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Pirna: Das Geisterlokal im Corona-Lockdown

2020 mussten Hotels und Restaurants mehr als vier Monate lang auf Gäste verzichten. Eine Pirnaer Gastro-Dynastie erzählt, warum sie trotzdem Hoffnung hat.

Enrico Pissarek managet das Brauhaus-Restaurant „Zum Gießer“ in Pirna-Copitz, Stefanie Hänel den Pirn‘schen Hof.
Enrico Pissarek managet das Brauhaus-Restaurant „Zum Gießer“ in Pirna-Copitz, Stefanie Hänel den Pirn‘schen Hof. © kairospress

Nie hat der Hirsch einen Winter erlebt, der so kalt war wie dieser. Ein trüber Mittag, der Himmel hängt milchig über dem Marktplatz von Pirna, die Brunnenfigur blickt in leblose Leere. Verschneites Pflaster hat der Hirsch gesehen, vereiste Scheiben, doch der eigene Gastraum war immer warm. Gerade lohnt Heizen im Restaurant Platzhirsch kaum noch. „Bei den Inzidenzzahlen in Sachsen wird vor Mai kaum mit einer Wiedereröffnung zu rechnen sein“, sagt Enrico Pissarek, der als Prokurist „Mädchen für alles“ ist. Normalerweise würden Hotel- und Essensgäste die Tische säumen, der Geruch von Burgerfleisch waberte durch die Luft. An diesem Mittag wacht der Hirsch an der Wand nur über ein paar Mitarbeiterinnen in Winterjacken.

Enrico Pissarek und Hotelmanagerin Stefanie Hänel, 46 und 45 Jahre alt, arbeiten seit mehr als zwei Jahrzehnten für die Familie Schmees-Besgen, der in Pirna neben einer Stahlgießerei zwei Restaurants, das Hotel Pirn’scher Hof, eine Brauerei und eine Destillerie gehören. Die Familie verharrt im Rheinland, ihrer Heimat, bis die Corona-Zahlen sinken.

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Die Verbliebenen betreuen Rezeption und Handwerker, Burger gibt es nur noch außer Haus und nur drei Mal die Woche, das Brauhaus-Restaurant „Zum Gießer“ hat ganz geschlossen. Pissarek, der dort Küchenchef ist, sagt: „So wie das Essen Zuhause ankommt, ist das nicht befriedigend.“ Pizza sei dafür gemacht, Schweinshaxe nicht. „Ist eine schöne Sache, um Restaurants zu unterstützen, aber mit Genuss hat das wenig zu tun.“

Nie hat das Unternehmen mit seinen 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern so viel Stille erlebt wie 2020. Neun Wochen blieben Gäste gezwungenermaßen im Frühjahr fern, zehn Weitere seit November. „Existenzängste hat schon jeder“, sagt Pissarek. „Man hat Familie, Verpflichtungen, alles. 67 Prozent des Gehalts ohne Trinkgeld wären sehr wenig.“ Geschäftsführerin Susanne Schmees-Besgen stockt das Kurzarbeitergeld auf 100 Prozent auf. Andernfalls, sagt sie, könnte sie „nicht mehr in den Spiegel gucken.“ Nur das Trinkgeld, das sich die ganze Belegschaft teilt, fehlt.

Das Hotel Pirn‘schen Hof in Pirna.
Das Hotel Pirn‘schen Hof in Pirna. © kairospress

10.000 Euro von den versprochenen November- und Dezemberhilfen hat das Unternehmen bisher bekommen. Versprochen hat die Bundesregierung bis zu 75 Prozent des Vorjahres-Umsatzes aus den beiden Monaten, von einer „Bazooka“ war die Rede. Axel Klein, Hauptgeschäftsführer des sächsischen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga ist wütend: „Einige haben noch keinen Cent bekommen. Denen steht das Wasser weit über den Hals.“ Manche hätten 10.000 Euro erhalten. „Wenn Sie 250.000 zu kriegen hätten, ist das aber kaum was. Da wissen Sie nicht, welches Loch Sie zuerst stopfen sollen.“

Einige seien insolvent, gerade Familienbetriebe gäben aber nicht einfach auf. „Da hängt zu viel dran, nicht zuletzt die Altersvorsorge. Die Unternehmer möchten arbeiten. Die sind es gewohnt, jeden Tag gefordert zu sein, Kontakt zu haben. Die haben jahrelang Steuern gezahlt. Jetzt wird ihnen das Gefühl gegeben, sie wären eine Bettelstation.“ Auch in Sachsen hätten sich viele Mühe gegeben, Hygienekonzepte mit Belüftungsgeräten, Plexiglasscheiben und Desinfektionsmitteln zu erarbeiten.

Enrico Pissarek steckt einen Schlüssel in das eisige Schloss der Destillerie in Pirna-Copitz, oberhalb des Marktplatzes, neben dem alten Brauhaus. Er verschwindet in einem Hinterzimmer, es piepst, eine monotone Männerstimme sagt: „Die Alarmanlage ist abgeschaltet.“ Glasflaschen säumen den Verkaufsraum wie Wachmännchen, Abstand halten sie nicht. Manche erinnern mit ihren langen Hälsen an Schwäne, andere sehen mit ihren A-förmigen Bäuchen wie Ballbesucherinnen aus.

Am beliebtesten ist die spanische Orange, dicht gefolgt von der sächsischen Quitte. „Schnaps ist dafür aber ganz falsch ausgedrückt“, sagt Pissarek. „Wir destillieren Geister.“ Vor Weihnachten verließen viele Geister den Laden über den Onlineshop. Nun ist es gespenstisch ruhig geworden, auch in der Brauerei nebenan. Die Produktion ist pausiert, das Bier in Flaschen umgefüllt und eingelagert, damit es nicht verdirbt.

Stefanie Hänel und Magnus Garbotz im Burger-Restaurants Platzhirsch.
Stefanie Hänel und Magnus Garbotz im Burger-Restaurants Platzhirsch. © kairospress

Mit Leben füllen das Gebäude nur Handwerker, die dem Brauhaus ein „Upgrade“ verleihen. Neue Fliesen, neue Wände, der Brausaal soll seinen „inzwischen in die Jahre gekommenen, etwas verstaubten Charakter“ verlieren, wie die Chefin sagt. „Das können wir uns nur leisten, weil wir eine außergewöhnlich starke Sommersaison und dafür auch schon länger Gelder eingeplant hatten“, sagt Pissarek.

„Es war extrem. In der Hauptsaison konnten wir keine Wochenkarte kochen, weil wir so überrannt wurden.“ Ein Mitarbeiter versorgte Gäste auf dem Weg in den Biergarten mit Bier, weil sie vom Parkplatz Schlange standen. Die 150 Gartenplätze waren meist besetzt, der Geisterladen voll, der Sommerumsatz ein Viertel höher als im Vorjahr. Viele habe man wegschicken müssen mit der Bitte, es später zu versuchen. „Es ging hier allen so“, sagt Stefanie Hänel. „Die Region hat durch Corona an Beliebtheit gewonnen.“

Zahlen des Statistischen Landesamts bestätigen den Eindruck. Während die Übernachtungen im Juli verglichen zum Vorjahr in allen anderen sächsischen Reiseregionen sanken, in Chemnitz etwa um 38 Prozent, stiegen sie in der Sächsischen Schweiz dank innerdeutscher Touristen um fast 15 Prozent. Im August verzeichnete die Region fast ein Fünftel Zuwachs, leichtere Anstiege gab es im Erzgebirge und der Oberlausitz. Sachsenweit kamen in den ersten sieben Monaten dagegen fast 45 Prozent weniger Menschen an als 2019, deutschlandweit halbierte sich die Zahl.

Champagnerfarbene Rosen wiegen sich verwelkt im Wind, eine Tafel erinnert an den Haxentag, die Biergartenkapelle wacht über Leere. „Das Geld, das jetzt schmilzt, haben wir im Sommer verdient“, sagt Pissarek. Er hoffe, dass Sachsens Ruf als Corona-Hotspot die Euphorie in diesem Jahr nicht hemmt.

Die Destillerie
Die Destillerie © kairospress

Geschäftsführerin Susanne Schmees-Besgen, eine Frau, die das Klischee der rheinischen Frohnatur geprägt haben könnte, klingt positiver: „Ich schaue wieder zuversichtlich in die Zukunft“, sagt die 61-Jährige am Telefon. „Ich glaube, dass die Sächsische Schweiz ein Tourismus-Magnet bleibt. Im Rheinland waren die Leute wesentlich zurückhaltender beim Besuch von Gastronomen. Der Welttourismus ist eingebrochen. Messen sind weggefallen. Die Leute sind hier nicht ansatzweise an die Umsätze rangekommen, die sie gebraucht hätten.“

So zuversichtlich wie jetzt war die Geschäftsführerin nicht immer. „Ich habe mir Sorgen um das Image der Sächsischen Schweiz gemacht, als die sich zusammengerottet haben.“ Als im Mai gewalttätige Corona-Leugner, darunter viele Rechtsextremisten, auf die Polizei losgingen, blickte das ganze Land nach Pirna. Die AfD und ihr Gedankengut seien bei ihre nicht geduldet, sagt Schmees-Besgen. Sie und ihr Bruder, Geschäftsführer der Stahlgießerei, seien stolz, Menschen aus Syrien und Tschechien zu beschäftigen. „Von mir aus könnten viel mehr nach Deutschland kommen. Wir brauchen dringend Fachkräfte.“ Gerade in der Gastronomie, sagt Enrico Pissarek, sei der Mangel groß. „Den Job will niemand mehr machen. Wegen der Arbeitszeiten und, weil man so viel Stress hat.“

In den ersten zwei Wochen nach dem Shutdown sei sein Team besonders froh gewesen, wieder zu arbeiten. Sie hatten mit dankbaren Gästen zu tun, die sich an die Regeln hielten. Zuletzt sei es anstrengend gewesen, mancher Gast unausstehlich. „Es gab viel Unverständnis, weil wir Abstände zwischen den Plätzen eingehalten haben. Viele haben Hinweise, zum Beispiel zur Desinfektion der Tische, ignoriert.“

Neben dem Hotel befindet sich das Burger-Restaurant.
Neben dem Hotel befindet sich das Burger-Restaurant. © kairospress

Die Rückkehr in den Job könnte nach dem langen Lockdown schwer werden. Gerade um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denen es psychisch ohnehin nicht gut geht, und um trockene Alkoholiker sorgt Pissarek sich. „Wer keine Familie hat, guckt viel Fernsehen und spielt Computer, der Körper fährt runter. Das wird für alle ein riesen Ding, wieder unter der täglichen Belastung und dem Stress in alter Form zu arbeiten.“

Susanne Schmees-Besgen sagt, sie habe ihrer Mannschaft vermittelt, „dass man nicht zu viele Sorgen haben braucht.“ Man werde es schon „wuppen“. Im November will sie wieder die Tradition aufnehmen, die 2020 ausgefallen ist. Mit dem Kernteam verbringt sie immer wieder ein paar Tage abseits des Geschäfts. 2019 waren sie in Köln, besuchten Traditionsbrauereien. Auch in Prag, Berlin, dem Spreewald, Breslau und Regensburg waren sie schon. Man bespricht Pläne, Probleme, die Agenda.

"Man hätte früher und härter durchgreifen müssen"

Wenn sie im Herbst nach Potsdam fahren, soll nicht Corona das Hauptthema sein, eher die Erweiterung des Hotels am Markt. Schon jetzt ist es an Wochenenden wie Pfingsten genauso ausgebucht wie die Ferienwohnungen in Rathen, wo früher einmal die Geister destilliert worden sind.

Wann in Pirna neue Geister entstehen, ist unklar. Noch ist die Anlage verplombt. Ein Silberplättchen versiegelt den Stift aus Stahl. Ein winziges Ding, das an dem messingfarbenen Koloss mit seinen Hebeln, Rohren und Bäuchen, dem Bullauge und dem Ziffernblatt kaum auffällt. Wenn neue Geister aus dem Kessel kommen sollen, muss der Zoll es abnehmen. Ein paar reifen noch in Holzfässern vor sich hin. 85 Prozent stehen darauf. Ein Versprechen, das anders als die 75 Prozent der Bundesregierung zuverlässig sein dürfte.

Das Brauhaus-Restaurant „Zum Gießer“ hat ganz geschlossen.
Das Brauhaus-Restaurant „Zum Gießer“ hat ganz geschlossen. © kairospress

Stefanie Hänel kritisiert, dass man zu sehr auf Sicht gefahren sei. „Den ganzen Sommer über war die Rede von einer zweiten Welle und dann war die Überraschung doch groß, als sie kam. Man hätte früher und härter durchgreifen müssen.“ Sollte auch das Lockdown-Ende erst kurzfristig bekanntwerden, habe die Brauerei ein Problem. Sechs Wochen braucht das Bier zum Reifen. Man würde es den ausgedursteten Gästen gern aus frischen Fässern servieren.

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Hänel befürchtet, dass ein Teil der Leblosigkeit auch nach dem Lockdown bleiben könnte. „Ich wäre traurig, wenn der ein oder andere sagt: ‚Ich schaff’s nicht mehr, die Pacht ist zu hoch.‘ Der Altstadt-Flair wäre nicht mehr der gleiche, wenn zu viele schließen.“ Die Synergie aus Läden und Cafés, sie mache die Innenstadt aus. Was den beiden bei allen Sorgen Hoffnung macht, für sich und andere? „Das Sommergeschäft“, sagen sie. „Hoffentlich ein sonniger Sommer mit schönem Biergartenwetter.“ Und selbst wenn nicht: Durch Corona schätzen Gäste die Gastronomie an frischer Luft nun auch bei schlechtem Wetter.

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