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Wird der Pleitegeier „Vogel des Jahres“?

Dank der Corona-Hilfe bleiben Tausende scheintote Firmen künstlich am Leben. Die Zombies sorgen für Gruselstimmung.

Trotz der wieder erlaubten Öffnung bleiben vielerorts die Läden dicht.
Trotz der wieder erlaubten Öffnung bleiben vielerorts die Läden dicht. © imago images

Selten haben Wirtschaftsforscher und Banker so daneben gelegen: Die von den Experten prophezeite Pleitewelle ist auch nach der ausgesetzten Insolvenzantragspflicht für Unternehmen ausgeblieben. Oder kommt das böse Erwachen noch? Zuletzt sahen sich auch die privaten Banken eines Besseren belehrt. Jedoch sei „klar, dass die Unternehmensinsolvenzen zunehmen werden“, heißt es vom Verband. Von einem „Prozess über mehrere Monate“ ist die Rede und von bundesweit 24.000 Pleiten bis zum Jahresende.

Das Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle sieht ebenfalls „keine Insolvenzwelle“. Die Zahl der Pleiten sei im Mai erneut gesunken, so die Forscher. Die meisten Firmen seien „kerngesund in die Pandemie gegangen“ und hätten ein funktionierendes Geschäftsmodell, so Steffen Müller, der die IWH-Insolvenzforschung leitet.

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Auch in Sachsen hatten Eigenkapitalquoten von 50 und mehr Prozent vielerorts die Stabilität erhöht. Aber: Gut jedes fünfte Unternehmen im Freistaat hat keine zehn Prozent Eigenkapital. Dort erwarten Experten das Pleitepotenzial der nächsten Jahre. Im Freistaat waren die Zahlen seit 2002 bis auf vier Ausreißer immer zurückgegangen.

Es ist paradox, dass es im Coronajahr 2020 nicht mehr Insolvenzen gab, sondern mit 16.000 gar 15 Prozent weniger als vor der Pandemie – und so wenige, wie seit 30 Jahren nicht. Großzügig ausgelegtes Kurzarbeitergeld, massive Bundeshilfen und die Tatsache, dass Insolvenzregeln über Monate ausgesetzt wurden, haben Todgeweihte künstlich am Leben erhalten – bis heute.

27.000 Betriebe zu schwach

Der Begriff „Zombiesierung“ macht die Runde, und die Scheintoten sorgen für Gruselstimmung. Sie profitieren dank der Null-Zins-Politik der Europäischen Zentralbank auch von Billigstkrediten als Lebenselixier auf Zeit. Creditreform spricht von 25.000 Firmen, die Zinsverpflichtungen aus Krediten drei Jahre lang nicht durch operative Gewinne decken können. Sie könnten für die Wirtschaft zum Albtraum werden und der von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) angesagte „Wumms“ per „Bazooka“ mit einem ungewollten Knall enden.

Um die Arbeitslosen- und Pleitezahlen niedrig zu halten, hat die Bundesregierung den vereinfachten Zugang zur Kurzarbeit um noch drei Monate verlängert – bis kurz nach der Bundestagswahl. Der Rückstau wird nicht dauerhaft zu halten sein. Mittlerweile ist aber von „Delle“ statt „Welle“ oder „Tsunami“ die Rede. Laut einer Umfrage des Ifo-Instituts sind die Coronafolgen im Osten für jeden 3. Einzelhändler und jeden 4. Dienstleister „existenzbedrohend“.

Geht es nach den Linken im Landtag, würde die Hilfe nicht nur verlängert, sondern erweitert. Laut Nico Brünler, ihrem wirtschaftspolitischen Sprecher, sollten Betriebe „rückzahlungsfrei gezielte finanzielle Hilfen bekommen, wenn damit die Pleite abgewendet werden kann“. Das hatten Opposition, Kammern und Lobbyisten bereits im vergangenen Jahr gefordert.

Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform hat im 1. Quartal in Sachsen 117 Firmenpleiten gezählt, fast ein Drittel weniger als vor einem Jahr. Dabei war der Rückgang mit 35 Prozent im Gastgewerbe mit am größten – in der Branche, die im Lockdown mit am lautesten um Hilfe rief. Es heißt, dass manche Hotels und Gaststätten durch Staatsgelder mehr in der Kasse hatten, als wenn sie geöffnet gewesen wären. Als November- und Dezemberhilfe bekamen sie 75 Prozent der Vorjahresumsätze erstattet, konnten die Ruhe zur Renovierung nutzen und vorher geplante Kosten in die Hilfe einbeziehen. Die Abwanderung des Personals tut dort mehr weh.

©  SZ-Grafik: Gernot Grunwald

Seit 1. Mai gilt wieder die volle Insolvenzantragspflicht. „Es gibt keine Ausnahmen mehr“, sagt Thomas Schulz, Prokurist bei Creditreform in Dresden. Somit müssten selbst insolvenzreife Unternehmen, die noch auf ihr Überbrückungsgeld warten, fristgerecht zum Amtsgericht. Wenn die Scheintoten vom Tropf gehen, stehen sie nicht besser da als zuvor. Und: „Viele Zombies werden Gesunde mit in den Strudel reißen“, befürchtet Insolvenzverwalter Frank-Rüdiger Scheffler von der bundesweit tätigen Kanzlei Tiefenbacher Rechtsanwälte. Auf seiner Referenzliste stehen namhafte Adressen in Sachsen wie WBN Waggonbau Niesky, Döbelner Fleischwaren, Frenzel Kyffhäuser-Tiefkühlkost in Mochau, Eschebach Küchenmöbel in Radeberg, Sächsische Dampfschifffahrt.

Auch Creditreform-Mann Schulz sieht „die Gefahr, dass nicht überlebensfähige Unternehmen weiter auf Lieferantenkredit einkaufen, also Rechnungen bestenfalls verspätet bezahlen, und bei einer Pleite hohe Forderungsverluste bei Geschäftspartnern, Krankenkassen und Fiskus verursachen“. 27.000 Betriebe in Sachsen hätten einen schwachen Bonitätsindex von über 300. Das meint: geringe Kreditwürdigkeit und erhöhte Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls. Ende Juni läuft zudem der Schutzschirm für Lieferketten aus. Gefährdete Betriebe werden dann nicht mehr durch Warenkreditversicherer geschützt, gezeichnete Limits teilweise aufgehoben.

Mehr Privatpleiten

Wird der Pleitegeier am Ende doch „Vogel des Jahres“? „Überall werden Zahlen genannt, die nicht zueinander passen“, moniert Insolvenzanwalt Scheffler. „Im Moment ist es sehr ruhig.“ Die Aussetzung der Antragspflicht sei richtig gewesen, über die Dauer könne man streiten. Der Jurist stellt klar: „Zwar wurde die Insolvenzantragspflicht wegen Überschuldung ausgesetzt, nicht aber bei Zahlungsunfähigkeit, die seit November erklärt werden muss.“ Vielleicht wollten viele den Unterschied nicht richtig lesen, mutmaßt er. Besonders inhabergeführte Unternehmen hätten „ein Problem, weil Insolvenz, anders als im Angelsächsischen, mit einem Makel verbunden ist“. Aber Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. „Jeder Chef muss sich über mögliche Schadenersatzansprüche sowie straf- und zivilrechtliche Folgen im Klaren sein, auch noch Jahre später“, warnt der Jurist.

„Das Insolvenzgeschehen als Seismograf für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung hat sich vom wirklichen Zustand der Unternehmen entkoppelt“, analysiert Thomas Schulz. Insbesondere bei Kleinbetrieben habe es durch die Aussetzung weniger Meldungen gegeben. „Aber Insolvenzen sind ein wichtiger Mechanismus zum Schutz der Volkswirtschaft“, so der Prokurist. „Unternehmen ohne tragfähiges Geschäftsmodell müssten vom Markt genommen oder von Grund auf saniert werden, damit die Wirtschaft als Ganzes wettbewerbsfähig bleibt.“ Der Strukturwandel in Autoindustrie, Luftfahrt und Einzelhandel werde durch staatliche Eingriffe verzögert, veraltete Strukturen blieben konserviert.

Die aufgestauten Insolvenzen werden sich wohl frühestens im Herbst Bahn brechen. Dann gilt es, auch „stille Heimgänger“ zu berücksichtigen, die ihre Gewerbe abmelden und so nicht in die Pleiten-Statistik eingehen. Schulz’ Rezept für Überlebende: Das Geschäftsmodell weiterentwickeln und mit alternativen Vertriebswegen und Produkten neue Kunden gewinnen.

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Während Experten über eine Welle bei Firmenpleiten rätseln, rollt bei Privatinsolvenzen bereits ein „Tsunami“ an. Laut Wirtschaftsauskunftei Crifbürgel, Konkurrent von Creditreform, erhöhte sich deren Zahl nach jahrelangem Rückgang im ersten Quartal um über 56 Prozent gegenüber der gleichen Vorjahreszeit auf fast 32.000. Auch hier hatte die Politik die Hände im Spiel. Viele Betroffene hatten eine Gesetzesreform abgewartet, wonach sie bereits nach drei statt wie bisher nach sechs Jahren von ihren Restschulden befreit werden.

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