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Corona: Wie fern ist jetzt das Abenteuer Fernreise?

Die Regierung prüft ein Verbot. Doch Aktivreisen draußen genießen ein hohes Vertrauen. Wo sie im Ausland möglich sind und welche Hürden bestehen.

Freiheit! Auf einem Outdoor-Trip in Namibia begegnet man kilometerlang niemandem.
Freiheit! Auf einem Outdoor-Trip in Namibia begegnet man kilometerlang niemandem. © Lars Eichapfel

Lars Eichapfel war schon viele Male in Namibia. „Aber noch nie habe ich mich dort so frei gefühlt wie bei meiner Reise Mitte Februar“, sagt der Dresdner. Zwar gilt Namibia offiziell als Risikogebiet. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt derzeit bei 51,9. Doch mit durchschnittlich nur drei Einwohnern pro Quadratkilometer gehört es zu den Ländern mit der niedrigsten Bevölkerungsdichte weltweit.

Angst vor dem Langstreckenflug in Pandemiezeiten kennt Eichapfel nicht. In Windhoek mietete er sich mit drei Freunden Fatbikes – robuste Spaßräder mit voluminösen Reifen –, und los ging’s damit bis an die Grenze zu Angola: über staubige Pisten, durch ausgetrocknete Flussbetten, vorbei an Antilopen, Giraffen und Elefanten. Es sei Abenteuer pur gewesen. Den ganzen Tag an der frischen Luft, abends am Feuer, weit weg von Coronazahlen und Impfdebakel.

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Die Situation ist schizophren: Während Urlaub hierzulande verboten bleibt, sind Fernreisen zwar nicht erwünscht, aber möglich – selbst in Risikogebiete. Mallorca liegt mit einer Inzidenz von derzeit 30,8 eindeutig unter dem Warnwert von 50. Doch die Bilder von glücklichen Deutschen am Balearen-Strand bringen die Bundesregierung in Erklärungsnot. Die am Mittwoch überraschend angekündigte Prüfung eines Auslandsurlaubs-Verbots allerdings hält Markus Walter, Chef von Diamir Erlebnisreisen aus Dresden, für „völlig absurd“. „Es wäre sicher jedem vernünftigen Menschen vermittelbar, eine gewisse Zeit nicht reisen zu dürfen – aber nur, solange das einer klaren Linie und nachvollziehbaren Argumenten folgt“, sagt er. Erst Buchungen zu ermöglichen und kurz darauf plötzlich die Rahmenbedingungen massiv zu verändern, sei extrem unprofessionell.

Der Eindruck einer Massenflucht ins Ausland trügt. Denn Balearen- und Kanaren-Urlauber sind nur ein Bruchteil derer, die zu Normalzeiten durch die Welt touren. Laut dem World Travel Monitor brachen Flugreisen ins Ausland 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 74 Prozent ein. Zwar bescheinigen Umfragen, dass das Fernweh der Deutschen ungebrochen ist. Doch das größte Reisehindernis besteht nach Einschätzung von Veranstalter Studiosus in der Sorge, sich in der Fremde mit Corona anzustecken. „Die zweite Hürde, die wir deutlich spüren, ist die Pflicht zur Quarantäne bei Rückkehr aus Risikogebieten“, sagt Frank Schulz, Chef von Schulz aktiv reisen aus Dresden. Hinzu kommt, dass sich ab kommenden Sonntag auch Rückreisende aus Nichtrisikogebieten wie Mallorca im Urlaubsland testen lassen und schlimmstenfalls dort in Quarantäne bleiben müssen. Das dürfte die beabsichtigte abschreckende Wirkung nicht verfehlen.

Passagiere stehen am Airport Hannover am Check-Inn für ihren Flug nach Palma de Mallorca.
Passagiere stehen am Airport Hannover am Check-Inn für ihren Flug nach Palma de Mallorca. © dpa/Julian Stratenschulte

Viele Veranstalter sind über die andauernde Perspektivlosigkeit fürs Reisen verzweifelt. Frank Schulz will trotzdem nach vorne schauen. Als Spezialist für Natur- und Erlebnisreisen gehört er zu den Begnadeten unter den Krisenverlierern. Denn Aktivitäten im Freien genießen in Coronazeiten ein höheres Vertrauen als Massenurlaub auf Kreuzfahrtschiffen oder in Städten. Täglich verfolgt Schulz die Nachrichten, checkt Infektionszahlen und die Hinweise des Auswärtigen Amtes, wann er wo wieder durchstarten kann: den Kilimandscharo besteigen oder auf Madeira wandern – im April, Mai, vielleicht!

Um durchzuhalten, mussten die Reiseveranstalter ihr Personal auf ein Minimum reduzieren – bestenfalls in Kurzarbeit schicken, schlimmstenfalls entlassen. Allein bei Diamir sind von einst 140 Mitarbeitern bis jetzt nur 80 geblieben. „Viele haben sich von sich aus in anderen Branchen umgesehen. Ihr Fachwissen ist damit verloren“, bedauert Geschäftsführer Walter.

Arbeit gibt es allerdings trotzdem reichlich: Reisen anbieten und wieder abwickeln, anbieten, abwickeln – ohne dabei Geld zu verdienen. Ein seit Monaten anhaltender Kreislauf, genährt durch das Prinzip Hoffnung. Es fehlt die Planungssicherheit. „Was heute noch an Ein- und Ausreisebestimmungen gilt, kann morgen schon wieder anders sein“, sagt Walter. Das mache es extrem schwierig, Kunden verlässliche Informationen zu geben.

Viel Arbeit, kein Geld

Hinzu kommt das Chaos auf dem Flugmarkt: abgesagte Flüge, zusammengestrichene Flugpläne. „Einige im vorigen Jahr auf dieses Frühjahr umgebuchte Reisen müssen jetzt schon wieder umgebucht werden“, sagt Anne Sturm von SZ-Reisen. Da helfe das Vertrauen von Kunden, die ihre Anzahlung als Guthaben stehen lassen.

Der Beratungsbedarf der Reisewilligen ist extrem gestiegen. Auch der Aufwand für Veranstalter, ihre Webseite ständig aktuell zu halten. Diamir zum Beispiel hat eine Filtermöglichkeit nach Corona-Auflagen eingeführt. Eine Weltkarte zeigt für die jeweilige Erlebnistour den Einreisestatus in Ampelfarben. Einzig Dunkelgrün: Uganda und Curacao – geöffnet ohne wesentliche Einschränkungen, abgesehen vom PCR-Test.

Welche Fernreisen im Laufe des Jahres wieder halbwegs sicher möglich sein werden, gleicht einem Blick in die Glaskugel. „Nachgefragt sind bei uns derzeit vor allem Safari-Ziele in Namibia, Tansania, Botswana und Uganda“, sagt Walter, „weil man dort wenige Kontakte und gute Hygienekonzepte hat.“ Die Gruppen seien verkleinert, die Fahrzeuge vergrößert worden und das Personal getestet. Geschulte Reiseleiter sorgen für Abstand, meiden Hotspots oder besuchen sie zu ruhigen Zeiten. Musste man die Safaritouren früher lange vorher planen, um in den kleinen Lodges Platz zu finden, buchen jetzt viele kurzfristig. „Auch die Seychellen, Costa Rica, Kirgistan und Georgien sind vergleichsweise sicher bereisbar“, sagt Walter. „Dagegen werden Neuseeland, Australien und grenzüberschreitende Reisen durch mehrere Länder dieses Jahr vermutlich ausfallen müssen.“

Schulz aktiv reisen, normalerweise in über 100 Ländern unterwegs, wollen sich im Sommer auf Europa konzentrieren. „Alpenüberquerungen zu Fuß sind wie schon im vorigen Jahr sehr beliebt“, sagt Geschäftsführer Schulz. Der Schlüssel zurück zur Normalität sind für ihn Tests und Impfungen: „Es zeichnet sich jetzt schon ab, dass Reisen für Ungeimpfte in Zukunft nicht mehr unbegrenzt möglich sein wird.“ Die Diskussion über Grundrechte könne er nicht ganz nachvollziehen. Schließlich rege sich auch niemand darüber auf, dass in einigen Ländern zum Beispiel eine Gelbfieberimpfung Pflicht ist.

Veranstalter rechnen mit höheren Reisepreisen

Dass es mit dem Impfen und Testen so schleppend vorangeht, ist neben der Bürokratie bei den Überbrückungshilfen nicht das Einzige, worüber sich die Veranstalter ärgern. „Wir brauchen endlich einen Stufenplan für pandemiegerechten Tourismus“, sagt Michael Rabe vom Bundesverband Deutsche Tourismuswirtschaft. Denn die mehr als drei Millionen Beschäftigte im Tourismus müssten den Großteil der Last in der Coronakrise tragen.

Wie die Internationale Tourismusbörse Anfang März in Berlin gezeigt hat, gibt es durchaus enorme Bemühungen, Reisen in der Pandemie möglich zu machen. Dazu gehören nicht nur Hygienekonzepte und das laufende Anpassen an die Coronasituation. Der Trend geht in Zeiten von Abstand zu mehr individuellen, auch maßgeschneiderten Angeboten. Veranstalter kommen den Wünschen nach mehr Flexibilität beim Buchen und Stornieren nach. Der Kunde darf sich wieder als König fühlen.

Noch wagt sich kaum jemand, den höheren Aufwand dafür auf die Preise umzulegen. „Doch mittelfristig rechnen wir mit deutlichen Preissteigerungen“, sagt Markus Walter. Durch Pleiten und reduzierte Kapazitäten werde das Angebot knapper. Hinzu kommen neue staatliche Auflagen zum Beispiel für den Insolvenzschutz, steigende Preise für Flüge, Hotels, Nationalparks oder Abgaben vor Ort. Eva Machill-Linnenberg vom Aktivreise-Spezialisten Wikinger vergleicht die Situation mit der beim Auto: „Vollkasko ist selbstverständlich teurer als Teilkasko. Die neuen Flextarife sind das Vollkasko für den Urlaub.“

Und auch mehr Individualität kostet. Manuel Hilty, Chef der Firma Nezasa, wirbt dafür, den Aufwand künftig durch neue Technologien zu reduzieren. „Die Verkaufs-App Tripbooster zum Beispiel generiert automatisch personalisierte Empfehlungen für Ausflüge, die noch während der Reise integrierbar sind“, sagt der Spezialist für Reiseplanung. Viele Startups würden sich derzeit mit Apps für selbst geführte Touren beschäftigen. Denn wer mag sich jetzt noch in einer Traube voller Menschen um den Stadtführer versammeln?

Trend zur Nachhaltigkeit

Nicht zuletzt wirkt Corona als Beschleuniger eines Trends, dem sich nun auch die Reisebranche nicht mehr entziehen kann: Nachhaltigkeit. Es wird bewusster gereist. Der Weg soll im Verhältnis zur Aufenthaltsdauer stehen. Wenn schon fliegen, dann lieber eine längere Tour statt mehrere kurze im Jahr. „Gar nicht zu verreisen, ist gar nicht so edel, wie es scheint“, meint Wikinger-Sprecherin Eva Machill-Linnenberg. „Denn gerade Afrika, Asien und Lateinamerika brauchen den Tourismus zum Überleben.“

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Zwar verzögert sich der Start in die Outdoor-Saison. Doch vieles spricht dafür, mit dem Buchen nicht mehr zu lange zu warten.

Ähnlich sieht das Gertrud Kiermeier, die Ende Januar als Reiseleiterin mit einer kleinen Gruppe in Mauretanien war. „ Wir wurden von den Einheimischen wie lange Vermisste begrüßt“, erzählt sie. „Von den deutschen Absicherungen haben unsere Partner vor Ort nichts. Wenn sie aufgeben müssen, wird es lange dauern, bis es wieder Strukturen gibt, die unsere Reisesehnsucht so gut bedienen.“ Verantwortungsvolles und pandemiegerechtes Reisen, meint Kiermeier, werde beiden Seiten gerecht.

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