rasse haben ihren adligen Herren schon im 17. Jahrhundert bei der Jagd geholfen. Betty soll demnächst gedeckt werden. „Anfang März könnte es so weit sein“, hofft Nadin Neumann. Der Wurf wird besser geplant als manche Schwangerschaft beim Menschen. Der Tierarzt überwacht den Progesterongehalt im Blut. Auch beim Hund bereitet das Hormon die Gebärmutter auf die Schwangerschaft vor. Steigt es an, ist das das Startsignal für den Züchter: Die Hündin ist läufig und paarungsbereit. Dann reisen die Neumanns nach Gelsenkirchen zum Deckrüden und überlassen der Natur ihren Lauf. Ob die sich an die Pläne hält, kontrolliert der Tierarzt per Ultraschall. Doch obwohl die Hündin noch nicht einmal gedeckt ist und fraglich, ob alles beim ersten Mal klappt, klickern jetzt schon die Kaufanfragen ein. „Die Warteliste ist schon mehr als voll und wird mit jedem Tag länger“, sagt Nadin Neumann. Allein die Bemerkung „Wurf geplant“ auf ihrem Züchtereintrag auf der Internetseite des VDH lässt den Mailaccount volllaufen.

„Züchter geben mit dem kleinen Hund ein großes Stück Familie weg.“ Nadin Neumann, Züchterin aus Chemnitz
„Züchter geben mit dem kleinen Hund ein großes Stück Familie weg.“ Nadin Neumann, Züchterin aus Chemnitz © Thomas Kretschel

„Was dieses Jahr los ist, ist nicht mehr normal“, sagt eine Züchterin aus dem Elbsandsteingebirge. Sie will unbenannt bleiben. Seit 26 Jahren züchtet sie West Highland White Terrier. Eine ihrer Hündinnen erwartet den nächsten Wurf. Drei bis vier Anrufe erhält die Frau jeden Tag, auch sonntagabends zur „Tatort“-Zeit.

Gleiches Spiel in Strehla bei Riesa. Hier züchtet Christa Mehlau seit 40 Jahren Jack Russell Terrier. Sie sind so was wie die Duracell-Hasen der Hundewelt – unglaublich energiegeladen und einfach nicht kaputt zu bekommen. Ende März erwartet sie den nächsten Wurf. Die Anfragen kommen per Mail, WhatsApp, Telefon. „Die Leute melden sich aus dem ganzen Bundesgebiet und verstärkt aus den alten Ländern“, sagt sie. Die Interessenten rufen aus dem Allgäu, dem Dortmunder Raum, vom Bodensee oder aus München an. Die 500 bis 600 Kilometer bis nach Strehla schrecken sie nicht ab. Manche kommen sogar zwei Mal: zuerst, um den Hund kennenzulernen, dann, um ihn abzuholen. Christa Mehlau hat es sich abgewöhnt, eine Warteliste zu führen. Wer es ernst meint, der ruft noch mal an. Sie kann sich Gelassenheit leisten. Ihre Welpen bekommt sie in jedem Fall los.

Seriöse Züchter zeigen Mutter und Geschwistertiere

Ist die Nachfrage riesig, das Angebot aber überschaubar, wird es teuer. Eine SZ-Stichprobe auf der Internetbörse Ebay-Kleinanzeigen zeigt, dass Mischlinge für bis zu 1.500 Euro gehandelt werden. Rassehunde kosten 500 bis 1.000 Euro mehr. Das lockt auch Kriminelle, die sogenannte „Wühltischwelpen“ aus meist osteuropäischen Vermehrungsanstalten anbieten. „Hände weg“, sagt Bartscherer. Bei seriösen Züchtern lernt der Interessent immer auch die Mutter und Geschwistertiere kennen.

Bei dem Anschaffungspreis bleibt es natürlich nicht. RTL-„Hundepapst“ Martin Rütter hat in seinem Buch „Welpentraining“ aufgelistet, welche Kosten auf einen Hundebesitzer zukommen. Inklusive Anschaffungspreis, Ausstattung, Hundesteuer, Haftpflichtversicherung und Tierarzt kommt er bei einer durchschnittlichen Lebensdauer von zwölf Jahren auf knapp 15.000 Euro. Für das Futter kalkuliert er dabei 50 Euro pro Monat ein.

Warum Haustiere, insbesondere Hunde, eine so positive Wirkung auf den Menschen haben, untersucht Professorin Sandra Wesenberg schon seit Langem. Die Sozialwissenschaftlerin koordiniert zusammen mit Professor Frank Nestmann die Forschungsgruppe Mensch-Tier-Beziehungen an der Technischen Universität in Dresden. Einer der wichtigsten Gründe, warum die Lust auf Hund in der Coronazeit so groß ist, sieht sie in der staatlich verordneten Einsamkeit. „Für viele verspricht ein Hund den Kontakt, den wir zwischenmenschlich vermissen“, sagt sie. „Das Einsamkeitserleben wird durch ihn spürbar verringert.“

„Für viele verspricht ein Hund den Kontakt, den wir zwischenmenschlich vermissen“, sagt Sozialwissenschaftlerin Sandra Wesenberg.
„Für viele verspricht ein Hund den Kontakt, den wir zwischenmenschlich vermissen“, sagt Sozialwissenschaftlerin Sandra Wesenberg. © Christin Klose/dpa

Hunde werden als Familienmitglied wahrgenommen, um das man sich jenseits aller pandemischen Sorgen zu kümmern hat. Sie bringen Abwechslung und Freude, motivieren zur Bewegung an der frischen Luft , steigern damit das Wohlbefinden und reduzieren den Stress ihrer Menschen. Beim Gassi Gehen entstehen auch jetzt Kontakte zu anderen Hundehaltern. „Und viele tauschen über virtuelle Formate ihre Haustiergeschichten aus“, sagt Wesenberg.

Für etliche, die sich schon lange einen Hund wünschen, sehen jetzt ihre Zeit gekommen. Homeoffice und das eingefrorene Sozialleben geben ihnen die Möglichkeit, einen Welpen zu erziehen. Manche Familien geben jetzt auch leichtfertig dem Quengeln der gelangweilten Kinder nach. Züchterin Mehlau ist eine solche Begründung schon mehrfach genannt worden. Ihrer Stimme ist deutlich anzuhören, was sie davon hält. Viel ist es nicht.

Forscher warnen vor romantisierter Verklärung

Tatsächlich haben Hunde während der Corona-Zeit eine stark positive Ausstrahlung auf die Menschen, bei denen sie leben. Zumindest auf einen großen Teil. Das zeigt eine Studie, die im vergangenen Sommer in den USA gemacht wurde. 2.300 Heimtierbesitzer wurden darin nach den Vor- und Nachteilen des Zusammenlebens mit Tieren während der Covid-19-Pandemie befragt. Über 40 Prozent äußerten sich ausschließlich positiv. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. 56 Prozent gaben dazu auch negative Aspekte an. Für 17,5 Prozent der Befragten erhöhte das Zusammenleben mit Tieren den Stress in der Coronazeit deutlich. „Sie nannten explizit, dass sie sich durch ihr Heimtier in der Pandemie zusätzlich belastet fühlen“, sagt Sandra Wesenberg. Sie hatten Betreuungsprobleme wegen geschlossener Hundegruppen, machten sich Sorgen wegen finanzieller Engpässe oder wussten nicht, wohin mit dem Hund bei eigener Erkrankung. Manche nahmen ihr Tier auf einmal als zusätzlichen Störfaktor wahr. Denn durch Unterricht oder Arbeit zu Hause sind die Nerven angespannt. Wer braucht noch einen Hund, der dringend raus muss, wenn der Chef nervt, das Essen anbrennt und das Kind schreit?

Forscher, Züchter und Tierschützer warnen deshalb vor einer romantisierten Verklärung des Lebens mit Hund. Vielleicht ließen es die Lebensumstände jetzt zu, sich ausreichend um das Tier zu kümmern. Aber was wird aus ihm, wenn das Infektionsgeschehen wieder Lockerungen erlaubt und der normale, oft stressige Alltag einsetzt? Was passiert, wenn die Kinder wieder in die Schule gehen, die Eltern zur Arbeit? Wenn Sportvereine und Musikschulen wieder zur Anwesenheit auffordern, Kinos, Theater und Restaurants öffnen? Wohin mit dem Tier, wenn Reisen wieder möglich sind? „Ein Hund ist ein Lebewesen, zu dem ich eine langjährige Bindung aufbaue. Um das muss ich mich auch dann kümmern, wenn ich mal keine Lust darauf habe, wenn es regnet oder ich krank bin“, sagt VDH-Chef Bartscherer. Nur, wer sich solche Fragen stellt und gute Antworten darauf habe, sei als Hundehalter geeignet. „Es darf keine Spontanentscheidung sein. Hunde brauchen zwei bis drei Stunden Bewegung pro Tag. Keiner wird sich damit zufriedengeben, aufs Katzenklo zu gehen“, sagt er.

Die beliebtesten Rassen 2020:

1. Platz: Mischling (111.328 Welpen)

2. Platz: Labrador Retriever (22.372 Welpen)

3. Platz: Deutscher Schäferhund (13.734 Welpen)

4. Platz: Französische Bulldogge (13.657 Welpen)

5. Platz: Chihuahua (12.236 Welpen)

6. Platz: Australian Shepherd (7.751 Welpen)

7. Platz: Golden Retriever (7.097 Welpen)

8. Platz: Jack Russell Terrier (6.268 Welpen)

9. Platz: Havaneser (4.494 Welpen)

10. Platz: Yorkshire Terrier (4.477 Welpen)

Quelle: Tierschutzorganisation Tasso

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Bartscherer befürchtet, dass nach Ende des Lockdowns viele Hunde ins Tierheim abgegeben werden könnten. „Das wird ganz sicher so kommen“, sagt Karin Slogsnat vom Tierheim in Treuen im Vogtland. Für sie ist eher die mangelnde Erziehung ein Problem. „Es ist ein Irrtum, dass der Hund einfach mitläuft. Der Mensch muss ihm die Richtung vorgeben, Rudelführer sein. Sonst klappt das Zusammenleben nicht“, sagt sie. Weit verbreitet ist auch der Irrtum, dass ein Tier einfach so abgegeben werden könne. „Es gibt keine Pflicht zur Aufnahme“, sagt Anke Hoffmann von der Stadtverwaltung Dresden. Manche Tierheime verlangen eine Aufnahmegebühr von bis zu 200 Euro. Zudem muss der Mensch, der seinen Hund loshaben will, einen lückenlosen Impfausweis vorlegen. „Das Tierheim ist kein Problemlöser für private Fehlentscheidungen“, sagt Thomas Weigel vom Tierheim Freiberg.

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Nadin Neumann hält seit 14 Jahren English Springer Spaniels. „Sie sind treu, gelehrig, schlau. Es macht einfach Spaß, mit ihnen zu leben“, sagt sie. Sollte Betty wirklich trächtig werden und Welpen haben, ist jetzt schon klar, dass sie nicht an den erstbesten Interessenten abgegeben werden. „Wir wollen ein Gespür für sie bekommen. Man gibt mit dem kleinen Hund ja auch ein großes Stück Familie weg. Es soll ihm gut gehen“, sagt sie und krault Betty das lockige Ohr.

>>> Tipps für den Welpenkauf

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