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Endlich wieder Schule?!

Fünf Absolventen aus verschiedenen sächsischen Schulen berichten von ihren Erfahrungen während der Corona-Pandemie.

Die Schüler Mohammad Hassin, Stefanie Komšo, Elisa Rögner und Conrad Thiel berichten von ihrem Alltag.
Die Schüler Mohammad Hassin, Stefanie Komšo, Elisa Rögner und Conrad Thiel berichten von ihrem Alltag. © kairospress/Matthias Rietschel

Abgesagte Klassenfahrten, wenig Kontakte und viel Homeschooling. Wie geht es den jungen Leuten kurz vor dem Abschluss? Fünf Absolventen aus Oberschule und Gymnasium berichten vom Alltag, der zwischen Schreibtisch und Klassenzimmer hin und her wechselt.

Elisa Rögner, 11. Klasse: „Ich vermisse die Schule.“

© Matthias Rietschel

Freitagmittag. Eigentlich würde Elisa Rögner jetzt mit ihren Freunden im Klassenzimmer sitzen. In den Pausen würde sie lachen, quatschen und sich vielleicht verlieben. Seit einem Jahr ist das kaum möglich. Mitte Dezember hat sie zuletzt ihre gesamte Jahrgangsstufe gesehen, jetzt chattet sie mit ihnen, neue Leute lernt Elisa nicht kennen, wo auch? Ihre Hobbys wurden ins Digitale gelegt: Tanzunterricht im Kinderzimmer. Das teilt sie sich mit ihrer 14-jährigen Schwester. „Klar streiten wir uns, aber das geht schnell vorbei. Ich bin froh, kein Einzelkind zu sein. Das wäre jetzt superlangweilig.“ Gemeinsam sitzen die beiden vormittags am Schreibtisch, Meist in Jogginghose.

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Seit einigen Wochen zieht sich Elisa wieder was Schickes an. Drei Tage darf sie in die Schule. Die 17-Jährige schaut Richtung Elbe, Hier verbringt sie jetzt viel Zeit: Spaziert allein oder mit einer Freundin. Mal wieder viele Leute auf einem Haufen sehen, das fehle ihr. Sie denkt an die großen Fridays-for-Future-Demos. „Ich vermisse die Schule.“

Hat der Lockdown auch was Positives? „Ich bin selbstständiger geworden und ich hab’ mehr Zeit für mich.“ Elisa hat die Musik für sich entdeckt: Klavier, Gitarre, Querflöte. Im Homeschooling komme sie gut mit: „Teilweise ist es leichter, aber es kommt auf die Lehrer und aufs Fach an. Mathe fällt mir schwer.“ Sie bleibt vor ihrer Schule stehen, die Klassenzimmer sind leer: In einem Jahr macht sie Abitur. Danach möchte sie ins Ausland, wenn’s klappt. Bis dahin heißt es im Unterricht Maske auf und Jacke an, denn gelüftet werde andauernd: „Ich glaube, ich werde nicht mehr ohne Maske in die Schule gehen.“

Stefanie Komšo, 12. Klasse: Kann man sich im Lockdown verlieben?

© kairospress

Stefanie Komšo schaut betrübt in die Videokamera: „Ich höre nichts.“ Sie loggt sich noch mal in den digitalen Konferenzraum ein, scheint Übung zu haben. Ihr Zimmer ist im Blümchenmuster tapeziert, in der Ecke steht eine vollgepackte Kleiderstange: „Oh ja, seit Corona hab ich viele Klamotten im Internet bestellt. Bestimmt das Dreifache.“ Was Schickes zieht sich die 18-Jährige gern an: „Am liebsten trag’ ich Absatzschuhe und einen Rock, aber damit fällt man hier in Weißwasser schnell auf.“ Weißwasser – für die Kleinstadt bei Görlitz hat Stefanie keine positiven Adjektive übrig: „98 Prozent meiner Freunde wollen von hier weg.“ Sie eingeschlossen – am liebsten möchte sie nach Berlin. „Hier gibt es nichts für Jugendliche. Hier kann man sich nicht so ausleben, wie man will.“

Der Lockdown habe die Lage nicht verbessert, aber Stefanie ist positiv gestimmt: „Ich weiß, dass es Menschen in anderen Teilen der Welt gerade viel schlechter geht.“ Die Zeit im Lockdown genießt sie sogar ein wenig. Mit ihren zwei besten Freunden geht sie viel spazieren – macht Fotos, kocht, zeichnet. Sie hält Bilder in die Kamera: Abstrakte Porträts. „Kunst ist mein Leben.“

Stefanie will nach ihrem Fachabitur in Verwaltung und Wirtschaft ganz woanders hin: In die Kunstszene und etwas in dieser Richtung studieren. Dafür nimmt sie digitalen Gesangsunterricht von zu Hause aus. In ihrem Zimmer hat sie in den letzten Monaten viel Zeit verbracht, im Bett Serien geschaut, Schulaufgaben gemacht. Manchmal hatte sie Angst, die Prüfungen nicht zu bestehen. „Uns fehlt ja schon der Stoff vom letzten Lockdown, also aus der elften Klasse.“ Manchmal hat sie sich zwischen den vielen Schulbüchern allein gelassen gefühlt, einsam jedoch nie.

Kann man sich im Lockdown überhaupt verlieben? Auf der Online-Dating-Plattform Tinder war sie viel unterwegs. „Das ist die einzige Möglichkeit für uns junge Menschen, neue Leute kennenzulernen.“ Nach dem Abi will sie nach Frankreich. Sie wird auf die Kinder einer Familie aufpassen. Der Vertrag ist schon unterschrieben.

Mohammad Hassin, 10. Klasse: Lieber Hip-Hop statt Unterricht

© kairospress

Mohammad Hassin steht vor seiner leeren Schule in Dresden-Gorbitz. Niemand ist zu sehen. Der Grund hat nur bedingt mit Corona zu tun: „Morgen sind Vorprüfungen in Deutsch.“ Gebüffelt wird zu Hause. „Ich hasse es, Interpretationen zu schreiben.“ Der Oberschüler mag lieber Bio und Physik.

Etwa zwei Monate saß der 17-Jährige im Homeschooling, für die Schule hat er in der Zeit wenig gemacht. „Ich konnte mich nicht motivieren.“ So sei es vielen in seiner Klasse gegangen. Seit Anfang Februar kann er wieder zum Unterricht. „Das ist gut“, sagt er mit einem Lächeln im Gesicht. Was hat er in den zwei Monaten gemacht? „Musik. Hip-Hop.“ Mohammad schaltet einen Videoclip ein, in roter Jacke steht er selbstbewusst vor der Dresdner Altstadt, rappt in rauem Ton über Themen, die Jugendliche beschäftigen.

Vermisst er etwas seit dem Lockdown? „Mein Leben besteht aus Schule, Musik und Sport. Im Fitnessstudio war ich schon lange nicht mehr, und zu Hause mach’ ich keinen Sport.“ Sechsmal pro Woche war er dort anzutreffen, 80 Liegestütze schafft er. Oder schaffte. Und fehlt ihm das Partyleben? „Früher sind wir mal in die Dresdner Neustadt gefahren. Jetzt bleiben wir hier, ist ja eh nichts los. Corona hat alles kaputtgemacht.“ Optimistisch zuckt er mit den Schultern: „Ich bin noch jung, in meinem Leben werd’ ich wohl noch zum Feiern kommen.“

In seinem Leben will der Junge, der aus dem Libanon kommt, noch viel erreichen: Ein Fachabitur in Elektrotechnik. Verkäufer werden. Musik machen. Ein eigenes Haus und ein Auto. Jetzt muss er erst mal lernen, für Deutsch, Mathe, Englisch und Biologie.

Lena Hoffmann, 12. Klasse: Zwischen Bus, Wald und langweiliger Idylle

© kairospress

Umringt von alten Gutshäusern plätschert ein Bach durchs Tal. In der Nähe mäht ein Schaf. Vogelstimmen antworten, auch ein Hahn ist dabei. Idyllisch könnte man meinen. „Langweilig“, erwidert Lena Hoffman. Die Schülerin ist in Lauterbach, einem 600-Seelen-Dorf bei Stolpen groß geworden – ein Ort, wo der Empfangsbalken auf dem Handy ab und zu verschwindet. „Nicht mal einen Bäcker gibt es hier“, sagt die angehende Abiturientin und grüßt einen alten Mann, der die Straße quert. Junge Leute gebe es hier kaum, von Lenas Freunden wohnt niemand hier.

Schon viele Stunden hat die 18-Jährige im Bus verbracht: 45 Minuten bis zur Schule in Bischofswerda. Der letzte Bus erreicht 18 Uhr das Dorf. Nur ein Führerschein hilft beim Ausbruch aus der Dörflichkeit. Die Theorieprüfung hat Lena schon in der Tasche. Auf ihre erste Fahrstunde wartet sie noch, denn seit dem Lockdown geht nichts mehr. Lena nimmt also weiterhin den Bus, denn zur Schule muss sie seit Februar wieder. Präsenzunterricht in den Prüfungsfächern: Deutsch, Mathe, Englisch, Französisch. Normal fühle es sich nicht an. Keine Streiche am letzten Schultag. Keine Abschlussfahrt. „Keine Ahnung, wann der Abiball stattfindet.“

Im Sommer wollte sie eine Reise nach Budapest machen, daraus wird jetzt die Ostsee. Hoffentlich. Lena selbst vermisst gar nicht so viel. „Ich bin keine typische Partygängerin.“ Sie malt, liest Bücher. Trifft mal eine Freundin. Den Wald um die Ecke hat sie erst im Lockdown entdeckt. Jetzt kennt sie dort jede Ecke. Ein Studium in Kommunikationswissenschaften will sie im Herbst beginnen. „Ich hoffe, das ist dann normal.“

Tom Börner und Conrad Thiel, 12. Klasse: „Einige geben leere Zettel ab.“

© kairospress

Conrad Thiel und Tom Börner sind nicht immer einer Meinung. Mit Maske sitzen die zwei Abiturienten im Gemeinschaftsraum des Bertold-Brecht-Gymnasiums. Es ist ruhig, manchmal läuft ein Lehrer über den weißen Flur. Gespenstisch finden sie die Stille nicht. „Für die Tests ist es sogar gut, wenn man nicht eine Horde Kinder hört.“ Seit Februar haben sie wieder Präsenzunterricht in den Prüfungsfächern. Der Rest wurde auf später verschoben.

Während normalerweise das Abitur im Juni vorbei ist, die Schüler auf Klassenfahrt fahren, werden sie in den Unterricht gehen. Ein Lied in Musik trällern, Physiktests schreiben. „Es ist schade, dass wir keinen gemeinsamen Abschluss haben. Dabei sind manche von uns seit 12 Jahren in der gleichen Klasse. Danach zerstreut sich alles.“ Beide sind vor Kurzem 18 geworden, zu fünft haben sie angestoßen. Conrad gibt aber zu: „Ich schau’ viel lockerer auf die Beschränkungen als Tom.“

Seit drei Wochen darf der Leistungssportler vom SC Dresden wieder Volleyball spielen. Viermal pro Woche übt er mit seiner Mannschaft . Ein Training ohne Ziel, denn die Wettkämpfe sind abgesagt. Tom hingegen bleibt lieber zu Hause. Seine Freunde trifft er digital. Zwei Monate spielte sich ihr Leben komplett von zu Hause ab. Wie sich das ausgewirkt hat? „Der Alltag wurde eintönig.“ Das Handy ein interessantes Ablenkungsmanöver, während die Lernplattform LernSax zusammenbrach. Und nebenher musste Toms elfjähriger Bruder bespaßt werden.

Angst machte sich breit: Wird das Abi weniger wert sein? Während Tom das Joggen für sich entdeckte, schaute Leistungssportler Conrad Serien, er konnte sich nicht motivieren. Ihre Schulaufgaben haben sie zu Hause erledigt, mancher Freund habe sich aber vom Unterricht zurückgezogen: „Einige geben nur noch leere Zettel ab. Sie wollen das Jahr wiederholen.“ Hier wären regelmäßige Videokonferenzen wichtig gewesen, kritisieren sie. „Manche Lehrer hätten besseren digitalen Unterricht geben können.“

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