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Politik

"Alles, was Kontakte reduziert, bringt was"

Wissenschaftler begrüßen den geplanten Oster-Lockdown weitgehend. Allerdings seien vor allem ungeschützte Kontakte in Innenräumen ein Problem.

Zusammengestellte Stühle eines geschlossenen Restaurants am Berliner Müggelsee. Über Ostern soll deutschlandweit das öffentliche, private und wirtschaftliche Leben weitgehend heruntergefahren werden.
Zusammengestellte Stühle eines geschlossenen Restaurants am Berliner Müggelsee. Über Ostern soll deutschlandweit das öffentliche, private und wirtschaftliche Leben weitgehend heruntergefahren werden. © Wolfgang Kumm/dpa

Berlin. Der Epidemiologe Dirk Brockmann vom Robert Koch-Institut (RKI) hält die Verschärfung der Corona-Maßnahmen über Ostern für wirksam. "Das könnte nach meiner Ansicht einen sehr positiven Effekt haben, weil eine ganze Reihe von Tagen dann quasi Ruhetage sind, also Sonntage", sagte Brockmann am Dienstagmorgen im Deutschlandfunk. Schon beim "Wellenbrecher" im Frühjahr habe sich gezeigt, dass viele Menschen ihre Aktivitäten runtergefahren hätten. "Und das hatte dann (...) ein, zwei Wochen später einen sehr starken Effekt auf die Fallzahlen, weil sehr viel weniger Kontakte stattfinden".

Laut Beschluss von Bund und Ländern soll von Gründonnerstag bis Ostermontag (1. bis 5. April) deutschlandweit das öffentliche, private und wirtschaftliche Leben weitgehend heruntergefahren werden, um die dritte Welle der Pandemie zu brechen. Nur am Karsamstag (3. April) soll demnach der Lebensmittelhandel geöffnet bleiben.

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Systematisches Testen in Betrieben nötig

"Natürlich werden diese Maßnahmen sich positiv darauf auswirken, aber wie stark, das lässt sich nur sehr, sehr schwer berechnen", sagte Brockmann. In Deutschland erlebe man gerade einen "exponentiellen Anstieg" der Infektionszahlen, "bei dem sich die Fallzahlen alle zwei Wochen etwa, vielleicht sogar noch auf einer kürzeren Skala verdoppeln", betonte Brockmann. Ohne weitere Maßnahmen zu Ostern könne es unter diesen Voraussetzungen in Deutschland bis zu 60.000 Neuinfektionen jeden Tag geben.

"Alles, was Kontakte reduziert, bringt ja was", sagte Brockmann auf die Frage nach der Wirksamkeit von den unter anderem in dem Beschluss genannten Ausgangsbeschränkungen und verschärften Kontaktbeschränkungen im Rahmen der "Notbremse". "Ganz wichtig sind aber in meinen Augen, dass gerade in den Betrieben systematische Teststrategien gemacht werden", betonte der Epidemiologe.

Mobilitätsforscher: Vor allem Innenräume ein Problem

Aus Sicht des Mobilitätsforschers Kai Nagel von der TU Berlin sind im Kampf gegen das Coronavirus vor allem ungeschützte Kontakte in Innenräumen ein Problem. Dass diese vermieden werden sollten, komme im Beschluss von Bund und Ländern zu kurz, erklärte Kai Nagel von der TU Berlin am Dienstag. "Gewünscht hätten wir uns, dass der Absatz (...) statt in der Präambel im Maßnahmenteil des Beschlusses aufgenommen worden wäre." Denkbar wäre etwa eine Aufklärungskampagne gewesen.

Auch seien Zwangsmaßnahmen im Sinne der Infektionsbekämpfung effektiver als auf die persönliche Verantwortung der Bevölkerung und der Unternehmen zu setzen, wie es die Politik macht. "Wir haben aber Verständnis dafür, dass Zwang vermieden wurde", so Nagel. Jetzt sei umso wichtiger, dass möglichst viele die ungeschützten Kontakte in Innenräumen vermeiden, um das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu bringen und damit kontrollierte Öffnungen zu erlauben.

Als sinnvoll erachten Nagel und seine Kollegen, dass Kontakte in Innenräumen generell mit Schutzmaßnahmen verbunden werden müssen, und dass dies auch im Arbeitsbereich umgesetzt werden muss. Auch Schnelltests - sofern sie flächendeckend und häufig genutzt werden - und Kontaktbeschränkungen über Ostern seien hilfreich, erklärte Nagel. "Auch richtig finden wir, dass mit Modellprojekten Erfahrung gesammelt werden soll." Es gebe viele Aktivitäten, bei denen die Infektionswahrscheinlichkeit eher gering ist. "Es ist aber sicher richtig, dies zunächst in kleinem Maßstab und mit entsprechender Kontrolle zu testen, bevor hier größere Schritte unternommen werden."

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Nach Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) vom Dienstag haben die Gesundheitsämter in Deutschland binnen eines Tages 7.485 Neuinfektionen gemeldet, rund 2.000 mehr als vor einer Woche. Zudem wurden innerhalb von 24 Stunden 250 neue Todesfälle verzeichnet, auch das waren nun mehr als vor einer Woche, nämlich ein Plus von 12. Der Inzidenzwert der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner stieg weiter und lag laut RKI am Dienstagmorgen bundesweit bei 108,1 - etwas höher als am Vortag (107,3). (dpa)

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