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Querdenker wollen sie nicht sein

Menschen mit kruden Mutmaßungen über die Corona-Pandemie sind in der Oberlausitz mehr verbreitet, als man glaubt. Aber weniger, als sie denken.

Hans-Ulrich Leonhardt in seinem Antikladen auf der Steinstraße in Görlitz.
Hans-Ulrich Leonhardt in seinem Antikladen auf der Steinstraße in Görlitz. © Nikolai Schmidt

Die Görlitzer Waldorfschule macht es sich einfach. In der Panorama-Sendung in der ARD trat einer ihrer Lehrer und zugleich Vorstand der Görlitzer Schule auf zum Thema: „Waldorfbewegung und die Corona-Krise“.

Auf die Bitte von SZ und sächsische.de zu den verharmlosenden Äußerungen Stellung zu nehmen, veröffentlichte die Schule einfach die Stellungnahme des Bundes der Waldorfschulen auf ihrer Webseite und schloss sich "vollumfänglich" an. Der Bund distanzierte sich "ausdrücklich von allen Versuchen, die Pandemie zu verharmlosen". Ein generelles Problem an den Einrichtungen will man sich nicht vorwerfen lassen: "Alle Waldorfschulen halten sich an die Corona-Maßnahmen. Wenn es vereinzelt Verstöße gab oder gibt, wurden beziehungsweise werden diese umgehend korrigiert und bei absichtlichem Handeln auch sanktioniert."

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Der Panorama-Beitrag zeige vielmehr, dass die Auseinandersetzung um die Pandemie und die Maßnahmen, "sehr bewusst geführt", werden. Eigene Worte fand die Görlitzer Waldorfschule zu dem Film und ihrem Lehrer aber nicht. Zu groß dürfte die Sorge sein, einen dauerhaften Imageschaden zu erleiden, wo die Schule doch erst im vergangenen Jahr nach einem millionenschweren Bau in neue Räume gezogen war.

Gesamtgesellschaftliches Phänomen?

Entstanden war der Beitrag, weil Panorama aufgefallen war, dass bei Demos gegen staatliche Maßnahmen auffällig viele aus der Waldorfszene dabei seien, die Redakteure mehrere Gruppen im Messenger-Dienst Telegram gefunden hatten, in denen sich offenbar Waldorf-Eltern und Lehrer gegen die Maßnahmen organisieren.

Mit einem hat der Bund der Waldorfschulen wohl recht: Die Protestbewegungen, etwa Demos oder Chatgruppen, die in der Auseinandersetzung um die Pandemie und die Maßnahmen entstehen, seien ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Und es sind mehr als man denkt: Hunderte, die in einem Autokorso mitfahren, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Ein Görlitzer Antiquitätenhändler, der in seinem Schaufenster eine Porträtmalerei aufstellt, bestückt mit einer Maske und dem Zusatz "Die 'Fratze' der Diktatur". Eine Apothekerin, die in einem Leserbrief Inzidenzgrenzen als "immer wieder frisch, fromm und frei erfunden" bezeichnet.

Autokorso gegen die Corona-Maßnahmen in der Nähe von Oppach.
Autokorso gegen die Corona-Maßnahmen in der Nähe von Oppach. © Matthias Weber/photoweber.de

Tatsächlich haben laut ARD-Deutschlandtrend Ende Januar mehr Menschen die Einschränkungen in der Corona-Krise als sehr starke oder starke Belastung wahrgenommen, fast jeder zweite. 42 Prozent bezeichneten ihre persönliche Belastung als weniger stark, neun Prozent fühlten sich nicht belastet. Noch vor Weihnachten, vor Verlängerung des Lockdowns, gaben nur 36 Prozent an, sich stark oder sehr stark belastet zu fühlen. Vor allem beim Krisenmanagement von Bund und Ländern ist die Zufriedenheit laut Deutschlandtrend gesunken.

Aber es sind weniger, als sie selbst glauben: Der Autokorso rollt nach der zweiten Auflage nicht mehr, zumindest liegt der Polizei für die Landkreise Görlitz und Bautzen diesmal keine Anmeldung vor. Der Antiquar erhielt für seine Masken-Installation auf Facebook so einige Ermutigung, aber auch Gegenrede, unter anderem von Joachim Trauboth, Integrationsbeauftragter der SPD in Görlitz: "Wenn ich mir die Kommentare hier so ansehe, dann fürchte ich, dass uns Covid noch länger beschäftigen wird. Wer einen Mundschutz als Symbol der Diktatur versteht, weiß nicht (mehr), was eine Diktatur ist."

Dieses Bild steht in Leonhardts Schaufenster.
Dieses Bild steht in Leonhardts Schaufenster. ©  Screenshot Facebook

Mehrheit der Bevölkerung steht hinter den Maßnahmen

In eine Ecke gestellt werden wolle Hans-Ulrich Leonhardt nicht, sagt er am Telefon. Er handelt seit fast drei Jahrzehnten mit Antiquitäten, sein Antikhaus auf der Steinstraße, gegründet 1991, dürfte zu den bekanntesten Geschäften in Görlitz zählen. Ein freundlicher Mann.

Der nun eine "Fratze der Diktatur ausstellt. Was er damit ausdrücken will? "Das zu interpretieren überlasse ich jedem selbst." Er habe das Bild mit der Maske "aus Sorge um die gemeinsame Zukunft, unsere Kinder und Enkel" aufgestellt. "Nicht nur ich, sondern Dutzende Millionen, ich würde sagen zwei Drittel der Bevölkerung, zweifeln an der Realität der Politik und den Verhältnismäßigkeiten, die angewendet werden, wenn man aber und aber Millionen Menschen in die Arbeitslosigleit treibt, in die Perspektivlosigkeit."

So viele, wie er vermutet, teilen seine Ansicht nicht. Die Kritik am Krisenmanagement steigt, hinter den letztlich getroffenen Maßnahmen steht der größere Teil aber: In einer Civey-Umfrage, ebenfalls im Januar, gaben bundesweit 32 Prozent der Befragten an, die Verschärfung für angemessen zu halten, rund 29 Prozent hielten die Beschlüse von Bund und Ländern für übertrieben, 38 Prozent als noch nicht ausreichend. In Sachsen ist der Anteil der Skeptiker höher. Laut Civey-Umfrage finden 41 Prozent der Sachsen die Maßnahmen übertrieben. Aber über die Hälfte, 31 und 26 Prozent, sieht sie als angemessen oder noch nicht ausreichend an. Wo verläuft dabei der Grad zwischen berechtigter Kritik und Verschwörungsmythen?

"Die, die uns beherrschen"

Hans-Ulrich Leonhardt findet es nicht richtig, wenn Kinos und Theater vielleicht gar Millionen für Schutzmaßnahmen und Lüftungsanlage ausgeben, und dann geschlossen bleiben müssen. „Mir geht es um eine realistische Politik, damit die Menschen nicht die Hoffnung verlieren.“ Ihm fehle eine freie Diskussion dazu: "Immer gab es Kritik, wenn Menschen nicht konform mit den Herrschenden kommunizieren", sagt er. "Die, die sich getraut haben, egal wie sie hießen und zu welcher Zeit, gegen den Mainstream zu schwimmen, werden ja sofort diffamiert und in politische Ecken gestellt, wo alle hinkommen, die nicht konform sind mit denen, die uns beherrschen, ich sage nicht regieren." Das In-die-Ecke-Stellen habe es schon zweimal gegeben, im vorangegangenen System und dem davor.

Über 900 Tote, die in Zusammenhang mit dem Coronavirus gestorben sind, hat der Landkreis Görlitz inzwischen zu beklagen. "Über wie viele Monate sind das wie viele Prozent der Bevölkerung, in welchem Alter?", fragt Leonhardt. "Über 90 Prozent waren alt, krank und wären, früher sagte man Altersschwäche, an Lungenentzündung oder Herzinfarkt gestorben". Auf der anderen Seite seien, so Leonhardts Behauptung, 69 Menschen an der Corona-Impfung gestorben. Quellen dafür gibt er nicht an.

Behauptung vom Tod durch Impfen nicht haltbar

Man hört diese Behauptung seit Beginn der Impfungen immer wieder. Laut dem Paul-Ehrlich-Institut wurden in Deutschland bis Mitte des Monats 223 Menschen gemeldet, die nach einer Corona-Impfung starben. Wie unter anderem die dpa nach einer Analyse berichtet, gibt es aber keinen belegten Fall, in dem die Impfung selbst zum Tod führte. Es gab andere Korrelationen. Wie kürzlich Panorama berichtete, war bei einem Teil der Verstorbenen eine Obduktion nicht möglich, etwa weil Angehörige es nicht wollten, daher konnte bei ihnen die Todesursache nicht zweifelsfrei geklärt werden. Bei den anderen schon.

Die Zahlen würden die Maßnahmen nicht rechtfertigen, findet er. "Das bedeutet nicht, dass ich Corona leugne. Das ist eine beachtliche Krankheit, wie aber etwa die Grippe auch." Die Bezeichnung Pandemie lehne er aber ab, da die Zahlen sie nicht rechtfertigten. Seiner Meinung nach eine Instrumentalisierung, um die Maßnahmen, die er für übertrieben hält, durchzusetzen. "Sie sehen doch, wie viel Umsatz zum Beispiel Amazon derzeit macht. Aber das ist meiner Meinung nach gewollt, die Digitalisierung, die Entkultivierung unseres Landes." Bereits vor Corona sei angekündigt worden, die Welt werde sich verändern, "und da sind wir gerade dabei, durch wen auch immer. Sie haben bestimmt vom Great Reset gehört", fragt er. "Wo die Milliardäre der Welt zusammenkommen, glauben Sie nicht, dass da auch Weltpolitik gemacht wird?"

Brigitte Westphals Leserbrief beginnt mit einer Kritik, die sicher viele unterschreiben würden: Die Ansage von Ministerpräsident Michael Kretschmer, dass es auch zu Ostern keine Öffnung der Hotels in Sachsen geben werde. Kretschmer habe es "nicht einmal für nötig befunden, auf eine der immer wieder frisch, fromm und frei erfundenen Inzidenz-Zahlen zurückzugreifen." Auf Rückfrage erklärt Brigitte Westphal, damit meine sie nicht die Inzidenzzahlen an sich, sondern "die willkürliche Festlegung, ab wann man was darf", erklärt sie, "und außerdem denke ich, dass mit den Zahlen Angst eingeflößt wird. Normalerweise werden Inzidenzien auch in anderen Zeiträumen verwendet, nämlich Jahren."

Apothekerin: Kein Grund für die Maßnahmen

Brigitte Westphal betreibt in Görlitz eine Apotheke, ist Mitglied in der Naturforschenden Gesellschaft der Oberlausitz. Ihre Meinung zu den Corona-Maßnahmen stünden in "keinerlei Zusammenhang mit meiner Mitgliedschaft in der Naturforschenden Gesellschaft der Oberlausitz", teilt sie mit. Das Fazit ihrer Meinung: "Es gibt und gab nicht nur meiner Meinung nach keinen fachlichen Grund für alle diese Beschränkungen, mit denen wir seit nun vier Monaten leben müssen."

Leitet seit über 20 Jahren die Humboldt-Apotheke: Brigitte Westphal.
Leitet seit über 20 Jahren die Humboldt-Apotheke: Brigitte Westphal. © nikolaischmidt.de

Auch sie argumentiert mit den Sterbezahlen. "Dass Corona in wenigen (zum Glück) Fällen schwerer verläuft als eine Grippe, steht fest", schreibt sie, "und ich bedauere jedes Opfer dieser Krankheit sehr. Genauso hätte und habe ich aber jedes Influenza-Opfer bedauert." Wie bei der Influenza seien die Toten auch bei Corona größtenteils über 80 Jahre alt, "und nur circa fünf Prozent aller Opfer hatten keine Vorerkrankungen", behauptet sie.

Mittlerweile gibt es aber Studien, die die Ergebnisse von Obduktionen von Corona-Toten zusammenfassen. So kam jetzt das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, wo 735 Corona-Tote obduziert wurden, zum Ergebnis: Die meisten seien ursächlich an den Folgen der Covid-19-Infektion gestorben, nur bei sieben Prozent der Toten sei das nicht der Fall gewesen. Auf ganz ähnliche Werte kamen auch Pathologen in Augsburg.

Frau Westphal aber ist sich sicher, die Zahlen der Corona-Erkrankungen würden sich im Rahmen einer mittelschweren bis schweren Grippewelle bewegen. Tatsächlich hat der Kreis Görlitz, auf 100.000 Einwohner gerechnet, eine deutlich mehr als doppelt so hohe Sterberate als die USA, rund 355.

Genauso althergebracht wie der Grippevergleich: der Schweden-Vergleich, "ohne Lockdown alles ziemlich genau im EU-Durchschnitt" schreibt Westphal. Nur der Schutz der Alten- und der Pflegeheime wurde dort anfangs leider vernachlässigt." Vor Kurzem aber berichtete die Schweizer Zeitung "Blick" von einer Einschätzung des schwedischen Virologen Anders Tegnell, in der er Fehler in Schweden einräumt. Vor allem habe man die Zahl derer, die ohne Symptome durch eine Corona-Infektion kommen, also ohne Symptome Antikörper entwickeln, überschätzt.

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Dass Schweden Fehler im Umgang mit Corona eingeräumt hat, sei ihr bekannt, so Brigitte Westphal. "Im Übrigen habe ich Schweden als Beispiel genannt für ein Land ohne Lockdown und trotzdem vergleichbaren Zahlen." Über 12.500 Todesopfer gibt es in Schweden. Westphal führt in ihrem Leserbrief weitere Beispiele für "Unlogik" auf. Warum "Fußballmillionäre" nicht in Quarantäne müssen, wurde einer aus der Mannschaft positiv getestet, oder die "Absurdität, im Freien Mundschutz tragen zu müssen, wo es nicht einmal sicher ist, ob der überhaupt nützt". An ihren Äußerungen scheint sie nichts zum Hinterfragen zu sehen. Ihre Antwort auf die SZ-Rückfrage endet: "In Deutschland herrscht Meinungsfreiheit – oder?"

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