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Mehr Alkoholiker in der Corona-Krise?

Während des Lockdowns können sich Selbsthilfegruppen nicht mehr treffen. Für Suchtkranke im Rödertal ist das ein Problem.

In der Suchtberatungsstelle der Diakonie in Kamenz rechnet Leiterin Simone Mattukat mit einem erhöhten Beratungsbedarf.
In der Suchtberatungsstelle der Diakonie in Kamenz rechnet Leiterin Simone Mattukat mit einem erhöhten Beratungsbedarf. © Symbolbild: Christin Klose/dpa

Radeberg. Der Mund-Nasen-Schutz gehört mittlerweile zur Grundausstattung in Hosen- und Handtaschen. Doch bleibt er ein lästiges Accessoire – weil man dauernd daran denken muss, ihn einzustecken, weil er das Atmen beeinträchtigt, die Sicht einschränkt, die Brille beschlagen lässt.

Und auch die Mimik verbirgt, wie es Uwe Garmhausen beschreibt. Dabei sei es doch gerade in einer Selbsthilfegruppe von „immenser Bedeutung“, so der 62-Jährige, wenn man das Gesicht des anderen sehen könne. Um die Empfindungen des Gegenübers mitzubekommen, um darauf reagieren zu können.

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Bluetooth-Technologie macht es möglich: mit hochmodernen Geräten kann sogar Musik gestreamt und telefoniert werden. Und das im unauffälligen Design.

Aber in diesen Zeiten, in denen das Masketragen an vielen Orten in der Öffentlichkeit zur Pflicht geworden ist, erschwere das die Arbeit mit den Suchtkranken, meint Garmhausen. „Es ist einfach wichtig zu sehen, wie das, was gesagt wird, in der Gruppe aufgenommen wird.“ Garmhausen leitet seit mehr als sieben Jahren eine Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes in Ottendorf-Okrilla. Jeden Montagnachmittag treffen sich rund 15 Suchtkranke im Alter von 20 bis 80 Jahren im Pfarrhaus der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde. Jedenfalls zu Vor-Lockdown-Zeiten.

„Alkohol wird häufig als Mittel verwendet, um mit der Corona-Krise umzugehen“

Doch seit November des vergangenen Jahres ist das erst mal vorbei, die Treffen der Selbsthilfegruppe fallen aus. „Ich habe derzeit nur telefonischen Kontakt zu den Leuten“, so Garmhausen, der sich darüber klar ist, was die behördlich verordnete Isolation für die Mitglieder der Gruppe bedeutet: Jeder ist sich jetzt selbst überlassen.

Garmhausen erzählt, dass er nicht nur Alkoholkranke in seiner Gruppe hat. Aber in einer Zeit wie dieser ist es vor allem der Alkohol, der bei vielen Menschen in den Vordergrund rückt. Der Griff zur Flasche in Pandemiezeiten hilft scheinbar, um den mit dieser Krise verbundenen Problemen wenigstens zeitweise zu entgehen.

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Wie sieht man das in der Suchtberatungsstelle des Diakonischen Werkes Kamenz? Dass Corona der alleinige Grund dafür ist, dass nun mehr getrunken werde, könne man so nicht bestätigen, meint Simone Mattukat, die Leiterin der Beratungsstelle. Fest stehe jedoch, dass es in der Pandemie für etliche Menschen schwierig geworden sei, sich mit den neuen Alltagssituationen zu arrangieren. „Alkohol wird häufig als Mittel verwendet, um mit der Corona-Krise umzugehen“, erklärt Simone Mattukat.

Ob allerdings die Zahl der Suchtkranken, vor allem der Alkoholabhängigen im Kreis, zunehmen werde, könne man nicht sagen, höchstens Vermutungen anstellen. Es sei sicher nicht auszuschließen, dass Corona die Zahl der Alkoholabhängigen in der Region ansteigen lasse.

In Sachsen suchen jährlich rund 15.000 Menschen Hilfe in den Beratungsstellen. Nach der jüngsten Suchthilfestatistik ist Alkohol mit 66,2 Prozent die Substanz, die am häufigsten konsumiert wird, gefolgt von Cannabis (12,8 Prozent), Stimulanzien wie Amphetaminen (7,6 Prozent) sowie Glücksspielen (5,2 Prozent).

Eine Erhebung von Forsa vom Oktober des vergangenen Jahres ergab, dass etwa ein Viertel der Menschen mit problematischem Alkoholkonsum in der Corona-Krise noch mehr trinkt. Aus Sicht von Simone Mattukat ist der Beratungsbedarf während der Pandemie nicht gestiegen, zumindest sei er noch nicht sichtbar. Dazu müsse man die Zahlen der Jahresstatistik 2020 abwarten.

Wer moderat getrunken hat, trinkt nun mehr

Die Leiterin der Beratungsstelle vermutet aber, dass sich etwa der vermehrte Alkoholkonsum, den Studien aufzeigten, mit Verzögerung in den hiesigen Beratungsstellen wiederfinden werde. Man könne davon ausgehen, dass diejenigen, die vorher moderat getrunken haben oder mehr, jetzt noch mehr trinken. Ängste, insbesondere die Furcht vor dem Verlust der Arbeit, würden durch die Pandemie vergrößert.

Auch der Ottendorfer Uwe Garmhausen kann sich vorstellen, dass es in dieser Zeit in den Selbsthilfegruppen eine Menge Rückfälle geben wird. In Krisen „greifen etliche auf alte Bewältigungsmuster zurück“, so die Erfahrungswerte von Simone Mattukat.

Vorhandene Lösungsstrategien reichten dann häufig nicht mehr aus. Selbsthilfegruppen, wie die des Ottendorfers Uwe Garmhausen könnten da natürlich helfen, den einzelnen auffangen. Das gehe ja leider derzeit nicht, bedauert der 62-jährige Ottendorfer. Weil Selbsthilfegruppen offensichtlich nicht das sind, was man gemeinhin als „systemrelevant“ bezeichnet. Aber in Notfällen sei man auf jeden Fall da, erfährt man von Simone Mattukat und von Uwe Garmhausen. Auch ohne Termin.

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