merken
PLUS Sachsen

Wenn Ärzte auf Corona-Abwege kommen

In der Pandemie verbreiten immer wieder Mediziner umstrittene Positionen. So wie der Dresdner Gynäkologe Sven Hildebrandt.

Manche Behauptungen von Ärzten haben Schnittmengen mit der „Querdenken“-Bewegung.
Manche Behauptungen von Ärzten haben Schnittmengen mit der „Querdenken“-Bewegung. © Getty Images

Wenn man den Frauenarzt Sven Hildebrandt in seiner Praxis in Dresden-Bühlau besucht, muss man damit rechnen, dass er keinen Mundschutz trägt. Zwar gilt die Corona-Schutzverordnung auch für ihn und sein Team, inklusive Maskenpflicht. Doch Hildebrandt setzt das nicht konsequent um. „Es kam vor, dass mich Patientinnen im Behandlungszimmer gebeten haben, eine Maske aufzusetzen“, sagt er. „Dann habe ich das gemacht, aber auch gesagt, was das gerade für eine schwierige Situation ist.“

Hildebrandt behauptet: „Die wissenschaftliche Datenlage kann einen Nutzen der Maskenpflicht nicht belegen.“ In seiner Praxis steht auf einem Schild, dass „in einigen Räumen“ die Maskenpflicht gilt. Und darunter der Hinweis: „Aus gesundheitlichen Gründen kann jedoch nicht jeder Mensch eine Maske tragen. Das betrifft auch einige unserer Patientinnen sowie einige unserer Mitarbeiterinnen“ Auch in seinem Behandlungszimmer besteht der Arzt nicht auf einen Mundschutz. Denn er hält es „aus Arbeitsschutzgründen“ für falsch, längere Zeit eine Maske zu tragen. Außerdem sei ihm bei Eltern und Kindern die Kommunikation durch Mimik wichtig. In der Corona-Verordnung sind solche Ausnahmen nicht vorgesehen. Aber der Mediziner vertritt oft andere Meinungen, wenn es um Corona geht.

Anzeige
Dynamische Verstärkung gesucht
Dynamische Verstärkung gesucht

Zur Verstärkung ihres Teams sucht die A4RES Gruppe Bautzen motivierte Immobilienkaufleute (m/w/d) für die Verwaltung ihrer Objekte.

Wenn in sozialen Medien oder privaten Telegram-Gruppen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie gewettert wird, werden immer wieder Ärzte zitiert. Medizinerinnen und Mediziner, die angeblich inoffizielle Erkenntnisse entdeckt und ausgewertet haben oder offizielle Daten anders interpretieren und darum den Lockdown, Impfungen oder Tests für Humbug halten. Sie sind gern herbeigezogene Experten für Impfgegner, Corona-Leugner oder Maskenverweigerer. Der Görlitzer Arzt Ralph Tinzmann organisierte zum Beispiel Demos gegen die Corona-Maßnahmen. Die Oelsnitzer Internistin Gerlind Läger trat als Rednerin bei Demos auf und verharmloste Corona. Die Landesärztekammer zeige sie wegen Volksverhetzung an, weil sie bei einer Rede die Maske mit einem Judenstern verglichen habe.

Auch etliche Ansichten von Sven Hildebrandt haben Schnittmengen mit der Querdenken-Bewegung. Er steht nicht als Redner auf Marktplätzen, aber auch er sucht Einfluss und Aufmerksamkeit. Er schreibt Corona-Forderungskataloge, die er unter seinen Patientinnen und Patienten verteilt. Außerdem sucht er seit Monaten Kontakt in die Politik, um sich als Experte zu empfehlen.

Seine Ansichten haben auch in der Öffentlichkeit die Runde gemacht – mit unterschiedlichen Reaktionen. Die einen halten Hildebrandt für einen Aufklärer und verteilen seine Statements. Von anderen kommt Kritik. Beim Kurznachrichtendienst Twitter wurde sogar zum Boykott seiner Praxis aufgerufen. Ein Nutzer veröffentlichte eines seiner Schreiben mit dem Kommentar: „Ich will, dass sich kein Mensch mehr in die Hebammenpraxis Bühlau verirrt. Ich will, dass ihr alle mit entschiedener Härte gegen diese Corona-Leugner steht“. Der Post wurde hundertfach geteilt.

Fallen die Statements unter Meinungsfreiheit?

Auch die sächsische Landesärztekammer wurde auf Sven Hildebrandt aufmerksam gemacht. Die Kammer muss in der Pandemie immer wieder über Ärzte beraten, die mit umstrittenen Aussagen auffallen. Auch bei ihm musste sie abwägen: Fallen seine Statements unter Meinungsfreiheit? Oder verbreitet ein Arzt falsche Fakten zu Corona? Verstößt er womöglich gegen das Berufsrecht?

Gegenüber der Presse ist Hildebrandt misstrauisch. Wenn man ihn um ein Gespräch bittet, hat er zunächst Bedenken. „Nicht, dass Sie noch schreiben, ich bin Querdenker“, sagt er. Das ist eine Sorge für ihn. Der Bewegung, in der sich auch Verschwörungstheoretiker, Rechtsextremisten und Reichsbürger sammeln, will er nicht zugeordnet werden, das hält er für „stigmatisierend“. „Denn ich bin Arzt und Wissenschaftler, nichts anderes.“ Einem Treffen stimmt er schließlich zu, an seinem Arbeitsplatz. Eine große Praxis in einem Zweckbau, im Erdgeschoss ist ein Café mit nachhaltigem Speiseplan, obendrüber sind die Räume für Gynäkologie und Geburtshilfe.

Der Raum, in dem Sven Hildebrandt empfängt, erinnert an ein Wohnzimmer, warme Farben, ein Sofa, Gemütlichkeit. In einem Keramikbecher dampft Kräutertee. Der Arzt, ein drahtiger Mann, Ende 50, trägt auch bei diesem Gespräch keinen Mundschutz. So wie die vier Mitarbeiterinnen, die an diesem Vormittag am Praxisempfang stehen. Und etliche Patientinnen in den Wartezimmern. Fragt man Hildebrandt, warum er beim Interview keine Maske trägt, antwortet er: „Ich will mich ja nicht verstellen.“

Einst hat Sven Hildebrandt an der Berliner Charité Medizin studiert, in Dresden seine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe gemacht. Seit vielen Jahren unterrichtet er auch über eine Professur an der Hochschule Fulda. Die Hebammenpraxis Bühlau betreibt er seit 25 Jahren. Das „ganzheitlich orientierte Konzept“ ist in vielen Kreisen beliebt, auch in Milieus, in denen man von der Schulmedizin nicht allzu viel hält. Die Praxis bietet schulmedizinisch übliche Untersuchungen und Behandlungen sowie alternative Heilmethoden. Es wird anthroposophische Heilkunde nach Rudolf Steiner angeboten. Eine Hebamme, die in der Praxis arbeitet, wirbt mit „Bioenergetischer Meditation“, die Krankheiten heilen soll. Solche Methoden sind in der Ärzteschaft umstritten, ihre Wirksamkeit zweifelhaft.

Sven Hildebrandt, hier in seiner Praxis, ist Gynäkologe in Dresden und Kritiker der Corona-Maßnahmen.
Sven Hildebrandt, hier in seiner Praxis, ist Gynäkologe in Dresden und Kritiker der Corona-Maßnahmen. © Ronald Bonß

Für das Gespräch hat sich Hildebrandt akribisch vorbereitet, er raschelt mit Papieren, klickt durch Grafiken auf seinem Computer, setzt immer wieder zu langen Erklärungen an. Das Thema Corona treibt ihn um. Mitte Januar hat er auf seiner Webseite ein neues Papier veröffentlicht. Darin schreibt er: Viren seien „ein bisher nicht erklärbares Naturphänomen, das möglicherweise einen biologischen Sinn hat. Das Problem ist nicht das Virus, sondern die Immunantwort geschwächter Personen.“ Und Hildebrandt listet Forderungen auf: „Sars-Cov-2-PCR-Tests sollen an symptomfreien Personen verboten“ werden. Er glaubt, so könne man „die ,Fallzahlen‘ so drastisch senken und ,falsch positive‘ Quarantänen verhindern, dass für die Behandlung wirklich kranker Menschen wieder genügend Personal zur Verfügung stünde“. Außerdem will er ein „Verbot demagogischer Aussagen in der Öffentlichkeit“. „Särge stapeln sich“ – solche Berichte von Journalisten aus sächsischen Krematorien hält er für „reißerisch“. Und er zweifelt an mRNA-Impfstoffen. Dazu schreibt er: „Jeder muss wissen, dass mit der völlig neuen Impftechnologie in das Erbgut eingegriffen wird.“

Es gibt Fakten, die seinen Aussagen widersprechen. Dass es in Sachsen rund um den Jahreswechsel zu einer deutlichen Übersterblichkeit und Überlastung vieler Krematorien kam, können Behörden und Berichterstatter bezeugen. Dass auch symptomfreie Menschen auf Corona getestet werden, ist eine von vielen Wissenschaftlern bestätigte Strategie, um Infektionsketten zu durchbrechen und die Verbreitung des Virus einzudämmen. Dass Impfungen das Erbgut manipulieren, verneinen zuständige Behörden. Das Paul-Ehrlich-Institut, als oberste Bundesbehörde verantwortlich für die Kontrolle, erklärt zu mRNA-Impfstoffen: „Es besteht kein erkennbares Risiko einer Integration von mRNA in das humane Genom. Beim Menschen befindet sich das Genom in Form von DNA im Zellkern. Eine Integration von RNA in DNA ist unter anderem aufgrund der unterschiedlichen chemischen Struktur nicht möglich.“ Man kann darüber mit Hildebrandt diskutieren, doch es überzeugt ihn nicht. Er glaubt, dass andere „entscheidende Denkfehler“ machen.

Wegen seiner Aussagen haben in den vergangenen Monaten einige Patientinnen seine Praxis verlassen. Kein riesiger Schwund, sagt Hildebrandt, „ich merke das nicht groß“. Manche hätten ihm geschrieben, dass er sich irrt, wenn es um Corona geht. Mit einigen habe er sich auseinandergesetzt. „Aber insgesamt bekomme ich mehr positiven Zuspruch.“

Vor einigen Wochen schaltete sich die Landesärztekammer ein. Während der Pandemie gibt es immer wieder Hinweise zu Ärztinnen und Ärzten, bei denen geprüft wird, ob sie gegen die Berufsordnung, das Strafrecht oder die Corona-Schutzverordnung verstoßen. Die Landesärztekammer geht nach eigenen Angaben rund 60 Vorgängen nach. Zwölf Verstöße gegen den Infektionsschutz seien an die Gesundheitsämter weitergeleitet worden. Vier Fälle hätten die zu Strafanzeigen geführt.

Auch im Fall Hildebrandt gab es mehrere Hinweise. Von wem sie kamen, bleibt unklar. Nach Beratungen teilt die Kammer mit, dass „es sich bei den Positionen von Herrn Hildebrandt um freie Meinungsäußerungen“ handelt. „Der Vorgang wurde deshalb abgeschlossen.“ Sven Hildebrandt ist erfreut, etwas anderes habe er nicht erwartet. Für ihn ist der Bescheid eine „Legitimation meiner Haltung“ von einem hohen Gremium der Ärzteschaft. Aber es gab noch einen anderen Vorfall. Vor einer Weile seien Mitarbeiter des Gesundheitsamts zu einer überraschenden Kontrolle in seiner Praxis gekommen, erzählt er. Auch zu diesem Zeitpunkt seien Menschen ohne Masken in den Räumen gewesen. Der Arzt vermutet, dass er deshalb einen Bußgeldbescheid bekommen könnte, auch wenn bisher nichts angekommen sei. „Ich wäre gar nicht böse darüber, denn dagegen würde ich klagen. Ich hätte gern, dass meine Haltung auch mal juristisch geprüft wird.“

Runder Tisch mit Ministerpräsident Kretschmer

Als Arzt fühlt sich Sven Hildebrandt auf sicherem Posten. Aber offenbar wäre er gern noch mehr, so etwas wie ein Corona-Berater der Politik. Im Sommer saß er an einem Runden Tisch mit dem sächsischen Ministerpräsidenten. Das Treffen fand diskret statt und wurde von Michael Kretschmer bis heute nicht öffentlich kommentiert. Es war wohl als Versuch gedacht, mit „Querdenkern“ ins Gespräch zu kommen. Der CDU-Politiker hatte sich Wissenschaftler mitgebracht und wollte mit Protagonisten der Szene reden. Mit dabei waren zum Beispiel Stefan Homburg und Sucharit Bhakdi, Stars der Bewegung. Sven Hildebrandt kennt diese Leute, er saß damals mit ihnen am Tisch. Die Runde mit Kretschmer hat ihm gefallen, mehr Kontakt gab es danach allerdings nicht.

Sven Hildebrandt hat es weiter versucht, Grüne und Linke angesprochen, die SPD-Gesundheitsministerin Petra Köpping kontaktiert. Auch sie lud ihn zum Gespräch ein. Im vergangenen Herbst saß er etwa eine Stunde bei ihr im Ministerium und erklärte ihr seine Sicht auf die Dinge. Nett sei es gewesen, sagt er. Aber erneut: Eine Wiederholung gab es nicht. „Sie vertraut dem Robert-Koch-Institut mehr als mir, hat sie gesagt. Das hat mich ernüchtert“, erzählt Hildebrandt.

Die Ministerin erklärt auf Anfrage zu dem Treffen: „Es handelte sich um einen offenen Austausch, in dem die jeweiligen Positionen erläutert worden sind.“ Das Sozialministerium habe dabei „wissenschaftliche Erkenntnisse vorgelegt“. Und „Herrn Dr. Hildebrandt ermuntert, gemäß den wissenschaftlichen Regularien seine Thesen zu untersetzen und im wissenschaftlichen Diskurs zu verteidigen“.

Inzwischen steigen in Deutschland, auch in Sachsen, die Corona-Zahlen erneut. Die dritte Infektionswelle ist im Gange. Hat Sven Hildebrandt schon Corona-Fälle in seinem Umfeld erlebt? „Nein“, sagt er. Und fügt hinzu, er wisse von der erkrankten Frau eines Kollegen. „Ansonsten habe ich noch keinen einzigen Erkrankten gesehen.“ Er habe von einigen Menschen gehört, dass sie Corona-positiv getestet wurden. „Aber, ob die auch erkranken, das ist ja die andere Frage.“ Eventuell sei seine Wahrnehmung nicht repräsentativ, sagt er noch. „Möglich, dass einige das auch anders erleben.“

Weiterführende Artikel

Corona: 2.000 Infektionen mehr als vor einer Woche

Corona: 2.000 Infektionen mehr als vor einer Woche

RKI meldet mehr als 27.500 Neuinfektionen und steigende Inzidenz, viele Schulen und Kitas in Sachsen müssen schließen - unser Newsblog.

„Bei mir gibt es sofort einen Termin“

„Bei mir gibt es sofort einen Termin“

Der Radeberger Arzt Hartmut Kirchner wurde jüngst für seine Krisensprechstunde ausgezeichnet. Er hofft, dass viele seinem Beispiel folgen.

„Kein Fachbereich ist davor sicher“

„Kein Fachbereich ist davor sicher“

Wie kommt es, dass Ärzte den Boden der Wissenschaft verlassen? Jan Oude-Aost ist Experte für Pseudomedizin. Er sieht die Ursachen auch im Studium.

Wäre es möglich, dass auch er selbst sich täuscht? „Das frage ich mich jeden Morgen“, sagt er. „aber die Argumente sind so überwältigend, dass ich bisher noch nie wirklich Zweifel hatte.“ Bei anderen sieht Hildebrandt viele Fehler. An sich selbst zweifelt er nicht.

Mehr zum Thema Sachsen