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Warum wir jetzt doch ein Risikogebiet sind

Das Landratsamt Sächsische Schweiz-Osterzgebirge hat seine Zahlen mit denen des Robert-Koch-Instituts abgeglichen. Das Ergebnis hat Folgen für alle.

© Symbolfoto: dpa

Neueste Zahlen des Robert-Koch-Institutes (RKI) haben am Dienstag für Irritationen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gesorgt. Das RKI hatte die Region bereits als Corona-Risikogebiet ausgewiesen. Denn hier sei der Sieben-Tage-Wert für Neuinfektionen auf 53,7 pro 100.000 Einwohner gestiegen. Auch das sächsische Gesundheitsamt stufte den Landkreis am 20. Oktober als Risikogebiet ein.

Zahlen, die sich mit den offiziellen Angaben des Landratsamtes in Pirna allerdings nicht deckten. Am Montagnachmittag gab die Behörde bekannt, dass in den vergangenen sieben Tagen insgesamt 98 Neuinfizierte gemeldet wurden. Rein rechnerisch ergeben sich für diesen Zeitraum also 39,9 Infektionen pro 100.000 Einwohner. Damit liegt der Inzidenzwert des Landratsamtes weit unter dem des Robert-Koch-Institutes und des sächsischen Gesundheitsamtes.

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Der Grund: Die aktuellen Fallzahlen im Seniorenheim „Jochhöh“ in Freital-Pesterwitz wurden am Montag vom Landratsamt nicht mit eingerechnet. Die Einrichtung hatte sich am Wochenende zu einem Corona-Hotspot entwickelt. Insgesamt 33 Bewohner und zehn Mitarbeiter waren hier positiv getestet worden.

Laut Landrat Michael Geisler (CDU) wurden diese 43 Fälle bewusst nicht berücksichtigt. „Das Pflegeheim Jochhöh wird als lokaler Hotspot eingeordnet und daher nicht in die Sieben-Tage-Inzidenz eingerechnet“, teilte Geisler auf seiner Facebook-Seite mit. Das Landratsamt berief sich bei seiner Rechenmethode auf die Sächsische Corona-Schutz-Verordnung. Darin steht: „Für den Fall eines konkreten räumlich begrenzten Anstiegs der Infektionszahlen (Hotspot) sind entsprechend begrenzte Maßnahmen zu treffen.“

Der aktuelle Stand: Landkreis ist Risikogebiet

Am Dienstagabend veröffentlichte das Landratsamt dann doch Zahlen, die den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge zum Risikogebiet erklären. „In den letzten sieben Tagen wurden 145 weitere Personen positiv getestet. Daraus ergeben sich 59,1 Infektionen pro 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen“, heißt es in der Mitteilung. „Im Vergleich zur gestrigen Pressemitteilung wird an dieser Stelle auf das Herausrechnen von lokalen Hotspots verzichtet. 

Hintergrund ist die Vielzahl von Nachfragen zu diesem Vorgehen ebenso, wie die Darstellung des Robert-Koch-Institutes, welches den Landkreis als Risikogebiet ausweist“, erklärt die Landkreis-Behörde ihr Vorgehen. Eine neue Allgemeinverfügung sei aufgrund des gestiegenen Inzidenzwertes nun in Vorbereitung. Sie soll am Mittwoch bekannt gemacht werden und am Donnerstag in Kraft treten.

Landratsamt stockt Krisenstab auf

Wegen der steigenden Corona-Fallzahlen und der damit verbundenen Aufgaben will das Landratsamt das Personal aufstocken. Der Krisenstab und das Gesundheitsamt werden personell verstärkt, zudem soll ein weiteres Rechercheteam seine Arbeit aufnehmen. Nach Aussage von Vize-Landrätin Kati Kade besteht der Krisenstab derzeit aus zehn Mitarbeitern, zusätzlich arbeiten sechs am Corona-Bürgertelefon. Das zusätzliche Rechercheteam soll bis zu 20 Mitarbeiter haben. Sie werden vor allem die Aufgabe übernehmen, Kontaktpersonen nachzuverfolgen.

Laut Kati Kade arbeiten im Normalbetrieb 43 Angestellte im Gesundheitsamt. Derzeit wurde aus allen Bereichen der Verwaltung Personal abgestellt. Insgesamt arbeiten damit nun 82 Mitarbeiter der gesamten Verwaltung in der Pandemiebekämpfung.

Helios-Klinikum Pirna stellt Maskenscanner auf

Das Klinikum Pirna hält weiter an den geltenden Hygiene- und Sicherheitsstandards fest. Mitarbeiter des Krankenhauses sind seit Frühjahr verpflichtet, generell einen Mund-Nase-Schutz zu tragen. Diese Pflicht gilt auch für Patienten, wenn sie auf den Gängen unterwegs sind oder innerhalb des Krankenzimmers keinen Abstand von 1,50 Metern zum Personal einhalten können. In Kürze wird zudem ein sogenannter Maskenscanner im Eingangsbereich des Klinikums aufgestellt. Das Gerät erkennt, ob Besucher beim Betreten der Klinik ihren Mund-Nase-Schutz korrekt tragen.

Der Inzidenzwert ist auch für das Klinikum Anlass, die Kapazitäten zur Aufnahme von positiv getesteten Patienten – intensivpflichtig oder nicht – täglich zu prüfen und dem Bedarf anzupassen. Die Notfallaufnahme verfügt seit dem Frühjahr über einen separaten Aufnahme- und Testbereich für Verdachtspatienten. Auch eine entsprechende Aufnahmestation ist in Betrieb. Im Sommer hat das Klinikum begonnen, stationäre Patienten ohne Symptome oder Kontaktanamnese bei Aufnahme auf Covid-19 zu testen. Diese Tests werden jetzt noch einmal forciert. Alle geplanten Patienten-Veranstaltungen hat die Klinik bis Ende des Jahres abgesagt.

Gastronomen stöhnen unter zusätzlicher Bürokratie

Die neuen Regeln bei der Kontaktverfolgung sind für viele Gastronomen eine zusätzliche bürokratische Belastung. Zu dem Schluss kommt Thomas Pfenniger, Regionalbereichsleiter der Dehoga, des Hotel- und Gaststättenverbandes Sachsen, Regionalbereich Sächsische Schweiz. „Die neue Regelung ist für unsere Branche nicht förderlich“, sagt er. Viele Gastronomen würden bereits an der Belastungsgrenze arbeiten. Zudem sei der Mehraufwand mit Kosten verbunden: zum Beispiel für Fragebögen und den personellen Einsatz.

Die Daten könne man auch digital aufnehmen. Zum Beispiel mithilfe einer App. Das nutzen viele Einrichtungen bereits. Doch nicht überall funktioniert die Technik auch. Denn nicht überall im Landkreis sei das Breitbandnetz gleich gut ausgebaut. „Im Kirnitzschtal kann man ja nicht einmal mobil telefonieren“, sagt Thomas Pfenniger. Gastronomen in diesen Orten hätten dann das Nachsehen.

Angst vor dem zweiten Lockdown

„Insgesamt betrachtet ist es für uns weniger schlimm, dass die Gäste die Zettel ausfüllen müssen, als wenn wir komplett schließen müssten“, sagt Marcus Galle vom Eventariat Pirna, das unter anderem die Schlossschänke, das Schlosscafé und das Café Canaletto in Pirna betreibt. Ein kompletter Lockdown würde sich wesentlich gravierender auf den Betrieb auswirken.

Auch die Gästezahlen bei Feiern sind jetzt auf maximal 50 beschränkt. „Das ist für uns nicht wirklich relevant, weil wir kurz vor dem Saisonende stehen“, sagt Galle. Was wesentlich schwerer wiegt: Schon vor der neuen Regelung haben viele Firmen ihre Weihnachtsfeiern abgesagt. „Das bedeutet enorme Einbußen“, sagt Galle.

Die Pura Hotels GmbH in Bad Schandau sieht sich von den neuen Schließzeiten ebenfalls nicht betroffen. „Wir haben schon mit Beginn der Corona-Pandemie unsere Öffnungszeiten angepasst. Bis 22 Uhr ist bei uns das Gaststätten-Geschäft erledigt“, sagt Geschäftsführer Ralf Thiele.

Große Sorgen macht ihm allerdings, dass der Landkreis nun tatsächlich Risikogebiet ist. „Wir wissen nicht, wie die Gäste, die schon gebucht haben, darauf reagieren und ob sie dann überhaupt noch zu uns kommen“, sagt Thiele. Zudem steht noch das Weihnachts- und Silvestergeschäft bevor. „Das wäre sehr schade, wenn uns das verloren geht“, sagt Thiele.

Generell gibt er sich aber zuversichtlich, er und das Personal seien auf alles vorbereitet. Die Belegschaft hat bereits alle möglichen drohenden Szenarien durchgespielt, selbst den Fall, wenn bei einer erneuten Grenzschließung die tschechischen Mitarbeiter nicht mehr nach Deutschland kämen. „Wir haben alles darauf ausgerichtet, dass wir so lange wie möglich am Markt bleiben“, sagt Thiele.

Vorsichtiger Optimismus beim Tourismusverband

Der Tourismusverband Erzgebirge geht davon aus, dass Beherbergung und Bewirtung weiterhin möglich sein wird. „Eine wichtige Botschaft ist, dass unsere Beherbergungs- und Gastronomiebetriebe sowie Freizeiteinrichtungen bewährte Hygienekonzepte umsetzen“, teilte der Verband mit. „Die Entscheidung, ob man seinen Urlaub antritt oder verschiebt, liegt im Ermessen jedes Einzelnen.“ Der Beratungsbedarf sei jedoch deutlich gestiegen. Die Gäste seien verunsichert. Zu Stornierungen sei es aber nur vereinzelt gekommen.

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Die Verunsicherung der Menschen bekommt auch Olaf Schwalbe zu spüren, der in Höckendorf ein Hotel mit Gastronomie betreibt. „Vor allem ältere Menschen rufen bei uns an, ob sie ihre geplante Familienfeier bei uns überhaupt noch veranstalten können“, berichtet er. Nach dem jetzigen Stand ist das so. „Wir müssen uns der jeweils gültigen Allgemeinverordnung unterordnen, auch wenn wir gerne anders handeln würden“, fügt er an. „Aber die Zahlen sprechen ja für sich.“

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