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Eltern fordern Konzept für digitalen Unterricht

In Sachsen lernen Kinder wegen Corona nur zu Hause. Längst nicht überall läuft das optimal. Eine Mutter hat nun eine Petition gestartet.

Viele Eltern kümmern sich neben dem Homeoffice auch um den Unterricht ihrer Kinder.
Viele Eltern kümmern sich neben dem Homeoffice auch um den Unterricht ihrer Kinder. © dpa

Dresden. Der Tenor der mehr als 700 Kommentare ist deutlich: „Mein großer Sohn erstickt in Aufgaben, Kurzvorträgen und lernt nichts“, schreibt jemand aus Altmittweida. Oder: „Die Unterstützung des Gymnasiums in Chemnitz ist bis auf eine Lehrerin eine Katastrophe. Versagen auf ganzer Linie.“

Die Online-Petition hat schon mehr als 2.100 Unterzeichner. Das Ziel sind einheitliche Vorgaben für alle Schulen und Lehrkräfte, die etwa verbindliche Stundenpläne mit Online-Präsenzzeiten und feste Strukturen definieren, damit alle Schüler gleichermaßen mitkommen. Vorgeschlagen werden auch regelmäßige Video-Konferenzen mit dem Klassenlehrer. Dazu soll es entsprechende Schulungen geben, damit digitaler Unterricht nicht vom Engagement einzelner Lehrer abhängig ist. Auch der Lehrplan muss an den digitalen Unterricht angepasst werden.

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„Die zahlreichen Unterschriften und persönlichen Kommentare zeigen, dass beim digitalen Unterricht in Sachsen vieles noch nicht funktioniert“, sagt Isabel Geyer, die Initiatorin der Petition. Die Leipzigerin arbeitet als Leiterin einer Kindertagesstätte und hat selbst drei schulpflichtige Kinder. Sie beklagt, dass viele sächsische Schulen ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag derzeit nur mangelhaft nachkommen. Es könne nicht sein, dass ein Großteil der Lehrerschaft die Möglichkeiten von Video-Konferenzen nicht nutzt. „Wenn Eltern erzählen, dass Lehrer bereits daran scheitern, mit ihren Schülern per E-Mail in Kontakt zu treten, dann fühlt sich das sehr nach digitaler Steinzeit an und hat mit den aktuellen Bedürfnissen der Schüler nichts zu tun.“ Ihr Anliegen sei es, den Eltern in Sachsen eine Plattform zu schaffen, „damit wir gemeinsam unsere Stimmen erheben“, sagt Geyer.

Seit Mitte Dezember sind Sachsens Schulen erneut geschlossen, der Unterricht findet wie schon im Frühjahr nur zu Hause statt. Die Lehrer können Online-Plattformen nutzen, um mit den Schülern in Kontakt zu treten. Auch in dem Modell, in dem sich Unterricht in der Schule und die häusliche Lernzeit abwechseln und das für die Schulöffnungen vorgesehen ist, muss zwangsläufig auf digitale Angebote zurückgegriffen werden. „Es braucht Klarheit darüber, wie digitaler Unterricht in Sachsen aufgebaut sein soll“, so Geyer. Deshalb soll das Kultusministerium ein verbindliches Konzept erarbeiten, mit dem alle sächsischen Schulen arbeiten müssen.

Ausgedünnte Lehrpläne sind nachteilig

Das Kultusministerium winkt ab. „So verständlich die Forderungen aus der Petition sind, so unrealistisch ist deren Umsetzung“, sagt Sprecher Dirk Reelfs. Die Schulen seien zu vielfältig. „Staatliche Vorgaben, wann welche digitalen Dienste wie zu nutzen sind, würden der Situation in der jeweiligen Schule und Klasse nicht gerecht.“ Ob und wie eine Schule die Lernplattformen, das Videokonferenzsystem und andere Anbieter nutzt, könnten und müssten allein die Schulen entscheiden.

Das gelte auch für die Lehrpläne. Wie und wann die Lernbereiche im Verlauf des Schuljahres vermittelt werden, müsse allein den Lehrerinnen und Lehrern überlassen bleiben. „Selbst innerhalb der gleichen Klassenstufe derselben Schulart ist die Vermittlung von Wissen und Kompetenzen im Schuljahresverlauf unterschiedlich vorangeschritten“, so Reelfs. Eine Ausdünnung der Lehrpläne würde einer Vielzahl von Schülern nicht gerecht werden. Am Thema Weiterbildung ist Sachsen dran: „Lehrerinnen und Lehrer befinden sich aktuell in der umfassendsten Fortbildung, die es in der jüngeren Geschichte gegeben hat“, sagt Reelfs. Bis zum zweiten Lockdown seien etwa 70 Prozent des Personals geschult worden. Die Lehrer seien „Profis, was die Unterrichtung in Präsenz betrifft, aber die Gestaltung einer lang anhaltenden häuslichen Lernzeit ist etwas völlig anderes“.

Der Distanzunterricht in der derzeitigen Ausnahmesituation sei bereits eine große Herausforderung für alle Beteiligten, heißt es vom sächsischen Lehrerverband. Gerade wenn es Probleme mit den Online-Plattformen gebe, sei der Arbeitsaufwand für die Lehrer enorm. Der Lehrerverband betont auch, dass Lehrkräfte nicht zur Nutzung von Lernplattformen für ihren Unterricht verpflichtet werden dürfen, „es muss ein freiwilliges und zusätzliches Unterstützungsangebot bleiben“.

Internetverbindung ist ein großes Problem

Ein Problem sei nach Ansicht des Sächsischen Lehrerverbandes weiterhin, dass die technische Infrastruktur der Schulen sowie der vorhandene Breitbandausbau in Sachsen den Anforderungen des digitalen Unterrichtens nicht oder nur bedingt gewachsen sind. Für die Lehrkräfte wäre es durchaus eine Arbeitsentlastung, wenn bei geteilten Klassen oder in Quarantänesituationen die Schüler von zu Hause aus über Videokonferenzen am Unterricht teilnehmen könnten. Dieses setze aber eine stabile Internetverbindung in der Schule und entsprechende technische Voraussetzungen in den Haushalten der Schüler voraus.

Doch an der Technik hapert es derzeit noch. Zwar seien die 28 Millionen Euro, die Sachsen für Schüler-Laptops ausgeben wollte, auch komplett bewilligt worden. Für die Beschaffung sind aber die Schulträger selbst verantwortlich. Rund 39.000 Geräte sind nach Angaben des Kultusministeriums bereits angeschafft worden.

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Die Regierungsfraktionen von CDU, Grünen und SPD wollen mit einem Antrag im Landtag erreichen, dass das Ministerium eine Handlungsempfehlung „auf der Basis von Best-Practice-Beispielen“ erarbeitet und diese den Schulen zur Nachnutzung empfiehlt. Außerdem sollen Aus- und Fortbildungsangebote für das Lehrpersonal fortentwickelt und bedarfsgerecht angeboten werden, um die Lehrerinnen und Lehrer im Umgang mit digitalen Medien und Unterrichtsformaten besser zu qualifizieren. Die Schulstandorte im Freistaat sollen möglichst alle bis 2024 an schnelles Internet mit einem Gigabit pro Sekunde angebunden und technisch entsprechend ausgestattet werden. Der Antrag steht nächste Woche auf der Tagesordnung.

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