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Was Corona mit den Kreuzfahrten macht

Schiffsreisen sind das Sinnbild von Freiheit. Nun diktiert Corona die Regeln. Wie kommt das bei den Kunden an? Und was planen die Reedereien?

Kreuzfahrten sind derzeit praktisch kaum möglich
Kreuzfahrten sind derzeit praktisch kaum möglich © dpa/Jens Büttner

Matthias Etzel war in dieser Woche täglich im Restaurant. Er hat Cocktails an der Bar genossen, Theatervorstellungen besucht und im Fitnessstudio trainiert. Er hat, um es auf den Punkt zu bringen, ein ganz normales Leben geführt. Zumindest fast. Der 30-Jährige war unterwegs auf einem Kreuzfahrtschiff.

Seit Mitte Dezember steuern zwei Schiffe von Tui Cruises die Kanarischen Inseln an. Cran Canaria und Teneriffa stehen regelmäßig auf dem Programm, je nach Route und Reisedauer gibt es auch Abstecher zu kleineren Inseln wie La Palma und La Gomera. Und immer verbringen die Passagiere, trotz der kurzen Distanzen, viel Zeit auf hoher See. Die Hamburger Reederei vermarktet die Touren mit dem treffenden Motto „Blaue Reise“. Mit anderen Worten: Der Weg ist das Ziel.

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Sieben Wohnwelten – ein Geschäft
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Erfahrung, Wissen und ein super Team. Bis zum heutigen Erfolg war es eine lange, lehrreiche Reise, die sich nun in verschiedenen Abteilungen widerspiegelt und seinen Kunden Einrichtungs- und Wohnträume verwirklicht.

Matthias Etzel stört das nicht im Mindesten, im Gegenteil: „Ich genieße es, wenn ich mich einfach hinsetzen kann und bedient werde“, sagt der junge Mann aus Frankfurt, der zwei Reisebürofilialen in Hessen leitet. Zurzeit ist er in Kurzarbeit – und hat also viel Zeit für sein liebstes Hobby. Die jüngste Kreuzfahrt war bereits seine fünfte innerhalb von sechs Monaten.

Corona bremst Erfolgswelle

Corona hat die Branche gehörig durchgeschüttelt. Seit Jahren schwammen die Reedereien auf einer Erfolgswelle: Immer mehr Passagiere, immer mehr und immer größere Schiffe. 2019 waren rund 30 Millionen Menschen auf den Weltmeeren unterwegs, für 2020 erwartete der Branchenverband CLIA 32 Millionen. Die Rechnung ging bekanntlich nicht auf. Anfang Februar 2020 wurden die ersten Infektionen mit dem neuartigen Virus auf Kreuzfahrtschiffen bekannt. Häfen verweigerten das Anlegen, die Reedereien zogen ihre Schiffe aus Asien ab. Ende April gingen die letzten Schiffe für unbestimmte Zeit vor Anker. Viele liegen bis heute dort fest.

Für die Urlauber, die eine Schiffsreise gebucht hatten, begann eine Zeit des Hoffens und Bangens. Das Hoffen darauf, dass es bald wieder losgeht. Das Bangen, dass man sein Geld irgendwie wieder zurückkriegt. Die Veranstalter setzten ihrerseits auf das Verständnis ihrer Kunden und warben für Gutscheine und Umbuchungen, häufig in Kombination mit Rabatten oder anderen Vergünstigungen. Das funktionierte hier besser, da weniger gut, wie eine Umfrage der Sächsischen Zeitung ergab. A-Rosa berichtet beispielsweise von einer Akzeptanzquote von 70 Prozent, während es bei Nicko Cruises im vergangenen Jahr nur zehn Prozent waren. Alle anderen Kunden, so versichern die Unternehmen unisono, hätten ihr Geld zurückerhalten. Lediglich MSC und Norwegian Cruise Line (NCL) beantworteten die Frage nicht.

Der Neustart ließ nicht lange auf sich warten – wenn auch zunächst nur auf Flüssen. Nicko Cruises schickte am 1. Juni 2020 laut eigener Aussage als weltweit erster Anbieter wieder ein Schiff auf Reisen – von Passau nach Düsseldorf. Kurz darauf folgte A-Rosa. Sprecherin Annika Schmied: „Flusskreuzfahrten bieten viel Flexibilität und lassen sich relativ kurzfristig aktivieren.“ Um Risikogebiete zu vermeiden, wurden auch mal schnell die Häfen gewechselt, etwa Lelystad statt Amsterdam und Lahnstein statt Cochem.

Anbieter von Seereisen haben es da schwieriger. Sie sind stärker von den Bestimmungen abhängig, die in den jeweiligen Zielländern gelten. Das ist einer der Gründe, weshalb Aida erst im Oktober wieder in See stach und kurz danach schon wieder in den Lockdown ging. Tui Cruises machte aus der Not eine Tugend und legte im Juli die „Blauen Reisen“ auf – zunächst auf der Ostsee, ab deutschen Häfen und ohne Landgang. Im September folgte Griechenland mit geführten Landausflügen, im Dezember schließlich die Kanaren. Matthias Etzel aus Frankfurt hat jede Variante ausprobiert und war stets aufs Neue begeistert. Manche Gäste seien bereits seit acht Wochen auf dem Schiff, sagt Etzel. „Es ist ein Stück Freiheit.“

Viel Platz am Pool: Matthias Etzel an Bord der „Mein Schiff“.
Viel Platz am Pool: Matthias Etzel an Bord der „Mein Schiff“. © privat

Klar, es ist eine Freiheit mit Grenzen. In öffentlichen Bereichen gilt Maskenpflicht, Landgänge sind nur in der Gruppe erlaubt, für Theater und Sauna muss man sich vorab einen der begrenzten Plätze sichern. Dafür gibt es am Pool immer freie Liegen. Die Schiffe werden nur zu maximal 60 Prozent ausgelastet, auf manchen Touren sind es weniger als 30 Prozent. „Es ging bei der Wiederaufnahme des Betriebs nicht darum, die alte Profitabilität zu erreichen“, erklärt Sprecherin Friederike Grönemeyer. „Wir wollten zeigen, dass Kreuzfahrten mit einem umfangreichen Hygiene- und Sicherheitskonzept auch in Zeiten von Corona möglich sind.“ Das gelang – fast. In den vergangenen Wochen kam es bei der „Mein Schiff“-Flotte zu insgesamt sechs positiven Covid-Fällen. Bei über 70.000 Passagieren spricht das aber eher für die Strategie von Tui Cruises.

Die Hygienekonzepte der Reedereien unterscheiden sich kaum: reduzierte Passagieranzahl, PCR- oder Antigenschnelltests sowie Gesundheitsformulare vorm Betreten des Schiffs, AHA-Regeln, regelmäßiges Fiebermessen und permanentes Desinfizieren. Maskenpflicht gilt auch bei den organisierten Landgängen. „Deshalb buche ich lieber Radausflüge“, sagt Matthias Etzel, „da muss ich keine Maske tragen.“ Gleichwohl herrscht Gruppenzwang. Wer bei einem individuellen Landgang erwischt wird, müsse sofort die Heimreise antreten. Costa Kreuzfahrten will künftig mobile Testzentren in den Häfen einsetzen, die auch PCR-Tests an Ort und Stelle auswerten können. Bei Celebrity Cruises dürfen nur noch geimpfte Passagiere an Bord. Diese Regel soll voraussichtlich für alle Schiffe von US-amerikanischen Reedereien gelten.

Veranstalter rechnen mit kurzfristigen Buchungen

Kreuzfahrer werden sich wohl noch eine ganze Weile mit Einschränkungen abfinden müssen. Aber die Sehnsucht nach der Ferne erscheint ungleich größer. „Die Menschen wollen für ein paar Tage raus“, sagt Aida-Sprecherin Kathrin Heitmann. Hurtigruten und Phoenix Reisen berichten von überdurchschnittlich vielen Buchungen bis ins kommende Jahr hinein. Bei SZ-Reisen ist die für Ende Juni geplante Flusskreuzfahrt von Potsdam nach Stralsund längst ausgebucht, kurzfristig wurde eine achttägige Reise von Berlin nach Kiel aufgelegt. Die meisten Veranstalter rechnen mit vielen kurzfristigen Buchungen. Letztlich geht es ihnen wie ihren Kunden: Keiner weiß so richtig, wann der Pandemie die Luft ausgeht.

So wird weiter geplant und gehofft und verschoben. Aida schickte vorigen Sonnabend das erste Schiff zu den Kanaren. Costa will am 1. Mai in Italien loslegen, MSC am 20. Mai rund um Großbritannien und nur mit britischen Passagieren. NCL hat bis Ende Juni alle Fahrten abgesagt. Tui Cruises äußert sich dagegen „zuversichtlich, bis Sommer wieder mit all unseren Schiffen zu fahren und zu unseren regulären Fahrplänen zurückzukehren.“

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Immerhin: Die Preise sollen bei allen befragten Unternehmen weitgehend stabil bleiben. Und wer mutig ist und schon jetzt bucht, kann oft noch mit Rabatten rechnen. Freilich mit dem Risiko, dass die Reise am Ende doch ins Wasser fällt.

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