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Wo sind die Maskenverweigerer?

Bahnreisende ertragen die Mundschutzpflicht. Aber es gibt auch Ausnahmen. Eine Kontrollfahrt bei Pirna.

"Der Großteil der Leute hält sich dran." Bundespolizist Sören Kleinert kontrolliert gemeinsam mit dem Ordnungsamt des Landkreises die Einhaltung der Maskenpflicht in der S-Bahn.
"Der Großteil der Leute hält sich dran." Bundespolizist Sören Kleinert kontrolliert gemeinsam mit dem Ordnungsamt des Landkreises die Einhaltung der Maskenpflicht in der S-Bahn. © Steffen Unger

Der Zugbegleiter sieht nicht so aus, als könnte er hart durchgreifen, mit seiner schlacksigen Statur und dem jungenhaften Gesicht. Aber heute Morgen, da hat er wieder einen Passagier von der Polizei abholen lassen, erzählt er, der keine Maske tragen wollte. Es war der gleiche wie schon zweimal zuvor. Ein arroganter Typ, der kein Guten Morgen rausbekommt, dafür steile Thesen. Es gebe gar keine Maskenpflicht. Es gebe die Pflicht zu denken. Der Bahner nimmt's gefasst. "Im Großen und Ganzen läuft es gut."

Die Pflicht, Mund und Nase zu bedecken, gilt in Verkehrsmitteln schon länger. Inzwischen muss auch an den Bahnhöfen und Haltepunkten der Mund-Nasen-Schutz aufgesetzt werden. 99 Prozent der Fahrgäste halten sich daran, heißt es von der Bahn. Wer die Pflicht ignoriert, muss den Zug verlassen, sagt Bahn-Sprecherin Susan Constantinescu. "Da zeigen wir keine Toleranz."

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Kontrolleure setzen auf Kommunikation

Wie halten es die Fahrgäste mit dem Mund-Nasen-Schutz? Um das zu kontrollieren, hat sich an diesem Morgen eine gemischte Streife aus Bundespolizisten und Mitarbeitern vom Vollzugsdienst des Landratsamts am Bad Schandauer Bahnhof getroffen. Wer ohne Maske ertappt wird, dem droht ein Bußgeld von sechzig Euro. Aber so streng will man nicht sein, sagt Tino Kustermann vom Amt. "Wir setzen auf Kommunikation." Nur wer gar nicht hören will, bekommt die Anzeige.

Infektionsschutzvorschriften zu kontrollieren ist eigentlich nicht der Auftrag der Bundespolizei. "Aber wir schauen da auch nicht weg", sagt Hauptkommissar Steffen Ehrlich, Sprecher der Inspektion Berggießhübel. Letztlich gehe es darum, dass alle Passagiere die Bahn sicher benutzen könnten. "Deshalb unterstützen wir das Gesundheitsamt."

Gemischte Streife: Der Kontrolltrupp des Ordnungsamtes geht mit Beamten der Bundespolizei in Bad Schandau an Bord einer S-Bahn.
Gemischte Streife: Der Kontrolltrupp des Ordnungsamtes geht mit Beamten der Bundespolizei in Bad Schandau an Bord einer S-Bahn. © Steffen Unger

Im Morgendämmer ist nur ein einziger Fahrgast auf dem Schandauer Bahnsteig zu sehen. Aber genau der trägt nichts vorm Gesicht. Und auch wenn er mutterseelenallein auf seiner Bank hockt: die Kontrolleure treten auf ihn zu. "Sie wissen, dass Sie hier eine Maske tragen müssen", sagt Tino Kustermann in sachlichem Ton. Zur Antwort zieht der junge Mann das Halstuch über die Nase. Sein Blick verrät, was er von der Sache hält. Kustermann bleibt freundlich. "Schönen Tag noch."

Die S-Bahn nach Meißen läuft ein, der Kontrolltrupp geht an Bord. Der Zug ist praktisch leer. Kontrollieren wird sich erst ab Pirna lohnen, sagt Oberkommissar Sören Kleinert. Der Bundespolizist vom Revier Krippen ist seit über zwanzig Jahren im Dienst, und ein "wandelnder Fahrplan", wie er von sich sagt. Seit Corona ist deutlich weniger los im Zug, auch auf den Parkplätzen an der Strecke. "Es macht sich bemerkbar."

Angst vor Vergiftung durch die Maske

Die Bahn spricht von etwa zwanzig Prozent Passagierrückgang im S-Bahn-Netz um Dresden. "Aber uns wird nicht langweilig", sagt Kleinert. Letztes Wochenende wurden zwei Jungs mit achtzig illegalen Böllern erwischt. Immerhin: Auch der Feuerwerksschmuggel ist coronabedingt abgeebbt. Normalerweise geht die Saison schon im Oktober los. Und was ist mit der Maskenpflicht? Die große Masse hält sich dran, sagt Kleinert. Ob aus Überzeugung oder widerwillig, fällt ihm schwer zu sagen. "Sie tragen sie jedenfalls."

Pirna: Vom Bahnsteig drängt eine gute Zahl Leute in den Zug. Zeit für die erste Runde. Ein Passagier wundert sich über die Behördenpräsenz: "Heute fühlen wir uns aber sicher!" Die meisten hantieren unbeeindruckt auf ihren Handys, die Maske vorm Gesicht, entweder stino, Marke Chirurgie, oder kreativ, mit Grinsemund oder auch Horrorfratze. Im Oberdeck sitzt eine Dame allein. Ohne Mundschutz. Warum das?

Das Attest befreit von der Maske: Eine Reisende zeigt dem Kontrollteam ihre ärztliche Bescheinigung. Auch Behindertenausweise gelten als Befreiung.
Das Attest befreit von der Maske: Eine Reisende zeigt dem Kontrollteam ihre ärztliche Bescheinigung. Auch Behindertenausweise gelten als Befreiung. © Steffen Unger

Die Dame, sie soll Agnes heißen, mittleren Alters, adrett, ist nicht darauf aus, ein Bußgeld zu kassieren. "Vor Weihnachten kann man 60 Euro besser investieren", scherzt sie und zeigt ein ärztliches Attest vor, das sie von der Maskenpflicht befreit. Der kleine weiße Zettel sieht aus, als würde er häufig aufgeklappt. Die Kontrolleure studieren ihn kurz - und geben sich zufrieden.

Deutlich schärfer schaut der gleich nachfolgende Zugbegleiter hin. Überflüssig, findet Agnes. Die Polizei hat doch eben kontrolliert. "Das ist eine Machtdemonstration." Zu den Vorschriften könne man stehen, wie man wolle. Die Umsetzung müsse aber mit mehr Menschlichkeit stattfinden. Vom Maske tragen hält sie generell nichts. Sie glaubt, dass man unterm Mundschutz zu viel Kohlendioxid einatmet. Und dann arbeitet sie ja auch mit Kindern. Kinder brauchen Gesichter, sagt sie, "nicht nur ängstliche Augen".

Shopping in der City ist trotz Corona erlaubt

Ausstieg in Zschachwitz. Bisher keine Beanstandungen. Ein junger Mann auf dem Bahnsteig trägt keine Maske. Die legt er zwar flugs an, als die Beamten ihn ansprechen. Doch Oberkommissar Kleinert schien es, als wollte sich der Berufsschüler bei seinem Anblick davon schleichen. Die Abfrage per Fahndungshandy ergibt frühere Eintragungen zum Thema Betäubungsmittel. So muss der Junge die Taschen ausleeren und den Rucksack zeigen. Kleinert inspiziert alle Behältnisse, riecht am Tabak, an der selbstgedrehten Zigarette. Aber alles ist sauber.

Auch auf Maskenkontrolltour behält Sören Kleinert seine eigentliche Arbeit immer im Blick: die Fahndung. So checkt er als nächstes die Papiere von zwei Asylbewerbern, die vorschriftsmäßige Alltagsmasken tragen. Sie stammen aus Indien und Pakistan, wohnen auf dem Pirnaer Sonnenstein und fahren zum Einkauf. Da ist nichts zu meckern. Einkaufen ist laut Corona-Schutzverordnung ein triftiger Grund, aus dem Haus zu gehen, selbst wenn es, wie in diesem Fall, das Shopping beim Klammottendiscounter Primark in der Dresdner City ist.

Drogenscreening to go: Bei einem Tschechen mit Maske aber ohne Ausweis und Fahrkarte springt der Test auf Amphetamine an.
Drogenscreening to go: Bei einem Tschechen mit Maske aber ohne Ausweis und Fahrkarte springt der Test auf Amphetamine an. © SZ/Jörg Stock

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Hin und her geht es auf der Schiene, zwischen Pirna und der Dresdner Stadtgrenze. Weitere Maskenmuffel sind nicht zu sehen. Das Ende der Streife kommt mit Marek. Der Tscheche hat weder Papiere noch Fahrkarte dabei. Dafür scheint er ordentlich was getankt zu haben. Der Drogentest springt auf Amphetamine an. Von unterwegs kann Oberkommissar Kleinert die Identität des Mannes nicht klären. Marek muss mit auf die Wache. "Und die verlässt er nicht eher, bis ich weiß, wer er ist."

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