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Wenn Träume an der Drogerie-Kasse enden

Weil sein Löbauer Reisebüro geschlossen ist, muss Lars Kohlmann seine Familie mit Mini-Jobs ernähren. Er kämpft für eine Hoffnung.

Lars Kohlmann kann in seinem Löbauer Reisebüro derzeit keine Reisen verkaufen.
Lars Kohlmann kann in seinem Löbauer Reisebüro derzeit keine Reisen verkaufen. © Markus van Appeldorn

Bis vor wenigen Monaten verkaufte Lars Kohlmann in seinem "Löbauer Reisebüro" in der Rittergasse Sehnsüchte - solche nach der großen, weiten Welt oder auch bloß von entspannten Tagen am Ostseestrand. Dann kam der erste Lockdown und er musste nicht nur sein Büro schließen, sondern auch beinahe sämtliche bei ihm gebuchten Reisen stornieren. Von jetzt auf gleich brach seine gesamte wirtschaftliche Lebensgrundlage in sich zusammen. Kaum witterte Kohlmann im Sommer wieder ein bisschen Morgenluft, kam auch schon der zweite Lockdown. Heute weiß der Reise-Experte kaum, wo für ihn und seine Familie die Reise hingeht. Aber Lars Kohlmann kämpft und lässt eines nicht fahren - die Hoffnung.

Seit Wochen ist wieder das Licht aus im Reisebüro an der Rittergasse. Und das, was von seinem Geschäft übrig geblieben ist, führt Lars Kohlmann als Streichliste. Auf einem DIN-A4-Blatt hat er etwa die Reisen aufgelistet, die er für den Oktober verkauft hatte, an die 30. Doch beinahe alle davon sind durchgestrichen. Storniert, weil sie nicht stattfinden konnten. Ein Kunde hatte zum Beispiel eine Fernreise nach Neuseeland gebucht, für über 11.000 Euro - storniert. Allein dafür entgehen Lars Kohlmann 1.100 Euro Provision. Einzig eine Flusskreuzfahrt auf dem Rhein und eine Hotelbuchung auf Rügen sind auf der Liste nicht durchgestrichen. Das Blatt für den November listet nur noch zwei Reisen auf - eine davon immerhin eine teure Vietnamreise. Nutzt Lars Kohlmann aber auch nichts - storniert.

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Soforthilfe reicht nicht

Nein, mit dem Verkauf von Reisen ist derzeit kein Geld zu machen. "Im ersten Lockdown wurden die Reisen storniert, weil das Reiseziel als Risikogebiet galt. Heute fallen Reisen aus, weil Deutschland im Reiseland als Risikogebiet gilt", sagt Lars Kohlmann. Und wer tritt eine Reise an, wenn er damit rechnen muss, seinen Urlaub in Hotel-Quarantäne verbringen zu müssen?

Den ersten Lockdown konnte er mit Soforthilfe-Zahlungen überbrücken - jedenfalls was die reinen Betriebskosten betrifft, die trotz Zwangsschließung weiterlaufen. "Ich bin froh, dass es diese Soforthilfe gibt, ohne die wäre es schon dunkelrot", sagt Kohlmann. Doch wofür reicht dieses Geld? Lebenshaltungs-Kosten darf er davon nicht bestreiten, keine Krankenversicherung davon zahlen und nicht einmal die 400 Euro monatliche Leasingrate für sein Auto, das eigentlich als Geschäftswagen läuft. "Im Sommer lief es kurzfristig wenigstens so gut, dass ich für August und September keine Soforthilfe beantragen musste", sagt er. In der Zeit kamen die Provisionen für die Reisen, die schon lange zuvor für diesen Zeitraum gebucht worden waren und stattfinden konnten. Doch seine Angestellte, die vorher schon auf Kurzarbeit null war, musste er im Juli ziehen lassen - er hatte auf unabsehbare Zeit keine Arbeit für sie. "Ich bin froh, dass sie sofort eine neue Stelle gefunden hat", sagt Kohlmann.

Mit Aushilfsjobs durch die Krise

Und es reicht halt alles nicht. Lars Kohlmanns Frau hat ein kleines Einkommen - aber wie davon eine Familie mit zwei Kindern ernähren, wenn das Haupteinkommen plötzlich wegfällt? Stütze beziehen - für Lars Kohlmann keine Idee. "Unseren Lebensunterhalt bestreite ich jetzt von Mini-Jobs", sagt er. Ein Drogeriemarkt hatte im Internet für die Adventszeit einen Aushilfsjob ausgeschrieben. Kohlmann überlegte nicht lange. "Da sitze ich jetzt zwei mal die Woche für ein paar Stunden an der Kasse", sagt er.

Oft werde er dabei von Kunden seines Reisebüros angesprochen. "Die wollen wissen, ob es mein Reisebüro jetzt etwa nicht mehr gibt", erzählt er. Und auch wenn sich diese Momente etwas seltsam anfühlen: "Ich bin ganz froh, dass mich die Leute da treffen und fragen. So kann ich ihnen sagen, dass es mein Reisebüro noch gibt." Vor dem zweiten Lockdown machte er den Kassenjob noch nebenbei zu seinem Reisebüro. "Das hat gut geklappt, dass ich das immer auf Abruf machen konnte und die Arbeit dort macht auch Spaß", sagt er.

Und auch ein Freund hilft ihm, die Krise zu überbrücken. "Außerdem arbeite ich nebenbei noch ein paar Stunden die Woche in der Glaserei eines Freundes, als Krankenvertretung", erzählt Kohlmann. So habe er etwa in jüngster Zeit Scheiben an einer Bushaltestelle eingebaut oder auch bei einem Kunden eine Duschwand. Handwerklich kein Problem für Lars Kohlmann. "Ich bin gelernter Tischler und arbeite gerne handwerklich", sagt er.

Zuversicht auf neue Reise-Sehnsucht

Der Drogerie-Job läuft zum Jahresende aus. Weil Lars Kohlmann im Moment noch nicht weiß, wann und wie es mit seinem Reisebüro weitergehen wird, hat er schon eine Anschlussbeschäftigung gefunden. "Eine Bekannte hat mir eine Hausmeisterstelle in einem Heim für behinderte Menschen vermittelt", erzählt er. Bisher habe das ein Rentner in Altersteilzeit erledigt, doch der wolle nun endgültig in den Ruhestand treten. Auch dieser Job beschäftigt Kohlmann nur zehn Stunden die Woche - "Aber er ist unbefristet", sagt er.

Die Zeit zwingt Lars Kohlmann und seine Familie zu erheblichen Abstrichen. "Wir reden auch viel mit den Kindern darüber, dass manches gerade nicht geht, weil das Reisebüro geschlossen hat", sagt er. Und die beiden Kinder würden auch sehr viel Verständnis aufbringen. Aber Lars Kohlmann kann der Krise auch Glücksmomente abgewinnen. "In der Zeit, zu der die Schulen geschlossen hatten, hat mein Jüngster bei uns daheim das Lesen gelernt. Da hat er einen Sprung gemacht, das ist Belohnung", sagt er und fügt lachend hinzu: "Ich bin aber froh, dass ich kein Lehrer geworden bin."

Frust schieben will Lars Kohlmann keinesfalls. Er hat die volle Gewissheit, dass die Menschen wieder reisen und bei ihm buchen werden, sobald sie nur wieder können und dürfen. "Diese Gewissheit ist der Grund, warum ich das Ganze so lange wie möglich am Laufen halten will", sagt er.

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