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Meine neue Pandemie-Berufung

Plötzlich nicht mehr arbeiten: Aus Wochen wurden Monate. Fünf Menschen aus dem Landkreis Meißen haben flexibel reagiert und machen nun etwas ganz anderes.

Die Arbeit dieser fünf Menschen aus dem Landkreis Meißen hat sich während des Lockdowns ganz schön gewandelt.
Die Arbeit dieser fünf Menschen aus dem Landkreis Meißen hat sich während des Lockdowns ganz schön gewandelt. © SZ

Spargel ernten statt servieren

© Kristin Richter

Eigentlich serviert Stephan Wagner Spargel auf Meißner Porzellan im Gasthaus der Manufaktur. Dann kam Corona und der Restaurantchef wechselt an eine Spargelsortiermaschine.

Nicht aus finanziellen Gründen: „Ich wollte einfach nicht zu Hause versauern. Anfangs war es zwar ganz gut, zu Hause zu sein. Der digitale Unterricht war Neuland für meine drei Kinder. Aber die sind ab Mai auch wieder in die Schule gegangen und ich hab mir gedacht: Na toll! Was mache ich jetzt?“

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In die Manufaktur wird er als echter Spargel-Experte zurückkommen und den Spruch: ‚Ganz schön teuer der Spargel‘ nicht mehr gelten lassen: „Ich habe selbst gesehen, durch wie viele Hände der Spargel geht und welche Qualität am Ende serviert wird.“

Vom Feld ging es auf die Wochenmärkte in Meißen, Riesa, Großenhain. Sein neuer Beruf beginnt nun wesentlich früher. Ab 6.30 Uhr wird aufgebaut. Bis 17.30 Uhr gibt es immer etwas zu tun. „Klar, für meine neue Arbeit muss man körperlich belastbar sein.“ Wenn andere Zuhause sitzen und jammern, dass sie aufgrund der Pandemie zu wenig Geld verdienen, kann Wagner das trotzdem nicht nachvollziehen. Arbeit sei schließlich da.

Manchmal wird Wagner auf dem Markt von seinen alten Kollegen erkannt, die ihn ganz verdutzt und trotz Marktschürze entdecken: „Da kommt dann oft die Frage, ob ich denn auch wieder zurückkomme.“ Keine Sorge – erst mal wartet Wagner aber sehnsüchtig auf den ersten Spargel. „Zumindest die ersten Erdbeeren sind schon da.“

Kinochef im Testkittel

© Claudia Hübschmann

So lange sich der Lockdown schon zieht, so viel Garten- und Renovierungsarbeiten konnte sich Kinochef Alexander Malt gar nicht ausdenken. Viel lieber wollte er mit anpacken, die Pandemie in den Griff zu bekommen, um endlich wieder Filme zeigen zu können: „Da der ganze Impfprozess hapert, müssen wir jetzt ganz aufs Testen setzen.“

Zum ersten Mal in dieser Ausnahmesituation ist sein Ohnmachtsgefühl verflogen. Mit seiner Corona-Schnelltest-Station im Kino der Meißner Altstadt kann er endlich einen kleinen Beitrag leisten, um schneller zum Alltag zurückzufinden; nachdem in den letzten Wochen die falschen Dinge organisiert worden seien: „In der Veranstaltungsbranche gibt es viele Organisationstalente.“ Die müssten nur viel stärker eingebunden werden. Denn die Pandemie lasse sich nur mit Einigkeit und Zusammenhalt lösen. „Alle, die jetzt querschießen, tragen nicht zur Bekämpfung der Pandemie bei. Das schaffen wir nur gemeinsam.“

Bereits nach den ersten Tagen im Testkittel wird Malt klar, wie sehr er den Kontakt zu seinen Besuchern vermisst hat – wenn auch mit Maske und Abstand. Mit jedem negativen Test wird der 39-Jährige wehmütiger: „Wenn jetzt alle negativ sind, warum gehen wir nicht einfach eine Treppe höher in den Kinosaal?“

Ehrenamt statt Schulbank

© Kristin Richter

Wenn der Unterricht von Zuhause etwas gebracht hat, dann viel mehr Freizeit. Eigentlich steckt Lena Dittkrist aus Großenhain mitten in ihrem Berufsvorbereitungsjahr, doch das findet seit Dezember komplett digital statt. Einen Teil ihrer zusätzlichen Zeit, hat die 20-Jährige einer 82-Jährigen geschenkt.

Dass Dittkrist gerne mit Menschen arbeiten möchte, steht schon lange fest, doch irgendwie hat es bisher nicht so richtig geklappt: „Durch Corona habe ich auch unter der Woche Zeit für ein Ehrenamt.“

Allerdings stehe die neue kollektive Freizeit im Kontrast zu einem geschrumpften Angebot an ehrenamtlichen Möglichkeiten. Vieles ist aufgrund des Infektionsschutzes nicht mehr möglich: „Bewohner aus Altenheimen zum Spielen und Spazieren zu treffen, ist so schwierig wie nie.“

Deshalb knüpft Dittkrist Kontakt zu einer Dame aus einem betreuten Wohnheim und begleitet sie seit einem Monat zu ihren Augen-Operationen: „Wir treffen uns eine halbe Stunde vorher in der Wohnung, besprechen alles und fahren dann gemeinsam in die Arztpraxis. Nach der OP beruhige ich sie, reiche ihr ein Wasser.“ Wohlgemerkt: Das erste Treffen im März findet gerade mal eine Woche vor dem ersten OP-Termin statt: „So schnell ein Verhältnis aufzubauen, habe ich meiner empathischen Ader zu verdanken. Ich bleib auch in solchen Situationen ruhig, habe ein Interesse an ihr, denn ich möchte sie kennenlernen.“

Besonders jetzt sei es wichtig, sich zu engagieren: „Vor allem ältere Menschen sind so alleine wie noch nie. Ich habe zum Glück noch den sozialen Kontakt zu meiner Familie und merke, wie sehr ich den gerade brauche. Das möchte ich einfach zurückgeben.“

Auch wenn bei jeder Begegnung ein gewisses Risiko mitschwingt, denn mehr als eine Maske zu tragen, und ein wenig Abstand zu halten, sei nicht möglich: „Letztlich muss man abwägen, was jetzt wichtiger ist und die Frau braucht ganz klar jemanden an ihrer Seite.“ Im nächsten Schuljahr beginnt Dittkrist mit ihrem Fachabitur. „Ich hoffe, dass ich auch nach dem Lockdown genügend Zeit finde, um das Ehrenamt weiterzuführen.“

Restaurant auf den Wochenmarkt verlegt

© Klaus Dieter Bruehl

Auf einem Wochenmarkt Essen verkaufen? Vor einem Jahr hätte sich Michel Wenzke, Servicechef im Panama Joe’s in Riesa, das überhaupt nicht vorstellen können. Allerdings hat der 38-Jährige auch nicht damit gerechnet, dass die aktuelle Situation bis ins neue Jahr hinein anhält: „Das mit dem Markt war eine Konsequenz, die sich erst dieses Jahr ergeben hat.“ Davor konnten sich seine Gäste Essen liefern lassen oder selber abholen. Zeit für ausführliche Gespräche blieb so nicht – auf dem Wochenmarkt sei das zum Glück anders: „Ich möchte schließlich wissen, wie meine Gäste die Zeit überstanden haben.“

Erfreulicherweise signalisieren viele frühere, oft jahrelange Gäste des Riesenhügels, nach der Krise wieder zu kommen, vielleicht sind dann auch ein paar ganz Neue dabei. Auf dem Wochenmarkt ist nämlich ein viel älteres Publikum unterwegs: „Viele sind erst mal von den englischen Namen wie Spareribs und Co abgeschreckt. Doch hin und wieder kommen wir trotzdem ins Gespräch und manchmal klappt es, einen Burger schmackhaft zu machen. So bauen wir uns eine ganz neue Stammkundschaft auf.“

Fahrlehrer im Altenheim

© Claudia Hübschmann

Matthias Broda hat seine sehr jungen Fahrschüler gegen sehr alte Pflegeheim-Bewohner getauscht. Nach 20 Jahren im Sport-Management hatte er zurück in seinen alten Beruf als Fahrlehrer gefunden. Doch bereits nach drei Monaten kam die Corona-Zwangspause für die Fahrschule aus Nossen.

Statt Langeweile im Lockdown schreibt Broda an über zehn Altenheime im Kreis und bietet seine Hilfe an. Vergeblich. Obwohl die Krise Pflegeheime an ihre Belastungsgrenze bringt – oder gerade deshalb – erhält der Fahrlehrer keine einzige Antwort. Erst über die sächsische Ehrenamtsvermittlung ‚ehrensache.jetzt‘ findet er einen Platz in der Seniorenresidenz in Wilsdruff: „Ich bin immer eine Viertelstunde vorher da und mache einen Corona-Test. Erst dann geht es mit Maske rein.“

Mit seinem Klienten hat er den idealen Gesprächspartner gefunden: „Ich habe selber einen Hobby-Oldtimer zu Hause; mein Klient war früher im Motorsport tätig.“ Da geht der Gesprächsstoff nicht aus. Profitieren kann er von den Erfahrungen aller Bewohner: „Ich staune vor allem über das Langzeitgedächtnis der alten Bewohner. Mein Klient kann sich sogar noch an das Kennzeichen seines ersten Motorrads erinnern. Das weiß ich nicht mal mehr“, berichtet der 58-Jährige. Außerdem überrascht es ihn, wie entspannt die Bewohner mit der aktuellen Situation umgehen. „Natürlich sind sie traurig, dass ihre Angehörigen nicht vorbeikommen können. Aber das Verständnis dafür ist groß.“

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Broda weiß nämlich, wie es normalerweise in einem Altenheim abläuft: Im Rahmen seiner Ausbildung zum Ergotherapeuten, hat er ein Praktikum im Pflegeheim gemacht. „Da war natürlich viel mehr möglich: Zum Beispiel haben wir zusammen gekocht. Das ist aktuell kaum vorstellbar.“ Momentan sei es für die Bewohner am schlimmsten, dass sie gerade einmal vor die Tür dürfen: „Früher konnten die fitteren Patienten ins Café oder Spazieren gehen und natürlich fehlen die sozialen Kontakte. Früher konnte die halbe Familie vorbeikommen, jetzt geht es selbst für Einzelne nur mit Anmeldung, Corona-Test und Maske.“

Mittlerweile darf Broda wieder als Fahrlehrer arbeiten, im Altenheim ist er weiterhin, nur eben einmal, statt zweimal die Woche.

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