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Jetzt buchen oder lieber warten?

Reisebüros haben zurzeit mehr mit Stornierungen als Neubuchungen zu tun. Thomas Oczadly erzählt, was er seinen Kunden rät – und was er von Corona hält.

Die Zukunft der Reisebüros sah schon vor Corona nicht rosig aus: Immer mehr Menschen buchen ihren Urlaub im Internet.
Die Zukunft der Reisebüros sah schon vor Corona nicht rosig aus: Immer mehr Menschen buchen ihren Urlaub im Internet. © Christoph Soeder/dpa

Offiziell sind alle Reisebüros seit November geschlossen – auch das Tui Reisecenter in der Dresdner Innenstadt. Inhaber Thomas Oczadly sitzt trotzdem im Laden, bearbeitet Stornierungen, Umbuchungen und gelegentlich ein paar neue Buchungen. „Und zwischendurch regen wir uns über die Corona-Bestimmungen der Regierung auf“, sagt der 54-Jährige, der auch Vorstand des Vereins Dresdner Reisebüros ist. Dem Verband gehören 37 Reisebüros mit 58 Filialen und 13 Reiseveranstalter in Sachsen an.

Herr Oczadly, viele Menschen fühlen sich urlaubsreif und würden gern sofort in den Urlaub fliegen. Wäre das überhaupt möglich?

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Ja, es wäre aber mit vielen Unwägbarkeiten verbunden.

Zum Beispiel?

Viele Länder verlangen negative Tests und besondere Erklärungen. Man muss nach der Ankunft möglicherweise erst mal in Quarantäne und nach der Rückkehr noch einmal. Häufig wird auch eine Registrierung per App verlangt. Das schreckt dann doch viele ab.

Aber nicht alle.

Manche Leute haben es einfach satt und wollen raus. Oder es sind Rentner, die vielleicht schon geimpft sind und so viel Zeit haben, dass ihnen die Quarantäne egal ist.

Und wohin reisen diese Menschen?

Die Kanaren sind sehr beliebt. Dort sind bereits den ganzen Winter die Außenanlagen und Restaurants offen, natürlich immer unter Beachtung der Hygieneregeln. Beliebt sind auch die Kreuzfahrten von Tui Cruises rund um die Kanaren. Da reist man praktisch vom Anfang bis zum Ende wie in einer Blase. Ein heißer Tipp war zuletzt Tansania mit Sansibar. Das zählt zwar jetzt als Hochinzidenzgebiet. Aber da kamen Sie bisher ohne Test hin und wieder zurück, weil es dort offiziell keine Infektionen gibt. Zur ganzen Wahrheit gehört, dass da auch schon lange nicht mehr getestet wurde.

Die Reisebranche hofft jetzt aufs Sommergeschäft. Wie sieht bei Ihnen die Buchungslage aus?

Katastrophal. Die Leute haben Angst und sind verunsichert. Im Sommer verreisen vor allem Familien. Aber was, wenn plötzlich die Ferien verkürzt werden? Wenn Erwachsene dann vielleicht geimpft sind, die Kinder aber nicht? Wenn neue Mutanten auftreten?

Die großen Reiseveranstalter verbreiten mit Blick auf den Sommer mehr Optimismus.

Für mich ist das Augenwischerei. Viele Buchungen für den Sommer sind Reisen, die vergangenes Jahr ausgefallen und umgebucht worden sind. Rechnet man das raus, sind wir bei einem Minus von etwa 80 Prozent gegenüber 2019. Die meisten Sommerreisen werden im Winter gebucht. Und da waren wir im Lockdown – bis heute.

Wenn Kunden fragen, ob sie jetzt buchen oder lieber noch etwas warten sollten: Was raten Sie?

Jetzt buchen. Fast alle Veranstalter bieten flexible Storno-Optionen an. Damit können die Kunden in der Regel noch 14 Tage vor Reisebeginn entscheiden, ob sie die Reise wirklich antreten oder das Geld zurückhaben wollen. Wir Reisebüros, aber auch die Veranstalter und Hoteliers sind trotz Lockdowns erreichbar.

Manche Veranstalter sagen einen Last-Minute-Sommer voraus.

Die Frage ist, ob es dann noch genügend Kapazitäten gibt. Die Fluggesellschaften brauchen eine gewisse Zeit, um auf eine höhere Nachfrage reagieren zu können. Und auch ein Hotel, das lange Zeit geschlossen war, kann man nicht so einfach wieder hochfahren. Außerdem sollte niemand Last Minute mit billig gleichsetzen. Alle Anbieter stehen unter Druck und müssen versuchen, mit Reisen wieder Geld zu verdienen.

Wie halten Sie sich mit Ihren drei Filialen über Wasser?

Es gibt Zuschüsse für die Fixkosten, die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Ansonsten lebe ich vom Ersparten und dem Gehalt meiner Frau. Ich könnte Hartz IV beantragen, aber das will ich nicht. Ich will eine Perspektive für meine Mitarbeiter und mich.

Gibt es unter Ihren Vereinsmitgliedern schon Insolvenzen?

Nein, aber einige haben ihren Laden inzwischen geschlossen. Keine Ahnung, was passiert, wenn die Hilfen nach dem 30. Juni auslaufen.

Die Zukunft der Reisebüros sah schon vor Corona nicht rosig aus, weil immer mehr Menschen ihren Urlaub im Internet buchten.

Es gibt ja auch längst nicht mehr so viele Reisebüros wie früher. Ich kann mit der Marketingpower von Google und Check 24 nicht mithalten. Einen 20-Jährigen werde ich kaum für eine Buchung im Reisebüro gewinnen – oder vielleicht dann, wenn er erst mal eine schlechte Erfahrung im Internet gemacht hat. Unsere Stärken liegen in der Spezialisierung und im Service.

Ist die Pandemie für Reisebüros dann nicht sogar eine Chance?

Ja, wenn wir sie beim Schopf packen. Während des ersten Lockdowns haben sich die Leute bei mir ausgeheult, weil die Veranstalter auf Tauchstation gegangen sind. Ich war immer erreichbar, habe versucht zu helfen. Das merken sich die Kunden. Aber solange die Politik die Menschen aufruft, das Reisen zu unterlassen, nutzt uns das herzlich wenig.

Die Furcht vor einer dritten Welle können Sie nicht nachvollziehen?

Von organisierten Reisen geht kein erhöhtes Infektionsrisiko aus. Das sage nicht ich, sondern das Robert Koch-Institut. Deshalb sind wir regelrecht empört über die jüngsten Beschlüsse von Bund und Ländern. Buchläden und Baumärkte dürfen wieder öffnen, aber die gesamte Reisebranche wird mit keinem einzigen Wort erwähnt. Das zeigt die ganze Hilflosigkeit der Politik.

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Wann rechnen Sie damit, dass Hotels in Deutschland wieder öffnen dürfen?

Vielleicht Ende April. Hotels haben tolle Hygienekonzepte, das kann man nicht einfach so negieren. Wir müssen endlich Wege finden, mit diesem Virus zu leben.

Das Gespräch führte Steffen Klameth.

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