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Der unbekannte Covid-19-Patient

Corona kann jeden treffen, heißt es. Wer sind die Kranken auf Sachsens Intensivstationen? Und was hat sich in der dritten Welle verändert?

Wie hat sich der Altersdurchschnitt der Covid-19-Patienten verändert?
Wie hat sich der Altersdurchschnitt der Covid-19-Patienten verändert? © 123rf

Es vergeht kaum ein Tag, an dem Politiker und Ärzte – und hier vor allem Intensivmediziner – nicht die Alarmglocken läuten. Sie warnen vor einer Überlastung des Gesundheitssystems und dabei vor allem der Intensivstationen (ITS). Und sie verknüpfen dies mit der Forderung nach sofortigem Lockdown.

Zwar haben sich die entsprechenden Zahlen in der letzten Woche insgesamt weniger dramatisch entwickelt als befürchtet. Mit Sorge wird aber immer wieder darauf verwiesen, dass die Patienten auf den ITS inzwischen deutlich jünger sind als in der zweiten Welle. Vergangene Woche sprach der Präsident der deutschen Intensivmediziner, Professor Gernot Marx, von immer mehr Patienten im Alter von 40 bis 70 Jahren.

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Wie verlässlich diese Angaben sind, könne man aus Mangel an statistischen Daten aber noch nicht sagen. Die Sächsische Zeitung hat deshalb bei Kliniken nachgefragt: Wie hat sich der Altersdurchschnitt der Covid-19-Patienten verändert? Und bedeutet das, dass es tatsächlich mehr jüngere Betroffene gibt?

Die Lage in Sachsen

Betrachtet man die Situation für ganz Sachsen, dann gibt es offenbar keine oder nur geringfügige Veränderungen: „Sowohl im Dezember 2020 als auch in den vergangenen 30 Tagen kommen die meisten Covid-19-Patienten in Sachsen aus der Gruppe der 50 bis 59-Jährigen“, teilte das Uniklinikum Dresden mit. Auch bei den 60- bis 69-Jährigen ist der Anteil von zwölf Prozent gleichgeblieben. Lediglich bei der Altersgruppe ab 70 Jahren sank der Anteil im Vergleichszeitraum von 23,7 auf 20,9 Prozent. Allerdings mussten während des Höhepunktes der zweiten Welle etwa doppelt so viele Patienten mit Covid-19 in sächsischen Krankenhäusern versorgt werden.

Veränderungen bei den Altersgruppen werden hingegen deutlich, wenn man die Belegung der Intensivstationen der Kliniken betrachtet. Das Uniklinikum Leipzig und das Klinikum Chemnitz haben auf Anfrage detaillierte Informationen zu den Covid-19-Patienten mitgeteilt, die im Dezember 2020 und vom 12. März bis 12. April 2021 auf den Intensivstationen versorgt werden mussten.

In Leipzig waren demnach im erstgenannten Zeitraum mehr als zwei Drittel der Patienten 65 Jahre und älter, im Frühjahr 2021 dagegen nur noch 47 Prozent. Die größten Zuwächse gab es in der Altersgruppe von 40 bis 55 sowie 60 bis 64 Jahren, den größten Rückgang bei den 80- bis 84-Jährigen (minus 14 Prozentpunkte). Der Rückgang bei den betagten Patienten kann als Erfolg der Impfpriorisierung gewertet werden.

Auch hier gilt jedoch zu beachten, dass sich zwar die Verteilung auf die Altersgruppen verändert hat, insgesamt aber nicht zwangsläufig mehr jüngere Patienten wegen Covid-19 intensivmedizinisch betreut werden mussten. Denn die Gesamtzahl aller dieser Patienten am UKL sank im Vergleichszeitraum deutlich von 262 auf 111.

Etwas anders ist die Situation auf der Intensivstation des Klinikums Chemnitz. Mehr als die Hälfte aller Covid-19-Patienten ist hier 65 Jahre oder älter. Das hängt insbesondere damit zusammen, dass der Anteil der 65- bis 74-Jährigen weiter gestiegen ist. Auffällige Zuwächse gibt es in den Altersgruppen 45 bis 54 sowie 60 bis 64 Jahre. Das Klinikum begründet den Unterschied zu Leipzig unter anderem mit der Tatsache, dass das Altersniveau in Südwestsachsen höher als in den Vergleichsregionen und auch -zeiträumen sei.

„Das aktuelle Durchschnittsalter der Covid-Patienten auf ITS liegt am Klinikum Chemnitz bei 65 Jahren“, sagt Professor Stefan Hammerschmidt, Chefarzt der Klinik für Pneumologie. Jüngere Patienten hätten insgesamt weniger Begleiterkrankungen und per se in allen Situationen eine bessere Prognose. Sie könnten schweren Erkrankungsverläufen länger widerstehen. „Dies führt dazu, dass sie durchschnittlich auch länger auf Intensivstation liegen.“

Nach Angaben des Uniklinikums Dresden (UKD) liegen Covid-19-Patienten im Durchschnitt zwei Wochen auf der Intensivstation, der gesamte stationäre Verlauf sei in aller Regel noch deutlich länger. Ob Patienten mit einer Virusmutante längere bzw. schwerere Verläufe haben, könne man derzeit noch nicht sagen. Außerdem weist das Klinikum darauf hin, dass man als Maximalversorger vor allem Patienten mit besonders schweren Verläufen versorge. Daher seien die Daten nur im Vergleich mit anderen Maximalversorgern – also etwa Leipzig und Chemnitz – repräsentativ.

Detaillierte Angaben zu den betroffenen Altersgruppen machte das UKD nicht. Der Altersdurchschnitt der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen lag im Dezember 2020 bei 67,6 Jahren, aktuell beträgt er 57,7 Jahre. Auf den Normalstationen sank er im gleichen Zeitraum von 70,6 auf 56,3 Jahre. Insgesamt ging die Zahl der Patienten mit einer Covid-19-Erkrankung um mehr als die Hälfte zurück.

Das Netzwerk Universitätsmedizin veröffentlicht im Internet unter Federführung des Uniklinikums Bonn nahezu in Echtzeit Daten zu allen Covid-19-Patienten in neun großen deutschen Unikliniken, darunter auch Leipzig und Jena. Derzeit kommen dort auf einen Intensivpatienten weitere fünf Patienten auf Normalstationen. Eine vergleichsweise kleine Anzahl wird zudem ambulant betreut. Hier überwiegen jüngere Patienten – mehr als jeder zweite ambulante Patient ist zwischen 20 und 39 Jahre alt. Ein anderes Bild zeigt sich bei den stationären Patienten. Hier bilden die 60- bis 79-Jährigen die größte Gruppe – dicht gefolgt von den 50- bis 59-Jährigen sowie den 80- bis 89-Jährigen.

Männer und Frauen

Darüber hinaus lässt sich aus den Daten des Netzwerks ablesen, dass weibliche Patienten bei der ambulanten Versorgung leicht in der Überzahl sind (52 Prozent), während Männer im stationären Bereich klar überwiegen (59 Prozent). Am Uniklinikum Leipzig kommen Männer nach wie vor deutlich häufiger als Frauen auf die Intensivstation, allerdings sank ihr Anteil leicht von 58,4 auf 56,8 Prozent. Diesen Trend beobachten auch andere Krankenhäuser, etwa das Helios-Klinikum Plauen. Eine deutliche Zunahme des Männer-Anteils verzeichnet dagegen das Klinikum Chemnitz. Hier sind zurzeit vier von fünf Covid-ITS-Betten mit Männern belegt. Im Dezember 2020 waren es noch knapp 40 Prozent.

Ein Lichtblick

Das Robert-Koch-Institut (RKI) veröffentlicht jeden Dienstag einen ausführlichen Situationsbericht, der auch auf die Infektionen bei den verschiedenen Altersgruppen eingeht. Darin wird darauf verwiesen, dass bis zum Ende des vergangenen Jahres in allen Altersgruppen ein Anstieg der 7-Tage-Inzidenzen zu beobachten war, besonders deutlich in den Altersgruppen ab 80 Jahren. Nachdem die Inzidenzen zwischenzeitlich sanken, stiegen sie ab Mitte Februar wieder deutlich – in allen Altersgruppen der unter 65-Jährigen mindestens um das Doppelte und besonders deutlich bei Kindern und Jugendlichen bis 14 Jahren, was offenbar mit der Öffnung der Kitas und Schulen zusammenhängt.

Nur ein kleiner Teil der positiv Getesteten muss allerdings im Krankenhaus behandelt werden. Dem RKI wurden in der vergangenen Woche knapp 141.000 infizierte Personen gemeldet, das Durchschnittsalter betrug 38 Jahre. Bei weniger als 4.000 Menschen war die Erkrankung so schwerwiegend, dass sie einer stationären Behandlung bedurften. Das entspricht einem Anteil von rund vier Prozent – so gering wie noch nie seit Ausbruch der Corona-Pandemie.

Die gute Nachricht: Im Vergleich zur Vorwoche ist die Gesamtzahl der Covid-Patienten in den Kliniken um fast 1.500 gesunken, und zwar in fast allen Altersgruppen. Den Großteil machen immer noch die 60- bis 79-Jährigen aus.

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Die schlechte Nachricht: Die Anzahl der Covid-Patienten in sächsischen Krankenhäusern ist am Dienstag wieder leicht gestiegen. 1.239 Betten auf Normalstationen sind belegt – bei 1.300, so sieht es die Corona-Verordnung vor, droht die Rückkehr in den strengen Lockdown.

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