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Corona: "Konnte nicht alle Kinder gleichzeitig treffen"

Corona hat das Leben in Dresden-Prohlis für Familien heftig erschwert. Romy K. hat sich alleinerziehend durch die Krise gekämpft. Jetzt verlässt sie die Stadt.

Von Franziska Klemenz
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Die siebenfache Mutter Romy K. mit ihren Kindern Sebastian, Anita und Emely (v. links): „Die Wurzeln hängen in Prohlis. Egal, wo ich hinziehe.“
Die siebenfache Mutter Romy K. mit ihren Kindern Sebastian, Anita und Emely (v. links): „Die Wurzeln hängen in Prohlis. Egal, wo ich hinziehe.“ © kairospress

Manchen Kindern geht es besser ohne Vater. Ohne Gewalt, Liebesentzug und Angst. Romy K. hat sieben Kinder ohne Vater großgezogen. „Als Alleinerziehende hast du’s besonders schwer, aber ich musste uns schützen“, sagt sie. Fünf Kinder sind ausgezogen, zwei leben noch bei ihr, auf vier Zimmern im Dresdner Stadtteil Prohlis.

Romy hat die Beine auf der Couch zum Schneidersitz gefaltet. Auf ihren blassroten Haaren thront eine Lesebrille, um ihre Schultern schlackert ein zitronengelber „Dynamo“-Pulli. Draußen zerteilt Regen einen grauen Himmel in feine Schlieren. „Politik, Wetter und Menschen spielen gerade verrückt“, sagt Romy. Das Leben hielt für die 45-Jährige, ähnlich wie für viele Familien in Prohlis, schon vor Corona weniger Privilegien bereit als für andere.

Kurz vor dem ersten Lockdown im März 2020 verliert Romy den Job bei einer Reinigungsfirma, rutscht bald in Hartz IV. „Finanziell tut seitdem jede Kleinigkeit weh.“ Wenn ihre Kleinste, die achtjährige Emely, das Schiefermäppchen verliert. Wenn ein Wachstumsschub neue Schuhe fordert.

Als die Schulen schließen, belastet ein zusätzliches Mittagessen das Budget. „Sie war gerade in einer Wachstumsphase, hatte doppelt so viel Hunger – das Geld hat hinten und vorne nicht gereicht.“ Der 17-jährige Bruder der Zweitklässlerin hat Glück, als auszubildender Einzelhandelskaufmann darf er sein „systemrelevantes“ Praktikum beim Supermarkt antreten.

Wer heutzutage im Stadtteil Prohlis wohnt, hat oft schon vor Corona ein Leben mit weniger Privilegien geführt als viele andere Dresdnerinnen und Dresdner.
Wer heutzutage im Stadtteil Prohlis wohnt, hat oft schon vor Corona ein Leben mit weniger Privilegien geführt als viele andere Dresdnerinnen und Dresdner. © kairospress

Emily bleibt Zuhause. Zwei Stunden Schule simulieren die beiden am Tag. „Ich konnte es ihr nur so erklären, wie ich eben erklären kann.“ Mathe sei in Ordnung, Deutsch schwierig. „Es gab eine Phase, wo sie das überhaupt nicht wollte. Ich versuche es zwei Mal, aber wenn sie nicht will, zwinge ich sie nicht.“ Romy überlegt inzwischen, ob Emely das Schuljahr wiederholen sollte.

Die nächstältere Schwester Anita kommt zeitweise fast täglich, um das Laptop zu nutzen. „Der Kleinen habe ich parallel Hausaufgaben ausgedruckt. Der Große musste warten, bis die Mädels fertig sind. So haben wir das Woche für Woche gestaffelt fabriziert.“ Anita kommt durch Homeschooling in der Berufsschule nicht mehr mit, verliert ihre Lehrstelle als Pflegerin.

"Der denkt, dass er kein Corona kriegt, wenn er mehr isst.“

„Ich würde gerne mal Verantwortliche sprechen“, sagt Romy und hebt ihre sonst ruhige Stimme. „Ich hätte das nie so gemacht. Lieber einen harten, straffen Lockdown als dieses Larifari in Wellen. Als Laie kommt man nicht mehr mit. Man hätte mehr an die Kinder denken müssen.“ Mit dem Impfen sei es ähnlich, auf einen Termin müsse sie noch Monate warten.

Gespräche klingen gerade auf vielen Spielplätzen der Gegend ähnlich. „Angst, dass die nen Knacks mitkriegen, nicht mehr in ihren Rhythmus finden“, hat ein Vater von fünf Kindern. „Meiner war vor einem Jahr noch gertenschlank“, erzählt ihm eine Freundin. „Jetzt hat er `nen Kugelbauch und schämt sich. Der denkt, dass er kein Corona kriegt, wenn er mehr isst.“

Romy knetet ihre Finger. Im Fernseher wechseln sich Arztsendungen mit Pizzawerbung ab, die Kinder sind in der Schule. Einer der Väter sei „ganz okay.“ Auf der Straße grüße man sich.

Andere seien gewalttätig oder drogenabhängig gewesen. Einer habe seine Vaterschaft trotz Test nicht anerkennen wollen. Drei Jahre lang habe sie Fotos der Kleinen in seinen Briefkasten gesteckt. „Dann dachte ich mir: Er kann uns am Arsch lecken.“ Alle Kinder seien aufgeklärt, wer ihre Väter sind. „Kinder müssen die Wahrheit wissen.“ Viel habe Romy mit dem Jugendamt kooperiert, dort oft um Rat gefragt.

Die Wohnung in Prohlis ist zu teuer geworden

Ein Schlüssel dreht sich im Schloss, es ist Sebastian. Eine Stunde früher, wegen Corona durfte nur die halbe Klasse in den Computerraum. Der 17-Jährige schleicht in die Küche, wirft ein flüchtiges Lächeln zur Seite, belegt Toast mit Schinken und Käse. Wie eine einsame Insel wirkt die Couch im Wohnzimmer, umzingelt von gepackten Kisten. Spiele und Puzzle stapeln sich, ein glitzernder Hut, Keramikschüsseln.

Es ist der letzte Tag für die Familie in der Wohnung. Die 77 Quadratmeter an der Gubener Straße sind zu teuer geworden. Als sie vor drei Jahren aus einer anderen Prohliser Straße hergezogen sind, habe die Warmmiete gut 600 Euro betragen. Vor Kurzem erhöhte der Massenvermieter erneut, auf gut 760 Euro. „Die Nebenkosten sind horrend. Auch fremder Müll vor unseren Tonnen geht auf unsere Rechnung.“

Der Blick vom Balkon auf den Fernsehturm wird Romy K. an Prohlis besonders fehlen. Außerdem auch einige Menschen und ihre Joggingsstrecken nach Dobritz und über die Reicker Straße.
Der Blick vom Balkon auf den Fernsehturm wird Romy K. an Prohlis besonders fehlen. Außerdem auch einige Menschen und ihre Joggingsstrecken nach Dobritz und über die Reicker Straße. © kairospress

Würde das drittjüngste Kind mit in der Wohnung leben, könnte das Amt dem Betrag knapp zustimmen. Er richtet sich nach der Personenzahl. Doch Tochter Anita zog vergangenes Jahr aus. Andernfalls wäre das Geld für ihre gerade begonnene Lehre angerechnet und vom monatlichen Hartz-IV-Betrag abgezogen worden.

Eine Wohnung in Prohlis, zu teuer? Dabei gehören die Mieten zu den günstigsten der Stadt. Kleinere Plattenbauten reihen sich bogenförmig aneinander, 17-Geschosser ragen wie Leuchttürme empor. Während Prohlis in den 70eern als Sehnsuchtsort galt, drehte sich das Image nach der Wende um. Wer blieb, hatte meist wenig Wahl.

Corona verschärft die Lage. Arbeitslosigkeit und Alkoholismus haben zugenommen, ab dem frühen Mittag sammeln sich Menschen mit Bierflaschen, oft vorratsweise, als klimpernde Begleitung in Einkaufswagen. Viele treffen sich am Pusteblumenbrunnen, aus dessen stählernen Kugeln Wasser in Sprühwolken rauscht. An sonnigen Tagen tänzeln Regenbögen über das Becken.

„Die Leute sind okay“, sagt Romy. „Zwar sagt man: ‚Prohlis, um Gottes Willen – Schläger, Säufer, Drogenabhängige.‘ So lange ich hier wohne, hab ich das nicht erlebt. Hier wohnen ganz normale Leute. Normale Leute mit Schicksal: Trennung, Jobverlust, Todesfall. Der Abstieg kann schnell gehen. Man muss die Menschen auch von hinten sehen, nicht nur von vorn.“

Neben dem Pusteblumenbrunnen ist auch das Prohliszentrum ein beliebter Treffpunkt für Menschen, die gerade oft mehr Zeit haben als vorher, weil Jobs im Stadtteil verloren gegangen sind
Neben dem Pusteblumenbrunnen ist auch das Prohliszentrum ein beliebter Treffpunkt für Menschen, die gerade oft mehr Zeit haben als vorher, weil Jobs im Stadtteil verloren gegangen sind © kairospress

In Prohlis brachte die Stadt überdurchschnittlich viele Geflüchtete unter. „Viele hier scheren alle Ausländer über einen Kamm“, sagt Romy. „Ich bin feinfühliger, sortiere aus. Ich bin kein Querdenker, kein Linker und kein Rechter. Aber was ich hasse wie die Pest: Am Prohliszentrum die betrunkenen Ausländer, die einem dämliche Anmache-Sprüche hinterherrufen. Da gibt’s oft Schlägereien. Das sind nicht alle, sondern eine bestimmte Gruppe. Ich habe auch ausländische Nachbarn, die sind total ruhig und freundlich. Warum sollte ich gegen die was haben?“

Dass die neuen Nachbarn nicht gleichmäßig verteilt wurden, missfällt ihr: „Ich hätte gern die Chance, mich mit Oberbürgermeister Hilbert hinzusetzen. Warum haben sie die Ausländer vor allem in Prohlis und Gorbitz untergebracht, nicht genauso in Striesen, Laubegast, Tolkewitz?“ Gespalten sei die Stadt dadurch, „in Teile, wo nur Weiße auf der Straße sind und welche mit besonders vielen Schwarzen. Das müsste gemischter sein.“

Viele Freundschaften zerbrachen während der Pandemie

Die Pandemie bescherte Geflüchteten wie Alt-Prohlisern die gemeinsame Erfahrung Einsamkeit. „Es war wie abgekapselt, jeder saß in seiner Wohnung, obwohl ich das gar nicht kann, die Krise kriege.“ Ganze Freundeskreise dünnten sich aus. „Durch Corona hat es ganz schön geknackst. Viele melden sich nicht mehr, wollen, dass du ihnen hinterherrennst. Deshalb hab ich auch keine Leute für den Umzug.“