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Warum Corona auch in der Liebe polarisiert

Gegensätzliche Meinungen sind in einer Beziehung nicht ungewöhnlich. Doch die Pandemie wirkt wie ein Brennglas. Wie damit umgehen?

Mehr Lockdown, bitte! Nein, weniger!
Mehr Lockdown, bitte! Nein, weniger! © 123rf

Streit gibt es in den besten Beziehungen. Doch was ist, wenn es diesmal nicht darum geht, ob im Fernseher schon wieder eine Romanze laufen muss oder die löchrigen Socken unbeirrt weiter getragen werden, statt sie in den Müll zu werfen? Sondern der Disput sich um politische Fragen und Themen dreht, die das eigene Wertesystem betreffen?

Gerade in der Corona-Pandemie kann es dann sehr schnell hitzig werden: Die eine findet die Corona-Maßnahmen zu mild, der andere vielleicht zu streng – und überhaupt, ist doch „eh nur eine Grippe“. Die eine will Karl Lauterbach nicht mehr sehen, der andere findet: Der SPD-Gesundheitspolitiker ist einer der wenigen Experten, der einem die Problematiken der Pandemie gut erklären kann.

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Fakt ist: Die Belastungen dieser schon lange andauernden Ausnahmesituation machen das Diskutieren nicht einfacher. „Wir erleben etwas, mit denen die meisten von uns gar keine Erfahrung haben und sind in einem Dauerstress, weil unsere Welt mit den gewohnten Abläufen aus den Angeln gehoben ist“, sagt die Psychologin Nathalie Krahé aus Frankfurt am Main. Und das führe beim Streit dazu, dass wir eher in einen Verteidigungsmodus gingen.

Richtig streiten

Gegensätzliche Meinungen konnten schon immer Beziehungen belasten, das ist kein Corona-Phänomen. Allerdings sind wir momentan eben öfters gefragt, eine Position zu beziehen.

Das kann dazu führen, dass der Partner oder die Partnerin plötzlich Ansichten offenbart, die einen erschrecken und wütend machen. „Darüber kann man in normalen Zeiten vielleicht eine Weile hinwegsehen, aber wenn sich das verdichtet, und potenziert im Zuge der Pandemie, dann hat das schon eine Sprengkraft, die Beziehungen zum Scheitern bringen kann“, sagt Krahé.

Dabei ist Streit über Gleichberechtigung, Klimapolitik aber auch Corona-Maßnahmen per se nichts Schädliches für Beziehungen. Es kommt nur auf das Wie an. „Bei politischen Fragen gibt es Paare, die sehr gut miteinander diskutieren. Die haben Lust auf ein geistiges Duell, das macht ihnen Spaß“, sagt die Paartherapeutin Anika Bökenhauer aus Göttingen. Die Grundstimmung ist dann allerdings geprägt von großer Wertschätzung und Akzeptanz. Dadurch sind die Unterschiede in den Meinungen auch gut auszuhalten.

Ausnahmen von der Regel

Ihr Rat für gutes Diskutieren: Nicht sofort in eine Gegenposition gehen und die eigene Position harsch vertreten, sondern dem Gegenüber erst mal Raum geben und neugierig sein. Man fragt also: „Aha, warum denkst Du so darüber?“ Dann hört man geduldig zu und sagt irgendwann: „Okay, ich habe eine andere Meinung dazu. Willst Du sie hören?“ Es ist dagegen nicht zielführend, wenn die Einstellung ist: Hier gewinnt einer und der andere verliert.

Es ist ja generell so, dass man sich nicht bei allem einig sein muss. „Das ist in der Regel kein zwingendes Partnerschaftsproblem“, sagt Bökenhauer. Aber es gibt Ausnahmen von der Regel.

Themen wie Gleichberechtigung von Mann und Frau, Fragen zu medizinischer Ethik aber auch abwertendes Denken über bestimmte Bevölkerungsgruppen betreffen bei vielen Menschen die grundsätzlichen Werte. Zwar spielen solche Haltungen bei der Partnerwahl durchaus eine Rolle, doch oft offenbaren sich bestimmte Ansichten des Partners eben nicht gleich am Anfang der Beziehung.

Bökenhauer sagt, dass viele das dann im Zusammenleben verdrängen und im Fall der Fälle bei mancher Entgleisung kein Fass aufmachen. Typischer Kommentar in so einer Situation: „Ja, mein Mann sagt schon komische Sachen.“ Meist beschäftigt man sich erst intensiver damit, wenn man sich mit einer möglichen Trennung auseinandersetzt.

„Am Anfang und in guten Zeiten werden Unterschiede grundsätzlich nicht so stark wahrgenommen. Die schaffen es nicht so leicht durch die rosa Brille“, erläutert die Paartherapeutin. Später oder in Krisenzeiten würden Unterschiede aber stärker wahrgenommen – bis hin zur inneren Legitimation von Trennungsabsichten.

Waffenruhe vereinbaren

Gerade angesichts des aktuellen Ausnahmezustands, der bei vielen wegen Existenzsorgen oder Überbelastung auch in ihrer persönlichen Gefühlswelt herrscht, rät Nathalie Krahé aber, beim Thema Trennung nicht übereilig zu sein.

„Manche verhalten sich in dieser Situation einfach irrational – und sagen unbedachte Dinge“, erklärt die Expertin vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP). Vielleicht hat auch schon länger etwas in der Beziehung geschwelt, was nun unter dem Brennglas der Pandemie zum Brand wurde. „Das findet man aber nur mit Zeit und Abstand heraus.“

Krahés Rat lautet: Kommen Paare bei bestimmten Themen überhaupt nicht auf einen Nenner und sind zunehmend frustriert, sollten sie eine Art Waffenruhe vereinbaren.

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Man könne sich sagen: „Komm‘, da sind alle Worte ausgetauscht, wir kommen aktuell nicht auf einen Nenner. Ich will aber weiter mit Dir zusammen sein. Lass‘ uns da in ein paar Monaten wieder drüber reden und solange stärker auf das Verbindende konzentrieren.“ (dpa)

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