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Nachhilfe-Lehrer werden knapp

Mit den Wissenslücken durch den Lockdown steigt in Sachsen die Nachfrage nach privater Hilfe. Das ist nicht ganz billig.

Dr. Thomas Hinze übt mit seinen Nachhilfeschülern online Aufgaben in Mathe, Physik und Chemie. Normalerweise treffen sich die Gymnasiasten im Dresdner Studiertreff, derzeit aber nur virtuell.
Dr. Thomas Hinze übt mit seinen Nachhilfeschülern online Aufgaben in Mathe, Physik und Chemie. Normalerweise treffen sich die Gymnasiasten im Dresdner Studiertreff, derzeit aber nur virtuell. © Marco Klinger

Lotta und Theo sind in Mathe alles andere als Überflieger. Was ihnen im regulären Schulunterricht schon schwerfällt, wird durch das Homeschooling nicht einfacher. Im Gegenteil. „Ich verstehe den neuen Stoff nicht, vor allem, wenn ich ihn mir selbst erarbeiten soll“, sagt die 14-jährige Dresdnerin. Auch ihr Bruder hat immer mehr Probleme, sich in die Aufgaben einzudenken, je länger der Lockdown dauert. „Ich habe es irgendwann nicht mehr geschafft, ihnen zu helfen“, sagt ihre Mutter, die unbenannt bleiben möchte. „Einerseits, weil mein Mann und ich nicht die Zeit dazu finden, andererseits, weil wir es zum Teil inhaltlich gar nicht mehr können.“

Die Eltern engagierten einen Nachhilfelehrer. Einmal pro Woche erklärt er den Jugendlichen nun den Lernstoff und hilft ihnen beim Erstellen und Berechnen von Diagrammen, Parametern und Funktionen. Seither sehen die Geschwister wieder etwas mehr Land.

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Schon Erstklässler brauchen Hilfe

Diesen Weg schlagen offensichtlich immer mehr Familien ein. In den ersten fünf Wochen dieses Jahres ist die Nachfrage nach einem privaten Nachhilfelehrer in Sachsen um durchschnittlich 110 Prozent im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Besonders gravierend war das in der ersten Januarwoche – der ersten regulären Homeschooling-Woche im zweiten Lockdown. 386 Prozent mehr Sachsen suchten online nach einem Nachhilfelehrer in ihrer Umgebung. Das zeigt ein Vergleich des Internetmarktplatzes Ebay-Kleinanzeigen. Gleichzeitig haben aber nur durchschnittlich acht Prozent mehr potenzielle Nachhilfelehrer ihre Dienste angeboten. „Der Bedarf ist aufgrund des andauernden Lockdowns gestiegen“, sagt Ebay-Sprecher Pierre Du Bois.

Je länger die Kinder im Homeschooling bleiben müssen, umso mehr steigen die Nachfragen. „Das war schon im ersten Lockdown so“, sagt Annelie Schneider, Institutsleiterin von Abacus Sachsen. Arbeit, Kinderbetreuung und Unterricht zu Hause unter einen Hut zu bringen, ist für alle Eltern seit Monaten eine große Herausforderung. „Natürlich geben sie sich Mühe, aber sie sind keine Lehrer. Ihnen fehlt es oft an Geduld und pädagogischen Kenntnissen“, sagt Ute Stark. Sie ist für das Nachhilfeinstitut Studienkreis als Gebietsleiterin für die Standorte von Meißen bis Zittau zuständig. In den 20 Niederlassungen laufen derzeit überdurchschnittlich viele Nachfragen von Eltern von Erstklässlern ein. „Die Eltern sind in großer Sorge, dass ihre Kinder den verlorenen Stoff nicht mehr aufholen können, auch wenn sie jetzt wieder in die Schule gehen dürfen“, sagt Ute Stark. Von Oberschülern und Gymnasiasten gebe es ebenfalls wesentlich mehr Interesse, insbesondere von Abschlussschülern. „Oft fehlt der Lernstoff, und bei vielen ist der Frust inzwischen so hoch, dass sie abschalten, wenn sie ein Stoffgebiet nicht verstehen“, sagt Annelie Schneider. „Was die Lehrer zuschicken, ist oft nicht vergleichbar mit dem normalen Pensum, das die Kinder im Präsenzunterricht hätten. Aber irgendwann wird der Stoff in den Prüfungen ja abgefragt.“ Es gehört zu den klassischen Aufgaben von Nachhilfelehrern, solche Defizite zu erkennen und mit den Schülern aufzuarbeiten.

Analoge Nachhilfe in den Räumen der Einrichtung ist derzeit laut Sozialministerium nicht zulässig (Stand: Freitag, 15 Uhr), noch nicht einmal Einzelunterricht mit Maske und Abstand. Genutzt werden dürfen nur Online-Angebote. Die Nachhilfeinstitute hatten sie schon während des ersten Lockdowns eingerichtet. Das sind Videokonferenzen via Skype, Zoom, WhatsApp oder Teams, in die sich die Schüler mit dem Smartphone, Laptop oder Tablet einwählen. Das nutzen aber meist nur jene, die schon vor der Pandemie Nachhilfe hatten.

„Wir haben sehr viele Nachfragen, aber nur ein Bruchteil davon meldet sich am Ende auch an“, sagt Ute Stark. Vor allem Eltern von Grundschülern fremdeln mit den Online-Formaten. Manche, weil sie nicht die Geräte oder die nötige Internetabdeckung haben. Andere, weil sie glauben, dass die Kinder entweder den Umgang nicht beherrschen oder sich ablenken lassen. Sie warten lieber ab und hoffen darauf, dass der Präsenzunterricht im Nachhilfeinstitut bald wieder möglich wird. Das bestätigt auch Thomas Schmorl vom Studiertreff mit zehn Standorten in Dresden, Leipzig und Ostsachsen. „Manche Schüler haben mit der Online-Nachhilfe Probleme, aber viele, auch jüngere, kommen damit gut klar“, sagt er.

Nur wenige Lehrer kommen heim

Die Online-Nachhilfe ist genauso aufgebaut wie die klassische Präsenzvariante. In der Regel führt sie der gleiche Lehrer durch, den die Kinder aus dem Institut kennen. Nur findet sie, genau wie teilweise der Schulunterricht am Vormittag, per Videokonferenz in den eigenen vier Wänden statt. „Das ist so, als säße der Nachhilfelehrer direkt neben dem Schüler“, erklärt Denise Kirchberger von der Schülerhilfe. Der Studienkreis arbeitet mit Skype. Der Studiertreff nutzt dafür Zoom. „Das läuft gut“, sagt Thomas Schmorl. Seine Kollegen arbeiten im Gruppen- oder Einzelunterricht. In virtuellen Räumen besprechen sich Nachhilfelehrer und Schüler im Bedarfsfall individuell. Gemeinsame Aufgaben werden auf den Bildschirm hochgeladen und live bearbeitet. „Besonders die älteren Schüler finden das sogar besser als die Präsenznachhilfe“, so Schmorl.

Auch bei Abacus sind die Neuabschlüsse von Nachhilfeverträgen gemessen am hohen Bedarf eher verhalten. Dabei bietet das Institut anders als die Konkurrenz auch Einzelunterricht zu Hause an. „Unsere Umsätze sind im Vergleich zu 2019 zurückgegangen“, sagt Annelie Schneider. „Das hängt mit Kurzarbeit, Existenzängsten und der Unsicherheit, was die Zukunft bringt, zusammen.“

Wer durch die Pandemie in finanzielle Not geraten ist, kann die Kosten für die Nachhilfe unter Umständen durch das „Bildung und Teilhabe“-Paket teilweise oder komplett finanziert bekommen. Sozial schwache Eltern melden ihr Kind dafür bei der Kommune an. Zuständig ist entweder das Sozialamt oder das Jobcenter. Allein bei Abacus profitieren rund zehn Prozent der Nachhilfeschüler davon.

Ganz kostenlos ist ein Angebot der Schülerhilfe. Bis zum 11. April haben alle Schüler einen freien Zugang zum Online-Lern-Center. Darin sind Materialien für Mathe, Deutsch, Englisch, Französisch und Latein von der Grundschule bis zum Abitur zusammengestellt, darunter 1.700 Lernvideos, über 70.000 Übungsaufgaben sowie interaktive Aufgaben und Live-Webinare.

Private Lehrer, die nach Hause kommen, nehmen die Gutscheine des Bildungspaketes in der Regel nicht an. Wer dennoch einen sucht und bei Ebay-Kleinanzeigen nicht fündig wird, kann sein Glück beim Portal www.erstenachhilfe.de versuchen. Dort bieten jetzt viel mehr ihre Dienste an als vor der Pandemie, allerdings meist ebenfalls online. Gibt der Lehrer dem Kind weniger als sechs Stunden Nachhilfe pro Woche, muss er für die Versteuerung seiner Einnahmen und Umsätze übrigens selbst sorgen. Die Eltern müssen ihn dann weder steuerlich anmelden noch Steuern von seiner Vergütung ans Finanzamt abführen, erläutert Sandra Jäschke vom Finanzministerium.

Das kostet Nachhilfe:

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  • Das Portal www.erstenachhilfe.de hat die Preise verglichen, die private Nachhilfelehrer bundesweit für 45 Minuten Einzelnachhilfe fordern.
  • In Chemnitz liegen sie je nach Alter des Schülers durchschnittlich zwischen 11,02 und 12,95 Euro, in Dresden zwischen 11,11 und 13,18 Euro.
  • Am teuersten ist München mit 15,30 bis 17,50 Euro, am günstigsten Hamm (9,72 bis 12,50 Euro).
  • In den Nachhilfeinstituten liegen die Kosten pro Unterrichtsstunde zwischen sieben und elf Euro. Einzelunterricht kostet generell mehr als Gruppenunterricht. Die Preise sind trotz Pandemie stabil geblieben.

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