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Schneller immun - das sind die Vorschläge

Ein beschleunigtes Impftempo könnte Öffnungen begünstigen. Wie kann eine neue Impfstrategie helfen?

Impfzentrum in der Sporthalle des Kamenzer Gymnasiums: Angesichts der Probleme beim Impfen wächst vor dem Bund-Länder-Gipfel am Mittwoch der Druck auf die Politik, einige Vorgaben beim Prozedere zu verändern.
Impfzentrum in der Sporthalle des Kamenzer Gymnasiums: Angesichts der Probleme beim Impfen wächst vor dem Bund-Länder-Gipfel am Mittwoch der Druck auf die Politik, einige Vorgaben beim Prozedere zu verändern. © René Plaul

Von Georg Ismar und Caroline Ring

Das Impftempo beeinflusst maßgeblich die Lockerungsdebatte. Daher wächst der Druck auch auf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), bei dem Bund-Länder-Gipfel am Mittwoch Grundsätze und Abläufe der Impfkampagne zu überdenken – von Sonderregeln für Hotspots und den Impfstoff von Astrazeneca über das frühere Einbinden der Hausärzte bis hin zu einer längeren zeitlichen Streckung zwischen Erst- und Zweitimpfungen, um mehr Menschen mit einem Schutz zu versehen. So könnten die geplanten Öffnungen trotz der Risiken durch die Mutationen besser abgesichert werden.

Warum fordern Söder und Kretschmer eine neue Impfstrategie?

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Das Virus kennt nun einmal keine Grenzen. Und Bayern wie Sachsen haben große Sorge vor der Entwicklung im benachbarten Tschechien, wo durch ansteckendere Virusvarianten wie B.1.1.7. die Sieben-Tage-Inzidenz auf 758,9 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gestiegen ist. Auf deutscher Seite ist im Vogtlandkreis der Wert auf rund 230 gestiegen. Dort solIe daher allen Erwachsenen über 18 Jahre ein Impfangebot gemacht werden, fordert Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will er nun eine eigene Impfstrategie für Hotspots. „Wir wünschen vom Bund und von der EU zusätzliche Impfstofflieferungen“, sagt Söder. Dies sei wichtig, damit perspektivisch auch hier Öffnungen wieder vertretbar würden. Kretschmer will die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) ergänzen lassen.

Was würde eine neue Impfreihenfolge bringen?

Der eigentliche Flaschenhals beim Impffortschritt entsteht nicht aus der Frage, wer zuerst dran ist, sondern aus der Versorgung mit Impfstoff. Wo immer eine Bevölkerungsgruppe in der Reihenfolge vorgezogen wird, rücken andere nach hinten. Wichtig ist vor allem, dass Impfungen nicht durch bürokratische Beschränkungen verzögert oder gar verworfen werden müssen. So etwas könnte durch eine flexiblere Vergabe von Impfungen verhindert werden.

Die aktuelle Impfreihenfolge orientiert sich primär an einer Kombination aus Alter, Exposition zu dem Virus und der Gefahr von schweren Verläufen. Je älter Menschen sind, desto früher werden sie geimpft. Je mehr Kontakt sie zu anderen haben, vor allem zu älteren Menschen, desto weiter vorne liegen sie in der Reihenfolge. Menschen mit Grunderkrankungen, die ein hohes Risiko für schwere Verläufe bedingen, werden ebenfalls priorisiert geimpft.

Es gibt nachvollziehbare Gründe, in dieser Reihenfolge auch andere Faktoren verstärkt zu berücksichtigen: Lehrpersonal etwa hat zwar vor allem zu Kindern und Jugendlichen Kontakt, doch könnten Schulen und Kindergärten sicherer geöffnet werden, wenn die Geimpften das Virus nicht mehr übertragen können.

Ist die Freigabe von übrig gebliebenen Impfdosen mehrheitsfähig?

Bisher nicht. In anderen Bundesländern wird vor einem generellen Freigeben von übrig gebliebenen Astrazeneca-Dose gewarnt. Statt den Impfstoff für alle freizugeben, müsste jetzt überall dringend mit dem Impfen der zweiten Priorisierungsgruppe begonnen werden, also mit allen über 70-Jährigen, Erzieherinnen und Erziehern, Lehrkräften, aber zum Beispiel auch in Behinderteneinrichtungen. Söder will auch darüber reden, ob nicht jetzt schon Haus-, Betriebs- und Schulärzte vermehrt Astrazeneca verimpfen könnten, auch um zum Beispiel den Unterricht an weiterführenden Schulen sicherer zu machen.

Das Bundesgesundheitsministeriums lehnt eine generelle Freigabe der Nutzung des Impfstoffes für alle ab, das sei erst denkbar, wenn allen priorisierten Personen, etwa Lehrern und Erziehern, ein Impfangebot gemacht worden sei und genügend Impfstoff zur Verfügung stehe. Aus mehreren Impfzentren wird berichtet, dass nicht das Verschmähen des Impfstoffes das Hauptproblem sei, sondern dass nach der Impfung der Unter-65-Jährigen aus der ersten Impfgruppe nicht rasch genug die nächsten Astrazeneca-Berechtigten mit Impfterminen versorgt wurden.

Unmut gibt es bis in die Bundesregierung über die Ständige Impfkommission, die durch den Ausschluss des Vakzines für Über-65-Jährige allein aufgrund einer fehlenden Datenbasis über die Wirksamkeit in dieser Altersgruppe den Eindruck geschürt habe, der Impfstoff habe Mängel. Hinzu kam eine schlechte Kommunikation der Entscheidung. Schon in Kürze könnte die Stiko den Impfstoff auch für Ältere empfehlen, was die Akzeptanz steigern könnte.

Wie gut schützt der Astrazeneca-Impfstoff wirklich?

Der Aufbau des Impfstoffs von Astrazeneca ist ganz anders als die RNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna. Doch sie sind alle sicher und ähnlich gut verträglich. Wie auch die RNA-Impfstoffe schützt der Astrazeneca-Impfstoff vor schweren Verläufen von Covid-19: Unter Menschen, die trotz Impfung erkrankt waren, musste niemand im Krankenhaus aufgenommen werden.

Generell wird die Schutzwirkung des Astrazeneca-Impfstoffs vom RKI mit rund 70 Prozent angegeben – das heißt, sind die Menschen geimpft, treten unter ihnen 70 Prozent weniger Fälle von Covid-19 auf, als wenn sie nicht geimpft wären. Das würde die Pandemie enorm entschärfen. Zum Vergleich: Die Schutzwirkung einer Grippeimpfung liegt bei jüngeren Menschen bei bis zu 80 Prozent, bei älteren Menschen zwischen 40 und 60 Prozent. Studien haben gezeigt, dass bei rund drei Viertel aller Geimpften nach der Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff Nebenwirkungen wie Hautrötung oder Fieber auftreten können. Sie sind jedoch nur vorübergehend.

Wäre ein größer Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung möglich?

Alle Impfungen, die bislang in der EU zugelassen sind, müssen zweimal verabreicht werden. Beim Impfstoff von Biontech sollten drei bis sechs Wochen, beim Moderna-Impfstoff vier bis sechs Wochen zwischen erster und zweiter Dosis liegen. Beim Astrazeneca-Impfstoff werden bislang sechs Wochen empfohlen. Doch es verdichten sich Hinweise darauf, dass ein längerer zeitlicher Abstand den Impfschutz verstärken könnte. Eine Studie im Fachblatt Lancet bestätigte, was der Hersteller selbst kürzlich veröffentlichte: Liegen zwölf Wochen zwischen den Dosen, verstärkt das den Impfschutz wesentlich. Während in der Studie der Impfschutz mit einem sechswöchigen Intervall im Schnitt 55 Prozent Schutzwirkung erzeugte, waren es bei einem Abstand von zwölf Wochen rund 80 Prozent.

Warum drängen Politiker auf eine zeitliche Streckung der Impfungen?

Weil am Mittwoch bei den Corona-Beratungen trotz der in einigen Regionen bereits entstandenen dritten Welle eine Öffnungsstrategie für Bürger und Wirtschaft beschlossen werden soll. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert seit Wochen, den Zeitraum zwischen der Erst- und der Zweitimpfung auch bei den Impfstoffen auf RNA-Basis von Biontech/Pfizer und Moderna zu strecken. Er verweist auf eine Studie der Cornell University, an der er beteiligt ist.

„Anhand der Situation und der Bedingungen in Deutschland als Referenzsystem zeigen wir, dass eine Verzögerung der zweiten Impfstoffdosis Todesfälle im vier- bis fünfstelligen Bereich verhindern könnte, sollte die Inzidenz wieder steigen“, betonen die Studienautoren. Zu ihnen gehört auch der Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Michael Meyer-Herrmann. Schon nach der ersten Dosis sei nach 12 bis 14 Tagen der Schutz gegen schwere Covid-19-Verläufe erheblich. Statt also Impfdosen für die Zweitimpfung zurückzuhalten, sollten mehr Menschen erstmal nur eine Erstdosis erhalten.

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