merken
PLUS Sachsen

Nach Corona: Der schwere Kampf zurück ins Leben

Jenny Fischer ist vor zehn Monaten an Covid-19 erkrankt. An den Folgen leidet sie bis heute. Was man über die Krankheit weiß – und was nicht.

Jenny Fischer liebt das Leben – und ihre Hunde. Das Foto entstand in der Nähe ihres Hofes in Rietschen (Landkreis Görlitz).
Jenny Fischer liebt das Leben – und ihre Hunde. Das Foto entstand in der Nähe ihres Hofes in Rietschen (Landkreis Görlitz). © Arvid Müller

Für Jenny Fischer fühlt es sich an, als wäre es gestern gewesen. Dabei liegt er jetzt zehn Monate zurück – der folgenschwere Nachtdienst im April 2020, als sich die Krankenschwester bei einem ihrer Patienten mit Covid-19 ansteckte. So wie neun weitere Kolleginnen im Krankenhaus im ostsächsischen Niesky. Im Unterschied zu den anderen erwischte das Virus Jenny Fischer jedoch viel schlimmer. So schlimm, dass sie fast daran gestorben wäre.

Jenny Fischer liebt ihren Beruf, auch heute noch. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als wieder dahin zurückzukehren. Doch das sei nicht möglich, sagt sie: „Ich bin noch nicht wieder die Alte.“ Eine kleine Runde mit den Hunden, ein paar Handgriffe im Haushalt – und schon sei sie erschöpft, erzählt die 54-Jährige. „Das kannte ich früher gar nicht von mir.“

Anzeige
Wohnen und arbeiten im Urlaubsparadies
Wohnen und arbeiten im Urlaubsparadies

Mitten im Lausitzer Seenland entstehen Wohnungen für junge Familien. Außerdem wächst altersgerechtes Wohnen. Ziehen Sie also mit Kindern und Eltern nach Lauta!

Damit ist sie nicht allein. In den bisher veröffentlichten Studien nennen Patienten übereinstimmend Erschöpfung und Müdigkeit – das sogenannte Fatigue-Syndrom – als häufigste Langzeitfolgen von Corona, die Angaben schwanken zwischen 53 und 72 Prozent. Frauen und Intensivpatienten seien häufiger davon betroffen, sagt Dr. Martin Kolditz, stellvertretender Bereichsleiter der Abteilung Pneumologie am Dresdner Uniklinikum.

Übelkeit, Appetitlosigkeit, Gliederschmerzen

Aber auch Menschen, die vor der Infektion fit waren oder nur einen leichten Covid-Verlauf hatten, seien nicht davor gefeit. „Wir können nicht voraussagen, wen es wie schwer trifft.“ Ein Grund: Es gibt nur wenige messbare Parameter. „Deshalb werden immer noch viele als Simulanten abgetan“, sagt Professor Stefan Hammerschmidt, Chefarzt der Klinik für Lungenkrankheiten am Klinikum Chemnitz.

In der Regel bleibt es aber nicht bei der Erschöpfung. Jenny Fischer hat bis heute Schmerzen beim Atmen sowie Gefühlsstörungen in Händen und Armen. Am meisten belastetet sie jedoch ihre Vergesslichkeit – und die permanente Angst vor Ansteckung. „Wenn ich beim Einkaufen jemanden mit schlecht sitzender oder schmutziger Maske sehe, bekomme ich sofort Panik. Auch körperliche Nähe kann ich noch nicht gut ertragen.“

Dabei war sie in den vielen Jahren im Krankenhaus ständig Krankheitserregern ausgesetzt. Nie habe sie sich angesteckt. Auch Krankschreibungen waren ein Fremdwort für sie. Unpässlichkeiten habe sie eher verdrängt. „Wer in einem Pflegeberuf arbeitet, nimmt sich selbst nicht so wichtig“, sagt Jenny Fischer.

Die ersten Coronasymptome bemerkte sie bei ihrem ersten Nachtdienst nach Ostern. „Ich spürte so eine bleierne Müdigkeit, hatte Kopfschmerzen und putzte immer wieder meine Brille, weil ich nicht gut sehen konnte.“ Sie schob die Symptome zunächst beiseite. Wahrscheinlich, dachte sie bei sich, müsse sie sich nach den Feiertagen erst wieder an den Arbeitsrhythmus gewöhnen. Doch je näher das Schichtende kam, desto schlimmer wurde es. Übelkeit, Appetitlosigkeit, Gliederschmerzen. Immer noch glaubte sie, dass es sich nur um einen Infekt handeln könne, der wieder vorübergeht. „Erst, als dann auch das Fieber stieg, ging ich zum Arzt.“ Der veranlasste einen Coronatest, das Ergebnis war positiv.

Vier Tage im künstlichen Koma

Die Infektion lag da bereits eine Woche zurück. Jenny Fischers Zustand verschlechterte sich weiter. Sie bekam immer schwerer Luft. Ihr Hausarzt wies sie ins Krankenhaus ein. Die Diagnose: Lungenentzündung. Behandelt wurde auch mit Sauerstoff, zunächst über zwei Schläuche in die Nase. Die Sauerstoffsättigung im Blut ging dennoch immer weiter zurück. Als Krankenschwester wusste sie, was das bedeutet: Um die Funktion ihrer Organe aufrechtzuerhalten, musste sie maschinell beatmet werden. Eine Verlegung ins Uniklinikum Dresden stand an.

Das war es jetzt, dachte sie. Sie wollte vorher unbedingt noch einmal ihre Familie sehen. „Ich konnte ja nichts regeln, wollte mich auch von ihnen verabschieden.“ Diese Begegnung, sagt sie heute, werde sie wohl nie in ihrem Leben vergessen.

Vier Tage lang wurde sie ins künstliche Koma versetzt, intubiert und beatmet. Alles in Bauchlage. Diese Lagerung entlaste zwar die Lunge, sagt sie. Doch die Nerven könnten Schaden nehmen. „Manche meiner Mitpatienten lagen zwei Wochen und länger in dieser Position. Ich kann mir nur vage vorstellen, wie es ihnen jetzt wohl geht“, sagt Jenny Fischer.

Luftnot und Leistungseinschränkung

„Wir wissen, dass Covid 19 keine alleinige Lungenerkrankung ist“, sagt Dr. Christian Gessner, Vorsitzender des Berufsverbands der Pneumologen in Sachsen. Corona verursacht auch eine Entzündung im Bereich des Endothels, also der Gefäßinnenhaut. Die Folge können Thrombosen und Embolien – also Gefäßverschlüsse – sein. „Daraus resultieren auch die unterschiedlichen Beschwerdebilder, die wir als Fachärzte sehen“, sagt Gessner. Die Lungenentzündungen heilten in vielen Fällen recht gut wieder aus, dennoch blieben bei einigen Patienten Vernarbungen und Strukturveränderungen bis hin zu Fibrosen zurück. „Eine vernarbte Lunge ist nicht so leistungsfähig wie eine gesunde.“ Die Vernarbungen stellten einen bleibenden Schaden an der Lunge dar.

Solche Folgen kenne man auch von einer schweren Grippe oder einer bakteriellen Lungeninfektion, erklärt Martin Kolditz. Das Besondere nach einer Corona-Infektion sei, dass Erkrankte häufiger auch nach einem leichten Verlauf – die Rede ist von bis zu 20 bis 30 Prozent der ambulant betreuten Patienten – mit Luftnot und Leistungseinschränkung zu kämpfen haben, sagt der Dresdner Pulmologe. Sein Kollege Christian Gessner bestätigt das: „Wir finden Strukturschäden in der Lunge nach intensivmedizinischer Behandlung und künstlicher Beatmung, aber auch bei Patienten, die nur milde Coronasymptome hatten.“

Und noch etwas falle auf, sagt Kolditz: „Die Beschwerden halten deutlich länger an.“ Etwa die Hälfte aller im Krankenhaus behandelten Covid-Patienten klage auch noch nach drei Monaten über die genannten Symptome. Das Uniklinikum beteilige sich an mehreren Studien, die helfen sollen, die Krankheit besser verstehen zu können.

Atemmuskulatur ließ nach

Professor Hammerschmidt behandelt viele schwer Coronakranke am Klinikum Chemnitz. Er beobachtet neben Folgeschäden an den Atemwegen auch Beeinträchtigungen am Herzen, am Darm, an den Nieren, Blutgefäßen und Nerven. Letzteres zeige sich zum Beispiel durch Geruchs- und Geschmacksstörungen, die auch Wochen nach der Erkrankung fortbestehen können.

Das alles hat im Übrigen nicht nur gesundheitliche, sondern auch wirtschaftliche Auswirkungen. Wissenschaftler prophezeien mit Verweis auf die Langzeitfolgen bereits steigende Kosten für das Gesundheitssystem. Der private Krankenversicherer DKV hat auf der Grundlage von 10.000 stationären Covid-Patienten ermittelt, dass die Leistungsausgaben nach der Entlassung im Schnitt um mehr als 50 Prozent stiegen – auch bei Menschen, die vorher nicht oder nur selten beim Arzt waren.

Jenny Fischer hat sich wieder ins Leben zurückgekämpft. Nach sieben Tagen künstlicher Beatmung war die Sauerstoffsättigung im Blut so gut, dass der Tubus aus der Lunge entfernt werden konnte. Die Atemmuskulatur hatte da schon so nachgelassen, dass sie glaubte, nie wieder richtig atmen zu können. Doch es ging aufwärts, auch dank ihres starken Willens. So brauchte sie bald keinen externen Sauerstoff mehr und konnte schon längere Zeit am Tag sitzen, später sogar am Rollator gehen. „Das waren Glücksmomente“, erinnert sich die Frau, die beinahe schon mit ihrem Leben abgeschlossen hatte.

Ruf nach besseren Nachbetreuung

Insgesamt vier Wochen verbrachte Jenny Fischer im Krankenhaus. Die Therapien schlugen an, sie schöpfte neuen Lebensmut. „Als die Sonde für die künstliche Ernährung gezogen wurde und ich den ersten Schluck Wasser trank, war das für mich wie Champagner. Und am nächsten Morgen dann das Frühstück – eine Scheibe Weißbrot mit Honig und eine Tasse Kaffee. Mir schien, als hätte ich noch nie etwas Besseres gegessen.“ Während der anschließenden vierwöchigen Reha stabilisierte sich die Frau weiter. „Doch meine Erschöpfung, die neurologischen und die psychischen Beschwerden wollen einfach nicht verschwinden.“

Deshalb wünscht sie sich eine koordinierte Nachbetreuung. „Es kommen immer mal wieder neue Symptome zum Vorschein, von denen ich nicht weiß, ob es Coronafolgen oder eigenständige Erkrankungen sind.“ Sie berichtet, dass sie eines Tages plötzlich Knötchen auf der Haut feststellte. Auch die Haare gingen aus. „Mein Hausarzt überwies mich an einen Dermatologen, doch der hatte erst drei Monate später einen Termin für mich.“

Mit dem Ruf nach einer besseren Nachbetreuung steht die Frau nicht allein da. Und es tut sich was: Inzwischen gibt es in Deutschland etwa ein Dutzend Post-Covid--Ambulanzen, drei davon im Osten der Republik. Für Sachsen sei eine solche Institution vorerst nicht geplant, sagt die Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, Katharina Bachmann-Bux. Im Freistaat gebe es derzeit 29 Corona-Schwerpunktpraxen, die die Versorgung gut bewerkstelligen könnten. In den Niederlassungen sind Allgemeinmediziner, Infektiologen oder Internisten beschäftigt.

Psychosomatische Reha

Die traditionelle Trennung von ambulantem und stationären Sektor erschwert Kliniken die Gründung solcher Ambulanzen. Zudem sei ein kostendeckender Betrieb unmöglich, sagt Professor Andreas Stallmach, Ambulanzleiter in Jena. Aber: „Unikliniken haben auch einen Forschungsauftrag, sie sollen den Erkenntnisgewinn vorantreiben.“ Am Dresdner Uniklinikum werde derzeit eine Anlaufstelle zumindest für schwere und komplizierte Fälle geprüft, sagt Kolditz. Spezialisten sollen dann zum Zuge kommen, wenn Haus- und Fachärzte nicht mehr helfen können. Und der Lungenexperte hat noch eine gute Nachricht: „Der Mehrzahl der Post-Covid-Patienten geht es mit der Zeit immer besser.“ Wenn die Symptome stärker würden oder nach drei bis vier Wochen noch anhielten, sollte man allerdings den Hausarzt aufsuchen.

Jenny Fischer hat inzwischen eine psychosomatische Reha angetreten. „Vielleicht bekomme ich so meine Angst in den Griff und kann auch wieder Nähe zulassen.“ Das ist ihr größter Wunsch, denn Familienzuwachs hat sich angesagt. Im April wird sie zum fünften Mal Großmutter. Die Babykleidung für das Kleine hat sie schon vom Boden geholt, frisch gewaschen und zu kleinen Häufchen aufgestapelt. Immer wieder betrachtet sie die Sachen, die Vorfreude wächst von Tag zu Tag.

Weiterführende Artikel

Corona: Sachsen will mehr Impfstoff für Grenzregionen

Corona: Sachsen will mehr Impfstoff für Grenzregionen

Bayern und Sachsen wollen Impfreihenfolge für Hotspots ändern, Friseure öffnen wieder, Infektionensrate in Sachsen steigt weiter - unser Newsblog.

Wenn Ärzte nichts finden

Wenn Ärzte nichts finden

Dr. Alexander Kugelstadt kümmert sich um Patienten "ohne Befund". Im Interview erklärt der Spezialist für Psychosomatik, was er anders als andere Ärzte macht.

Felix und der Kampf gegen Corona-Langzeitfolgen

Felix und der Kampf gegen Corona-Langzeitfolgen

Ärzte beobachten bei Kindern gehäuft schwere Entzündungen. Nicht alle haben Glück wie ein Junge aus dem Erzgebirge.

Genesen, aber nicht gesund

Genesen, aber nicht gesund

Infektiologe Andreas Stallmach hilft Patienten, die nach einer überstandenen Corona-Infektion noch Beschwerden haben. Welche das sind.

Die Krankenschwester möchte sich unbedingt impfen lassen. Das gebe ihr Sicherheit, nicht wieder an Covid 19 zu erkranken, sagt sie. Vielleicht hilft es ihr auch im Kampf gegen die ständige Angst. Ein normales Leben mit quirligen Enkelkindern, ihren geliebten Tieren und einem Beruf, der sie ausfüllt – davon träumt sie jetzt wieder öfter.

Mehr zum Thema Sachsen