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Corona-Lage in Sachsens Pflegeheimen spitzt sich zu

Immer mehr Heime in Sachsen sind von Corona betroffen. Doch die versprochenen Schnelltests gibt es noch nicht. Werden Besuche bald wieder verboten?

Susanne Hübel, Leiterin des Seniorenzentrums Bielatal, lässt zum Schutz der Bewohner Besuche nur nach Anmeldung zu.
Susanne Hübel, Leiterin des Seniorenzentrums Bielatal, lässt zum Schutz der Bewohner Besuche nur nach Anmeldung zu. © Ronald Bonß

Von Kornelia Noack, Hannes Heine und Sinan Reçber

Angesichts steigender Corona-Zahlen wächst die Sorge von Pflegeheim-Bewohnern und deren Angehörigen: Werden sie sich weiterhin sehen können oder droht wieder ein generelles Besuchsverbot wie im Frühjahr?

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Gemeinsam mit den Landkreisen und kreisfreien Städten hat die Staatsregierung weitere Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie beschlossen.

Die Situation in den sächsischen Pflegeeinrichtungen ist angespannt, die Lage unübersichtlich. Laut Sozialministerium waren am Montag in 19 Pflegeheimen des Freistaats Corona-Fälle bekannt. Betroffen seien 43 Mitarbeiter und 66 Bewohner. Allerdings hätten nicht alle Gesundheitsämter gemeldet. Aktuellere Zahlen konnte das Ministerium am Mittwoch Anfrage von Sächsische.de nicht nennen. Nach Aussagen des Landrats waren am Mittwoch allein im Erzgebirgskreis elf von 72 stationären Einrichtungen betroffen. Auch in Freital sind in mehreren Heimen Bewohner und Mitarbeiter positiv getestet worden.

Trotzdem gibt es bislang kein einheitliches Vorgehen im Freistaat. Die sächsische Corona-Schutz-Verordnung schreibt für Pflegeheime nur ein Besuchskonzept vor, das Bestimmungen zu Hygienemaßnahmen, zur Besucheranzahl und zur Nachverfolgbarkeit von Infektionsketten enthält. Insofern setzen die Häuser ihre eigenen Hygienekonzepte um. Sie orientieren sich dabei auch an den Auflagen des Landkreises sowie den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts und von Ärzteverbänden. Das sorgt für ein buntes Durcheinander.

Besuch nur noch hinter Plexiglas

„Die Verantwortung wurde immer weiter nach unten bis zu den Einrichtungen durchgegeben“, sagt Kai Kranich vom DRK-Landesverband Sachsen. In Gebieten mit erhöhten Infektionszahlen kann zudem der Landkreis abweichende Allgemeinverfügungen erlassen. Das führt zu teilweise chaotischen Zuständen. „Wir haben Einrichtungen, die nur wenige Kilometer auseinander, aber in verschiedenen Landkreisen liegen. In beiden müssen unterschiedliche Hygienevorgaben erfüllt werden“, sagt Melanie Tuscherer von der Volkssolidarität Stadtverband Chemnitz.

Im Kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge etwa sind die Infektionszahlen in den vergangenen Tagen so gestiegen, dass maximal eine Person pro Tag und Bewohner zulässig ist, sagt Michael Junge, Vorsitzender des Sächsischen Pflegerats. Susanne Hübel, Leiterin des Seniorenzentrums AGO Bielatal bestätigt das: „Bei uns ist der Besuch eines Angehörigen nur noch mit Terminvergabe und hinter Plexiglas möglich.“

Dabei hatte die Bundesregierung bereits vor einer Woche versprochen, dass Bewohner von Pflegeheimen, ihre Besucher und Beschäftigte die sogenannten Antigen-Schnelltests großzügig nutzen können. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach von Tests „in großer Millionenzahl pro Monat“, um vor allem kranke und ältere Menschen vor dem Virus zu schützen. Können die Schnelltests helfen, für etwas mehr Normalität in Sachsens Pflegeheimen zu sorgen? Von dem geplanten Einsatz habe Susanne Hübel bereits „gehört“, offiziell aber noch keine Informationen erhalten. Ebenso wenig wie Melanie Tuscherer von der Volkssolidarität. Tatsächlich dürfte es noch etwas dauern, bis die Tests in Sachsen ankommen.

Mehr Tests in Pflegeeinrichtungen

Denn eine Pflegeeinrichtung kann die Tests nur nach einem aufwändigen Verfahren einsetzen. „Die Heime sollen dazu sogenannte Einrichtungstestkonzepte entwickeln, in denen Kriterien zur Testung mit den zur Verfügung gestellten Testkontingenten festgelegt werden müssen“, sagt Michael Junge. Diese Konzepte müssten dann vom zuständigen Gesundheitsamt abgesegnet werden. Erst danach können Heime die Tests bestellen. „Fragen der praktischen Umsetzung, etwa wer die Tests durchführen kann und soll, welche Qualifikation diese Personen haben sollen, in welchen Abständen die Tests bei Mitarbeitenden und Angehörigen und auch bei den Bewohnern durchgeführt werden sollen, müssen noch geklärt werden“, sagt Junge. Auch das Sozialministerium macht auf Nachfrage keine konkreten Angaben, da noch zu viele Fragen ungeklärt seien.

Dass in Pflegeeinrichtungen mehr getestet werden muss, steht für den DRK Landesverband außer Frage. „Wir müssen unbedingt verhindern, dass es wie im Frühjahr zur Abschottung kommt“, sagt Kai Kranich. Nach Vorstellung des Bundesgesundheitsministeriums sollen im besten Fall alle Besucher, Patienten und Mitarbeiter mit dem Antigen-Schnelltest getestet werden. Der weist im Gegensatz zum PCR--Standard-Test nicht Teile des Erbguts, sondern spezielle Protein-Bausteine des Virus nach.

Einem Mann wird ein Abstrich entnommen.
Einem Mann wird ein Abstrich entnommen. © dpa

Der Abstrich wird ebenfalls aus dem Nasenrachenraum genommen, was medizinisches Fachpersonal übernehmen muss. Das Ergebnis solcher Schnelltests liegt je nach Hersteller oft in 15 Minuten vor. Ist der Test negativ, dürfen die Besucher zu ihren Angehörigen in die Einrichtung gehen. Die Virologin Sandra Ciesek sieht die Tests als Chance, Labore zu entlasten und das Infektionsgeschehen zu verlangsamen.

Die Nachteile: Antigen-Tests gelten als nicht so genau wie PCR-Tests. Damit sie ein positives Ergebnis anzeigen, ist eine größere Virusmenge nötig. Laut Robert Koch-Insitut muss deshalb ein positives Ergebnis immer noch einmal mittels PCR-Test bestätigt werden. Das dauert etwa 24 Stunden. Der Braunschweiger Epidemiologe Gérard Krause mahnt: Selbst bei einem negativen Schnelltest sollten in der Altenpflege weiterhin FFP2-Masken getragen werden. Hintergrund ist die Sorge, dass bis zu zwei, womöglich gar drei Prozent der Tests falsche Ergebnisse liefern könnten.

Schnelltests noch im Oktober

Nach einem falsch-negativen Resultat wiegen sich die Getesteten dann in einer Sicherheit, die es nicht gibt, denn anders als der Schnelltest ergeben hat, sind sie eben doch betroffen – und könnten durch besonders leichtsinniges Verhalten andere infizieren. Zeigen die Schnelltests fälschlicherweise eine Infektion an, kommt zumindest niemand unmittelbar zu Schaden – der Besuch im Pflegeheim würde aber ausfallen.

Doch nicht nur der Test selbst, sondern der ganze Prozess müsse betrachtet werden: „Das kostet Zeit, Geld und geschultes Personal“, sagt Krause. Darum sorgt sich auch Natalie Sharifzadeh vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe: „Wir sehen große Probleme auf die Pflegeeinrichtungen zukommen. Wer soll diese Tests machen? Es gibt bereits jetzt schon nicht genügend Personal.“

Ein Wissenschaftler zeigt einen Corona Schnelltest.
Ein Wissenschaftler zeigt einen Corona Schnelltest. © Symbolbild/dpa/Bodo Schackow

Das bemängelt auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz. „Der Bundesgesundheitsminister erklärt nicht, wie diese Aufgabe vor Ort bewältigt werden kann. Denn ob Personal für die Schnelltests bereitsteht, entscheiden allein die Träger“, sagt der Vorsitzende Eugen Brysch. Für ihn seien Tests kein Allheilmittel. „Weiterhin notwendig sind ein sicherer Infektionsgrundschutz und eine lückenlose Kontaktdokumentation“, so Brysch.

Besucher, Personal und Bewohner müssen für die Schnelltests wohl nicht bezahlen. Um die Kosten will sich der Bund kümmern. Allerdings zahlt der Bund höchstens sieben Euro je Test an die jeweilige Einrichtung. Und es werden nur die Schnelltests erstattet, die das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte auf seiner Internetseite gelistet hat. Am Mittwoch waren 29 Antigen-Schnelltests von diversen Anbietern dort verzeichnet. Ob es überhaupt genügend Schnelltests für alle Einrichtungen gibt, ist zurzeit nicht klar.

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Mit der Organisation der Tests werden sich viele Pflegeheime in den nächsten Tagen befassen. „Wir sind dabei, unser Konzept zu erarbeiten“, sagt Heimleiterin Susanne Hübel. Sie rechnet nicht damit, dass die Schnelltests noch im Oktober genutzt werden können. Eher mit Mitte November rechnet Jana Ratzenberger von AWO Sachsen Soziale Dienste: „Bis dahin sollen die Kostenträger ja erst einmal die Durchführungsverordnung erarbeiten.“ (mit dpa)

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