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Stimmungstest oder Stimmungsmache?

Die Corona-Umfrage der Kreiselternräte Bautzen und Görlitz ist unseriös und manipulativ. Ein Kommentar von SZ-Redaktionsleiter Ulli Schönbach.

© dpa-Zentralbild

Schüler sollen künftig in Schulen und auf dem Schulweg keine Masken mehr tragen, das fordern die Kreiselternräte von Bautzen und Görlitz in einem offenen Brief an den sächsischen Ministerpräsidenten. Dabei sehen sie eine Mehrheit der Mütter und Väter hinter sich. "75 Prozent der Eltern lehnen die Mund-Nase-Bedeckung bei Kindern ab", heißt es gleich zu Beginn des Schreibens.

Die Elternräte berufen sich auf eine Befragung, die sie selbst in den vergangenen zwei Wochen durchgeführt haben. Dabei bewegen sie sich allerdings auf dünnem Eis. In den Landkreisen Bautzen und Görlitz gibt es mehr als 50.000 Schülerinnen und Schüler. An der Befragung nahmen aber nur 223 Personen teil. Das Missverhältnis macht deutlich: Die meisten Eltern kannten die Umfrage nicht und hatten keine Möglichkeit, sich daran zu beteiligen.

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Da es sich um eine Online-Befragung handelt, ist zudem völlig unklar, wer die befragten Personen sind. Im Zeitalter sozialer Medien ist es problemlos möglich, den Link zu einer Umfrage an jede beliebige Interessengruppe zu verteilen.

Aus der Befragung selbst veröffentlichen die Elternräte eine Frage: „Was halten Sie von der Maskenpflicht an Schulen für Kinder?“ Schon diese Formulierung ist ungenau, denn in Sachsen entscheiden die Schulen selbst, wo und wann im Schulgebäude Masken getragen werden müssen – meist im Schulhaus und auf dem Schulgelände. Im Unterricht selbst gilt in der Regel keine Maskenpflicht.

Noch fragwürdiger sind die Antwortmöglichkeiten. Denn jeder Aussage wird zusätzlich ein Kommentar zugeordnet, der in eine bestimmte Richtung zielt. Wer zum Beispiel das Tragen von Masken in der Schule für „sehr gut“ oder „gut“ hält, soll zugleich der Aussage beipflichten „Die Maskenpflicht soll überall eingeführt werden“ und „Die aktuellen Maßnahmen stimmen“.

Beides sind Pauschalaussagen, die so nebulös formuliert sind, dass ihnen niemand mit gutem Gewissen zustimmen kann. Oder was genau ist mit „überall“ gemeint? In der gesamten Unterrichtszeit? In allen Lebensbereichen? Und warum sollen Eltern allen „aktuellen Maßnahmen“ zustimmen, wenn es doch darum geht, eine konkrete Maßnahme zu bewerten?

Umgekehrt liefert der Fragebogen allen, die das Maskentragen ablehnen, gleich eine Hilfestellung mit. „Die Masken beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit“ und „Die Masken sind gefährlich“ heißen die Kommentare, die den Eltern vorgegeben werden. 

Eine solche Herangehensweise ist schlicht manipulativ. Und so steht die Frage, worum es den beiden Elternsprechern wirklich ging. Wollten sie tatsächlich ein Stimmungsbild einfangen oder vor allem selbst Stimmung machen?

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