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Mehr Todesfälle in Sachsen - lag das nur an Corona?

2020 starben in Deutschland deutlich mehr Menschen als im Durchschnitt der Vorjahre. In Sachsen sind die Unterschiede besonders auffällig.

Särge von Menschen, die an oder mit dem Coronavirus gestorben sind, müssen gekennzeichnet werden.
Särge von Menschen, die an oder mit dem Coronavirus gestorben sind, müssen gekennzeichnet werden. ©  dpa/Robert Michael

Dresden. Sowohl in Deutschland als auch in Sachsen sind im vergangenen Jahr mehr Menschen gestorben als im Durchschnitt der letzten vier Jahre. Insgesamt wurden in Deutschland für das Jahr 2020 bislang 982.489 Sterbefälle von den Standesämtern an die amtliche Statistik übermittelt. Das sind 42.969 mehr als 2019, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit. Deutschlandweit sind im Dezember nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes 29 Prozent mehr Menschen gestorben als im Durchschnitt der vier Vorjahre.

Wie viele Menschen sind in Sachsen gestorben?

Besonders auffällig war die Entwicklung der Sterbefallzahlen in Sachsen. Nach vorläufigen Angaben des Statistischen Landesamtes sind im vergangenen Jahr 61.797 Menschen gestorben – zwölf Prozent mehr als 2019. Am höchsten war die Zahl der Toten im Dezember: Mit 9.700 Menschen waren es fast doppelt so viele wie im gleichen Monat des Vorjahres. Schon im November sind im Freistaat mehr Menschen als im Vorjahr gestorben – plus 35 Prozent.

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Auch in Brandenburg, Thüringen, Bayern, Hessen und Sachsen-Anhalt lag die Zahl der Sterbefälle im Dezember mindestens 30 Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019.

Welche Gründe gibt es für den Anstieg?

Neben Corona gibt es auch andere Faktoren. 2020 war ein Schaltjahr, durch den zusätzlichen Tag ergibt sich nach Angaben des Bundesamtes ein Anstieg um etwa 3.000 Fälle gegenüber dem Vorjahr. Dazu kommt ein demografischer Effekt: Immer mehr Menschen werden immer älter, die Altersstruktur der Bevölkerung verschiebt sich. „Rund die Hälfte der Übersterblichkeit in den beiden Corona-Wellen gegenüber den Vorjahren ist darauf zurückzuführen, dass mehr Menschen ein höheres Alter erreicht haben“, heißt es in einer Untersuchung des ifo-Instituts Dresden.

Die Zahl der Menschen ab 80 Jahren ist von 2015 bis 2019 von 4,7 Millionen auf 5,7 Millionen gestiegen. Sachsen hat den höchsten Altersdurchschnitt aller Bundesländer. Berücksichtigt man dies, wäre in Deutschland „ein Anstieg der Sterbefallzahlen um etwa ein bis zwei Prozent für das Jahr 2020 zu erwarten gewesen“, so das Bundesamt. Der Anstieg betrug aber fünf Prozent.

In welcher Altersgruppe gab es die meisten Todesfälle?

In Sachsen traf es besonders die älteren Menschen. Vier von fünf Gestorbenen im Dezember 2020 sind 75 Jahre oder älter, so das Landesamt. Bei den über 85-Jährigen erhöhte sich der Anteil an allen Gestorbenen von 41,1 Prozent im Dezember 2019 auf 47,3 Prozent im Dezember 2020. Insgesamt starben deutschlandweit mindestens 576.646 Personen ab 80 Jahre – das sind acht Prozent mehr als 2019. Nach der Bevölkerungsvorausberechnung dürfte die Zahl der über 80-Jährigen allerdings nur um etwa vier bis fünf Prozent zugenommen haben, so das Statistische Bundesamt die Zahlen. Bei den unter 80-Jährigen gibt es keinen großen Anstieg, die Sterbefallzahlen liegen auf dem Vorjahresniveau.

Wie sieht der Jahresverlauf aus?

Die Zahl der Todesfälle verlief 2020 weitgehend parallel zur Zahl der Corona-Infizierten. In den ersten drei Monaten des Jahres lagen die Sterbefallzahlen unter dem Durchschnitt der vier Vorjahre. Die Grippewelle hatte weniger Auswirklungen als in den Jahren davor. Ende März bis Anfang Mai, also während der ersten Welle, waren die Sterbefallzahlen durchgehend und deutlich höher als in den Vorjahren.

Als die Zahl der Corona-Todesfälle zurückging, bewegten sich ab Mai auch die Sterbefallzahlen etwa auf dem durchschnittlichen Niveau der Vorjahre, berichten die Statistiker. Im August stieg die Zahl der Todesfälle vorübergehend wieder an. „Dieser Effekt tritt im Sommer häufig auf und ging auch in diesem Jahr auf eine Hitzeperiode zurück.“ Ab Mitte Oktober, mit Anschwellen der zweiten Welle, lag die Zahl der Sterbefälle wieder deutlich über jener der Vorjahre.

Welchen Einfluss hat Corona auf die Zahl der Toten?

Der Bericht des ifo-Instituts sieht klare Indizien für eine „coronabedingte Übersterblichkeit“. Auch Sachsens Gesundheitsministerium begründet die Übersterblichkeit hauptsächlich durch Covid-19. 2020 sind in Sachsen 3.240 Menschen an den Folgen einer Infektion gestorben. Die Dunkelziffer ist womöglich noch höher, denn die Statistik erfasst nicht alle an oder mit Corona Verstorbenen. Nur, wenn ein positiver PCR-Befund vorliegt, werden diese Verstorbenen gezählt.

Die Reihenfolge der Angaben auf den Totenscheinen spielt ebenfalls eine Rolle. „Wenn zum Beispiel eine Person an einem Schlaganfall oder einer Herzinsuffizienz verstirbt, das aber (vermutlich) aufgrund einer SARS-CoV-2-Erkrankung ausgelöst wurde, wird Covid-19 nicht als unmittelbare Todesursache angegeben“, teilt das Gesundheitsministerium mit. Damit wird er als Nicht-Covid-19-Todesfall gezählt. Dazu kommen die Spätfolgen. Besonders bei älteren und bereits vorerkrankten Menschen „könnten die Langzeitfolgen zu einer erhöhten Mortalität beitragen. Diese Fälle fielen dann aber auch nicht mehr unter Covid-19“, so das Ministerium.

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Etwa die Hälfte der aktuell beobachteten Übersterblichkeit in Sachsen könne nicht direkt mit einer registrierten Covid-19-Erkrankung in Verbindung gebracht werden, heißt es in einem Bericht des Institut für Statistik der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Das Statistische Landesamt müsse analysieren, „ob und warum in Sachsen eine extreme nicht-Covid-19 bedingte Übersterblichkeit besteht oder ob diese durch fehlende Post-mortem Tests, falsch ausgestellte Todesursachen, reine Datenfehler oder anderweitig begründet werden kann“. (mit dpa)

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