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Und wer impft Tante Emma?

Corona beschert Sachsen ein Ladensterben im Zeitraffer. Um Innenstädte vor Verödung zu retten, braucht es langfristige Lösungen: Handel durch Wandel.

Corona forciert nur die Abwanderung ins Internet und den Strukturwandel. Auch, weil Kommunen ihre Einkaufscenter lieber am Stadtrand bauen ließen.
Corona forciert nur die Abwanderung ins Internet und den Strukturwandel. Auch, weil Kommunen ihre Einkaufscenter lieber am Stadtrand bauen ließen. © Frank Rumpenhorst/dpa

Tante Emma hat eine große Familie – die meisten davon haben die Seuche. Nicht erst seit Corona. Sie gehören zur Risikogruppe: dem stationären Einzelhandel. Im Lockdown wartet der Patient seit Wochen darauf, dass ihn die Politik aus dem Wachkoma holt. Doch sie verschreibt nur Placebos wie den Abholservice Click&Collect. Der Folge: Der Unmut im Volk wächst.

Viele Mode-, Schuh-, Buch-, Spielzeug-, Schmuck-, Sportgeschäfte werden – selbst wenn sie irgendwann wieder öffnen dürfen – dauerhaft zu bleiben. Auch, weil Nachfolger fehlen. Die Pandemie sorgt für ein Ladensterben im Zeitraffer. Der Branchenverband befürchtet bundesweit 50.000 Pleiten. Nach Schätzungen kostete der Lockdown Cityhändler nur bis zum 10. Januar gewaltige 22 Milliarden Euro. Ein Kollateralschaden, gemessen an dem, was vor allem kleinen und mittleren Städten nach Corona blüht: Fußgängerzonen und Marktplätze als Dauer-Stillleben.

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Corona ist nicht Auslöser des Dramas

Tante Emma, Sinnbild einer Einkaufskultur mit persönlichem Kontakt, war lange mittendrin, stand für Leben in der City und ist auf dem Land oft die letzte Nahversorgerin. Ihre Spezies ist vom Aussterben bedroht. Marktwirtschaft kennt weder Impfung noch Artenschutz. Auch nicht für Fachgeschäfte, deren Zahl seit 2005 um rund 40.000 sank. Haupttodesursache: Keine Antwort auf veränderte Kaufgewohnheiten. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit, heißt es.

Schon vor sechs Jahren hatte das Kölner Instituts für Handelsforschung Sachsen als Alarmregion ausgemacht. Einige Landkreise müssten sich auf 27 Prozent weniger Einzelhandelsumsatz einstellen, hieß es. Besonders bedroht seien Mittelzentren und Kleinstädte wie Bischofswerda, Hoyerswerda, Löbau oder Weißwasser. Selbst im Herzen Dresdens lichten sich in der Altmarkgalerie die Reihen. Nicht nur kleine, inhabergeführte Geschäfte sind in Not, auch große Namen und Ketten wie Galeria Karstadt Kaufhof, Douglas, Adler-Modemärkte bauen ab oder sind pleite. Andererseits brummt der Onlinehandel, kommen die Chefs von Amazon, Zalando und Co vor Lachen nicht in den Schlaf.

Corona war nicht Auslöser des Dramas. Das Virus forciert nur die Abwanderung ins Internet und den Strukturwandel. Auch, weil Kommunen ihre Einkaufscenter lieber am Stadtrand bauen ließen.

Click&Collect wird den stationären Handel nicht retten

Und was ist Sachsens Beitrag zur Digitalisierung? Es feiert die Zulassung von Click&Collect, nachdem es sich lange als einziges Land verweigert hatte. Den Bohei hätte sich die Staatsregierung sparen können. Dieser Verkaufskanal wird, wie der ab 8. März erwogene Einkauf nach Terminvergabe, den stationären Handel nicht retten. Sein Umsatzanteil ist gering – im Gegensatz zum psychologischen Moment. Schade um die Zeit, in der Entscheider und Betroffene besser langfristige Konzepte erarbeitet hätten. Zur Rettung der Zentren sind alle gefragt: Händler, Gastronomen, Hoteliers, Vermieter, Veranstalter, Künstler, Transporteure, Touristiker, Politiker. Und die Kunden.

Laut Umfragen sorgen sich vier von fünf Deutschen um die Zukunft des Einzelhandels. Dennoch sinkt die Verweildauer in den Innenstädten. Verlorene Kundschaft ist schwer zurückzuholen. Wer einmal im Internet gelandet ist, braucht neue Anreize, in die City zu kommen: einen attraktiven, sauberen und unverwechselbaren Ort, mit dem man sich identifiziert, wo man sich trifft und austauscht. Im doppelten Wortsinn einen Ort der Unterhaltung mit Sitzgelegenheiten, viel Grün und gern einer Prise auch handwerklicher Tradition. Kurz: eine unwiderstehliche Erlebnismeile.

Der Einkaufsbummel ist für viele Menschen Hauptgrund für einen Besuch der Innenstadt. „Stirbt der Handel, stirbt die Stadt“, sagt Stefan Genth, Chef des Handelsverbands HDE. Doch die richtige Mischung machts: Für Ältere anziehend bleiben, für Jüngere attraktiver werden.

Kein Entweder-oder, sondern Sowohl-als-auch

Die Liste der Probleme ist lang, die der Ideen länger: Digitalisierung der City, kostenfreies WLAN, Beleuchtungskonzepte mit Wow-Effekt, Pop-up-Stores als Läden auf Zeit, Abholfächer, Park&Ride-Parkplätze am Stadtrand, kostenloser Nahverkehr an manchen Tagen, flexible Ladenöffnung. Dafür müsste die Gewerkschaft zu größeren Veranstaltungen die heilige Kuh der Sonntagsruhe schlachten.

Noch hackt manch Händler seine Warenbestellung in die Schreibmaschine. Dabei sei es einfach, sich zu vernetzen, Kooperationspartner und Kunden zu finden – ohne Webshop, sagt Handelsguru Marcus Diekmann. Seine Onlinegruppe „Händler helfen Händlern“ hat bereits 3.000 Mitstreiter. Anderswo tüfteln „Die Stadtretter“ und „Stadtlabore für Deutschland“, darunter noch wenige Sachsen.

Der Onlinehandel ist nicht der Böse, vorausgesetzt, er zahlt hierzulande Steuern. „Die Innenstadt der Zukunft braucht ein digitales Fundament“, ruft der Branchenverband BEVH. Die Lobbyisten haben Recht. Es geht nicht darum, die Lebenswelt der Vergangenheit zu rekonstruieren. Es geht um Weiterentwicklung und Verzahnung beider Bereiche. Kein Entweder-oder, sondern Sowohl-als-auch. Und: Es gibt nicht die eine Lösung für alles.

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