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Vom Kraftsportler zum Reha-Patienten

Ein Dresdner hat sich durch Covid-19 komplett verändert. An der Bavaria-Klinik Kreischa kämpft er sich zurück. Hoffnung gibt jetzt ein neues Projekt.

Leander Wagner lässt seine Muskeln spielen. So sah der Kraftsportler und Karatetrainer noch vor einem Jahr aus.
Leander Wagner lässt seine Muskeln spielen. So sah der Kraftsportler und Karatetrainer noch vor einem Jahr aus. © Leander Wagner

Der Therapeut Krzysztof Lojek schiebt den Rollstuhl aufs Laufband und hilft Leander Wagner beim Aufstehen. Langsam, ganz langsam erhebt sich der 46-Jährige und lässt sich bereitwillig Gurte anlegen. Zu seiner eigenen Sicherheit.

Er geht ein paar Schritte. Es strengt an. Dabei hat sich der Dresdner nach einer Woche Reha in der Bavaria-Klinik Kreischa schon von 20 auf 50 Meter Gehen auf dem Laufband gesteigert. Am Mittwoch waren es 80.

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Wagner kämpft mit den Auswirkungen seiner Covid-19-Erkrankung. Und das nach einer ersten Ansteckung im vergangenen Jahr Monate später noch einmal. Dabei war er davon ausgegangen, alles überstanden zu haben, ohne Krankenhausaufenthalt. Ein Trugschluss. Jetzt ist er einer von derzeit 100 Covid-Patienten in Kreischa, an die tausend waren es seit Beginn der Pandemie. Dazu kommen laut Pressesprecherin Kathleen Balle 45 Kinder.

Nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Jüngeren könnten starke Symptome bis zu Organversagen führen. Einen Standardverlauf allerdings gebe es bei keinem Patienten, sagt Dr. Michael Adamaszek, Chefarzt der Neurologischen Rehabilitation in Kreischa. Manche Patienten hätten körperliche Einschränkungen, andere sind nicht belastbar, erschöpft und haben Konzentrationsschwierigkeiten.

Zusammenbruch nach der zweiten Infektion

Der Immobilienmakler Wagner, der regelmäßig im Fitnessstudio Kraftsport betreibt und Karatetrainer ist, verfällt nach seiner zweiten Infektion körperlich. Es trifft ihn anders als beim ersten Mal hart. Studien zeigen, dass möglicherweise zu wenig Antikörper bei der ersten Erkrankung noch keinen sicheren Schutz bieten.

Damit sei die Gefahr, dass eine erneute Ansteckung schwerwiegender wird, größer. Auch Adamaszek kennt solche Studien. In einigen anderen werde ein solcher Zusammenhang aber nicht nachgewiesen, sagt er: "Laut Robert-Koch-Institut gibt es dafür bislang keine ausreichenden Daten."

Schritt für Schritt auf dem Laufband: Leander Wagner braucht nach einer Corona-Erkrankung bei der Reha in Kreischa viel Unterstützung, hier durch Physiotherapeut Krzysztof Lojek.
Schritt für Schritt auf dem Laufband: Leander Wagner braucht nach einer Corona-Erkrankung bei der Reha in Kreischa viel Unterstützung, hier durch Physiotherapeut Krzysztof Lojek. © Karl-Ludwig Oberthür

Bei Wagner aber war es so, dass ihn erst die zweite Infektion völlig aus der Bahn warf. Er erinnert sich wieder genau an jenen verhängnisvollen 13. Mai dieses Jahres: "Wir waren bei Freunden eingeladen. Vier Tage später wurden meine Frau und ich positiv auf Corona getestet."

Während seine Frau nach zwei Wochen wieder fit war, ging es ihm immer schlechter. Da er als Sportler regelmäßig seinen Blutsauerstoff gemessen hat, stellte er fest, wie der in den Keller sauste. In der Dusche brach er zusammen. Mit dem Rettungswagen kam er ins Diakonissenkrankenhaus, wo ihn nur Sauerstoff retten konnte. Schließlich lag er im Koma, fünf Wochen lang. Danach brauchte es lange, bis Wagner wieder einordnen konnte, dass er eine schwere Covid-Erkrankung hatte, die noch längst nicht überstanden war: "Ich bin gerade nochmal so von der Schippe gesprungen."

Zu starke Belastung schadet

Aber mit schwerwiegenden Folgen. Lunge, Nieren und vor allem Leber sind angegriffen. Die Leber sogar so sehr, dass er auf der Transplantationsliste an der Leipziger Uniklinik steht. Wagner zeigt Fotos von sich, auf denen er seine Muskeln spielen lässt. Er ist nicht wiederzuerkennen. Vom getriebenen Kraftsportler ist nichts geblieben: Blass, dünn, ein gelber Schimmer auf der Haut. Zumindest aber hat er einen unbedingten Willen, zurück zu einem normalen Alltag zu finden.

"Vielleicht geht es auch ohne Operation mit meiner Leber aufwärts", hofft er und erzählt von quälenden Alpträumen während der Zeit, in der er im Koma lag. Überall hätte er Narben von der Bauchlage und sicher auch von medizinischen Geräten. Er zeigt auf Stirn, Arme, Beine. Es sei eine furchtbare Zeit gewesen, auch danach, als er zwischen Krankenhaus und Intensivstation in Kreischa hin und her pendelte.

Jetzt ist er seit einer reichlichen Woche zur Reha in Kreischa. Die tut ihm gut. Er läuft mit dem Rollator, bewegt sich am Gehbarren, versucht, Gewichte zu stemmen, lernt mit robotergestützter Technik zu gehen - alles unter Aufsicht. "Eine zu starke Belastung kann schnell auch ins Gegenteil umschlagen", sagt Therapeutin Susanne Sondermann. Maximal 70 bis 80 Prozent des Leistungsvermögens sollten nach so einer schweren Erkrankung abgerufen werden.

Männer von Corona-Infektion mehr betroffen

"Statistisch gesehen scheint das männliche Geschlecht eher für eine SARS-CoV-2-Infektion empfänglich zu sein", sagt Chefarzt Adamaszek. Die Stärke der Erkrankung wiederum hänge nicht vom Geschlecht ab.

Welche Langzeitfolgen Leander Wagner haben wird, dazu können die Ärzte derzeit keine Aussage treffen. Wie überhaupt eine Rehabilitation dem entgegenwirken kann, ist noch unbekannt. "Die Long-Covid-Forschung ist ganz am Anfang", sagt Adamaszek. Grund genug für den Neurologen und Kollegen anderer Fachgebiete, sich mit der Charité für einem Langzeitprojekt zusammenzuschließen. Im Oktober startet es. Deutschlandweit bisher einmalig.

Ein Pilotprojekt mit der Charité

Dafür werden über zwei bis drei Jahre bis zu 300 Covid-Patienten nach der Behandlung in der Charité zur Reha nach Kreischa geschickt, jeweils für drei bis vier Wochen. Dort erhalten sie eine speziell auf ihre Erkrankung zugeschnittene Therapie.

Seitens der Charité ist das dortige Fatigue Centrum als Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung, Diagnostik und Therapie von chronischen Erschöpfungserkrankungen am Start, unter Leitung von Professorin Carmen Scheibenbogen.

Neurologe Dr. Michael Adamaszek von der Bavaria-Klinik bereitet mit Kollegen aus Kreischa und Berlin ein deutschlandweit bisher einmaliges Langzeitprojekt für bessere Therapien bei Rehabilitationen nach Covid-Erkrankungen vor.
Neurologe Dr. Michael Adamaszek von der Bavaria-Klinik bereitet mit Kollegen aus Kreischa und Berlin ein deutschlandweit bisher einmaliges Langzeitprojekt für bessere Therapien bei Rehabilitationen nach Covid-Erkrankungen vor. © Karl-Ludwig Oberthür

An der Bavaria-Klinik in Kreischa beteiligen sich vor allem Neurologen, Onkologen, Hämatologen sowie das Wissenschaftliche Institut für Rehabilitationsforschung am Projekt. "Ziel sind individuelle Diagnostik und Therapie bei einer Erschöpfungserkrankung im akuten Stadium und bei der Rehabilitation, wie sie bei einigen Long-Covid-Verläufen erforderlich ist", sagt Adamaszek.

Das sogenannte Fatigue-Syndrom sei seit vielen Jahren bekannt und trotzdem wenig erforscht. Es kann auch durch andere Viruserkrankungen wie dem Pfeifferschen Drüsenfieber ausgelöst werden und ist Teil von Long-Covid. Natürlich verspreche man sich auch Ergebnisse für die zielgerichtete Behandlung anderer Spätfolgen von Covid-Patienten. Momentan könne das oft noch nicht geleistet werden. Um so wichtiger sei ein interdisziplinäres Vorgehen verschiedener Fachgebiete.

Ein Drittel leidet unter Erschöpfung

Aktuelle Studien belegen, dass schon jeder Zehnte, der nur leicht an Covid-19 erkrankt war, ein halbes Jahr später noch Erschöpfungs-Symptome hat und damit an Long-Covid erkrankt ist. Inzwischen gehen Ärzte von 400.000 Betroffenen in Deutschland aus. Auch Depressionen und Gedächtnisstörungen gehören dazu. Allerdings leiden nicht alle auch unter solchen Folgen. Schätzungen zufolge betrifft es maximal ein Drittel der Betroffenen.

Leander Wagner hat mehr mit seinem körperlichen Wiederaufbau zu tun: "Ich möchte endlich wieder allein aufstehen und laufen können." Dafür trainiert er in Kreischa drei- bis fünfmal täglich, in kleinen Schritten. Damit andere das nicht erleben wie er, empfiehlt er allen, sich zu schützen, Abstand zu halten, zu lüften, Maske zu tragen. Impfen lassen will er sich allerdings selbst nach seinen Erfahrungen auch dann nicht, wenn er die Krankheit überstanden hat. Zu unsicher sei für ihn die Lage.

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Dabei ist Impfen für Michael Adamaszek eine wichtige Vorsorge. Er kennt aber auch die Meinung der Skeptiker. Trotzdem: Impffolgen seien nicht mit den Langzeitschäden von Covid-Patienten aufzuwiegen.

Inzwischen schaut Leander Wagner aus seinem Rollstuhl sehnsüchtig auf das Schwimmbecken der Klinik. "Das wäre auch was für mich, zum Muskelaufbau, zur Stabilisierung", sagt er und schiebt sich zur nächsten Behandlung.

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