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Menschenmassen mit Alkohol unvertretbar

In Meißen und andernorts wurde bislang weiter öffentlich Glühwein ausgeschenkt. Doch das ist nun verboten.

Am ersten Advent versuchte es Meißen mit einer Mini-Weihnacht in der Altstadt. Aus einigen Fenstern wurde Glühwein verkauft. Gruppen bildeten sich. Gegen eine Wiederholung gibt es große Bedenken.
Am ersten Advent versuchte es Meißen mit einer Mini-Weihnacht in der Altstadt. Aus einigen Fenstern wurde Glühwein verkauft. Gruppen bildeten sich. Gegen eine Wiederholung gibt es große Bedenken. © Claudia Hübschmann

Meißen. Eigentlich sollte es ja nur ein Glühwein zum Mitnehmen – also to go sein. So ein Schlückchen in Ehren bei der Kälte kann doch schließlich niemand verwehren? Oder doch? Am ersten Adventswochenende wurde aus dem Glühwein to go in Meißens Altstadt oder auf dem Anger in Altkötzschenbroda sehr schnell ein Glühwein to stay – also zum Bleiben.

Gelegenheit macht Liebe. Der kleinere Familienkreis erweiterte sich im Handumdrehen zu einem größeren Freundeskreis. Gegen so einen Schwatz unter freiem Himmel ist doch schließlich nichts einzuwenden. Oder doch?

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Da das Meißner Rathaus in einer Nacht- und Nebelaktion – die anfangs noch nicht einmal im Polizeirevier bekannt war – die Fußgängerzonen in der Altstadt kurzerhand aufgehoben hatte, mussten in den engen Gassen auch keine Masken mehr getragen werden. Nur wenig fehlte, und alles wäre wie in Vor-Corona-Zeiten gewesen: Friede, Freunde, Glühwein.

Alkoholkonsum ist kein triftiger Grund

Im Vorfeld des zweiten Advents hat das Landratsamt Meißen zu diesen Vorkommnissen nun deutlich Stellung bezogen. Die Behörde hält „Menschenansammlungen mit Alkoholkonsum in den engen Gassen der Meißner Altstadt angesichts der gegenwärtigen Corona-Lage für nicht vertretbar.“ Das Amt verweist darauf, dass die Ausgabe von Getränken durch Bars oder Kneipen laut sächsischer Corona-Schutzverordnung nur dann zulässig ist, wenn es sich um Angebote zum Mitnehmen, nicht hingegen zum Verzehr vor Ort handelt.

Weiteres regelt die vierte Allgemeinverfügung des Landkreises Meißen. Danach ist das Verlassen der häuslichen Unterkunft ohne triftigen Grund derzeit untersagt. Das Verweilen in der Öffentlichkeit zum Glühweintrinken stellt keinen triftigen Grund dar und ist somit nicht gestattet. Unabhängig von diesen Regeln haben die Städte und Gemeinden laut Landratsamt beim Bewilligen von Sondernutzungserlaubnissen für Stände und Buden darauf zu achten, dass keine Gefahren entstehen, die dem Zweck der Corona-Schutzvorschriften widersprechen.

Die klaren Worte des Amtes kommen nicht von ungefähr. Die Gesundheitsämter in Sachsen haben dem Robert Koch-Institut am Freitag mehr als 2.600 neue Corona-Infektionen sowie 59 weitere Todesfälle binnen 24 Stunden gemeldet. Mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 276 bleibt das Pandemiegeschehen im Freistaat im bundesweiten Vergleich besonders dramatisch. Erste Krankenhäuser in Sachsen können keine Corona-Patienten mehr aufnehmen. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) warnte davor, dass bei weiter steigenden Werten Kitas und Schulen geschlossen werden könnten.

Glühweintassen hoch? Angesichts voller Krankenhäuser und der drohenden Schließung von Kitas und Schulen sollte sich das von selbst verbieten.
Glühweintassen hoch? Angesichts voller Krankenhäuser und der drohenden Schließung von Kitas und Schulen sollte sich das von selbst verbieten. © Patrick Seeger/dpa

FDP-Kreisrat Martin Bahrmann: "Alkohol verlängert den Lockdown"

Für die sogenannte Großfraktion im Meißner Stadtrat verweist deren Vorsitzender Martin Bahrmann (FDP) darauf, dass Gesundheitsschutz in der Pandemie Priorität genieße. Auf der anderen Seite sehnten sich die Menschen nach einem Stück Normalität. Auch die Händler seien auf jede Unterstützung angewiesen. Eine kleine Anordnung von Buden und der Verkauf von Essen und Trinken – ausgenommen Alkohol – trügen diesen Bedürfnissen Rechnung. „Menschenansammlungen bei Alkoholkonsum“ sorgen aus Sicht Bahrmanns am Ende jedoch nicht nur für ein rasches Ende der weihnachtlichen Aktivitäten, sondern verlängerten den Lockdown.

CDU-Landtagsabgeordnete Daniela Kuge: "Gemeinwohl geht vor"

Ähnlich wie für Bahrmann geht für die Meißner CDU-Landtagsabgeordnete Daniela Kuge das Allgemeinwohl über das Wohl des Einzelnen. Natürlich sei ein Weihnachtsmarkt mit Glühwein schöner als ohne. Doch wenn mit dem Verzicht das Infektionsrisiko gesenkt werden könne, sehe sie es als einen erforderlichen Schritt. Die Corona-Schutzverordnung sehe für Meißen keine Ausnahme vor.

SPD-Landtagsabgeordneter Frank Richter: "An das medizinische Personal denken"

Eine Gruppe brauche jetzt die volle Unterstützung aller, so der Meißner SPD-Landtagsabgeordnete Frank Richter in der Diskussion um öffentlichen Alkoholausschank. Das seien die Ärztinnen und Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern. Sie kümmerten sich um Alte und Kranke. „Keiner von uns kann genau wissen, ob er das Virus in sich trägt“, so Richter weiter. Wo sich viele Menschen versammelten, wo Abstände nicht eingehalten würden, verbreitet sich Corona besonders gut. Die Gesellschaft brauche keinen Egoismus, sondern Solidarität. „Das bedeutet jetzt, dass wir Ansammlungen vermeiden und auf öffentlichen Alkoholkonsum verzichten“, so Richter abschließend.

AfD-Landtagsabgeordneter Thomas Kirste: "Händler halten sich an Regeln"

In zwei Richtungen argumentiert der AfD-Landtagsabgeordnete Thomas Kirste. Entsprechend der Corona-Schutzverordnung des Landkreises dürfe kein Alkohol ausgeschenkt werden, hier seien die Befürchtungen nicht elementar. Für wesentlich sieht der Meißner an, dass die Bürger bei den innerstädtischen Gewerbetreibenden einkaufen können, so wie dies beispielsweise in Einkaufszentren möglich ist. "Wir sind uns sicherlich einig, dass das Weihnachtsgeschäft sich nicht völlig auf den Onlinehandel verlagern soll", so Kirste. Eine Zusammenballung auf engstem Raum von Menschen sei für ihn nicht zu erwarten, da Hygienekonzepte und Sicherheitsmaßnahmen bisher von den Gewerbetreibenden weitestgehend peinlich genau eingehalten wurden.

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Alkohol darf auf der Hauptstraße und einem Teilbereich des Angers weder aus Fenstern verkauft oder vor Ort getrunken werden. Bei diesem Verbot ist Altkö geteilt.

"Ursprünglich hätten wir uns sehr gut dezentralen Weihnachtszauber vorstellen können. Warum sollten Restaurants und verteilte Buden nicht Glühwein und Naschwerk to-go verkaufen." Das setze aber die Vernunft und die Mitarbeit der Bevölkerung voraus. Die Bilder aus Meißen aber auch beispielsweise aus Seiffen seien schockierend. Kaum werde ein wenig Normalität geboten, glaubten die Leute, die Pandemie sei vorbei. So sind die Infektionszahlen in Sachsen nach Ansicht Hellmanns kein Wunder. So lange es zu viele Unverbesserliche gebe, würden alle leider noch länger mit festeren Daumenschrauben leben müssen, auch wenn es schmerze.

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