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Durchhalteparolen kommen im Handwerk nicht mehr an

Der Präsident der Dresdner Kammer ruft nach mehr Sachverstand in der Krise. Jörg Dittrich fordert im Interview auch eine Grundsatzdiskussion zum Impfen.

Jörg Dittrich, Präsident der Dresdner Handwerkskammer, spricht seit fast neun Jahren für 22.500 Betriebe in Ostsachsen mit 125.000 Beschäftigten. Der 51-jährige Dachdeckermeister ist im eigenen Familienbetrieb Chef von 60 Leuten.
Jörg Dittrich, Präsident der Dresdner Handwerkskammer, spricht seit fast neun Jahren für 22.500 Betriebe in Ostsachsen mit 125.000 Beschäftigten. Der 51-jährige Dachdeckermeister ist im eigenen Familienbetrieb Chef von 60 Leuten. © Ronald Bonß

Herr Dittrich, die Infektionszahlen sinken nur langsam. Ist das angesichts des Aufwands und für viele Handwerker hohen Preises für Sie ernüchternd?

Vorab: Ich sehe überlastete Pflegeberufe, Ärzte, Bestatter und habe tiefes Mitgefühl für Erkrankte und Verstorbene. Aber es gibt auch die wirtschaftliche Betroffenheit, in der die Kammer, die Interessen des Handwerks zu vertreten hat.

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Das durchaus verschieden betroffen ist.

Es gibt Familien, die mit der Beschulung der Kinder zu kämpfen haben, mit geschlossenen Einkaufsmöglichkeiten und Lagerkoller – die aber weiter ihr Geld bekommen. Aber es gibt auch selbstständige und angestellte Handwerker, die per staatlicher Verordnung besonders leiden – direkt, weil zwangsweise geschlossen, oder indirekt, weil zum Beispiel alle Aufträge storniert wurden. Und für sie müssen wir uns starkmachen.

Sie sagen: „Ethik und Wirtschaft dürfen sich nicht ausschließen.“

Ja, und wir sagen nicht, dass die Maßnahmen falsch sind. Wenn der Staat Geschäfte schließt, muss er auch die Betroffenen entschädigen. Es kann nicht sein, dass die Sozialdemokratie Unternehmern rät, Hartz IV zu beantragen. Das ist eine Demütigung!

Was werfen Sie Bund und Land vor?

Die Pandemie hat bald Jahrestag. In jedem Unternehmen gibt es je nach Auftragslage die Planung verschiedener Szenarien. Ich habe nicht den Eindruck, dass es in der Politik Vergleichbares gibt. Sofort-, November- und Dezemberhilfe, Überbrückungshilfe I-III. Klingt das nach Planung?

Sie kritisieren Planlosigkeit?

Ich möchte nicht tauschen mit der Staatsregierung. Eigentlich kann sie es nur falsch machen: mal zu wenig bei einer Maßnahme, mal zu viel. Hinterher ist man schlauer. Aber wenn die Politik entscheidet, Friseure zu schließen, dann ist das Willkür. Das Robert-Koch-Institut hat keine Evidenz zum Infektionsgeschehen in der Branche.

In Sachsen gibt es click&collect - also das Abholen von Waren in Geschäften - nicht
In Sachsen gibt es click&collect - also das Abholen von Waren in Geschäften - nicht © dpa

Kirchen dürfen selbst entscheiden, ob sie Gottesdienste abhalten. Andererseits lässt Sachsen nicht mal click&collect zu. Bleibt die Logik auf der Strecke?

In der Krise bleibt Logik mitunter auf der Strecke. In der Intensivmedizin wird auch nicht rumdiskutiert, da braucht es schnelle Entscheidungen. Das ist eben so.

Aber was stört Sie dann?

Dass die Regierung die Zeit nicht genutzt hat, um mit uns über Wege aus der Krise zu reden. Wir hatten Angebote gemacht, im Frühjahr ein Programm vorgelegt – leider mit wenig Echo.

Aus Angst, Arroganz, Ignoranz oder wegen fehlender Zeit, weil die Entscheider von Mikrofon zu Mikrofon hechelten?

Es kann passieren, dass in der Krise kurzfristig Kompetenzen fehlen. Aber dann muss der Sachverstand von Parlamenten und Verbänden dringend genutzt werden. Nicht alles ist mit Zwängen zu rechtfertigen. Krisenmanagement ist die Stunde der interdisziplinären Teamarbeit.

Vor allem die vermeintlich in Zeitlupe ablaufende Staatshilfe erntet Kritik.

Wir hatten schon Amtshilfe angeboten, weil es so langsam geht. Und es gibt Ungerechtigkeiten. Viele Friseure, alles andere als Spitzenverdiener, fallen nicht unter die Dezemberhilfe, weil sie bis zum 15.12. geöffnet hatten. Überbrückungshilfe III können sie frühestens im Februar beantragen. Sie sind über sechs Wochen zu und wissen nicht, ob und wann sie Geld bekommen.

Andererseits sagt Sachsens Wirtschaftsminister Dulig: „Wir kommen schnell voran“. Schreien nur Wenige sehr laut?

Tausende sind betroffen. Bedenken Sie auch, welch psychischer Druck durch den Lockdown entsteht. Was macht es mit jemanden, dem verboten wird, seinem Beruf nachzugehen? Das ist genauso herausfordernd wie die Sicherstellung der Liquidität. Viele sind für politische Durchhalteparolen nicht mehr empfänglich, und sie begehren natürlich auf.

Laut Ihrer Kammerumfrage will sich nur jeder 11. Geschäftsinhaber impfen lassen.

Ich hatte gehofft, dass wir mit hoher Impfbereitschaft sogar Vorbild sein können. Denn die Impfung kann der Weg zur schnellen wirtschaftlichen Normalität sein. Es braucht daher eine grundsätzliche Diskussion um das Impfen.

Wie meinen Sie das?

Wir müssen Fragen stellen, damit die Gesellschaft Antworten diskutiert. Soll ein Friseur nur noch geimpfte Kunden bedienen oder seine Mitarbeiter zur Impfung motivieren? Es wird arbeitsrechtliche Fragen geben. Alles dreht sich um: Wann machen wir wieder auf? Was ist mit den Hilfen? Was wird aus den Kindern? Wer vor Corona nach Übersee wollte, musste gegen vieles geimpft sein – keiner hat sich aufgeregt. Jetzt gibt es ein Virus, das die Menschheit bedroht, und das Lamentieren geht los. Die Leute müssen wissen, warum sie sich impfen lassen: für sich oder aus Solidarität für andere? Da ist auch Wissenschaft gefragt.

Ein Friseur hält in einem Friseurstudio eine Haarschneideschere in der Hand und trägt dabei einen Mundschutz und ein Gesichtsschutzschild.
Ein Friseur hält in einem Friseurstudio eine Haarschneideschere in der Hand und trägt dabei einen Mundschutz und ein Gesichtsschutzschild. © dpa

Sachsens Ministerpräsident wünscht sich auch von den Kammern mehr Unterstützung zur Einhaltung der Hygieneregeln. Sehen Sie sich in der Pflicht?

Wir stehen schon lange solidarisch in der Reihe und appellieren immer wieder an die Betriebe, sich an die geltenden Regelungen zur Eindämmung der Pandemie zu halten. Nur, wenn sich alle an die Regeln halten, können auch Friseure und Kosmetiker wieder öffnen.

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit prophezeit ein schwieriges Ausbildungsjahr 2021.

Wir stehen vor einer gigantischen Herausforderung, sind aber nicht unbewaffnet. Viele Betriebe wissen, was es heißt, zu wenig Fachkräfte zu haben. Das Handwerk hatte seine Zahlen zuletzt und trotz Corona fast gehalten – aber mit starken Verschiebungen: Gastronomie mit starken Rückgängen, Dachdecker plus 22 Prozent. Plötzlich merken die Leute, dass es durchaus krisensichere Jobs gibt. Das müssen wir deutlich machen. Das Problem ist weniger, Lehrstellen ranzuschaffen, sondern das Zusammenführen von Schülern und Betrieb.

Staatshilfen und ausgesetzte Insolvenzantragspflicht: Experten sehen die Pleitewelle nur verschoben. Wie groß ist die Versuchung der Politik, wegen der Bundestagswahl im Herbst die Gesetze des Marktes weiter zu unterwandern?

Der Versuchung ist die Bundesregierung längst erlegen, siehe Kurzarbeitergeld bis Ende 2021, Deckelung der Sozialabgaben bei 40 Prozent, die leere Arbeitslosenkasse füllt der Bund auf, die Krankenkassen stützen den Gesundheitsfonds. Täte sie es nicht, würden die politischen Ränder gewinnen. Die Folgen sind unabsehbar. Unsere Betriebe haben bereits Sorge vor steigenden Steuern. Das ist Herdeninstinkt. Das Handwerk soll wieder die Zeche zahlen.

Mancher wird seinen stillen Abgang dem Makel einer Pleite vorziehen?

Das gibt es bereits. Vielleicht schmerzt die Allgemeinheit am Ende gar nicht mal so sehr die Pleitewelle, sondern dass es in einigen Bereichen keine Nachfolger gibt. In der Krise sind Familien näher zusammengerückt, andere haben sich atomisiert. Beides ist richtig und hat sich in der Krise verstärkt. Das gilt auch für die Wirtschaft. Corona ist zwar ein Jahrhundertereignis, aber das Virus beschleunigt Prozesse, die ohnehin da waren.

Forscher sagen: Wer mit der Zeit geht und sein Geschäftsmodell überprüft, kommt gestärkt aus der Krise. Wie groß ist diese Bereitschaft im Handwerk?

Unabhängig von Pandemie und Konjunktur ist der Typus Handwerksmeister immer Sieger. Es geht eher um die Zweifler. Viele wollen gern selbstständig sein, sorgen sich aber um die Gängelung und fehlende Entfaltungsmöglichkeiten. Daher ist uns auch in der Pandemie der Dreiklang aus Hilfen, Freiheitsrechten und freier Gewerbeausübung wichtig. Die Regionalität wird immer gewinnen.

Sie zollen Politikern Respekt, wurden selbst mal als Wirtschaftsminister gehandelt. Hat Sie deren jetzige Last der Verantwortung von diesem Traum befreit?

Solche Träume gab es nie. Es macht mir Freude, mitzugestalten – aber Parteipolitik ist nichts für mich. Auch bin ich, parteilich ungebunden, Handwerkspolitiker.

Dennoch: Wenn Sie jetzt in der Politik ganz oben wären, was würden Sie tun?

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Ich bin in einem Handwerksbetrieb großgeworden – und dort nicht nur mit dem Produkt, sondern auch mit Managementthemen befasst. In der Krise brauche ich Menschen mit Fachkompetenz und Entscheidungsverantwortung. Meine Aufgabe als Chef ist es dann auch, diesen Leuten den Rücken zu stärken.

Das Gespräch führte Michael Rothe.

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