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Corona-Impfung: "Wir dürfen einfach keine Zeit verlieren"

Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) über die Rolle der Hausärzte bei Impfungen, die neue Prioritätenliste und Bürokratie-Ärger.

Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping will die Kapazitäten in den Impfzentren in den kommenden Wochen deutlich erhöhen.
Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping will die Kapazitäten in den Impfzentren in den kommenden Wochen deutlich erhöhen. © dpa/Robert Michael

Frau Köpping, die Impfkampagne in Sachsen hat lange unter viel zu geringen Liefermengen gelitten. Nun plötzlich fehlen Abnehmer für Tausende von Impfdosen von Astrazeneca. Worin besteht das Problem?

Nach dem Start am 27. Dezember hatten wir kaum Impfstoffe anzubieten. Die Impfzentren waren leer, das war die Realität. Inzwischen gibt es nach Biontech/Pfizer und Moderna mit Astrazeneca einen dritten Hersteller. Dessen Impfdosen sind jetzt da...

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...etwa 50.000 Impfdosen, die derzeit ungenutzt sind.

Deshalb plädiere ich vehement dafür, die Prioritätengruppe 2 zu öffnen. Die Entscheidung von Montagabend, Personal in Kitas, Kindertagespflege, Grund- und Förderschulen in die Gruppe 2 vorzuziehen, ist ein wichtiger Schritt, obwohl ich mir auch die Einbeziehung aller Lehrkräfte gewünscht hätte. Es darf kein Impfstoff herumliegen. Das halte ich für fatal.

Seit Wochen warnt die Regierung vor der Gefährlichkeit mutierter Viren. Folglich müsste deutlich schneller geimpft werden. Stattdessen warten immer noch Tausende alte Menschen auf einen Termin.

Die Corona-Schutzimpfungen sind eine große Herausforderung. Es ist mit Blick auf die zahlreichen Entscheidungsebenen und Vertragspartner nicht so einfach, wie Sie sich das vielleicht vorstellen. Der Ethikrat, der die Bundesregierung berät, hat es beispielsweise abgelehnt, die Prioritätenliste für Lehrer und Erzieher zu öffnen. Sie argumentieren, es gebe noch zu viele Berechtigte der Prioritätengruppe 1, die vorrangig zu versorgen sind. Ich teile diese Sichtweise nicht, weil zu viele aus der ersten Gruppe das Angebot nicht annehmen wollen. Die Impfkommission des Freistaats, die mich berät, unterstützt meine Position.

Wann genau können sich Lehrkräfte anmelden?

Das Terminbuchungsportal wird jetzt geändert – wir planen Donnerstag zu starten. Alle unter 65 Jahre in der Prioritätengruppe 2 sollen ein Angebot bekommen. Meiner Ansicht nach müssen nicht nur alle Lehrer, Kita-Erzieher und der öffentliche Gesundheitsdienst Impfdosen von Astrazeneca erhalten können. Auch Polizisten sollten nun ein Impfangebot erhalten. Jetzt heißt es, nur Polizeibeamte, die Bürgerkontakt haben, werden vorgezogen. Wie soll das denn bitteschön praktisch umgesetzt werden?

Wäre es denkbar, dass die Beschäftigten in medizinischen und pflegerischen Berufen, die jetzt an der Reihe wären, gar nichts von den freien Terminen wissen und die Nachfrage deshalb stockt?

Das kann ich mir nicht denken. Ich bin in jede Sendung gegangen, habe es breit kommuniziert, dass ausreichend Astrazeneca vorhanden ist. Allerdings gibt es Skepsis. Umso bemerkenswerter, dass viele Menschen, die noch gar nicht dran wären, sagen, ich würde den Impfstoff sofort nehmen. Das ist ja auch gut so! Es ist ein Mittel, das verhindert, dass ich schwer krank werde und sterbe. Was will ich denn mehr von einem Impfstoff?

Es haben jetzt auch Menschen mit schweren Vorerkrankungen eine Chance, sich anzumelden, oder?

Ja, zur Prioritätsgruppe 2 gehören beispielsweise Patienten mit Trisomie 21, Patienten nach einer Organtransplantation, Demenzkranke, Diabetiker, Menschen mit Lungenerkrankung oder Adipositas. Wer an solchen oder anderen schweren Vorerkrankungen leidet, kann sich ein ärztliches Attest besorgen und voraussichtlich ab Donnerstag zum Impfen anmelden.

Wird in den Impfzentren nun spürbar mehr los sein?

Am Sonnabend haben rund 8.000 Menschen ihre Erstimpfung erhalten, am Sonntag waren es 9.370 Menschen.

Die Liste des Robert-Koch-Instituts verzeichnet für Sonntag nur circa 6.000 Impfungen …

Das stimmt nicht. Es gibt leider bei den Nachmeldungen einen Datenstau im RKI-Meldesystem. Wir überlegen gerade, ein eigenes Dashboard mit unseren sächsischen Zahlen zu entwickeln, um den Fortschritt zu dokumentieren. Wir legen jeden Tag deutlich zu, das muss auch sichtbar sein, um Vertrauen zu gewinnen. Deshalb müssen wir jetzt auch unser Impfkonzept anpassen. Das bedeutet, wir werden auch finanziell nachbessern müssen. Ich warte auf die Freigabe der Mittel und dann geht es los. Es wird jetzt richtig hochgefahren.

Sachsens Impfparadox: niedrige Impfquote - aber Tausende ungenutzte Dosen. Denn gegenüber dem Impfstoff von Astrazeneca scheint es Vorbehalte zu geben.
Sachsens Impfparadox: niedrige Impfquote - aber Tausende ungenutzte Dosen. Denn gegenüber dem Impfstoff von Astrazeneca scheint es Vorbehalte zu geben. © Russell Cheyne/PA Wire/dpa

Wann sind Impfungen bei Hausärzten möglich?

Das kann nur der Bund entscheiden. Voraussichtlich Anfang März starten wir mit einem Pilotprojekt, an dem landesweit etwa 40 Praxen beteiligt werden. Mehr ist zurzeit nicht möglich, weil die Verordnung des Bundes keine Festlegungen über die Honorierung der Impfungen in Arztpraxen enthält. Das heißt, das Land geht finanziell in Vorleistung für Honorare und Materialausstattung wie Spritzen. Daher mussten wir die Zahl der Hausarztpraxen erst einmal beschränken. Sowie die Mittel bewilligt sind, legen wir los.

Erst danach sind die Praxen in der Lage, Termine zu vergeben. Für mich sind die Arztpraxen der Schlüssel bei der Impfstrategie. Wir hoffen, dass der Bund hier jetzt schnell grünes Licht gibt. Die Impfdosen von Biontech müssen aus technischen Gründen in den Impfzentren verabreicht werden. Aber wir haben inzwischen genügend Anbieter und erwarten demnächst die Zulassung weiterer Impfstoffe, die eine dezentrale Versorgung bei niedergelassenen Ärzten ermöglichen.

Kann sich jeder bei seinem Arzt anmelden oder gilt auch hier die Prioritätenliste des Bundes?

Sie müssen sich genauso an die Priorisierung halten wie die Teams in den Zentren.

Geht das Impfen in den Bussen weiter?

Der Probelauf am vorigen Wochenende mit drei Fahrzeugen ist gut angelaufen. Es könnten künftig bis zu zehn Fahrzeuge eingesetzt werden. Das Kabinett hat zugestimmt, es fehlt aber noch der Finanzausschuss. In kleineren Gemeinden ist das eine sehr gute Sache. Die alten Menschen waren so dankbar für das wohnortnahe Angebot. Es war eine Freude, das zu erleben. Gleichzeitig fahren wir den Betrieb in den Impfzentren hoch und erweitern hauptsächlich für Berufstätige, wenn sie denn an der Reihe sind, die Öffnungszeiten. Das ist aber noch ein wenig Zukunftsmusik. In etwa drei Wochen könnte es hier richtig losgehen.

Noch ist die Impfquote sehr niedrig. Ein längerer Lockdown kann auf diese Weise nicht abgewendet werden.

Bei den Erstimpfungen liegen wir mit unserer Impfquote von 4,2 über dem Bundesdurchschnitt. Das Impfen ist unser einziger Ausweg. Deshalb drängele ich ja auch. Bei der Versorgung von Dialyse-Patienten bin ich vor einigen Wochen schon vorgeprescht. Bei dieser Gruppe zählt jeder Tag. Wir dürfen einfach keine Zeit verlieren. Ich wünsche mir vom Bund, bei der Vergabe von Astrazeneca-Impfstoff etwas mehr Verantwortung in die Länder zu geben. Vorigen Freitag hat Sachsen 36.000 Astrazeneca-Impfdosen erhalten, diese Woche erwarten wir 33.600 und kommende Woche weitere 52.000 Impfdosen. Das ist eine ganze Menge.

Und wenn Lehrer und Erzieher sich ebenfalls zurückhalten und lieber auf Biontech warten? Sollte die Bundesregierung Astrazeneca dann nicht für alle unter 65-Jährigen öffnen, um endlich Herdenimmunität zu erreichen?

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Petra Köpping ist so etwas wie die Corona-Ministerin in Sachsen. Ein ungelöstes Personalproblem in der zweiten Reihe macht den Job nicht gerade leichter.

Absolut. Wir brauchen die Öffnung, das sehe ich genauso. Andere Bundesländer machen auch Druck. Wichtig ist mir vor allem, dass niemandem Impfstoff weggenommen wird, der wegen Alters oder Krankheit gefährdet ist und zu den höchsten Prioritätengruppen gehört.

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