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Corona: Diese Gefahr geht von der Delta-Variante aus

Deutschland ist in Lockerungsstimmung. Doch die Hoffnung auf einen unbeschwerten Sommer könnte getrübt werden durch eine Virusmutation.

Badegäste genießen in Hamburg das heiße Wetter: Werden wir zu leichtsinnig?
Badegäste genießen in Hamburg das heiße Wetter: Werden wir zu leichtsinnig? © dpa/Markus Scholz

Von Patrick Eickemeier, Cordula Eubel und Jan Kixmüller

Anfang Juni machte Gesundheitsminister Jens Spahn den Menschen in Deutschland Hoffnung: „Das kann ein richtig guter Sommer werden“, sagte der CDU-Politiker mit Blick auf deutlich sinkende Infektionszahlen.

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Zwei Wochen später ist die Zahl der Ansteckungen weiter rückläufig, die ersten Gemeinden melden eine Sieben-Tage-Inzidenz von null. Die Debatte über weitere Lockerungen der Corona-Maßnahmen nimmt an Fahrt auf, die ersten Bundesländer wollen die Maskenpflicht zumindest teilweise aufheben.

Doch wie schnell sich ein positiver Trend auch wieder drehen kann, zeigen die Erfahrungen aus Großbritannien, wo sich die hoch ansteckende Delta-Variante des Coronavirus derzeit rasch ausbreitet.

Auch wenn diese in Deutschland bisher nur einen geringen Anteil an den Neuinfektionen ausmacht, sieht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Gefahr, dass sich das ändern könnte. Sie spricht von einem „Wettlauf mit dem Impfen“.

Wie ist die Lage in Großbritannien?

Wegen der schnellen Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus verschiebt Großbritannien die geplanten Lockerungen. Ursprünglich sollten am 21. Juni fast alle Corona-Maßnahmen aufgehoben werden, doch nun soll dieser Schritt erst einen Monat später kommen. „Wenn wir jetzt vorsichtig sind, haben wir in den kommenden vier Wochen die Chance, viele Tausende Leben durch die Impfung von Millionen weiteren Menschen zu retten“, sagte Premierminister Boris Johnson.

Die Delta-Variante ist inzwischen in Großbritannien vorherrschend: Mehr als 90 Prozent der Neuinfektionen gehen auf die Mutation zurück, die zuerst in Indien nachgewiesen wurde.

Wochenlang waren die Fallzahlen stabil, doch nun steigen sie wieder deutlich. Die Inzidenz, die noch Anfang Mai unter 20 lag, kletterte mittlerweile wieder auf deutlich mehr als 70 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. Es müssten immer mehr Patienten auf den Intensivstationen behandelt werden, betont Premierminister Johnson. Experten sprechen deshalb von einer beginnenden dritten Welle.

"tag der Freiheit" abgeblasen: Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien
"tag der Freiheit" abgeblasen: Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien © Justin Tallis/PA Wire/dpa

Dabei war Großbritannien schon relativ weit mit den Impfungen vorangekommen: Etwa vier von fünf Erwachsenen haben bereits eine Erstimpfung erhalten, rund 58 Prozent die zweite Dosis. Mit der Verlängerung der Corona-Maßnahmen will die britische Regierung Zeit für mehr Impffortschritt gewinnen. Er sei zuversichtlich, dass vier Wochen ausreichen dürften, sagt Johnson.

Wie viel ansteckender ist Delta?

Bislang ist der Anteil dieser Coronavirus-Variante in Deutschland gering. Laut Robert-Koch-Institut wurde die Mutante in etwas mehr als sechs Prozent der Proben nachgewiesen, ihr Anteil steigt in den vergangenen Wochen jedoch stetig an. Dagegen liegt der Anteil der Variante Alpha stabil bei rund gut 86 Prozent - Tendenz leicht sinkend.

Die Delta-Variante ist mehrfach mutiert. Einige der genetischen Veränderungen betreffen das für das Eindringen in Zellen wichtige Spike-Protein. Sie könnten die Übertragung erleichtern, da Delta möglicherweise besser an Rezeptoren in der Membran menschlicher Zellen andocken kann. Dann könnte eine geringere Menge des Virus ausreichen, um eine Infektion auszulösen und mehr Zellen im Körper wären in der Folge betroffen, da sich das Virus effizienter vermehrt.

Bei der Delta-Variante kommen weitere Mutationen hinzu, die es Antikörpern wahrscheinlich erschweren, anzuhaften und die Viren zu neutralisieren. Innerhalb von Haushalten sei Delta 60 Prozent leichter übertragbar als Alpha, teilte die britische Regierung mit.

Die Fallzahlen in Großbritannien liegen bislang weiterhin auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Verhältnismäßigkeiten können daher leicht verzerrt werden. Die Analyse des jetzigen Standes deutet darauf hin, dass Menschen, die mit Delta infiziert sind, doppelt so häufig wegen eines schweren Verlaufs von Covid-19 ins Krankenhaus eingewiesen werden müssen, wie Menschen, die mit Alpha infiziert sind.

Jüngere Menschen, bei denen die Erkrankung häufiger leicht verläuft, verlieren seltener ihren Geruchs- und Geschmackssinn. Sie könnten die weiterhin häufigen Symptome – leichtes Fieber und eine verstopfte Nase – eher einer Erkältung zuschreiben, sich daher seltener testen lassen und möglicherweise mehr Menschen anstecken.

Welchen Einfluss können die geplanten Lockerungen in Deutschland haben?

Aufgrund des hohen Impftempos und des warmen Wetters sehen die Mobilitätsforscher um Kai Nagel von der TU Berlin Spielräume für Öffnungen. Voraussetzung dafür sind nach dem letzten Bericht der Forschenden aber vier Kriterien: die Aktivitäten finden draußen bei niedriger Personendichte statt, Schutzmaßnahmen (Schnelltest, Maske oder Impfung) werden eingehalten und es findet kein lautes Singen, Anfeuern oder Brüllen statt.

Aktivitäten, die mindestens drei dieser Kriterien erfüllen, sind demnach eher unproblematisch. Wird nur eines der Kriterien erfüllt, sollten solche Öffnungen zugunsten anderer zurückgestellt werden. Beispielsweise seien Lehrveranstaltungen an Hochschulen bei reduzierter Personendichte und Maskenpflicht „sehr viel unproblematischer“ als eine Öffnung der Innengastronomie mit normaler Personendichte. Ohne Schutzmaßnahmen sollten Einzelhandel, Innengastronomie, Universitäten, Großraumbüros und Schulen nicht geöffnet werden.

Da zu erwarten ist, dass die Immunisierung durch Impfung oder überstandene Infektion mit der Zeit nachlässt und dies durch das Auftreten von sogenannten Impf-Escape-Mutationen mindestens beschleunigt wird, halten es die Modell-Forschenden der TU für plausibel, dass es ab Herbst zu einer erneuten Infektionswelle kommt. Verschärfend hinzu kämen das kühlere Wetter sowie beabsichtigte Öffnungen der Schulen und Hochschulen.

Wie kann sich die aktuelle Reisewelle auf eine mögliche Ausbreitung auswirken?

Nach dem Lockdown wollen viele Menschen wieder Urlaub machen: Fluggesellschaften und Reiseanbieter berichten von einem starken Anstieg der Buchungszahlen. Ob es nach dem Sommer zu höheren Infektionszahlen durch Reiserückkehrer kommt, hängt auch von den Regelungen bei der Heimkehr ab.

Reiseaktivitäten können erheblich zur Verbreitung des Virus beitragen, wenn nicht gründlich vor Wiedereinreisen getestet wird und positive Personen isoliert werden. Darauf deutet die Untersuchung eines Forschungsteams um Emma Hodcroft von der Universität Basel hin, in der eine im Frühsommer 2020 zuerst in Spanien aufgetretene Variante und ihre Verbreitung in Europa nachvollzogen wurde.

Vor den Sommerferien berichten Fluggesellschaften von steigenden Buchungszahlen.
Vor den Sommerferien berichten Fluggesellschaften von steigenden Buchungszahlen. © Gene J. Puskar/AP/dpa

Im Fachjournal „Nature“ berichten die Forschenden, dass es keine Hinweise auf eine bessere Übertragbarkeit der Variante gebe, sie aber durch Reiserückkehrer hundertfach in weitere europäische Länder eingeschleppt wurde und sich dort verbreitete. „Unsere Ergebnisse zeigen, wie eine Variante auch ohne bessere Übertragbarkeit schnell zur vorherrschenden Variante werden kann, wenn die epidemiologischen Gegebenheiten stimmen“, schreiben die Wissenschaftler.

Wie gut wirken die verfügbaren Impfstoffe gegen die Delta-Variante?

Die verlässlichsten Daten dazu stammen aus Großbritannien. Ein am Montag erschienener Report von „Public Health England“ (PHE) kommt zu dem Schluss, dass Delta zwar trotz Impfung Infektionen und auch Erkrankungen auslösen kann. Das allerdings war auch für die älteren Varianten schon vorher bekannt und erwartet.

Bei Delta scheint es etwas häufiger zu geschehen, möglicherweise, weil nach der Impfung produzierte Antikörper hier zwar passen, aber eben nicht ganz so gut wie etwa an den ursprünglichen Typ des Virus.

Die Impfungen seien jedoch „hocheffektiv“ darin, Krankenhauseinweisungen und Intensivbehandlungen nach Infektion mit Delta zu vermeiden, heißt es in einer PHE-Meldung von Dienstag. Das Präparat von AstraZeneca zeige diesbezüglich im Vergleich zu ungeimpften Personen nach einer Dosis eine 71-prozentige Wirksamkeit, das von Biontech-Pfizer bereits 94 Prozent.

Nach zwei Dosen war AstraZeneca zu 92 Prozent wirksam, Biontech-Pfizer zu 96 Prozent. In die Studie gingen Daten von etwas mehr als 14.000 mit der Delta-Variante infizierten Personen ein. Die Befunde zeigten vor allem, „wie wichtig es ist, die zweite Impfung zu bekommen“, wird Matt Hancock, Gesundheits- und Sozialminister Großbritanniens, in einer Mitteilung der Regierung zitiert.

In einer weiteren Auswertung der Behörde, die am 11. Juni veröffentlicht wurde, kamen die Studienautoren auch zu dem Schluss, dass Impfungen nach der ersten Dosis eine symptomatische Erkrankung um 17 Prozent weniger zu verhindern in der Lage sind als bei der Alpha-Variante. Nach der zweiten Dosis allerdings seien die Impfungen diesbezüglich bei Delta fast genauso effektiv.

Wie reagiert die Politik?

Während der Jurist Wolfgang Kubicki (FDP) unter Verweis auf die aus seiner Sicht nicht mehr vertretbare Einschränkung von Grundrechten bei niedrigen Inzidenzen einen kompletten Wegfall der Maskenpflicht fordert, mahnen Mediziner wie der SPD-Politiker Karl Lauterbach oder der Grüne Janosch Dahmen zu Vorsicht.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass wir im Herbst in Deutschland flächendeckend mit der Delta-Variante zu tun haben, ist hoch“, sagt Lauterbach. Auch Dahmen wirft einen „besorgten Blick“ nach Großbritannien angesichts des rasanten Wachstums, einer erneut deutlich höheren Infektiösität und möglicherweise mehr schweren Verläufen mit der Delta-Variante des Virus.

Der SPD-Politiker Karl Lauterbach rät zur Vorsicht.
Der SPD-Politiker Karl Lauterbach rät zur Vorsicht. © Kay Nietfeld/dpa

Nach Ansicht von Lauterbach geht es in der jetzigen Phase der Pandemie in Deutschland darum, die Innenräume zu sichern. „Wir müssen Superspreading-Ereignisse unbedingt verhindern“, sagt er. Der SPD-Politiker plädiert dafür, im Einzelhandel, in Supermärkten und im öffentlichen Nahverkehr die Maskenpflicht auf jeden Fall beizubehalten.

Ähnlich sieht es Dahmen: „Bis zum Erreichen der notwendigen Impfquote sollte nicht auf Masken in Innenräumen und Menschenmengen verzichtet werden, ebenso wenig wie auf systematisches Testen.“

Der Grünen-Politiker wirbt dafür, den Vorsprung gegenüber anderen Ländern zu nutzen. Während Delta in Großbritannien innerhalb von knapp zwei Monaten dominant geworden sei und auch zunehmend etwa in Portugal vorkomme, sei die Variante in Deutschland noch wenig verbreitet. „Wir müssen eine vierte Welle durch Unachtsamkeit verhindern“, sagt Dahmen. Deshalb müssten zum Beispiel Einreisebeschränkungen aus Virusvariantengebieten weiterhin aufrecht erhalten und tatsächlich kontrolliert werden.

Vor allem aber müsse die Impfkampagne weiter an Fahrt gewinnen, gerade auch bei den Zweitimpfungen, sagt Dahmen. Nach Angaben der Bundesregierung sind aktuell rund 27 Prozent der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft, knapp 47 Prozent haben zumindest eine erste Spritze erhalten.

Lauterbach findet außerdem die Entscheidung der Ständigen Impfkommission schwierig, nach der Zulassung von Biontech für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren keine allgemeine Impfempfehlung für diese Altersgruppe auszusprechen.

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In Großbritannien seien die Krankheitsverläufe bei einem Prozent der Kinder so stark, dass sie ins Krankenhaus müssten. Das sei ein höherer Anteil als bei der Grippe. Er finde es „fahrlässig“ zu argumentieren, dass Erwachsene nach den Sommerferien geimpft seien, Kinder aber das Virus bekommen könnten.

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