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Eltern vorm Nervenzusammenbruch

Schule zu Hause - das stellt viele Familien vor eine Riesenherausforderung. Zwei Löbauer Mütter erzählen. Und haben eine klare Forderung.

Mama arbeitet im Homeoffice, beschult nebenbei die Kinder und wuppt den Haushalt - viele Familien sind deshalb momentan mit den Nerven am Ende.
Mama arbeitet im Homeoffice, beschult nebenbei die Kinder und wuppt den Haushalt - viele Familien sind deshalb momentan mit den Nerven am Ende. © dpa

Maria H. räumt die Hefter zusammen und legt sie ins Regal. Normalerweise ist das hier der Arbeitsraum, in dem sie Büroarbeiten für die Firma ihres Mannes mit erledigt. Jetzt ist er zum Unterrichtszimmer umfunktioniert. Eine Etage höher toben ihre beiden Jungs. Wieder ein Tag geschafft! Morgen früh wird sich die junge Mutter aus dem Löbauer Umland wieder beizeiten den Wecker stellen, um die Kinder zu wecken, das Frühstück zu richten und die Schulaufgaben vorzubereiten. "Spätestens um acht sitzen wir hier am Tisch und legen los - oder besser: wir quälen uns." Wegen des Lockdowns sind die Kinder zu Hause, müssen selbstständig lernen - über digitale Plattformen wie Lernsax oder Aufgaben, die ihnen die Lehrer zuschicken. Ihre Söhne gehen in die dritte und die fünfte Klasse. "In dem Alter kann man sie mit den Aufgaben nicht allein lassen." Jeden Tag wird die Mutter nun gleichzeitig zur Lehrerin. Seit Wochen geht das so - und an ein absehbares Ende glaubt Maria nicht.

Jetzt sitzt sie an ihrem "Unterrichtstisch" mit ihrer Freundin Steffi aus dem Nachbarort. Sie bauen sich gegenseitig auf. Aber auch hier ist das alles bestimmende Thema: die Schule. Steffi hat vier Kinder, die sie allein zu Hause betreut: ein Baby, ein Kleinkind und zwei Schulpflichtige, die unterschiedliche Schulen besuchen.

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Ihre richtigen Namen wollen die Freundinnen nicht öffentlich machen. Sie fürchten Nachteile für ihre Kinder. Denn sie sehen die Situation kritisch: In der Zusammenarbeit mit den Schulen läuft es nicht immer rund. Online-Unterricht, bei dem der Lehrer mit den Kindern direkt per Videokonferenz eine Unterrichtsstunde abhält, gab es zum Beispiel nur auf Drängen der Eltern. Gerade die Hauptfächer sollten generell per Online-Konferenz unterrichtet werden, finden sie. "Und warum ruft eine Klassenlehrerin nicht mal an und erkundigt sich, wie es läuft?", so Maria.

Eltern helfen sich gegenseitig

Arbeiten geht die junge Mutter momentan nicht. Sie ist als Verkäuferin angestellt. Der Laden hat wegen des Lockdowns zu. Beinahe könnte man das als glücklichen Umstand bezeichnen. Denn so kann sie sich um ihre beiden Jungs kümmern. Manchmal ist der Sohn einer anderen Freundin mit dabei. Sie ist alleinerziehend. "Man muss sich untereinander helfen", sagt Maria. Für sie und ihre Freundinnen ist das Homeschooling eine Riesenherausforderung. "Ich bin ja kein Lehrer, ich weiß nicht, wie man das richtig erklärt." Und dann diese Aufgaben, bei denen sie selbst manchmal kaum durchblickt: Mathe, Bruchrechnung, Englisch, deutsche Fabeln und jetzt sollen sie auch noch Tschaikowskis Nussknackersuite auseinandernehmen.

Es sei doch etwas ganz anderes, ob eine Lehrerin vor der Klasse steht und den Stoff erklärt, als wenn Mama das zwischen ihrer eigenen Arbeit, Mittagessen kochen und der Bügelwäsche macht. "Bei mir rennt mein Sohn in einer Stunde zwanzig Mal aufs Klo. Das würde er sich in der Schule bestimmt nicht trauen." Da müsse sie sich schon manchmal sehr zusammenreißen, um nicht zu wütend zu werden. "Ich kann mir vorstellen, dass es da in anderen Familien auch mal knallt." Sie befürchtet, dass es auch auf der sozialen Ebene für manche Kinder gerade ganz düster aussieht.

Defizite sind vorprogrammiert

Das bestätigt Ronald Lindecke, amtierender Kreiselternsprecher im Landkreis Görlitz. "Wir haben eine breite Gemengelage", sagt auch er. Es gebe Eltern, die mit der Beschulung ihrer Kinder zu Hause ganz gut zurechtkommen. Etwa, weil sie selbst in pädagogischen Berufen arbeiten. Andere würden sich bemühen, es aber kaum schaffen, weil sie arbeiten müssten und nebenbei die Beschulung der Kinder übernehmen. Und dann seien da noch die Kinder, die ohnehin schon Probleme in der Schule und im sozialen Umfeld haben. Manche Eltern hätten selbst gar nicht den Bildungsstand, um beim Lernen unterstützen zu können. Kein Wunder, meint Lindecke. "Der Lehrerberuf verlangt ein Studium von fünf Jahren. Das schütteln doch Eltern nicht so nebenbei aus dem Ärmel." Defizite seien vorprogrammiert und würden sich durch das ganze Schulleben weiterziehen. Das kann Maria nur bestätigen. Bei ihrem Drittklässler hapert es noch immer mit der Schreibschrift. Denn schon im vorigen Schuljahr, als er in die zweite Klasse ging, war ja die Schule für etliche Wochen geschlossen.

Wenn nur wenigstens die Technik mitspielen würde! Vor einigen Tagen hat sich Maria früh um fünf den Wecker gestellt, um über Lernsax Arbeitsblätter auszudrucken. "Am Vormittag, wenn dann alle drin arbeiten, ist das System heillos überlastet." Hinzu kommt, erzählen die Mütter, dass jeder Lehrer seine Arbeitsblätter und Aufgaben in unterschiedlichen Formaten schickt. "Manches kann ich gar nicht öffnen oder drucken, da muss ich wieder eine andere Mutti anrufen und fragen, ob sie's für uns mit ausdruckt."

Auch die Eltern-Kind-Beziehung leide unter der Situation, erzählen die Mütter. "Weil man ja gleichzeitig der Lehrer ist", sagt Steffi. Maria nickt. "Stell' dich doch nicht so dämlich an!", hat sie neulich zu ihrem Sohn gesagt. Er begriff einfach nicht, was sie versuchte, ihm zu erklären. "Das hat mir natürlich sofort leid getan. Aber ich war so verzweifelt, weil er es nicht verstanden hat."

Extra-Ausgaben für Laptop und Drucker

Und dann ist da noch der finanzielle Aspekt: Gestern hat der Laptop den Geist aufgegeben, der Drucker ging schon vor ein paar Tagen kaputt. Beide Geräte hat die Familie jetzt neu bestellt, 700 Euro kostet die Neuanschaffung. Im Regal stehen nagelneue Bücher: Englisch-Wörterbücher, Übungshefte, Duden. Rund 150 Euro hat Maria in den letzten Wochen in das zusätzliche Lernmaterial investiert. "Wir können uns das gerade noch leisten", sagt sie. "Viele andere Familien sicher nicht." Dabei fürchtet auch sie um ihren Job. "Wenn der Lockdown noch länger geht, wird der Chef wohl bald gar nicht mehr aufmachen", vermutet sie. Die Kosten für den Laden laufen ja weiter, Einnahmen hat er nicht. "Wenn das so weitergeht, bin ich meinen Job bald los."

Das alles zehrt an den Nerven. "Manchmal bin ich abends kurz vorm Heulen." Ein Wochenende zur Entspannung gibt es nicht. "Wir schaffen die Aufgaben unter der Woche nicht." Auch die Ferienwoche Anfang Februar wird für das Nacharbeiten der Schulaufgaben draufgehen. "Ich wache manchmal nachts auf und überlege, ob wir auch alle Aufgaben erledigt haben. Ich gehe echt auf dem Zahnfleisch." Wenn die Schulsachen geschafft sind, dann sind da ja noch andere Aufgaben, die eine Mutter so zu erledigen hat: Wäsche waschen, bügeln, einkaufen, Essen kochen oder auch mal wieder Staubsaugen.

Heute ist Maria beim Kinderarzt gewesen und hat nach einer Kur gefragt. Das könnte vielleicht nächstes Jahr klappen, hat der Arzt gesagt. Die Kurkliniken können nur mir halber Belegung betrieben werden. Entsprechend lange wartet man auf einen Platz, die Nachfrage ist groß. "Mutter-Kind-Kuren werden jetzt boomen", vermutet auch ihre Freundin Steffi. "Viele Mütter sind nervlich am Ende."

Schuljahr soll wiederholt werden

Was aber ist die Lösung? Maria hat da eine ganz klare Vorstellung: "Das Schuljahr muss wiederholt werden!" Anders könnten die Defizite nicht aufgeholt werden. Wie das gehen soll, diese Frage steht im Raum. Schließlich wäre dann ein Jahrgang zu viel an jeder Schule. Dafür fehlen nicht nur Lehrer, sondern auch Unterrichtsräume. "Da muss sich die Landesregierung was einfallen lassen und den Schulen unter die Arme greifen", sagt die junge Mutter resolut. "Uns fragt ja auch keiner, wie wir das hier alles wuppen. Es muss irgendwie gehen."

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