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Krebskrank, allein im Lockdown, und nun depressiv

Die Isolation hat eine Frau aus Zwickau in eine Krise gestürzt. Kein Einzelfall. Doch die Therapeuten sind überlastet.

Susan D. aus Zwickau sehnt sich nach Geselligkeit und Lebensfreude – jetzt, wo sie eine Krebserkrankung überstanden hat. Doch im Moment gibt es nur Einsamkeit.
Susan D. aus Zwickau sehnt sich nach Geselligkeit und Lebensfreude – jetzt, wo sie eine Krebserkrankung überstanden hat. Doch im Moment gibt es nur Einsamkeit. © Ralph Koehler/propicture

Susan D. ist einsam. Die Zwickauerin bekam zu Beginn des letzten Jahres die Diagnose Brustkrebs – in einem mittelschweren Stadium, wie sie sagt. Denn der Tumor wächst schnell und ist aggressiv. Chemotherapie, Bestrahlung und Operationen haben ihr stark zugesetzt. Das geschwächte Immunsystem, bedingt durch die Chemotherapie, erforderte eine soziale Isolation bereits während des ersten Lockdowns. Das, was ihr jetzt helfen könnte, wäre der Austausch mit ähnlich Betroffenen, Geselligkeit, Lachen oder eine Umarmung von Freunden – einfach der Kontakt mit anderen Menschen. Doch Corona macht das unmöglich.

Susan D. ist Single, hat aber einen guten Freundes- und Bekanntenkreis. Doch als sie alle Behandlungen überstanden hatte, Reisepläne schmiedete und Treffen plante, kam der zweite Lockdown. Das Alleinsein belastet sie jetzt immer mehr. Ihren Job bei einem großen Logistikkonzern kann sie seit mehr als einem Jahr nicht ausüben. So fehlt ihr auch der berufliche Kontakt zu anderen. Freunde und Familie halten Abstand – so wie es die Coronaverordnung verlangt, denn sie wollen sie nicht gefährden. „Ich freue mich über jedes Telefongespräch oder Videotelefonie. Aber es ist kein Ersatz für menschliche Wärme oder Nähe, wie bei einem persönlichen Treffen“, sagt sie. So fühle sie sich traurig und hat Angst, obwohl es ihr gelungen ist, den Krebs zurückzudrängen. Das können Folgeerscheinungen der Krebstherapien sein, aber auch Anzeichen für eine Depression.

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40 Prozent mehr Anfragen

Die Zwickauerin ist kein Einzelfall. „Die Nachfrage nach Psychotherapie hat während der Corona-Pandemie stark zugenommen“, sagt Gebhard Hentschel, Bundesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung. Eine Blitzumfrage des Verbandes unter 4.693 Teilnehmern zeigte, dass im Vergleich zum Vorjahreszeitraum die Patientenanfragen in Praxen um durchschnittlich 40 Prozent angestiegen sind. In Großstädten sind es sogar 46 Prozent. Doch nur jeder Vierte erhält einen kurzfristigen Termin für ein erstes Gespräch. Die Hälfte der Betroffenen müsse laut Umfrage länger als einen Monat auf ein Erstgespräch warten. „Das ist Patienten nicht zumutbar, wenn sie in einer schwierigen seelischen Situation sind. Die Praxen werden förmlich überrannt“, sagt er. Mehr als drei Viertel der befragten Psychotherapeuten gaben an, dass sie diese Situation belaste.

Depressionen und Angststörungen seien die häufigsten Diagnosen, die derzeit gestellt werden. Sven Quilitzsch, Landesvorsitzender der Psychotherapeutenvereinigung Sachsen, fordert ein Ende des flächendeckenden Lockdowns. Der sei die Ursache für die Zunahme der psychischen Erkrankungen. „Menschen brauchen die Möglichkeit, Entscheidungen treffen zu können, und sich mündig durchs Leben zu bewegen. Die vorgegebenen Restriktionen widersprechen dem und lassen Menschen hilflos und ohnmächtig werden.“ Bei entsprechend langer Dauer entwickelten sie die beschriebenen Erkrankungsbilder.

Es gibt nur noch Corona

Bei Entscheidungen zum Schließen von Einrichtungen, Kulturbetrieben und sozialen Begegnungsmöglichkeiten müsse dieses Problem zwingend berücksichtigt und gegeneinander abgewogen werden, so Quilitzsch. „Es macht keinen Sinn, vor Covid-19 zu schützen, wenn dann andere Erkrankungen zunehmen, die genauso oder sogar schlimmere Verläufe mit sich bringen.“ Psychische Erkrankungen, wie Angststörungen oder Depressionen, seien ernsthafte und häufig auch langwierige Erkrankungen, die zudem mit körperlichen Symptomen einhergingen. Schmerzen und Schlafstörungen gehörten dazu. Doch die Psychotherapeuten haben den Eindruck, dass die Erkrankungen ihrer Patienten nicht ernst genug genommen werden. Oftmals würden sie als Befindlichkeitsstörung oder Unpässlichkeit abgetan.

Gesundheitlich vorbelastete Menschen wie Susan D. leiden besonders unter der Isolation. „Ich war früher Leistungssportlerin, Sport bestimmt mein Leben. Ich möchte gerne wieder in ein Fitnessstudio oder zum Schwimmen gehen“, sagt sie. Durch die Behandlungen gebe es viele Nebenwirkungen, die auch lange nach dem Besiegen des Krebses noch deutlich spürbar sind und mit Sport zumindest reduziert werden können. Sport stärkt das Immunsystem und die Psyche. Eine Genesung ist für Susan D. auch immer mit einer guten Psyche verbunden.

Dass sich viele Freunde und Bekannte zurückgezogen haben, liegt für sie auch an der zunehmenden Angst vor Ansteckung. Die politische Kommunikation fördere die Ängste, statt sie zu nehmen. Die Androhung von Strafe für einen Verstoß gegen die Corona-Kontaktbeschränkungen verschlimmere die Situation noch. „Es gibt in der Öffentlichkeit keine anderen Krankheiten mehr außer Corona. Kaum einer denkt an die vielen Menschen, die an Krebs oder Demenz erkranken und oder sogar daran sterben. Wer sieht denn all die anderen Probleme, die durch Corona entstanden sind, wie Existenzängste, häusliche Gewalt oder Überforderung durch Kurzarbeit und Homeschooling? Das alles sind Dinge, die die Psyche schwer belasten und mir Angst machen.“

Videositzungen mit Nachteilen

In den kommenden Wochen und Monaten werden die Behandlungsanfragen weiter zunehmen, dazu müsse man kein Prophet sein, erklärt der Psychotherapeutenverband. Neben einer Beseitigung der Ursache – des Lockdowns – fordern sie für die Praxen flexiblere Reaktionsmöglichkeiten auf den gestiegenen Bedarf, die sich auch in der Abrechenbarkeit der Leistungen niederschlagen müsse.

„Die Videositzungen wurden seit Beginn der Pandemie von den Behandlern positiv angenommen. Doch sie sind mit Nachteilen verbunden“, so der Bundesvorsitzende. Viele Patienten könnten sich nicht so öffnen, wie bei einem persönlichen Gespräch im geschützten Rahmen. Dennoch nutzten mehr als drei Viertel der Psychotherapeuten die Möglichkeit der Sitzungen am Bildschirm.

Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen sieht Professor Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, in den Coronabeschränkungen keine Ursache für die Entstehung von Depressionen. „Denn Depressionen sind ziemlich eigenständige Erkrankungen, die weniger von äußeren Belastungsfaktoren abhängen als oft gedacht. Wenn man eine Veranlagung hat, dann rutscht man in eine Depression, auch wenn es einem rundherum gut geht“, sagt er. Für viele sei der Lockdown ohne Frage ein großer Stress. Hegerl: „Die Menschen haben Ängste, erleben das Ganze als bedrückend. Wenn man Kinder hat, vielleicht auch berufstätig im Homeoffice ist, kommt man sehr rasch an seine Grenzen.“

Es fehlt die Tagesstruktur

Ganz besonders problematisch sieht der Professor die Situation für Menschen, die bereits eine depressive Erkrankung haben. „Sie ziehen sich besonders häufig ins Bett zurück, hat eine Befragung ergeben.“ Und das habe eine negative Auswirkung auf den Krankheitsverlauf. Schließlich sei Schlafentzug eine Behandlungsform der Depression. Lange zu schlafen führe nicht dazu, dass sich das Befinden bessert und die Krankheit abklinge, im Gegenteil.

In der Depression zu Hause bleiben zu müssen, bedeute noch größere Schwierigkeiten, den Tag zu strukturieren. „Die Betroffenen sind an nichts interessiert und permanent erschöpft. Es bleibt sehr viel Zeit zum Grübeln über Negatives, und so arbeitet man sich immer tiefer rein.“ Auch Hegerl kritisiert die derzeit großen Versorgungsengpässe. „Es ist zwar einiges verbessert worden. Man kommt schneller als vor Jahren an ein Erstgespräch. Doch bis eine Therapie losgeht, vergeht oft viel Zeit.“

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Susan D. versucht, in den Gesprächen mit ihrem Therapeuten wieder etwas Zuversicht zu gewinnen. Wenn sie Kinder auf Spielplätzen oder ihre schwatzenden Mütter sieht, möchte sie gern dabei sein. Doch das geht nicht, wie sie weiß. Ab Mai beginnt die Wiedereingliederung in ihren Job. Sie hofft, dass das nicht im Homeoffice stattfindet. Dann wird es ihr schon irgend wann wieder bessergehen, wenn das „normale“ Leben zurückkommt – aber hoffentlich nicht der Krebs.

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