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Das Virus trifft Sachsen besonders empfindlich

Kein Bundesland ist von Corona schlimmer betroffen als Sachsen. Doch statt gegen das Virus kämpfen die Menschen gegeneinander. Wo soll das enden?

Seit Monaten protestieren die Menschen an der B96 gegen die Corona-Maßnahmen.
Seit Monaten protestieren die Menschen an der B96 gegen die Corona-Maßnahmen. © privat

Wenn ich mich, in egal welchem Teil Deutschlands als Dresdner oute, folgt oft das gleiche Gespräch. Jemand sagt: "So eine schöne Stadt". Ein anderer fragt: "Ist das wirklich so schlimm mit Pegida?" Nun kann ich mich auf eine neue Frage vorbereiten: "Wie konnte das mit Corona eigentlich passieren?"

Die Lage in Sachsen ist dramatisch. Die Infektionszahlen steigen, die meisten Intensivstationen sind voll. Am Mittwoch machten Berichte die Runde, dass in einem Zittauer Krankenhaus die Triage angewendet werde. Das Krankenhaus widersprach. Doch offenbar liegt dieser Notzustand – dass Ärzte entscheiden müssen, wer beatmet wird, und wer nicht – im Bereich des Möglichen.

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Anfangs war es "das Übliche"

Zugleich ist Sachsen noch ein weiterer Hotspot: Laut Befragung erklären hier mehr Menschen als im Rest der Republik, dass sie nicht an die Existenz des Virus glauben. An der Bundesstraße 96 zwischen Bautzen und Zittau wird seit Monaten protestiert, es finden illegale Weihnachtsmärkte statt, ständig gibt es Demonstrationen gegen die Maßnahmen. Die Gräben zwischen Corona-Leugnern und jenen, die an die Regeln glauben, werden täglich tiefer – im ohnehin schon gespaltenen Bundesland.

Anfangs war es "das Übliche". Nach einigen Jahren Pegida ist es hier möglich, gegenüber dem Anblick von Reichsflaggen oder Plakaten mit Politikern an Galgen abzustumpfen. Das galt auch für die Corona-Leugner. Man dachte sich: Sollen sie doch an der Straße stehen, es ist ja ihr Recht. In Frühjahr und Sommer war Sachsen eines der Bundesländer mit den geringsten Zahlen, Corona mehr ein wabernder Schemen als eine real existierende Krankheit.

Maximilian Helm ist Redakteur bei Sächsische.de und lebt seit 2012 in Dresden.
Maximilian Helm ist Redakteur bei Sächsische.de und lebt seit 2012 in Dresden. © Veit Hengst

Doch das hat sich geändert. Mit der zweiten Welle explodierten die Zahlen und die Einschläge kamen näher. Jetzt hat beinahe jeder Freunde und Verwandte, die erkrankt sind, oft auch mit schweren Verläufen.

Mit den Zahlen wächst die Wut. Wut auf diejenigen, die trotz voller Krankenhäuser die Existenz des Virus leugnen. Wut auf die, die trotz kranker Freunde keine Maske tragen wollen. Als ob es bei uns in Sachsen nicht schon genug Wut gäbe!

Auch für mich gab es diesen Punkt: Als eine gute Freundin unter 30 durch das Virus von einer regelmäßigen Ausdauerläuferin in eine junge Frau verwandelt wurde, die auf dem Treppenabsatz eine Pause einlegen muss. Das hat etwas verändert. Ganz ehrlich: Ich habe Angst vor dem Virus. Und habe ich als Journalist vorher noch nüchtern Aussagen von Corona-Skeptikern aufschreiben und die Fakten prüfen können, verlangt mir das jetzt immer mehr ab. Ist eine Meinung auch dann schützenswert, wenn ihre Konsequenz ist, dass Menschen sterben?

Anfangs war Solidarität spürbar

In der ersten Corona-Welle war in Sachsen eine Solidarität spürbar – auch über Partei- und Gesinnungsgrenzen hinweg. Und an manchen Tage gab es gar die leise Hoffnung, dass die politischen Gräben endlich durch etwas größeres, wichtigeres, vereinendes überdeckt werden könnten – das Ziel, die Pandemie gemeinsam zu überstehen.

Ich fahre seit Jahren durch die Stadt und ordne Menschen in der Straßenbahn in "Pegida" und "Nicht-Pegida" ein. Ich schäme mich dafür, aber es passiert fast automatisch und ich weiß, dass es vielen so geht. Hat sich das geändert? Ein wenig. Jetzt scanne ich meine Mitmenschen stattdessen ab, ob sie zu den Corona-Skeptikern gehören könnte. Das ist sogar noch einfacher: Sie sind leicht an der fehlenden Maske zu erkennen.

Die Missgunst unter einander fremden Menschen hat in Sachsen noch einmal zugenommen. Geschichten von Familien, die sich über die Haltung zur AfD zerstritten haben, gibt es viele. Nun kommen noch die Geschichten dazu, in denen sich Familien über das allgegenwärtige Thema Pandemie zerstreiten. Und das ausgerechnet in dieser von Einsamkeit regierten Zeit. Es zermürbt, am Anfang jedes Gespräches abklären zu müssen, ob man auf der gleichen Seite der Erzählung steht. Ob man den wissenschaftlichen Fakten glaubt – oder Verschwörungstheorien. Das Problem ist nur: Die gegenseitigen Schuldzuweisungen helfen niemandem, gerade nicht in dieser harten Zeit der Pandemie.

Wie finden wir jetzt wieder zusammen? Die politische Klasse wird den Riss kaum kitten können. Nicht nur weil dem Establishment in Sachsen ohnehin ein Block aus Misstrauen gegenübersteht. Auch waren die letzten Wochen und Monate gezeichnet von völlig planlosem Agieren. Seit vergangener Woche haben sich in Sachsen vier Mal die Regeln geändert – was auch bei den Menschen, die Corona ernst nehmen, und das sind ja auch hier die meisten, die Unsicherheit wachsen lässt.

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Wir müssen aufhören, krampfhaft nach Schuldigen zu suchen, denn die gibt es nicht. Wenn alles vorbei ist, müssen wir das Geschehene aufarbeiten, ohne krampfhaft Recht haben zu wollen.

Und jetzt müssen wir vor allem eines tun: Verdammt nochmal zu Hause bleiben.

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